P.Althaus
Die Kirche Gottes


"Juble, du Unfruchtbare, die nicht geboren, brich in Jubel aus und jauchze, die keine Wehen gehabt hat! Denn die Söhne der Einsamen sind zahlreicher als die Söhne der Verheirateten, spricht der HERR. ... Fürchte dich nicht, denn du wirst nicht zuschanden, und schäme dich nicht, denn du wirst nicht beschämt dastehen! Sondern du wirst die Schande deiner Jugend vergessen und nicht mehr an die Schmach deiner Witwenschaft denken. ... Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen werde ich dich sammeln."
Jes. 54, 1-13


Das 54. Kapitel des Jesajasbuches gehört zu den größten Abschnitten der Bibel, und die Stunde, in der ein Prophet Gottes so zu seinem kriegsgefangenen, geschändeten, zertretenen und zusammengebrochenen Volke reden konnte, zählt zu den denkwürdigsten Augenblicken der Geschichte.

Mitten in der dunkelsten Katastrophe tritt er unter seine Brüder: "Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott." "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmen." Brüder, hören wir, dass so nicht Menschen zu Menschen reden? So spricht Gott selber zu den Menschen. Das geht hoch über Menschengedanken und über Menschenglauben.

Aber wo ist die Kirche Gottes, der solche Worte gelten? Gottes Volk ist so verborgen wie Gott selber und so offenbar wie Gott. Niemand kann schnell hinzeigen und sagen: hier ist es und da ist es. Was sich Kirche nannte - wie oft stand es dem Volke Gottes fern. Gilt das nur für Rom, nicht auch von jeder Kirche? Es gibt keine Verfassung, an der man Gottes Kirche erkennen kann. Oder wer wollte sagen: wo lutherisches Pfarramt ist, da ist Kirche? Oder: wo das Bekenntnis ist, da ist die Kirche? Oder: wo Synode ist, da ist Kirche? Oder soll es heißen: wo die christliche Gemeinschaft ist, wo man Bibelbesprechungen hält und die Reichslieder singt, da ist das Volk Gottes?

Gottes Volk ist so verborgen wie Gott selber. Du musst erst einmal Gott gesehen haben, für dich, ganz allein, dann erkennst du plötzlich rings um dich herum sein Volk. Du musst Gottes Stimme gehört haben, dann hörst du auch die Stimme seines Volkes. Du musst deines Gottes Schritte in der Geschichte einmal gespürt haben, dann vernimmst du mit bewegter Seele auch den Schritt der Gemeinde durch die Jahrhunderte. Selig die Ohren, die das gehört haben. Selig die Augen, die die Kirche schauen, in allen Völkern, durch alle Jahrhunderte, die verborgene Schar der teuer erkauften, das Geschlecht, das nach Gott gefragt, die Menschen, an deren Seelen er gearbeitet hat, die Wanderer zur großen Ewigkeit. Was ist das für ein Erkennen, wenn Gott unsere Augen gerührt hat und wir seine Kirche sehen!

Aber das andere, das ist das Gottgemäße, das Wunder, das uns staunen und Gott anbeten macht: dass die Kirche an sich selber nicht gestorben ist, an ihrer Sünde, an ihren versäumten Stunden, an ihren verkannten Gelegenheiten, an ihrer Trägheit, an ihren Priestern, an ihren Formen, an ihren Formeln, an ihrer Theologie. Das ist das Unheimliche, dass Formen, geboren aus dem Geiste, sich gegen den Geist kehren können, denn die Menschen lieben die Form mehr als den Geist: die Form ist Ruhe, und der Geist ist Unruhe und Leben, die Kirchlichkeit ist bequemer als der Gehorsam gegen Jesus, die Bekenntnistreue einfacher als das Bekennen des Menschensohnes.

Warum ist die Kirche an diesem Gesetz der Erstarrung, warum ist sie an ihren Formen, in denen sie bequem ruhte, noch nicht gestorben? Weil Gott in den sichersten Zeiten ihr dann plötzlich die Not sandte, die Formen zerbrach und sie von ihrer Vergangenheit erlöste, weil er den Kampf der Geister heraufführte, die Scham, die Buße, die große Unruhe und Ungenügsamkeit in die Herzen warf, statt der Priester Propheten aufweckte und aus dem schlafenden Kirchenvolk den Schrei des Durstes nach lebendigem Wasser, des Hungers nach echtem Leben löste. "Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln." Gottes Kirche hat es erfahren. Das ist das Wunderbare, vor dem ich anbeten muss, dass Gott immer wieder über die Gemeinde gekommen ist und sie mitten im Tode erneuert hat.


"... Und alle deine Kinder werden von dem HERRN gelehrt, und der Friede deiner Kinder wird groß sein."
Jes. 54, 1-13

Der Glaube hat zu allen Zeiten eine Theologie aus sich hervorgetrieben. Er kann nicht anders, und auch das ist gut und ein Großes. Aber was Gott uns gab als Gesetz des Lebens, das kann auch hier zugleich zum Gesetz des Todes werden. Die Kirche soll leben von ihrer Theologie, aber sie kann an ihr auch kranken und verderben.

Brüder und Komilitonen, wir lieben unsere theologische Wissenschaft und schenken ihr die beste Kraft unseres Lebens. Aber wir spüren zugleich mit allem Ernst die Gefahr, die in ihr schlummert: dass wir in einer Theologie uns beruhigen können, statt den Glaubenskampf zu kämpfen. Nicht eine solche Theologie ist die größte Gefahr für die Kirche, die offenkundig flach ist. An solcher Theologie ist die Gemeinde immer wieder lebendig geworden, weil sie zum Kampf herausforderte. Die schwere Gefahr liegt gerade in der Theologie, die tief und echt ist, die um das Geheimnis weiß und Gottes große Gedanken nachdenkt. Das ist das Furchtbare, dass wir vor dem lebendigen Gott fliehen und uns retten können in die Gedanken über Gott. Das ist die Not, dass wir seinem ganz persönlichen Rufen ausweichen können, in die Theologie hinein.

Wie kommt es nur, dass die Kirche daran nicht gestorben ist? Gott ist gekommen. Durch alle Schriftgelehrtenstarrheit ist der Lebendige immer wieder hindurchgebrochen und hat der Kirche statt der sicheren Antworten brennende Fragen gegeben, aus dem geruhigen Besitzen hat er sie in heißen Kampf, Glaubenskampf, Lebenskampf geworfen. Er hat ein Geschlecht, das nur noch denken wollte, zum Wollen gezwungen, zur Tat und Entscheidung gedrängt. Von denen, die nur grübeln mochten, hat er Blut und zitterndes Ringen gefordert. Das ist seine Art, dass er uns Theologen einmal wieder vor uns selber stellt, aus den Gedanken ins Leben hinein, vor die ganze Armut unserer Liebe und die Mattheit unseres Herzens. Wo immer die Kirche starr werden wollte in ihren Erkenntnissen und Bekenntnissen, da machte er ihr das Kreuz zur Unruhe und die Bergpredigt zum pochenden Gewissen, da kam der Christus des Neuen Testaments über die Geister, des lebendige Herr, der von jedem Geschlecht neu erfasst und begriffen und gepredigt sein will - der Sohn Gottes, der da größer und lebendiger und geheimnisvoller ist als irgend eine Theologie.

Das ist das Gotteswunder, nicht dass Seine Kirche Sturmeswetter überstanden hat, aber dass sie die Dürre geruhsamer Zeiten und den Mittagshauch der Aufklärung überlebte. Wie oft schien ihr Lauf versandet, er war geworden wie ein verborgenes Rinnsal, bei den Stillen im Lande rauschten die Wasser im geheimen; da musste man Gottes Volk suchen, denn bei dem, was sich "Kirche" nannte, war es kaum noch zu finden. Aber dann kam Gottes Stunde, der schmale, heimliche Bach wurde aus Gottes Macht wieder zu einem Strom, brach über die Gefilde und segnete sie weit! Wie oft war Gottes Kirche geworden wie die Unfruchtbare, und dann schenke Gott ihr die Fülle der Kinder, "geboren aus Gott durch sein mächtiges Wort," und sie musste ihr Zelt weit dehnen. Aus ihren armseligsten Zeiten ging es in schöpferische Epochen, aus dem Altern in eine immer neue Jugend, in jedem Volk neu, fast in jedem Jahrhundert neu. "Fürchte dich nicht, du sollst nicht zuschanden werden," das hat Gott wahr gemacht an Seiner Kirche. Sie ist so wunderbar wie Gott selber.

Wer das einmal gesehen hat, der ahnt: mitten unter die Völker der Weltgeschichte, die da kommen und gehen, geboren werden, ihren Tag haben und sterben, ist hier das Volk getreten, das nicht sterben kann, weil es aus Gott geboren ist. Dieses Volk wird auch den Untergang des Abendlandes überleben. Hier ist Gott an seinem geheimsten Werk. Hier ist der tiefste Sinn der Geschichte, das eigentliche Weltziel des Heiligen: ein Volk, das ihm geheiligt ist und ihn anbetet. Das ist die Herrlichkeit, die er begehrt. Uns aber kommt mit heißer Freude das süße Wort der Väter über die Lippen: von der Braut des Heiligen, die er erwählt hat vor Anbeginn der Welt, die er geliebt von Ewigkeit her und sich reinigt bis zu der großen Stunde, von der wir singen:

Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freude springen!

 


 

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Mit freundlicher Genehmigung 19.05.2000