A.Hoefs

"Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten."
5. Mose 5, 20.

 
Es gibt zwei Wörtchen, so kurz, dass man sie ohne Überlegung ausspricht, so leichtbeschwingt, dass sie von Mund zu Mund fliegen, ohne dass man weiß, auf welchen Lippen sie geruht haben, so mächtig, dass sie die Verleumdung rechtfertigen und viele Gewissen nicht belasten. Dennoch vermögen diese beiden Wörtchen den guten Ruf ganzer Familien zu vernichten und die Herzen mit Verzweiflung zu erfüllen. So schlimm sind sie, dass sie der Jugend ihre Freuden, dem Alter seinen Frieden, liebenden Herzen ihr Vertrauen, allen aber das Glück rauben; so beliebt, dass sie in allen Häusern, in allen Gesellschaften Aufnahme finden; so geistreich, dass sie das Gespräch beleben, so dass durch sie auch die einsilbigsten Leute wortreich, die langweiligsten unterhaltend werden.

Nun diese Worte heißen: Man sagt.

"Man sagt", unter dieser Maske verbirgt sich ein Gespenst von der Art jener Vampire, die im Dunkel der Nacht das Blut ihrer Opfer aussaugen. Dieses Schreckgespenst raubt aber nicht das Blut, es raubt ein weit höheres Gut, die Ehre.

Würde man Tatsachen aufstellen und sagen: "Der und der hat es getan", so würde jeder entrüstet auffahren und Beweise verlangen, aber - "Man sagt es!" Wer ist verantwortlich? Wer hat die Geschichte zuerst aufgebracht? Der tödliche Pfeil kommt aus dem Hinterhalt.

Und gibt es kein Mittel gegen diese Ausgeburt der Hölle? - Wenn einmal Lüge und Verleumdung, Hass und Neid, Rachsucht und verletzte Eitelkeit im menschlichen Herzen durch Nächstenliebe und Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Güte verdrängt werden, so ist das Mittel gefunden.


 

Kurzandacht,Auslegung

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© Unveränderte Weiterverbreitung mit Quellenangabe erlaubt - www.chres.de 03.09.2003