Der Tausendkünstler Feind
Seine Ränke

Seine Ränke braucht er noch allemal, wenn er die Seele in Sünde stürzen will. Er zündet in ihr eine Lust an, danach zeigt er Mittel und Weise, das Gelüstete zu erlangen, gefällt dem Menschen die Gelegenheit und Art, so ist's eine Sünde, die Begierde macht der Feind immer größer, und die Sünde gering, also stürzt er uns oft in Sünde und Tod, ehe wir's erkennen. Der arge Gast weiß wohl, daß dem Menschen die Weltliebe angeboren ist, darum wen er gedenkt zu stürzen, den führt er zuvor auf einen Berg, zeigt ihm alle Reiche und Herrlichkeit der Welt und spricht: Wo du mich anbetest, will ich dir dies alles geben. Und obgleich alles Weltwesen nur ein Staub und Kot ist, weiß er doch diesen Dreck mit den allerschönsten Farben anzustreichen, daß ihn unser Herz liebgewinnen muß.

Hier braucht der Tausendkünstler abermals diese zweifachen Ränke: erstens gibt er genau acht auf des Menschen äußerliche Gebärde, Worte und Werke, daß er erfahre, wozu ihm seine Natur zum kräftigsten neige: das treibt er dann in's Herz, und braucht es zu seinem Vorteil. Danach verspricht und zeigt er zwar dem Menschen viele herrliche und süße Dinge, aber gibt wenig, unterdessen nimmt er durch die gute Hoffnung das Herz ein. O, wie listig ist der arge Feind, er zeigt die Welt nur von vorne, wo sie lauter Zucker und Honig ist, aber den Wermut und die Galle, die hinten ist, muß niemand sehen. Dem Volk Israel zeigt er die Fleischtöpfe Ägyptens, aber die die Drangsale dabei: Christus zeigt er die Herrlichkeit der Welt, nicht dabei den Jammer und die Eitelkeit. Er macht's wie die Betrüger, die legen die beste Ware vorne an, und oben auf. Wir meinen oft, daß wir Rosen fassen, so sind's Dornen.

Ein listiger Griff des Satans ist, daß er viele betrügt unter dem Schein der Not. Ist jemand in Dürftigkeit, der Feind weiß ihm bald eine Brotkammer zu öffnen. Ja, spricht er, vom Himmel wird dir kein Brot regnen, und der Not ist kein Gesetz gegeben, stiehl, so hast du Speise und Kleider, wuchere, so hast du reichliches Auskommen, hure, so bekommst du einen Lohn davon. Die Not bricht Eisen. So muß die Not den Leib erhalten, und die Seele töten.

Wie listig weiß er sich zu schicken in eines jeden Begierden, und zieht so die Menschen durch ihre eigene Lust an sich, wie der Hirte die Schäflein zu sich kockt mit grünenden Zweigen, und die Mutter ihre jungen Kinder mit Äpfeln und Nüssen. Er greift den Menschen da an, wo er am schwächsten ist, und überschüttet ihn mit Leiden, wie er dem Hiob tat, fällt dann der Mensch in Ungeduld, so ist er vom Feind listig überwunden.

Er fällt den Menschen an, wenn er zum Kampf unbereitet ist. Dem David warf er seine Pfeile ins Herz, da er nach der Mahlzeit müßig ging, und sich's wohlgehen ließ. Das ist die böse Stunde des argen Feindes! Er reizt oft zu dem, was an sich gut ist, aber nicht aus einem guten Grund kommt. So mancher gibt reiche Almosen von dem, was er durch Finanzen und Wuchern häufig gesammelt hat, damit er nicht für karg und unbarmherzig gescholten werden kann. Dies ist des Satans List! Er weiß seinen Rat mit vielen Gründen annehmbar zu machen. Rief er nicht den Juden zu: Der JEsus von Nazaret wird zurecht gekreuzigt; denn er zieht die Leute an sich aus allen Ländern und Städten, er verwirft die phrisäischen Gebote; Er schilt die großen Herren als Schlangen, Otter-Gezüchte, böses und ehebrecherisches Geschlecht, Heuchler, getünchte Gräber, Blinde und Blinden-Leiter, er tut große Zeichen und mächtige Wunder, aber durch wessen Kraft? Er stiftet Aufruhr, und macht uns den Römern untertan. Diese Schein-Gründe fasste Kaiphas alle zusammen, und redet so die großen Väter darum an: Es ist uns besser, daß ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe, Joh. 11,50.

Er macht die Sünde süß und gering, ehe sie begangen wird, dies sind seine Einwürfe: Ach, wer kann so ganz rein sein, wir leben in der Welt, und müssen mit der Welt mitmachen, niemand ist Engels-rein oder vollkommen, tun's doch andere große heilige Leute auch, man muß die Natur nicht zu streng halten, es ist diplomatisch und gilt vor aller Welt, GOtt ist barmherzig, vergibt gern die Missetat, morgen will ich Buße tun und es beweinen, es ist nicht so groß gesündigt wie David, Manasse, Petrus, Paulus und andere Heilige wohl getan haben, und was solcher Deckmäntelchen mehr sind. Aber hüte dich, die Schlange verbirgt sich hinter dem Kraut! Denn wenn die Sünde begangen ist, weiß er sie groß genug zu machen, er hat die Kunst gar wohl gelernt, daß er dem Menschen die Barmherzigkeit GOttes aus dem Sinn treiben kann.

D.Heinrich Müller, Evangelische Betrachtungen, Hof, 1738

 

siehe auch C.Spurgeon zu diesem Thema!


 

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