D.Rappard
Betrachtungen zum Johannes-Evangelium

 


Wie viele ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.
Joh. 1,12.

Unser heutiges Wort gibt uns weiteres Licht über das neue Leben. J e s u s a u f n e h m e n ist der Weg zur göttlichen Geburt. Wie viele ihn aufnehmen, empfangen damit etwas von der göttlichen Natur. Sie sind nicht nur an Kindesstatt angenommen (adoptiert), sondern durch den Geist Gottes gezeugt, von Gott geboren, und haben das Recht, Gottes Kinder zu heißen.

Am neugeborenen Kinde muß sich etwas von des Vaters Art offenbaren. Neue, göttliche Triebe erfüllen die Seele. Neue Liebe zum Herrn und zu den Miterlösten, neues Verlangen nach Heiligung, neuer Haß gegen die Sünde ist erwacht. Es ist noch alles zart und gering, aber das neugeborene Kindlein hat doch Leben. Es steht unter des Vaters Pflege. Er ernährt es mit der vernünftigen, lautern Milch des Wortes, mit dem Brot des Lebens, mit dem Wein seiner heiligen Gemeinschaft. Er wird es auch erziehen, unterweisen, züchtigen und ermuntern, auch prüfen und stark machen. O, es ist ein unaussprechliches Glück, ein Gotteskind zu sein!

Darum, liebes Herz, nimm Jesum auf! Öffne ihm dein ganzes Wesen. Gib in den Tod, was ihn hindern müßte, bei dir Einzug zu halten. Hast du ihn, so hast du Leben.

 

 

 

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Joh. 1,16.

Von der Herrlichkeit des Sohnes Gottes hat der Evangelist gesprochen. Nun folgt die wohlbekannte Stelle, die unsere heutige Losung bildet. Wir wollen darin Wort um Wort unterstreichen, um aus der alten Wahrheit neue Kraft zu ziehen.

Aus seiner Fülle. Der den Ozean mit seinen Wogenmassen erschaffen, der die Myriaden von Sternen ins Dasein gerufen, der in seine Schöpfung unzählige Wunderkräfte gelegt hat, der hat auch auf dem Gebiet der inneren Welt eine unerschöpfliche Fülle. - Haben wir genommen. Die Fülle ist da, auch für uns. Aber wir müssen sie n e h m e n. Das Glauben ist eine persönliche Sache. Wir sollen nicht nur wünschen, sondern nehmen und haben. - Gnade. Alles, was Gott uns schenkt, ist Gnade. Verdient haben wir nichts als den Tod; aber Jesus gibt uns Leben, Vergebung und Frieden. - Um Gnade. Sind wir einmal des Herrn Eigentum geworden, so müssen wir noch wachsen, bewährt werden, kämpfen, siegen, dienen, Früchte bringen.

Zu dem allen bedürfen wir weitere Gnade; darum dürfen und sollen wir schöpfen eine Gnade um die andere. - Ein Wörtlein bleibt uns noch zu unterstreichen übrig: alle. Wie steht es damit? Hast du, haben wir a l l e aus seiner Fülle genommen Gnade um Gnade?

 

 

 

Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.
Joh. 1,29.

Siehe! - Etwas Größeres, Wunderbareres ist in aller Welt nicht zu sehen als das, worauf der Wegbereiter in diesen Worten hinweist. Wer damals dem ausgestreckten Finger mit den Blicken folgte, sah einen Mann, der still und schlicht am Ufer des Jordans einherschritt. Es war ein Mensch, an Gebärden wie andere Menschen erfunden und dennoch einzig in seiner Art, Gottes Sohn, Gottes auserkorenes Lamm (1. Mose 22, 8).

Wie die Israeliten am Passah ein Lamm schlachten mußten, an dem ,,kein Fehl" war, so ist Gottes Lamm heilig und unbefleckt. Wie im Tempeldienst der Priester auf des Lammes Haupt die Sünden des Volkes bekennen mußte, sie gleichsam auf das Opfertier übertragend, so hat Gott auf sein unschuldiges Lamm unser aller Sünde geworfen (Jes. 53, 6). Hat Jesus sie auf sich genommen und sie mit hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Kreuzesholz, o, dann lasten sie nicht mehr auf mir. Dann ist meine Schuld bezahlt, dann habe ich mit meinen Sünden nichts mehr zu tun, dann muß es meine einzige Sorge sein, dem Lamm nachzufolgen, wo es hingeht, und erneuert zu werden in sein Bild. O Dank sei Dir, Lamm Gottes, daß Du uns solche Seligkeit erworben hast!

 

 

 

Was Er euch sagt, das tut!
Joh. 2,5.

In dem Bild, das uns der Evangelist Johannes von der Hochzeit zu Kana entrollt, sind neben den großen Hauptzügen einige feine Striche, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Maria hat mit zarter, weiblicher Vorsorge ihren göttlichen Sohn auf die Verlegenheit der Gastgeber aufmerksam gemacht, offenbar in der Erwartung, er werde helfend eingreifen. Jesus hatte sie kurz abgewiesen. Aber Maria ließ sich weder kränken noch entmutigen. Still sprach sie zu den Dienern: W a s E r e u c h s a g t, d a s t u t!

Welch gutes, gerades, starkes Wort für alle Knechte und Mägde Jesu Christi! Tritt uns beim Bibellesen, oder durch das Zeugnis eines unserer Mitdiener, oder durch eine Führung unseres Lebens irgend eine bisher unbeachtete Pflicht entgegen, so töne durch unser Herz und Gewissen der klare Ruf: W a s E r e u c h s a g t, d a s t u t! Tut es gleich! Tut es voll und ganz, wie jene unbekannten und ungenannten Diener, die auf des Meisters Befehl hin die steinernen Wasserkrüge f ü l l t e n b i s o b e n a n.

Mir scheint, Maria habe uns ein gar schönes, gutes Motto hinterlassen für unseren Lebenslauf und Lebensdienst: W a s E r e u c h s a g t, d a s t u t! Lauschet auf seine Befehle! Wartet auf seine Stunde! Folget seiner Stimme!

 

 

 

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Joh. 3,3.

Dieses tiefernste Wort fordert unsere größte Aufmerksamkeit. In das Himmelreich einzugehen, hier schon mit Gott verbunden zu sein und einst ewig selig zu werden, das muß das wichtigste Anliegen eines jeden Menschen sein. A l l e s a n d e r e i s t i m V e r g l e i c h d a m i t n e b e n s ä c h l i c h. - Unser Heiland selbst nennt uns die unerläßliche Bedingung zur Erreichung dieses Zieles; es ist nichts Geringeres als eine neue Geburt. So wenig wie eine Raupe sich in die Lüfte zu schwingen vermag, e s s e i d e n n, daß sie ein Schmetterling werde, so wenig kann ein Mensch in das Himmelreich eingehen, e s s e i d e n n, daß er durch eine neue Geburt ein Gotteskind werde.

Aber wie geschieht solche Neugeburt? Der Herr selbst sagt es uns (V. 8. 14 - 1 6). Sie ist eine schöpferische Tat des Heiligen Geistes, gewirkt in einem gläubigen Herzen. Im Glauben auf den Gekreuzigten blicken, wie die Israeliten auf die eherne Schlange; im Glauben Jesum annehmen, als die von Gott geschenkte herrliche Gabe zur Erlösung der Welt, das ist Leben empfangen. ,,Nimm die Wiedergeburt nicht zu schwer, sie ist G l a u b e n. Nimm den Glauben nicht zu leicht, er ist eine n e u e G e b u r t." (Bengel.)

Aller Sorgen eitle Schar
Ach, wie wird sie schnell verschlungen,
Wenn vom himmlischen Altar
Funken in das Herz gedrungen.
Wenn hindurch die Frage bricht:
Werd ich selig oder nicht?

 

 

 

Er muß wachsen; ich aber muß abnehmen.
Joh. 3,30.

Der große Gottesknecht, Johannes der Täufer, ist am allergrößten gewesen in seiner Demut. Durch seine Wirksamkeit war in ganz Judäa eine mächtige Erweckung entstanden. Von nah und fern strömte man herzu, um ihn zu hören und sich von ihm taufen zu lassen. Da erschien J e s u s, er, den er angekündigt und gepriesen hatte als den E i n e n, dem zu dienen er nicht wert sei.

Ganz allmählich scharten sich einige Jünger um Jesus, in dem sie den Messias erkannten. Die Jünger des Johannes, von einer gewissen Eifersucht getrieben, kündigten ihrem Meister an: Siehe, jedermann geht zu ihm. Da offenbart sich die lautere Gesinnung des Vorläufers. Er freut sich hoch, daß des Bräutigams Stimme erkannt worden ist. Er hat ja die Braut nicht für sich geworben, sondern für seinen Herrn. Und er sagt es nicht als Klage, sondern im Ton hoher Freude: Er muß wachsen; ich aber muß abnehmen.

O, daß dies stets in allen Dingen meine Gesinnung wäre: Nicht ich, sondern Christus! Nicht ich soll geehrt werden, sondern E r. Möge meine Persönlichkeit, meine Begabung, mein Tun immer mehr in den Schatten treten, und Jesus immer heller hervorleuchten.

 

 

 

Wer des Wassers trinken wird, das Ich ihm geben werde, den wird ewiglich nicht dürsten.
Joh. 4,14.

Das Wasser, das Jesus gibt, ist sein Heiliger Geist (Joh. 7, 37 - 39). Er belebt das Herz, das ihn empfängt und wird in ihm ein Brunnen des Lebens, der in das ewige Leben quillt. Manche seufzen etwa, wenn sie einen Ort verlassen müssen, wo sie an den Wasserbächen des Worts gelagert und sich erquickt hatten. Du brauchst nicht zu seufzen, liebes Herz. D e r B r u n n e n g e h t j a m i t d i r. Und du, einsamer Pilgrim im fernen Wüstensand, klage und zage nicht. Wohl rieseln nicht um dich her die lieblichen Bächlein, die dich daheim in der Gemeinschaft gläubiger Christen ergötzten; aber du hast mehr als Bächlein. D u h a s t d i e Q u e l l e s e l b s t. Beuge dich nur tief zu ihr hin! Öffne deinen Mund und trinke, trinke!

Wasser irdischer Freude können nur vorübergehend erquicken. Man dürstet wieder. Aber das Wasser, das Jesus gibt, löscht fort und fort der Seele brennendsten Durst. Es ist unabhängig von äußeren Umständen; ja, im größten Leid ist es oft am schönsten. Wie könnte uns, wenn ein geliebtes Wesen von uns scheidet, Geld und Ehre, Lust und Eitelkeit erfreuen? A b e r J e s u s k a n n. Im tiefsten Weh vermag Er die Seele zu tränken mit himmlischer Freude.

 

 

 

Willst du gesund werden?
Joh. 5,6.

Merkwürdig mag die Frage jenen Kranken am Teich Bethesda berührt haben. Achtunddreißig Jahre schon hatte er da gelegen, und ihm war keine Hilfe widerfahren. Hatte er sich an das Siechtum gewöhnt? War ihm das Daliegen bequemer als die Tätigkeit, die ein Leben in Gesundheit erfordert hätte? Ohne Zweifel hat das tiefblickende Auge des großen Arztes etwas bemerkt, das diese Frage ans Licht bringen sollte. Und heute? Ach, es liegen mitten in der christlichen Gemeinde manche Kranke, Lahme, Blinde, Verdorrte (V. 3), die mehr oder weniger bewußt, vielleicht schon seit Jahren auf Hilfe warten. Sie wissen, daß ihnen etwas fehlt, aber sie finden die Heilung nicht. An sie richtet sich die ernste Heilandsfrage: Willst d u g e s u n d w e r d e n? Auf was wartest du? Ist dir etwa das träge Siechtum, die müßige Halbheit lieber als ein Leben der Kraft, das du in bessern Stunden dir erbittest?

Gesund sein heißt, frei sein vom eigenen Wesen und verbunden sein mit dem Herrn. Gesund sein heißt, lieben von reinem Herzen. Gesund sein heißt, Kräfte des ewigen Lebens erfahren. Jesus kann und w i l l auch dich heilen. Du aber, w i l l s t d u g e s u n d w e r d e n? Willst du es u m j e d e n P r e i s?

 

 

 

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.
Joh. 6,37.

Tausende haben sich im Leben und im Sterben auf dieses Heilandswort gestützt. Zitternde Seelen, die eben erst aus dem Schlamm der Sünde emporgehoben waren und es kaum zu hoffen wagten, daß sie noch Gnade finden könnten, haben beim Hören dieses Wortes Mut gefaßt, sind zu Jesu gekommen und haben es erfahren, daß sie nicht hinausgestoßen wurden. Und geheiligte Väter und Mütter in Christo, die ein Leben in seiner Nachfolge verbracht hatten, haben es leuchtenden Auges bezeugt, wie dies Wort bis zuletzt sie erquicke und ihnen ganz gewisse Zuversicht und Freude einflöße.

So ist es mit allen Worten unseres Gottes. Felsengrund geben sie uns unter die Füße. Durch alle Finsternisse und Anfechtungen hindurch gründet sich der Glaube nur um so fester hinein und rühmt es angesichts der Feinde: Der Herr ist mein Trotz (Spr. 3, 26).

Er hat's gesagt und darauf wagt Mein Herz es froh und unverzagt. Und läßt sich gar nicht grauen.

Darum nimm auch du dieses große Wort heute in deine Seele auf. Kennst du schon dessen starken, unerschütterlichen Trost? Wenn nicht, so laß dich bitten: Willst du denn nicht heute zu ihm kommen? Wer nur immer kommt, wird angenommen.

 

 

 

Wer Mein Fleisch isset und trinket Mein Blut, der bleibt in Mir und Ich in ihm.
Joh. 6,56.

Dies tiefinnerliche Wort unseres göttlichen Meisters bezieht sich nicht allein auf das Heilige Abendmahl, wiewohl es in jener gesegneten Handlung gleichsam ein Gewand anzieht, durch welches wir es fassen und geistlich verstehen lernen. Essen und Trinken bedeutet die völligste Vereinigung, die sich denken läßt. Was ich esse und trinke, nehme ich völlig in mich auf. Es wird ein Teil meiner selbst. Jesu Fleisch essen und sein Blut trinken heißt, ihn selbst im Glauben so innig umfassen, aus seinem Leben so wahrhaftig schöpfen, daß sein Geist und Wesen in uns übergeht.

Das muß des Gotteskindes tägliche Übung sein, wenn das Leben frisch und gesund bleiben soll. Sagt doch der Heiland: Wie ich lebe durch den Vater, also wer mich isset, der wird auch leben durch Mich (V. 57). So wenig wir physisch leben können ohne Nahrung und Luft, so wenig können wir geistlich leben ohne Verbindung mit Jesus.

Dies wird uns, wie oben gesagt, im Heiligen Abendmahl ganz besonders veranschaulicht. Wenn wir das gesegnete Brot essen und vom heiligen Kelche trinken, spricht der Glaube: Ich nehme D i c h auf, o Jesu; ich g e n i e ß e D i c h. Du bist in mir und ich bin in Dir.

 

 

 

Am letzten Tag des Festes trat Jesus auf, rief und sprach: Wen da dürstet, der komme zu Mir und trinke!
Joh. 7,37.

Drei Tätigkeitsworte fallen uns auf in der herrlichen Einladung, die Jesus, an den Tempelstufen stehend, mit lauter Stimme in die festliche Menge Jerusalems hineinrief: d ü r s t e n, k o m m e n, t r i n k e n.

Dürsten. O wie viele dürstende Menschen gibt es! Sie dürsten nach Liebe und Ehre und Glück. Etliche, von der Gnade g e z o g e n, von ihrem Elend g e t r i e b e n, dürsten nach Gott. Das ist ein gesegneter Durst, von dem Einer gesagt hat: ,,Schon der Durst nach Gott ist seliger als das Gesättigtwerden an den Brunnen der irdischen Lust."

Kommen. Wer dieses Dürsten kennt, dem klingt des Heilands Ruf wundersüß. Aber nun gilt's in Wahrheit sich aufmachen und kommen. Es ist nicht genug, die Quelle zu sehen, man muß sich ihr nahen. Zu Mir! ruft Jesus. Er, nur Er kann die Seele stillen.

Trinken. Und die also kommen, müssen auch t r i n k e n. Es gibt zagende Seelen, die es nicht wagen, den K e l c h des Heils zu nehmen und ihn lobpreisend zu leeren. Ist es n u r Zaghaftigkeit? Ist auch nicht geistliche Trägheit dabei? Oder verborgener Hochmut? Oder trinkt man im Geheimen von anderen Bächen, die doch den Durst nicht löschen können? O dürstende Seele, komm und trinke!

 

 

 

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.
Joh. 7,38.

Dieses Wort steht in engstem Zusammenhang mit dem vorherigen. Denn das Kommen und Trinken, von dem dort die Rede ist, ist nichts anderes als das Glauben, von dem der Heiland hier spricht. Und wenn dort unsere Gedanken sich um einzelne Worte gruppierten, so sind auch hier solche, die gerade in ihrer Zusammenstellung uns viel zu sagen haben: g l a u b e n, ü b e r f l i e ß e n.

Der Glaube ist an und für sich wertlos. Er erhält seine Bedeutung von der Person oder der Tatsache, an die man glaubt. N i c h t m e i n g r o ß e r G l a u b e h i l f t m i r, s o n d e r n d e r g r o ß e H e i l a n d, a n d e n i c h g l a u b e.

Um auf das Bild des lebendigen Wassers zurückzukommen, so ist der Glaube gleichsam die Röhre, die mich mit der Quelle verbindet, so daß sie sich in mein Inneres ergießt, mein eigen wird, mich labt und stärkt, mich reinigt und belebt. Und wenn das Wasser des Lebens das Herz eines Menschen erfüllt, dann, n u r d a n n können aus dem armen, geringen Gefäße Ströme lebendigen Wassers fließen. Darum gehören das G l a u b e n und das Ü b e r s t r ö m e n so eng zusammen. Die Leute, von denen der größte Segen ausgeht, sind die, die am meisten schöpfen aus der Quelle, Jesu Christus.

 

 

 

Es hat nie ein Mensch geredet wie dieser Mensch. Joh. 7,46.
Sie wunderten sich der holdseligen Worte, die er sprach. Luk. 4,22

Nicht aus dem Kreise der Jünger stammen diese Worte. Die Knechte der Hohenpriester und Pharisäer, die ausgesandt waren, Jesum zu fangen, gaben ergriffenen Herzens diesen Bericht. Und die Bürger von Nazareth, die bald nachher wutentbrannt ihren Landsmann aus der Stadt verstießen, hatten die holdseligen Worte vernommen.

Aber die Nachfolger Jesu aller Zeiten setzen mit Freuden ihr Ja und Amen unter diese Zeugnisse. Gewiß, es hat nie ein Mensch geredet wie Jesus, mit solcher Liebe und solcher Kraft. Durch die Jahrhunderte hindurch schallen seine Worte weiter. Noch heute vernehmen wir seine Stimme, wenn er ruft: ,,K o m m t h e r z u M i r!" Noch heute kann sein: ,,W e i n e n i c h t!" ein brechendes Herz trösten, und sein: ,,I c h b i n e s; f ü r c h t e t e u c h n i c h t!" den Sturm der Seele stillen. Wie zieht sein Ruf: ,,L a s s e t d i e K i n d l e i n z u m i r k o m m e n!" schon die Kleinen an! Wie holdselig sind die Worte vom H i r t e n, vom W e i n s t o c k, vom B r o t und W a s s e r d e s L e b e n s! Ja, auch die ernsten Worte vom Sterben, von der Niedrigkeit und dem Kreuz sind voll wahrer Holdseligkeit; denn sie verdammen nur, was in uns häßlich, sündig und irdisch ist, um uns zu schenken, was ewig schön und himmlisch ist.

 

 

 

Jesus sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe denn Abraham war, bin ich.
Joh. 8,58.

O majestätisches Wort meines Königs und Herrn, wie gerne neige ich mich vor dir und bete Ihn an. O möchten alle, die unserem Heiland die wunderbare Krone seiner ewigen Gottessohnschaft rauben und ihn zum bloßen Tugendhelden erniedrigen wollen, etwas von der lebendigen Kraft dieses Selbstzeugnisses Jesu verspüren! Wie hätte ein Mensch so reden können, mit solch erhabener Ruhe und Selbstverständlichkeit? -

Ehe noch die Welten ins Dasein gerufen, ehe noch Menschen erschaffen wurden, war er schon da, d e r e w i g e S o h n d e s e w i g e n V a t e r s.

Ehe denn Abraham war, bin ich! spricht er. Sein Leben ist ein ewiges Präsens. Welch ein erhabener Anklang ist dies Wort an jenes andere, das Jahrtausende zuvor aus dem brennenden Busch erscholl: I c h b i n, d e r i c h b i n! Das ist mein Name, sprach er zu Moses. Keinen Anfang und kein Ende hat unser herrlicher Gott. Wahrlich, der Herr ist ein Fels ewiglich. Es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber er, unser Schöpfer und Erbarmer, wankt nicht. Er ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit. Einen solchen Herrn braucht mein Herz, Einen, vor dem ich anbetend niederfallen darf und sprechen: M e i n H e r r u n d m e i n Gott!

 

 

 

Eines weiß ich wohl: daß ich blind war und bin nun sehend.
Joh. 9,25.

Ein W e i l a n d und ein N u n gibt es in jedem Christenleben. Ihr wart w e i l a n d tot in Sünde und Übertretung; ihr seid n u n lebendig mit Christo. Ihr wart w e i l a n d wie verlorene Schafe; ihr seid n u n bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. So lauteten die Zeugnisse in der apostolischen Zeit; so lauten sie überall, wo das Wort Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes verkündigt wird. Nicht immer tritt der Gegensatz gleich klar hervor. Gottes Wirken in den Seelen ist nicht schablonenhaft. Die eine wird still und verborgen zum Heiland gezogen; bei der andern geht's im Sturmesbrausen, durch tiefe Sündenerkenntnis und festes Erfassen des Heils. Die einen wissen Tag und Stunde anzugeben, da sie Jesum zuerst im Glauben erblickten; bei den anderen ging es durch eine lange Dämmerung, durch ein frommes Sehnen, dem ernstes Suchen und endlich selige Glaubensgewißheit folgte. Aber alle, denen das Licht des Lebens in Wahrheit scheint, stimmen ein in das Bekenntnis des glücklichen Blindgeborenen: Ich war blind und bin nun sehend.

O Seele, bleibe nicht im Unklaren über deinen inneren Zustand. I m N e b e l v e r i r r t m a n s i c h l e i c h t. Laß Gottes Licht dich erleuchten und wandle im Licht.

 

 

 

Herr, ich glaube! Und betete ihn an.
Joh. 9,38.

Die Geschichte des Blindgeborenen ist ein Beleg dafür, wie Gott es den Aufrichtigen gelingen läßt. Wir haben es zu tun mit einem geraden schlichten Mann, der durch sein Gebrechen schon viel gelitten hatte. Ihm begegnet Jesus; und gleich tritt uns bei dem Blinden die wohltuende Einfachheit entgegen, mit der er sich ohne Räsonnieren des Heilands Kur hingibt und seinen Weisungen folgt. Der gleiche Zug findet sich wieder, als er sich vor den Ältesten seines Volks zu verantworten hat. Er ist sehr unwissend und kann seine Heilung nicht erklären, aber e r k a n n z e u g e n, und er tut es klar und freudig auch später, als er deswegen in den Bann getan wird. Nun f i n d e t i h n J e s u s. Ohne Zweifel hat er ihn gesucht und nach ihm verlangt. Einzigartig schön ist das Zwiegespräch, das Johannes aufbewahrt hat. ,,Glaubst du an den Sohn Gottes?" - ,,Herr, welcher ist es?" - ,,Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's." O der seligen Offenbarung des Herrn einer suchenden Seele! Da fällt der doppelt Begnadigte ihm zu Füßen und spricht: ,,Herr, ich glaube!" und betet ihn an.

 

 

 

Jesus sprach: Ich bin gekommen, daß meine Schafe das Leben . . . . haben sollen.
Joh. 10,11.

Unser Herr und Heiland gibt an verschiedenen Stellen den Zweck seines Kommens an. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen (Luk. 5, 32). Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist (Luk. 19, 10). Ich bin gekommen, ein Licht, auf daß wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe (Joh. 12, 46). Alle diese Wohltaten sind zusammen gefaßt in dem Wort, das wir heute vor uns haben: Ich bin gekommen, daß sie L e b e n haben sollen. Leben ist das Gut der Güter. Leben ist die Grundlage und Bedingung alles übrigen. So ist es im Irdischen; so noch viel mehr im Geistlichen. Leben muß die Seele haben, sonst hat sie nichts als Dunkel der Finsternis in Ewigkeit.

Jesus ist das wesentliche Leben, und durch sein Kommen hat er es der Welt gebracht. Aber er gibt es nicht gleichsam in Bausch und Bogen. Die einzelne Seele muß sich ihm öffnen und Leben empfangen, das heißt g l a u b e n . - O Seele, hast du Leben? Sinne über diese Frage nach. Jesus ist gekommen, um dir Leben zu schenken. Nimm diese kostbarste Gabe betend, glaubend, dankend an. Wer Jesum hat, hat Leben.

 

 

 

Ich bin gekommen, daß meine Schafe das Leben und dasselbe im Überfluß haben sollen.
Joh. 10,11.

So lautet die genaue Übersetzung dieses Heilandswortes. Wie im Reich der Natur, so ist es auch im Reich der Gnade. Gott kargt nicht. Er, der die Bäume mit Millionen von Blüten schmückt und der Erde eine Fülle von treibenden Kräften zuströmen läßt, hat auch für die Seelen der Seinen reiche Zuflüsse seines siegreichen Lebens. A b e r s i e n e h m e n d i e s e S t r ö m e s o o f t n i c h t a u f. - Eine christliche Frau, über ihr Glaubensleben befragt, antwortete seufzend: ,,Ach, ich vegetiere gerade noch. Ich bin nicht ganz vom Heiland gelöst, aber zum freudigen Früchtetragen reicht's nicht." Das ist ein trauriges Zeugnis. Wo mag es fehlen, wenn es also steht?

Jene Frau, die, gottlob, wieder zu einer gesunden inneren Erfahrung gelangte, hat es angedeutet. Die Verbindung mit dem Herrn ist gelockert worden, und die Lebenszuflüsse dringen nicht herzu. Die Dinge dieser Erde nehmen das Herz zu sehr ein. Nachlässigkeit, Unglaube, Sünde verstopfen die Kanäle, und das Leben, das der Herr im Überfluß zu geben bereit ist, findet keinen Zugang zum Herzen seines Kindes. - Wie steht es bei mir? Ich möchte grünen und fruchtbar sein in Deinem Garten, Herr. Laß Deine Lebensfülle mich überströmen!

 

 

 

Ich bin gekommen, daß meine Schafe das Leben und volle Genüge haben sollen.
Joh. 10,11.

Wir kehren noch einmal zu dem Ausspruch unseres guten Hirten zurück und lesen die Stelle in der Fassung, wie sie den meisten unter uns wohl am besten bekannt ist: I c h g e b e m e i n e n S c h a f e n L e b e n u n d volle Genüge. Welch ein großes, allumfassendes Wort! Es mahnt uns an jenes andere: Laß dir an meiner Gnade genügen; sie i s t genug für dich. - Wir wollen dies Wort nicht lesen als ein Gesetz, sondern als ein süßes Evangelium.

Komm, Schäflein Christi! Bei deinem Hirten, der dir das Leben gab, findest du auch volle Genüge. Jede Leere deines Herzens, jede Sehnsucht deiner Seele, jedes Verlangen deines Geistes findet in ihm volle Befriedigung.

Ein Kindlein lernte die ersten Worte des Hirtenpsalmes lallen, und sagte sie nach seiner holden Weise: ,,Der Herr ist mein Hirte, mir tut nichts mangeln." O ihr Gotteskinder, wollen wir es nicht auch also sagen? Ob ich arm bin und krank, einsam und verlassen; ob auch das Sehnen zu lieben und geliebt zu werden mir manchmal Kampf und Herzweh kostet, ich bin dennoch selig in meines Heilands Liebe. Möge eine neue Erfahrung dieser vollen Genüge unser seliges Christgeschenk sein.

 

 

 

Niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen.
Joh. 10,28.

Es ist der gute Hirte, der also spricht von seinen Schafen. Gehörst du zu ihnen? Er hat ein Eigentumsrecht an alle; denn er hat sie gemacht und auch erworben. Aber er zwingt keines in seine Hürde, wiewohl er sie stets erbarmungsvoll sucht. Sowie eines kommt, nimmt er es an, bezeichnet es mit seinem blutroten Kreuzesmal und ruft es bei seinem Namen: Du bist mein! Glückliches Schäflein, das einen solchen Hirten hat! Das Merkmal der Schafe Jesu ist, daß sie seine Stimme hören und ihm folgen. Aus Tausenden heraus erkennt ein Schaf die Stimme seines eigenen Hirten. Kennst du die Stimme des Deinen? Hörst du sie in seinem Wort, in den Mahnungen seines Geistes? Folgst du ihr? Dann freue dich deines Hirten und schmiege dich an ihn in heiligem Vertrauen und willigem Gehorsam.

Fasse den starken Trost, den er dir heute gibt, daß niemand dich je aus seiner Hand wird reißen können. Was er liebt, das liebt er ewig; was er hat, das hält er fest. Der höllische Wolf ist überwunden. Weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch keine andere Kreatur kann dich scheiden von der Liebe deines Herrn.

 

 

 

Wer gewaschen ist, der bedarf nichts, denn die Füße waschen, sondern er ist ganz rein.
Joh. 13,10.

Ergreifend ist das uns vom Evangelisten Johannes gezeichnete Bild von dem Meister, der, mit einem Schurz umgürtet, sich beugt, um seinen Jüngern die Füße zu waschen. Wir wissen, wie bedeutsam diese Handlung war von seiten dessen, der im Begriffe stand, wiederum zu seinem Vater zu gehen. Sie hat zunächst

1. Eine sinnbildliche Bedeutung.

Aus den Worten unseres Textes, sowie aus dem vorhergegangenen Ausspruch: ,,Werde ich dich nicht waschen, so hast du kein Teil mit mir" (V. 8) merken wir, daß Jesus seinen Jüngern eine hochwichtige Lehre einprägen wollte. Einmal sollten sie klar erkennen, daß es einer inneren Reinigung bedarf, um ,,Anteil" zu haben an ihm. Das ist gleichsam das ABC des Christenlebens.

Aber was die Fußwaschung uns in besonderer Weise sinnbildlich lehren will, ist, daß auch wo dieses gesegnete, erneuernde Bad stattgefunden hat, wir einer fortlaufenden Reinigung bedürfen. Bewußt und unbewußt hängt sich an die Füße der Erdenwanderer Staub und Ureinheit. Da gilt es wachen, daß kein Schutt sich anhäufe, daß jede vorkommende Befleckung uns sofort treibe zum Reinigungsborn im Blute Jesu, damit wir des Tags mit gewaschenen Füßen einhergehen und des Nachts in vollem Frieden einschlafen mögen.

 

 

 

Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr tut, wie Ich euch getan habe.
Joh. 13,15.

Sinnbildlich hat die Fußwaschung uns eine tiefe Lehre zu geben gehabt (siehe Joh.13,10). Sie hat aber auch

2. Eine vorbildliche Bedeutung.

Diese springt sofort in die Augen. Hat Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen, so sollen sie selbstverständlich sich untereinander die Füße waschen (V. 14). Füße waschen! Knechtsdienste tun! Ach, daß wir das so wenig verstanden, so schlecht geübt haben!

Ein großer Schuldirektor, der ein demütiger Jesusjünger war, hat einmal geäußert: ,,Durch das K ö p f e waschen habe ich bei meinen Schülern wenig erreicht; als ich anfing, ihnen die F ü ß e zu waschen, wurde es anders." - Ein Stadtmissionar hat einst einer armen alten Frau, die wegen böser Füße nie einen Gottesdienst besuchte und in Schmutz und Elend versunken war, buchstäblich die Füße gewaschen und gepflegt, und hat damit den Schlüssel gefunden, das verrostete Herz zu öffnen für den himmlischen Gast.

Auch wenn man es nicht so wörtlich ausüben kann, gibt es tausend Gelegenheiten, dem Vorbild des füßewaschenden Heilandes nachzufolgen durch liebendes, demütiges Dienen. Und keinen schöneren Dienst kann es geben, als sündenbefleckte Füße zum Sündentilger zu führen, bei dem wir selbst Vergebung erlangt haben.

 

 

 

Eine jegliche Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen. Und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe.
Joh. 15,2.

Unser heutiges Wort soll uns zwei Wahrheiten einprägen. Die erste ist die, daß es nicht nur gut und heilsam ist, Früchte des Geistes zu bringen, sondern daß es eine unerläßliche Bedingung ist zu unserem ewigen Heil. Denn wo keine Frucht ist, ist kein L e b e n. Beachten wir, daß es nicht heißt: Wer b ö s e Früchte bringt, wird abgehauen, sondern: Wer keine Frucht bringt (siehe auch Matth. 3, 10). Wer gleichgültig dahinlebt, ohne etwas besonders Böses zu tun, aber ohne Glauben, ohne Liebe, ohne den Heiligen Geist, der ist in Gefahr des ewigen Feuers, der schrecklichen Gottferne. O prüfen wir uns im Spiegel dieses Wortes! ,,W e g g e n o m m e n", ,,a b g e h a u e n" zu werden von der Wurzel und Quelle des Lebens und der Seligkeit, muß etwas Entsetzliches sein. Die andere Wahrheit soll uns Mut und Trost einflößen. Vielleicht sprossen die Früchte des Geistes nur spärlich an unserem Glaubensbaum hervor. Aber der Herr anerkennt auch dies Geringe, und in großer Treue reinigt er seine Reben, damit sie mehr Frucht bringen. Hier ist auch eine Antwort auf das große Problem des Leidens.

 

 

 

Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Joh. 16,22.

An jenem letzten Abend, den der Heiland unmittelbar vor seinem Leiden mit seinen Jüngern verbrachte, hat er aus der Fülle seines liebenden Herzens ihnen ein Trostwort um das andere dargeboten. Er wußte, daß sein Scheiden ihnen Traurigkeit bereiten würde, darum gab er ihnen gleich die freudenreiche Zusicherung, daß er sie wiedersehen würde. Dabei dachte er nicht nur an die sichtbaren Begegnungen, die ihnen nach seiner Auferstehung zuteil werden sollten, sondern besonders an sein Wiederkommen in der Person des Heiligen Geistes.

Und was er seinen geliebten Jüngern sagte, gilt auch uns. Wie oft haben wir Traurigkeit äußerlicher und innerlicher Art. Trübsale werden Gottes Kindern nicht erspart. Der Herr sagt es ausdrücklich: In der Welt habt ihr Angst. Und ein apostolisches Wort bestätigt es: Wir müssen durch viel Trübsal ins Reich Gottes gehen.

Aber in unseren Traurigkeiten sind wir nicht ohne Trost. Wenn mitten in der Trübsal unser Glaubensauge Jesum erblickt, dann macht die Traurigkeit einer himmlischen Freude Platz, einer Freude, die niemand von uns nehmen kann, weil er selbst, die Quelle der Freude, in uns ist. - Bist du heute traurig? So nimm dies köstliche Heilandswort auch für dich.

 

 

 

Jesus hob seine Augen auf gen Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist hier, daß Du Deinen Sohn verklärst.
Joh. 17,1.

,,Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land" (2. Mose 3, 5). So tönt es uns entgegen, wenn wir uns anschicken, hineinzuschauen in den wundersamen Vorgang, den das siebzehnte Kapitel des Johannes-Evangeliums uns enthüllt. Das h o h e p r i e s t e r l i c h e G e b e t wird dieser Abschnitt genannt, weil er uns das Herz dessen offenbart, der die Namen der Seinen auf seinem Brustschildlein trägt und sie darbringt vor Gott.

J e s u s h o b s e i n e A u g e n a u f g e n H i m m e l. Bleiben wir einen Moment in Andacht stehen vor diesem Bild. Unauslöschlich ist die Gebärde dem Evangelisten eingeprägt. Was mag in diesem Blick gelegen haben an Anbetung, Hingabe und Vertrauen!

Und dann hebt der Herr an: Vater! Wie er es uns gelehrt, so tut er es selbst. Er wendet sich direkt an das Vaterherz. Man spricht bei einem Musikstück vom Hauptakkord, dem vorherrschenden Ton. In diesem Liede höchster Liebe, wie überhaupt im ganzen Erdenleben Jesu, ist der Hauptakkord das Wort: V a t e r.

V a t e r, d i e S t u n d e i s t h i e r. - Wie oft hatte Jesus den Ausspruch getan: Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Jetzt aber war sie da, die große, schicksalsschwere Stunde. Und sie fand den Gotteshelden bereit.

 

 

 

Das ist das ewige Leben, daß sie Dich, den allein wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.
Joh. 17,3.

In der Erkenntnis Gottes liegt das ewige Leben. Nicht jedes Kennen ist ein E r k e n n e n. ,,Kennst du jene Quelle im Tale?" - ,,Ja, ich habe sie schon oft gesehen." - ,,Aber hast du auch aus ihr getrunken, wenn du dürstend daherkamst? Dann erst hast du sie erkannt." - Kennst du Gott vom Hörensagen nur? Oder hast du ihn erkannt? Hast du einen Eindruck bekommen von seiner Heiligkeit? Hast du gezittert vor seinem gerechten Zorn (Jes. 12, 1)? Hast du erkannt seine Liebe, sein Erbarmen, sein Vergeben, sein göttliches Aufrichten? Auge in Auge, Herz an Herz, so lernt man Gott erkennen. Es ist nicht zumeist eine Tat des V e r - s t a n d e s. Es heißt nicht: Erkennen, d a ß du wahrer Gott bist; sondern: d i c h erkennen.

Und die Erkenntnis Gottes geht Hand in Hand mit der Erkenntnis dessen, den er als Heiland gesandt hat. Manche reden wohl gern von einem lieben Gott, aber sie brauchen und wollen keinen Heiland. Ach, dann haben sie nicht den w a h r e n G o t t und darum auch kein Leben.

Zum ersten Mal vernehmen wir hier den herrlichen Doppelnamen, der bald hinausgetragen werden sollte in die weite Welt: Jesus Christus, der R e t t e r, der g e s a l b t e König.

 

 

 

Das ist das ewige Leben, daß sie Dich, den allein wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.
Joh. 17,3.

In der Erkenntnis Gottes liegt das ewige Leben. Nicht jedes Kennen ist ein E r k e n n e n. ,,Kennst du jene Quelle im Tale?" - ,,Ja, ich habe sie schon oft gesehen." - ,,Aber hast du auch aus ihr getrunken, wenn du dürstend daherkamst? Dann erst hast du sie erkannt." - Kennst du Gott vom Hörensagen nur? Oder hast du ihn erkannt? Hast du einen Eindruck bekommen von seiner Heiligkeit? Hast du gezittert vor seinem gerechten Zorn (Jes. 12, 1)? Hast du erkannt seine Liebe, sein Erbarmen, sein Vergeben, sein göttliches Aufrichten? Auge in Auge, Herz an Herz, so lernt man Gott erkennen. Es ist nicht zumeist eine Tat des V e r - s t a n d e s. Es heißt nicht: Erkennen, d a ß du wahrer Gott bist; sondern: d i c h erkennen.

Und die Erkenntnis Gottes geht Hand in Hand mit der Erkenntnis dessen, den er als Heiland gesandt hat. Manche reden wohl gern von einem lieben Gott, aber sie brauchen und wollen keinen Heiland. Ach, dann haben sie nicht den w a h r e n G o t t und darum auch kein Leben.

Zum ersten Mal vernehmen wir hier den herrlichen Doppelnamen, der bald hinausgetragen werden sollte in die weite Welt: Jesus Christus, der R e t t e r, der g e s a l b t e König.

 

 

 

Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die Du mir gegeben hast, denn sie sind Dein.
Joh. 17,9.

Jesus hatte in der feierlichen Stunde, da er seinen Sterbensgang antrat, für sich gebetet, daß der Vater ihn verklären wolle durch tiefste Nacht zur herrlichsten Klarheit. Nun aber gilt sein Bitten den Seinen. Scharf begrenzt ist der Kreis, für den er fleht. ,,Ich bitte nicht für die Welt," sagt er. Klingt dies Wort nicht hart aus dem Munde des liebreichen Heilands? Wir müssen es nur recht verstehen. Er sagt nicht, daß er überhaupt nicht bitte für die Welt, hat er doch bald darauf für seine Mörder gefleht: Vater, vergib ihnen! Aber die Bitten, die er j e t z t vorbringen will, gelten den aus der Welt Herausgeretteten. Er beschreibt sie mit den Worten: Du, Vater, hast sie mir gegeben. Sie sind dein. Sie haben Deine Worte angenommen. Sie haben erkannt, daß ich von Dir ausgegangen bin. Sie glauben, daß Du mich gesandt hast (V. 8).

Gehöre ich zu dieser glücklichen, kleinen Schar? Dann gilt mir die ganze Kraft dieser Heilandsbitte. Denn das hohepriesterliche Flehen, das wir hier belauschen, hat nicht aufgehört mit dem Erdenwandel des Erlösers. Sein Wort sagt uns ausdrücklich, daß er, in der Kraft seines unvergänglichen Priestertums, immerdar lebet und bittet für uns.

 

 

 

Heiliger Vater, erhalte sie in Deinem Namen, die Du mir gegeben hast, daß sie eins seien, gleichwie wir.
Joh. 17,11.

Erhalte sie! - Das ist die erste Bitte, die Jesus in dieser Stunde zu seinem Vater emporsendet für die Seinen. Du hast sie mir gegeben, Vater; nun erhalte sie mir auch. Der Herr hatte es erfahren müssen, daß seiner Jünger viele hinter sich gingen und nicht mehr mit ihm wandelten, und voll heiliger Wehmut hatte er an die Zwölf die Frage gerichtet: Wollt ihr auch weggehen (Joh. 6, 67)?

Ach, Herr, mir ist, als richtest Du die Frage heute auch an mich. Und was soll ich sagen? Ich will mit Petrus antworten: Herr, wohin sollte ich gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und ich habe geglaubt und erkannt, daß Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. - Aber damit es also bleibe, und ich im Leben und im Tode niemals weiche von Dir, flehe ich heute in Deinen eigenen Worten: Heiliger Vater, erhalte mich in Deinem Namen! Auch ich gehöre zu denen, die Du Deinem Sohne gegeben hast; denn sonst wäre ich ja nicht zu ihm gekommen (Joh. 6, 37). O so erhalte mich denn auch in ihm zum ewigen Leben. H a n d, d i e n i c h t l ä ß t, h a l t e m i c h f e s t!

 

 

 

Ich bitte nicht, daß Du sie aus der Welt nehmest, sondern daß Du sie bewahrest vor dem Übel.
Joh. 17,15.

Bewahre sie! - So fleht der barmherzige Hohepriester. Wie eine zärtliche Mutter für ihr Kindlein sorgt und es, wenn sie fern sein muß, einem starken Schutz empfiehlt, so handelt Jesus mit seinen schwachen Jüngern. Vater, sagt er, dieweil ich bei ihnen war in der Welt, habe ich sie bewahrt; aber nun, da ich von hinnen scheide, verwahre Du sie mir! - Nicht aus der Welt will er sie gleich hinwegnehmen; aber in der Welt sollen sie bewahrt werden vor der Welt.

Wie sehr bedürfen wir solcher Bewahrung! Das Übel, von dem der Heiland spricht, ist überaus groß und mannigfaltig. Es umgibt uns von allen Seiten. Ja, es steckt in uns. Das Hüttlein von Fleisch und Blut, in welchem das aus Gott geborene neue Leben zelten muß bis zum Tag der vollkommenen Erlösung, ist aus gar verderbtem Material gebaut und droht immer, den göttlichen Gast zu ersticken oder gar zu vertreiben. Aber derselbe Herr, der uns das Geistesleben geschenkt hat, kann und will es auch bewahren. Wenn wir zurückblicken auf unser vergangenes Leben, können wir auf tausendfache Beweise solchen göttlichen, inneren Bewahrens stoßen. Wohl uns des treuen Herrn und Hüters!

 

 

 

Heilige sie in Deiner Wahrheit; Dein Wort ist die Wahrheit.
Joh. 17,17.

Heilige sie! - Erhalten zu werden, damit sie n i c h t abfallen; bewahrt zu sein, damit sie n i c h t in Sünde fallen, das ist unbeschreiblich große Gnade. Aber der Herr erbittet noch mehr für die Seinen. Geheiligt, Gott geweiht sollen sie sein. Nicht nur sollen die alten Triebe absterben; es sollen neue Pflanzen hervorsprießen: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.

Heiligung ist nicht etwas Düsteres, Trauriges, Schweres; sie ist das Allerlieblichste, Erfreuendste und Süßeste. Sie erfordert allerdings das beständige Verleugnen des eigenen Wesens; denn nur Christus in uns ist unsere Heiligung. - Heiligung ist Gottes Werk, darum die Bitte: H e i l i g e s i e! Er tut es in den Erlösten durch den Geist und das Wort der Wahrheit. In Jesu bleiben, der Stimme der Wahrheit gehorchen, mit dem Wort sich nähren, das ist der Weg der Heiligung.

Geheiligte Leute, die sich ihm weihen, wie er sich ihnen geweiht hat, braucht der Herr, um sein Werk auf Erden zu treiben. Wie er in die Welt gesandt wurde, um seines Vaters Herz zu offenbaren, so sendet er die Seinen, um sein Herz zu offenbaren (V. 18. 19). Das gilt nicht nur den hohen Aposteln, sondern jedem Glied seiner Gemeinde.

 

 

 

Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden, auf daß sie alle eins seien.
Joh. 17,20.21

Einige sie! - Ein heiliger Freudenschauer durchzieht mein Herz, so oft ich dieser Bitte des großen Hohenpriesters lausche. In jener dunklen Nachtstunde blickte sein Auge in weite Fernen und sah die Vielen, die durch seiner Jünger Wort in kommenden Jahrhunderten an ihn gläubig werden sollten. Auch wir gehören dazu, du und ich. Auch uns hat er damals schon umschlossen in sein Gebet. Nach Millionen zählt diese große Gemeinde. ,,Hier nennt man sie e i n e k l e i n e H e r d e; droben ist sie eine u n z ä h l b a r e S c h a r."

Zu allen den Segnungen, die Jesus den Seinen erfleht hat, kommt noch eine, die ihm sehr am Herzen liegt: d a ß s i e a l l e e i n s s e i e n. In den ersten Jahrzehnten der christlichen Kirche wurde diese Heilandsbitte in herrlicher Weise erfüllt. Die brüderliche Liebe der Christen trat so auffallend hervor, daß die Welt davon beeindruckt wurde. Aber heute, wie ist die Zerrissenheit so groß! Wie muß die Uneinigkeit der Glieder das hochgelobte Haupt betrüben! Wo wahres Leben ist, bricht die Einheit zwar immer wieder siegreich hervor. Des Heilands Liebe und unablässige Fürbitte hält die Kinder des Hauses doch zusammen. Jedes einzelne von uns suche in seinem Teil dieser übernationalen Liebe nachzuleben.

 

 

 

Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die Du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen, die Du mir gegeben hast.
Joh. 17,24.

Verherrliche sie! - Herrlichkeit ist das Ziel, zu dem der Herzog unserer Seligkeit die Leute bringen will, die er aus der Welt g e r e t t e t, die er e r h a l t e n, b e w a h r t, g e h e i l i g t und zu einer Gemeinde, s e i n e r B r a u t - g e m e i n d e, g e e i n i g t hat. Im Geiste sieht er schon ihre Vollendung: Ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die Du mir gegeben hast, spricht er (V. 22). Die Herrlichkeit ist ihnen zugesichert, wiewohl noch nicht geoffenbart. Aber sie soll, sie wird es werden. Darum geht Jesu Gebet über in eine siegreiche, machtvolle Willenserklärung: Vater, Ich will! O gnädiger Heiland! Du w i l l s t, daß wir bei Dir seien in Ewigkeit. Du w i l l s t, daß wir Deine Herrlichkeit sehen. Du w i l l s t, daß wir dieser Herrlichkeit teilhaftig werden. Du versiegelst noch einmal Dein Eigentumsrecht an uns. Der Vater hat uns Dir gegeben; wir sind Dein. Was sollen wir dazu sagen? Wir können uns nur beugen und anbeten. Angesichts dieses unvergleichlichen Vermächtnisses Deiner Liebe wollen wir sprechen: Da hast Du uns. U n s g e - s c h e h e w i e D u g e s a g t h a s t. Hallelujah! Amen!

 

 

 

Ich habe ihnen Deinen Namen kundgetan . . . auf daß die Liebe, damit Du mich liebest, sei in ihnen, und Ich in ihnen.
Joh. 17,26.

Meine Liebe in ihnen und Ich in ihnen! - Diese Worte bilden das Amen und zugleich den Gipfelpunkt des hohenpriesterlichen Gebets. Auch hier gilt es: Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen (1. Kor. 13, 13). Glaube verbindet uns mit Gott, Hoffnung streckt sich aus nach Gott, aber die Liebe ist ein Ausfluß von Gott selbst. D e n n G o t t i s t d i e L i e b e.

Wir Menschen haben eine gar kleinliche Vorstellung von der Liebe. Wir lieben, die uns liebenswert erscheinen und gehen vorbei an denen, die uns gleichgültig sind, oder lassen uns durch ihre Mängel kränken und erbittern. O wie anders ist Gottes Liebe! Sie hat von Ewigkeit her den Sohn umfaßt und mit ihm alles, was ihm gehörte, die ganze Welt, die er erlösen wollte. Sie ist wie eine mächtige Flut, die sich über alle ergießt, jede Leere ausfüllen, jeden Mangel stillen will. Sie liebt uns nicht, weil w i r so gut sind, sondern weil s i e so gut ist. O heilige Gottesliebe, wohne auch in mir! Töte die Eigenliebe, und lehre mich göttlich lieben! Heiland, laß Deine wunderbare Bitte sich auch an mir erfüllen: Ich in ihnen!

 

 

 

Mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Joh. 18,36.

Mit bewegtem Herzen hat unser Geschlecht die Umwälzungen geschaut, die Schlag auf Schlag in der Völkerwelt erfolgt sind. Throne sind gestürzt, berühmte Namen in den Staub gezogen worden. Unheimlich jubelten die einen, tief gebeugt waren die anderen. Und mitten in den brausenden Wogen des Völkermeeres stand und s t e h t unerschütterlich fest das Reich, von dem sein dornengekrönter König einst bezeugte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Nie, auch nicht in den blühendsten Friedensjahren hat sich die R e a l i t ä t d e s R e i c h e s G o t t e s so fühlbar gemacht, wie in den Zeiten des Sturmes und des Umsturzes. Der Christ kann wohl ein warmer Vaterlandsfreund sein, aber seine tiefsten Wurzeln sind im unsichtbaren Reich seines Gottes. Dort ist seine Heimat. Für den ewigen König schlägt sein ganzes Herz. Und wenn er auch ob des Unglücks und der Sünden seines Volkes mit Jeremia ausruft: ,,Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht über die Erschlagenen meines Volkes", so findet er doch Trost in dem Bewußtsein, daß alle diese Stürme nur dazu dienen müssen, das Kommen des Königs vorzubereiten. Nichts und niemand kann ihn scheiden von der Liebe seines Herrn. Das gibt Kraft und Frieden.

 

 

 

Da Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und neigte das Haupt und verschied.
Joh. 19,30.

Auf diesen Siegesruf meines sterbenden Heilandes stützt sich meine Seele im Leben und im Tod. Es ist in der Ursprache ein einziges Wort: Vollbracht!

V o l l b r a c h t war meines Jesu Erdenlauf in Mühe, Entbehrung, Versuchung, Kampf und Tod. V o l l b r a c h t der Liebesrat Gottes, der vor Erschaffung der Welt im Herzen der Dreieinigkeit beschlossen wurde. V o l l b r a c h t das große Opfer, das im Tempelkultus vorgeschattet war. V o l l b r a c h t, fertiggemacht, das Kleid der Gerechtigkeit, in das die Brautgemeinde sich hüllen kann, um vor dem heiligen Gott zu bestehen. V o l l b r a c h t der Triumph über die alte Schlange, deren Kopf zertreten wurde im Augenblick, da sie dem Erlöser den Fersenstich versetzte.

Wenn Jesus alles vollbracht hat, dann kann und soll ich nichts mehr tun, als mich durch den Glauben so mit ihm zu vereinigen, daß sein Tod mein Tod, sein Leben mein Leben, sein Sieg mein Sieg sei. Auf dem Grabmal einer selig Vollendeten steht die vielsagende Inschrift: ,,Wiewohl sie gestorben ist, lebt sie, weil sie geglaubt hat dem Worte: Es ist vollbracht!" Ja, das ist Glaubensgrund und Heiligungskraft. O Jesu, an diesem heiligen Gedächtnistage Deines Sterbens preise ich Dich anbetend für Deine vollendete Erlösung. Jesu, mein Heiland, Dir sag' ich Preis und Dank!

 

 

 

Jesus spricht zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni! Das heißt Meister.
Joh. 20,16.

,,Wer nach ihm weint, dem ist er nah", heißt es in einem Lied. Wie nahe war Jesus, der gute Hirte, dem armen Schäflein, das sich ganz unglücklich und verlassen wähnte. Merke es, o Seele, wenn du dich nach Jesus sehnst und nach seiner Nähe schreist, so ist's, weil er dich sucht und zu sich ziehen will. Nach einer Zeit schwerer Anfechtung, so lesen wir im Leben der Katharina von Siena, offenbarte der Herr sich ihr wie ehedem, und sie lauschte mit Entzücken seiner Stimme. ,,Wo warst Du doch, geliebter Herr, da mein Herz so gequält war?" fragte sie. ,,Ich war in deinem Herzen verborgen", lautete die göttliche Antwort. ,,Wäre ich nicht in dir gewesen, so hättest du ja Wohlgefallen gehabt an den sündlichen Gedanken." -

,,W e n s u c h s t d u?" fragte Jesus die betrübte Frau, die ihn im Morgengrauen nicht erkannte. Und du, liebes Herz, was oder w e n suchst du? Suchst du eine Erfahrung, ein freudiges Gefühl, oder suchst du Jesum selbst? Wenn ja, dann harre nur im Glauben aus! Er wird dich bei deinem Namen rufen, du wirst ihn als deinen Heiland erkennen und sprechen: R a b b u n i, m e i n M e i s t e r!

 

 

 

Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
Joh. 20,28.

Armer Thomas! Während die anderen Jünger in seliger Osterfreude lebten, war er voller Zweifel und Traurigkeit. Es hieß auch da:

Glücksel'ges Kind, das voll Vertrauen Was es gehört in Einfalt glaubt! Verfluchter Zweifel, dessen Klauen Dem armen Herz sein Kleinod raubt!

Diese grausamen Klauen hatten den Thomas erfaßt. Mit tiefem Leid denken wir an ihn und an viele, die ihm gleichen. Er war ein aufrichtiger Jünger, kein mutwilliger Ungläubiger. Aber zwei tadelnswerte Momente hebt unsere Erzählung hervor. 1. Er mied die Gemeinschaft seiner Brüder und 2. er wählte mit einem gewissen Eigensinn den Weg, auf dem er zum Glauben gelangen wollte. Doch der treue Hirte vergaß seiner nicht. Er neigte sich zu seiner Schwachheit herab und gab ihm das wunderbare Bekenntnis in Herz und Mund: Mein Herr und mein Gott! Bist du zum Zweifel geneigt? Gib dich nie zufrieden, bis du Klarheit hast. Suche Jesum im Gebet, in seinem Wort, im Kreise seiner Gemeinde. Warte nicht auf besondere Zeichen, sondern glaube den herrlichen Berichten derer, die sich mit großer Kraft ,,Zeugen der Auferstehung" nennen. W o l l e glauben! Erwirb dir das Lob des Herrn: ,,S e l i g s i n d, d i e n i c h t s e h e n u n d d o c h g l a u b e n!"


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