C.Seilacher

"Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, dass du dich nicht verderbest. Sei nicht allzu gottlos und narre nicht, dass du nicht sterbest zur Unzeit. "
Prediger 7,16 und 17.


Wahrhaftig, das ist Moral und Religion nach dem Geschmack der großen Menge, was der lebensmüde, vielenttäuschte "Prediger" hier empfiehlt. Eine solche Mahnung lässt sich alle Welt gefallen, nicht zu gerecht, nicht zu weise, aber auch nicht allzu gottlos zu sein. Dieser Grundsatz, nirgends zu übertreiben, Maß zu halten im Sündigen, aber auch in der Frömmigkeit, überall den goldenen Mittelweg einzuhalten, darf auf allseitigen Beifall rechnen.

Allein, es unterliegt keinem Zweifel, auf der Höhe des Neuen Testamentes stehen diese Worte des "Predigers" nicht, so viel Treffliches er sonst zu sagen weiß. Jesus und seine Apostel begnügen sich nirgends mit Halbheiten. "Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit" und "Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit," sagt der Herr in der Bergpredigt. Und Paulus fordert: "Jage nach der Gerechtigkeit." Das klingt anders als: "Sei nicht allzu gerecht." Wiederum, wenn der Apostel für die Christen in Ephesus bittet: "Gott gebe euch den Geist der Weisheit," so ist damit der Aufruf des "Predigers": "Sei nicht allzu weise" schwerlich in Einklang zu bringen. Und endlich, wie passt das Jesuswort: "Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte" zu dem Predigerwort: "Sei nicht allzu gottlos"?

"Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."

 


zurück

© Copyright Juni 2014