C.H.Spurgeon

"Der alte Mensch ist noch nicht tot!" Ein achtungswürdiger Mann, den ich sehr gut kenne, erzählte mir kürzlich ein Stückchen aus seinem Leben. Er hatte an einem sehr nebligen Tag mit seinem Pferd und Wagen irgendwohin zu fahren. Auf dem Weg kam ihm ein anderes Gefährt entgegen, und die Pferde stießen zusammen; ""doch," sagte er, "wir kamen noch gut auseinander." - Aber dann kam einer angefahren, der wie ein Gentleman aussah; er fuhr sehr schnell und gerade auf den Wagen meines Freundes los. Anstatt sich aber zu entschuldigen, wurde er ärgerlich und schlug ihn mit seiner Peitsche ins Gesicht. Mein Freund ist ein entschiedener Christ; doch er sagte: "Ich fühlte, dass der alte Mensch noch in mir lebte; ich hätte ihm wohl mit meiner Peitsche eins wiedergeben mögen, aber ich tat es doch nicht. Als ich nach Hause kam, sagte ich: >Der alte Mensch ist noch nicht tot. Wenn er tot gewesen wäre, würde ich auch keinen Augenblick eine Erregung empfunden haben. Ich hielt ihn zwar nieder, aber ich fühlte doch, dass ich zornig wurde, und das tat mir weh, und ich sagte zu mir: Nun bist du schon seit so vielen Jahren ein Christ, und der alte Mensch ist doch noch am Leben.< "
So ist er auch wohl noch in einem jeden unter uns. Er liegt gleich einem Laurer in der Ecke; aber der Tag wird kommen, da auch kein Überrest vom Bösen, keine Spur von der Sünde mehr vorhanden sein wird, und im Himmel werden wir singen: "Er hat uns erlöst von unseren Sünden mit seinem Blut. Er hat auch den letzten Rest, jede Neigung zur Sünde, jede Möglichkeit des Sündigens, hinweggenommen;" denn es steht geschrieben: ""Sie sind unsträflich vor dem Stuhl Gottes."

 

Die Einsiedlerklause. Georg Shadford schreibt irgendwo: "Eines Tags nahm mich ein Freund mit sich, um mich zu einem Einsiedler im abgelegenen Wald zu führen. Nach einigen Schwierigkeiten fanden wir seine Klause, die nicht besser war, als eine gewöhnliche Hundehütte. Sie war aus verschiedenen Stücken Holz zusammengesetzt und mit Baumrinde und Reisern bedeckt. Das Lager darin bestand aus trockenen Blättern. Ein schmaler, viel betretener Pfad von etwa dreißig bis vierzig Fuß Länge ging von der Hütte aus in den Wald hinein. Auf diesen schmalen Steigen ging der Einsiedler hin und her und .stellte hier seine Betrachtungen und Übungen an. Wenn ihm jemand Nahrung bot, so nahm er sie, aber sobald ihm Geld angeboten wurde, wurde er sehr zornig. Wenn etwas gesprochen wurde, was ihm nicht gefiel, so wurde er leidenschaftlich heftig. Schon sieben kalte Winter hatte er in dieser Klause zugebracht, aber trotz all seiner Gebete und der Zahl der abgeleierten Rosenkränze und trotz seiner Absonderung von der menschlichen Gesellschaft war noch immer die verderbte Natur in ihm lebendig.
Was nützt es uns, ob wir in Europa oder in Amerika sind, ob wir zwischen anderen Menschen leben oder uns in die Einsiedelei zurückziehen, wenn wir doch unsere eigne Hölle, unsere verderbten Temperamente überall mit hinnehmen? Weder die Öffentlichkeit noch die Zurückgezogenheit macht uns frei. Es ist die Gnade, die in uns den Sieg davontragen muss. Der Teufel kann uns sowohl in der Wüste, wie mitten im Volkshaufen versuchen und zu Fall bringen. Wir brauchen keine Einsiedlerhütten; aber was wir nötig haben, das ist die himmlische, göttliche Gesinnung.

 

- Die alten Mönche pflegten zu erzählen, dass seiner Zeit in Ägypten ein Mann lebte, der von einem leicht erregbaren, heftigen Temperament sehr zu leiden hatte. Bei seinen Bemühungen, sich davon zu befreien, suchte er Zuflucht in einem Kloster; allein hier wurde er durch seine Brüder ebenso oft zum Zorn gereizt, wie das früher durch seinen Verkehr mit der Welt geschehen war. Da verließ er auch die Gesellschaft dieser Männer und zog sich ganz in die Einsamkeit zurück. Alles, was er im Besitz hatte, war ein irdener Krug, mit welchem er sich sein Trinkwasser aus einer Quelle schöpfte. Eines Tags stolperte er dreimal, während er den Krug mit Wasser nach seiner Hütte trug, und jedesmal verschüttete er das Wasser. Da übermannte ihn plötzlich sein alter Feind, und er zerschlug den Krug in lauter kleine Scherben. Als sich sein Zorn etwas abgekühlt hatte, blickte er voll Verdruss auf die umherliegenden Scherben und sagte: "O, ich törichter Mensch! Wie kann ich der Versuchung entrinnen, die in mir ist? Wenn nun keine Menschen da sind, über die ich mich ärgere, gerate ich über einen irdenen Krug in Wut!" "Wie kann ich der Versuchung entgehen, die in meiner Natur liegt?" Der Christ kennt das Geheimnis.


zurück

 

© Copyright neu durchgesehen 1999