C.H.Spurgeon
Betrachtungen zu den Büchern Mose

 

,,Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis."
1 Mose 1, 4.

Licht ist eine herrliche Gottesgabe und muß es auch sein; denn es entsprang jenem gütigen ,,Werde" der Liebe. Wir, die wir's genießen dürfen, sollten nur dankbarer dafür sein und in demselben und durch dasselbe Gott mehr erkennen. Das leibliche Licht, spricht Salomo, ist lieblich; aber das Licht des Evangeliums ist unendlich köstlicher, denn es offenbart göttliche und ewige Dinge und dient unsrer unsterblichen Natur. Wenn der Heilige Geist uns geistliches Licht schenkt und die Augen öffnet, daß wir die Herrlichkeit Gottes im Angesicht des Herrn Jesu schauen, dann, erkennen wir die Sünde in ihren wahren Farben, und wir erfahren, wie's in Wahrheit mit uns steht; wir sehen den allerheiligsten Gott, so wie Er sich offenbart, den Heilsplan, den Er verkündigen läßt und die zukünftige Welt, wie die Heilige Schrift sie schildert. Das geistliche Licht hat mancherlei Strahlen und Regenbogenfarben, aber sie sind alle gut, sei's nun Erkenntnis, Freude, Heiligung oder Leben. Wenn nun schon das Licht, das wir empfangen, gut ist, wie muß erst das wesentliche Licht sein, und wie herrlich muß der Ort seiner Offenbarung sein! O Herr, da Dein Licht so gut ist, o, so schenke uns noch mehr Licht, o, so schenke uns vor allem Dich selber, das wahre Licht!

Sobald etwas Gutes in der Welt zum Vorschein kommt, wird eine Scheidung nötig; denn was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Gott hat sie geschieden, wir wollen sie nicht vermengen. Die Kinder des Lichts dürfen keine Gemeinschaft haben mit den Werken, Lehren und Lügen der Finsternis. Die Kinder des Tages sollen nüchtern, ehrbar und wacker sein im Werke ihres Herrn, und denen die Werke der Finsternis überlassen, die darin bleiben müssen ewiglich. Die Gemeinde der Gläubigen soll durch Zucht das Licht scheiden von der Finsternis, und ebenso müssen wir uns heilig halten von der Befleckung mit der Welt. Im Urteil, im Wandel, im Hören, im Lehren, im Umgang müssen wir einen Unterschied machen zwischen den Guten und Bösen, und die große Scheidung festhalten, die der Herr bei seinem ersten Tagewerke aufgerichtet. O Herr Jesu, sei Du unser Licht den ganzen heutigen Tag, denn Dein Licht ist das wahre Licht für uns Menschen.

 

 

,,Und Gott sah das Licht."
1 Mose 1, 4.

Heute morgen betrachteten wir, wie das Licht gut war, und wie Gott das Licht von der Finsternis schied, und nun richten wir unsre Aufmerksamkeit auf den besonderen Blick, welchen Gott für das Licht hat. ,,Gott sah das Licht." - Er sah es mit Wohlgefallen, Er ruhete darauf mit Blicken der Wonne, Er sah, ,,daß es gut war." Wenn dir der Herr Licht geschenkt hat, liebe Seele, dann schaut Er mit ganz besonderer Teilnahme auf dies Licht; denn es ist Ihm nicht allein wert darum, daß es sein Werk ist, sondern weil dies Licht Ihm ähnlich ist, denn ,,Er ist das Licht." Es ist köstlich für den Gläubigen, daß er weiß, Gottes Auge wacht mit zarter Sorgfalt über dem Werk der Gnade, das Er begonnen hat. Nie verliert Er den Schatz aus den Augen, den Er in unsern irdischen Gefäßen niedergelegt hat. Manchmal können wir das Licht nicht sehen, aber Gott siehet das Licht allezeit, und das ist viel besser, als wenn wir es sehen. Es ist gar tröstlich für mich, wenn ich weiß, ich gehöre mit zum Volke Gottes - ob ich es weiß oder nicht, wenn es nur der Herr weiß, so ist's gut für mich, und ich bin wohl geborgen. Das ist die Hauptsache: ,,Der Herr kennet die Seinen." Du kannst vielleicht seufzen und stöhnen über die angeborene Erbsünde und trauern über deine Verfinsterung; dennoch sieht der Herr ,,Licht" in deinem Herzen, denn Er hat es darein gepflanzt, und allen Dunst und alle Dämmerung deiner Seele kann dein Licht nicht vor seinem Gnadenblick verhüllen. Und wenn du tief ins Zagen und Verzweifeln geraten wärest, sobald nur deine Seele irgend ein schwaches Verlangen nach Christo hegt, und wenn du trachtest, in dem zu bleiben, was Er für dich vollbracht hat, dann sieht Gott ,,das Licht." Und Er sieht es nicht nur, sondern Er behütet es auch in dir. ,,Ich, der Herr, behüte ihn; ich will ihn Tag und Nacht behüten." Das ist ein köstlicher Gedanke für alle die, welche trotz aller Wachsamkeit und Aufmerksamkeit auf sich selbst erfahren müssen, wie sie so ganz und gar nicht imstande sind, sich zu bewahren. Das Licht, das durch seine Gnade bewahrt wird, strahlt eines Tages auf im vollem Glanze der Mittagssonne, in ganzer Himmels-Herrlichkeit. Das innere Licht ist der Anbruch des ewigen Tages.

 

 

,,Da schied Gott das Licht von der Finsternis."
1 Mose 1, 4.

In einem Gläubigen sind zweierlei Kräfte in Tätigkeit. In seinem natürlichen Zustande war er nur der einen dieser Kräfte untertan, welches war die Finsternis; nun hat das Licht bei Ihm Eingang gefunden, und die beiden Mächte kämpfen nun um die Oberherrschaft. Beachtet die Worte des Apostels Paulus im siebenten Kapitel des Römerbriefs: ,,So finde ich in mir nun ein Gesetz, der ich will das Gute tun, daß mir das Böse anhanget. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern." Wie wird dieser Zustand der Dinge hervorgerufen? ,,Gott schied das Licht von der Finsternis." Die Finsternis ist an und für sich ruhig und bleibt ungestört; sobald aber der Herr Licht hineinsendet, so gibt es einen Kampf, denn eines stehet dem andern entgegen. Und dieser Kampf höret nimmer auf, bis der Gläubige völlig verklärt ist im Herrn. Findet nun eine Scheidung innerhalb des einzelnen Christen statt, so erfolgt auch äußerlich eine Scheidung. Sobald der Herr einem Menschen Licht schenkt, so strebt er, sich von der umgebenden Finsternis los zu machen; er will nichts mehr zu schaffen haben mit einer bloß weltlichen Frömmigkeit äußerlicher Formeln, denn ihm genügt von nun an nichts mehr, außer dem Evangelio von Christo, und er entzieht sich aller weltlichen Gesellschaft und allen leichtsinnigen Vergnügungen und sucht die Gemeinschaft der Heiligen, denn ,,wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder." Das Licht sammelt sich, und so auch die Finsternis. Was Gott geschieden hat, wollen wir nicht zu vereinigen suchen, sondern gleichwie Christus hinausging außer dem Lager und seine Schmach trug, so wollen auch wir ausgehen von den Gottlosen und ein heiliges Volk sein. Er war heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern ausgesondert; und gleich wie Er, sollen auch wir uns nicht dieser Welt gleichstellen, sondern alle Sünde verabscheuen und uns von den übrigen Menschen dadurch auszeichnen, daß wir unserm Meister ähnlich werden; denn wir sind geheiliget durch den Namen unsers Herrn Jesu Christi.

 

 

,,Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag."
1 Mose 1, 5.

War's schon im Anfang so? Teilten sich Licht und Finsternis in das Reich der Zeit schon am ersten Tag? So herrscht auch in meinen inneren Erfahrungen nicht immer des Mittags blendender Glanz, sondern ich muß mich gefaßt machen auf solche Zeiten, wo ich trauern muß über den Verlust meiner früheren Freuden, wo ich meinen Freund muß aufsuchen mitten in der Nacht. Und hierin stehe ich nicht allein, denn alle, die der Herr lieb hat, haben von je her singen müssen den zwiefachen Psalm des Gerichts und der Gnade, der Trübsal und der Erlösung, der Traurigkeit und der Wonne. Es gehört mit zu den Führungen der göttlichen Vorsehung, daß nicht aufhören soll Tag und Nacht, wie in der natürlichen, so auch in der geistigen Schöpfung, bis wir einkommen zum Land der Verheißung, von welchem geschrieben steht: ,,Und wird keine Nacht da sein." Was unser himmlischer Vater ordnet, ist gut und weise.

Nun, liebe Seele, was ist demnach für dich das beste? Vor allem lerne, dich zufrieden zu geben mit dieser göttlichen Anordnung, und laß dich mit Hiob willig finden, der du das Gute empfangen hast von der Hand des Herrn, auch das Böse anzunehmen. Danach siehe zu, wie du Anfang und Schluß des Tages, den Morgen und den Abend, dir zur Freude heiligest. Preise den Herrn dafür, wenn dir seine Freudensonne aufgeht, preise Ihn, wenn das abendliche Dunkel anbricht. Es ist eine erhabene Schönheit im Sonnenaufgang wie im Sonnenuntergang; singe davon und verherrliche den Herrn. Laß, der Nachtigall gleich, deinen Gesang zu jeder Stunde ertönen. Glaube, daß die Nacht nicht minder zum Segen ist, als der Tag. Der Gnadentau fällt reichlich während der Nacht des Leidens. Die Sterne der Verheißung strahlen herrlich inmitten der dunklen Stunden herben Schmerzes. Laß nicht von deinem Gottvertrauen unter dem Wechsel der Schickungen. Ist am Tage dein Losungswort: Arbeit, dann sei es in der Nacht: Wachsamkeit. Jede Stunde hat ihre Pflicht, fahre du in deinem Beruf fort als des Herrn Knecht, bis daß Er plötzlich erscheint in seiner Herrlichkeit. Meine Seele, es naht dein Abend: das Alter und der Tod; fürchte ihn nicht, denn er gehört mit zum Tag; und der Herr hat gesprochen: ,,Allezeit will ich über ihm halten."

 

 

,,Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag."
1 Mose 1, 5.

Der Abend war ,,Finsternis", und der Morgen war ,,Licht", und doch werden die beiden mit dem Namen zusammengefaßt, welcher dem Licht allein gegeben wurde. Das ist etwas auffallend, und dennoch findet in der geistlichen Erfahrung etwas ganz Ähnliches statt. In einem jeden Gläubigen ist Finsternis und Licht, und doch wird er nicht mehr ein Sünder genannt, obgleich Sünde in ihm ist; sondern er wird ein Heiliger genannt, weil er ein gewisses Maß von Heiligungskräften besitzt. Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke für diejenigen, welche über die Schwachheiten betrübt sind und fragen: ,,Kann ich ein Kind Gottes sein, solange noch soviel Finsternis in mir ist?" Ja; denn du hast deinen Namen, gerade wie der Tag, nicht vom Abend, sondern vom Morgen; und im Werke Gottes ist von dir gerade so die Rede, als ob du schon jetzt ebenso vollkommen heilig wärest, wie du es in einer Kürze wirklich sollst werden. Du wirst ein Kind des Lichts genannt, obgleich noch Finsternis in dir ist; du wirst nach dem benannt, was in Gottes Augen deine vorherrschende Eigenschaft bildet, weil es einmal die einzige herrschende Macht in dir sein wird. Erinnere dich, daß der Abend vorausgehen muß. Von Natur sind wir der Ordnung der Zeit nach zuerst Finsternis, und die Niedergeschlagenheit und Traurigkeit ist oft das erste in unsrer schmerzlichen Sündenerkenntnis und preßt uns in tiefer Demütigung den Schrei aus: ,,Gott, sei mir Sünder gnädig." Der Morgen kommt erst hintendrein, es dämmert, sobald die Gnade über die Natur mächtig wird. Es ist ein köstlicher Ausspruch, den John Bunyan tut: ,,Was zuletzt kommt, bleibet in Ewigkeit." Das, was das erste ist, muß zur rechten Zeit dem letzten Raum machen; aber nach dem letzten kommt nichts mehr. So also bist du wohl von Natur Finsternis, wenn du aber einmal im Herrn Licht wirst, so folgt kein Abend mehr; ,,deine Sonne wird nicht mehr untergehen." Der erste Tag in diesem Leben ist ein Abend und ein Morgen; aber der zweite Tag, da wir ewiglich bei Gott sein werden, wird ein Tag sein ohne Abend, ein einziger, heiliger, herrlicher, ewiger Sonnentag. Die Stadt Gottes ,,bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm."

 

 

,,Die Stimme Gottes, des Herrn, der im Garten ging, da der Tag kühl geworden war."
1 Mose 3, 8.

Meine Seele, da jetzt der Tag kühl geworden ist, so komm ein wenig in die Stille, und höre auf die Stimme deines Gottes. Er ist immer bereit, mit dir zu reden, wenn du bereit bist, auf Ihn zu hören. Wenn in deinem Umgang mit Ihm irgend eine Stockung eintritt, so liegt der Fehler nicht an Ihm, sondern ganz und gar nur an dir, denn Er stehet vor der Tür und klopfet an, und wenn die Seinen Ihm nur auftun wollen, so geht Er mit Freuden zu ihnen ein. Aber in was für einem Zustande befindet sich mein Herz, der Garten meines Herrn? Darf ich auch hoffen, daß er wohl gepflegt und begossen ist und Frucht bringt, wie es Ihm gefällt? Wenn nicht, dann hat Er viel zu tadeln; aber dennoch bitte ich Ihn, zu mir zu kommen, denn nichts bringt so sicher mein Herz in einen guten Zustand, als die Gegenwart der Sonne der Gerechtigkeit, die auf ihren Strahlen das Heil bringt. Darum komm, o Herr, mein Gott, meine Seele ladet Dich herzlich ein und harrt sehnsüchtig auf Dich. Komm zu mir, o Jesu, mein Vielgeliebter, und pflanze frische Blumen in meinen Garten, wie ich sie in größter Vollkommenheit blühen sehe in Deinem unvergleichlichen Gemüt! Komm, o mein Vater, der Du der rechte Gärtner bist, und tue mit mir nach Deiner Liebe und Weisheit! Komm, o Heiliger Geist, und besprenge mit Deinem Tau mein ganzes Wesen, gleichwie jetzt die Kräuter befeuchtet werden von Abendtau. O, daß Gott mit mir redete! Rede, Herr, denn Dein Knecht hört! Ach, daß Er doch mit mir wandelte; ich bin bereit, Ihm mein ganzes Herz und Gemüt hinzugeben, und jeder fremde Gedanke ist verbannt. Ich frage nur nach dem, was Er mir gern gibt. Ich weiß gewiß, daß Er sich zu mir herabläßt, und mir seinen Heiligen Geist schenkt zum ewigen Eigentum. Wie lieblich ist die Kühlung der Abenddämmerung, wenn jeder Stern wie ein Auge vom Himmel herniederblickt, und die kühlen Lüfte wie der Odem der himmlischen Liebe fächeln. Mein Vater, mein erstgeborner Bruder, mein sanfter Tröster, redet mit mir in Freundlichkeit und Liebe, denn Du, dreieiniger Gott, hast mir das Ohr geöffnet, und ich widerstrebe nicht; Du hast mich gerufen, und ich eile in Deine selige Nähe.

 

 

,,Abel ward ein Schäfer."
1 Mose 4, 2.

Abel heiligte seinen Beruf zur Verherrlichung des Herrn und brachte auf seinem Altar ein blutiges Opfer, und der Herr sah gnädiglich an Abel und sein Opfer. Dies früheste Vorbild auf unsern Herrn ist wunderbar klar und deutlich, es ist wie der erste Lichtstrahl, der bei Sonnenaufgang hervorbricht. Zwar offenbart er nicht alles, aber er verkündigt, daß die Sonne erscheint. In Abel, dem Hirten und Priester, der ein Opfer darbringt zum süßen Geruch dem Herrn, sehen wir vorgebildet unsern Herrn, der seinem Vater ein Opfer bringt, das Jehovah in alle Ewigkeit wohlgefällig ist. Abel wurde von seinem Bruder gehaßt, gehaßt ohne alle Ursache; das mußte auch der Heiland erfahren. Denn der natürliche und fleischliche Mensch haßt den Frommen, in welchem der Geist der Gnade erfunden wird, und ruhet nicht, bis daß er sein Blut vergossen hat. Abel kam um und besprengte Opfer und Altar mit seinem eignen Blut; und hierin bildet er ab den Herrn Jesum, den die Feindschaft der Menschen erwürgte, während Er als Priester vor dem Herrn stand. ,,Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe." Laßt uns über Ihn weinen, wenn wir sehen, wie der Haß der Menschenkinder Ihn zum Tode gebracht und die Hörner seines Altars mit seinem Blute befleckt hat. Abels Blut redet: ,,Der Herr sprach zu Kain: Die Stimme deines Bruders Bluts schreiet zu mir von der Erde." Das Blut Jesu hat eine mächtige Sprache, und es schreit nicht um Rache, sondern um Gnade. Köstlich ist's über alles, was köstlich ist, am Altar unsres guten Hirten zu stehen, zu sehen, wie Er dort blutet als ein geschlachteter Priester, und dann zu hören, wie sein Blut der ganzen Herde Friede verkündigt, Frieden im Gewissen, Frieden zwischen Juden und Heiden, Frieden zwischen dem Menschen und seinem beleidigten Schöpfer, Frieden für Zeit und Ewigkeit allen blutgewaschenen Menschen. Abel ist der erste Schafhirte nach der Zeit, aber unsre Herzen sollen den Herrn Jesum als den vornehmsten obenan setzen. Du großer Hüter Deiner Schafe, wir, das Volk Deiner Weide, preisen Dich von ganzem Herzen, denn du bist für uns geschlachtet. ,,Du bist mein treuer Seelenhirt Und bist für mich gestorben; Du hast mich, als ich war verirrt, Mit Deinem Blut erworben!"

 

 

,,Und der Herr schloß hinter ihm zu."
1 Mose 7, 16.

Noah ward eingeschlossen und abgeschlossen von der ganzen Welt durch die Hand der göttlichen Liebe. Die Pforte des erwählenden Vorsatzes stellt sich als Grenze zwischen uns und die Welt, die im Argen liegt. Wir sind nicht von der Welt, gleichwie unser Herr Jesus nicht von der Welt war. Wir können nicht teilnehmen an der Sünde, der Lust und dem eiteln Streben des großen Haufens; wir können nicht auf den Gassen der Stadt Eitelkeit mit den Kindern der Finsternis spielen, denn unser himmlischer Vater hat hinter uns zugeschlossen. Noah war in der Arche eingeschlossen mit seinem Gott. ,,Komm in den Kasten," heißt's nach einer genauern Übersetzung. Das war des Herrn Einladung, mit welcher Er deutlich zeigte, daß Er im Sinne hatte, bei seinem Knecht und dessen Familie in der Arche zu bleiben. O seliges Volk, das in demselben Raum mit eingeschlossen ist, wo die Dreieinigkeit Gottes in ihren drei Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist, wohnt. Wir wollen auch den gnadenvollen Ruf nicht unbeachtet an uns vorüber gehen lassen: ,,Gehe hin, mein Volk, in deine Kammer, und schließe die Tür nach dir zu; verbirg dich einen kleinen Augenblick bis der Zorn vorüber gehe." Noah war so eingeschlossen, daß ihn kein Übel erreichen konnte. Die Fluten hoben ihn nur himmelwärts, und die Stürme förderten ihn nur auf seiner Fahrt. Außer der Arche erlag alles dem Verderben, alles war eine große Verwüstung; inwendig aber war alles voller Ruhe und Frieden. Sind wir außer Christo, so müssen wir umkommen, aber in Jesu Christo sind wir völlig geborgen. Noah war so eingeschlossen, daß er nicht einmal wünschen konnte, herauszukommen, und so sind die, die in Christo Jesu sind, in Ihm geborgen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sie werden ewiglich nicht wieder von Ihm hinausgehen, denn die ewige Treue hat sie eingeschlossen, und die Bosheit der Hölle ist nicht imstande, sie herauszureißen. Der Fürst des Hauses David schließt zu und niemand tut auf; und wenn Er einst in den letzten Zeiten als Hausherr aufsteht und die Tür zuschließt, dann werden die bloß äußerlichen Bekenner umsonst anklopfen, und rufen: Herr, Herr, tue uns auf; denn dieselbe Tür, welche die fünf klugen Jungfrauen einschließt, schließt die Törichten aus für alle Ewigkeit. O Herr, so schließe doch hinter mir zu nach Deiner großen Gnade.

 

 

,,Die Taube fand nicht, da ihr Fuß ruhen konnte."
1 Mose 8, 9.

Liebe Seele, kannst du außer der Arche, die da ist Jesus Christus, Ruhe finden? Dann laß dir sagen, daß deine Frömmigkeit eitel ist. Bist du mit etwas Geringerem zufrieden, als mit einem klaren Bewußtsein deiner Vereinigung und Gemeinschaft mit Christo, dann wehe dir. Wenn du darauf Anspruch machst, ein Christ zu sein, und dennoch in weltlichen Vergnügungen und irdischen Genüssen volle Befriedigung finden kannst, dann ist dein Christenbekenntnis eine Lüge. Wenn sich deine Seele der Ruhe hingeben kann und das Bett lang genug und die Decke weit genug findet, um sich darein zu wickeln, und sich in den Kammern der Sünde wohl fühlt, dann bist du ein Heuchler und weit entfernt von jedem richtigen Verständnis der Würde und Köstlichkeit Christi. Sobald du dagegen fühlst, daß, wenn du dich ohne Furcht vor der Strafe der Sünde hingeben könntest, die Sünde an und für sich schon zur Pein für dich würde; daß, wenn du die ganze Welt besitzen, und ewig darin bleiben könntest, es für dich ein großes Unglück wäre, nicht aus derselben genommen zu werden; - weil dein Gott, ja, dein Gott es ist, nach dem deine Seele schmachtet: dann sei gutes Muts, dann bist du ein Kind Gottes. Trotz aller deiner Sünden und Mängel sei das dein Trost: wenn deine Seele keine Befriedigung findet in der Sünde, dann bist du nicht wie die Gottlosen! Wenn du noch nach etwas Besserem suchst und seufzest, dann hat dich Christus nicht verlassen, denn du hast Ihn noch nicht vergessen. Der Gläubige kann nicht leben ohne seinen Herrn; Worte sind nicht imstande auszudrücken, wie und was er von Ihm denkt. Wir können von dem Sande der Wüste nicht leben, wir bedürfen das Manna, das vom Himmel trieft; die Wasserschläuche unsres Vertrauens auf die Kreatur können uns keinen Tropfen der Erquickung bieten, sondern wir trinken aus dem Fels, der hinter uns hergeht, und der ist Christus. Wer Ihn zu seiner Speise wählt, kann singen: ,,Der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler." Wenn du Ihn aber nicht besitzest, so freuen dich deine überströmenden Weinfässer und deine wohlgefüllten Vorratshäuser nicht: vielmehr mußt du über sie klagen mit den Worten des weisen Predigers: Alles ist eitel, ja, alles ist eitel.

 

 

,,Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in den Kasten."
1 Mose 8, 9.

Ermüdet von ihren Irrzügen, kehrt die Taube zuletzt zurück zur Arche, als zu ihrer einzigen Ruhestätte. Wie müde fliegt sie, sie will sinken; ach, sie kann die Arche nicht mehr erreichen! Aber sie kämpft vorwärts. Noah hat den ganzen Tag den Blick nach seiner Taube in die Ferne gerichtet und erwartet sie, um sie hereinzunehmen. Sie hat gerade noch Kraft genug, um das äußerste Ende der Arche zu erreichen, kaum vermag sie den Fuß darauf zu setzen und stürzt beinahe hinunter. Da streckt Noah seine Hand aus und nimmt sie zu sich hinein. Beachte wohl: er ,,nahm sie zu sich." Sie flog nicht geradeswegs in die Arche; entweder war sie zu furchtsam ober zu müde dazu. Sie flog noch, so weit sie konnte, und dann tat er seine Hand heraus und nahm sie zu sich. Diese Barmherzigkeit widerfuhr der irrenden Taube, und sie ward nicht gescholten ob ihres Umherirrens. Gerade wie sie ankam, ward sie in die Arche aufgenommen. So wirst auch du, heilsbegieriger Sünder, trotz aller deiner Sünden aufgenommen. ,,Kehre wieder!" So spricht dein gnädiger Gott zu dir, und mehr verlangt Er nicht. - Nur ,,Kehre wieder" und sonst nichts mehr? - Nein, nur ,,Kehre wieder." Die Taube hatte diesmal noch keinen Ölzweig in ihrem Schnabel; sie brachte nichts zurück als sich selbst mit ihren Verirrungen. Aber es steht nur geschrieben: ,,Kehre wieder;" sie kommt zurück, und Noah nimmt sie zu sich. Fliege, du Irrender; fliege, du Ermattender, du Taube, ob du dich gleich vor Sünden so schwarz siehst wie einen Raben: zurück, zurück zu deinem Heiland! Jeder Augenblick, den du noch zögerst, vermehrt dein Elend; alle deine Versuche, deine Federn zu schmücken und dich für den Herrn Jesum vorzubereiten, sind umsonst. Komm zu Ihm, wie du bist. ,,Kehre wieder, o abtrünniges Israel." Es heißt nicht: ,,Kehre wieder, du reuiges Israel," obgleich auch diese Einladung ergeht, sondern: ,,du abtrünniges Israel;" komm als ein Abtrünniger mit all deinen Verirrungen. Kehre wieder! Kehre wieder! Kehre wieder! Jesus wartet auf dich! Er tut seine Hand heraus und ,,nimmt dich zu sich." ,,Suchest du die wahre Ruh', Wende dich dem Heiland zu."

 

 

,,Man soll meinen Bogen sehen in den Wolken."
1 Mose 9, 14.

Der Regenbogen, das Sinnbild des Bundes mit Noah, ist ein Vorbild auf unsern Herrn Jesum, welcher des Herrn Zeuge ist vor seinem Bundesvolk. Wenn des Sünders Gewissen von Wolken verfinstert wird, wenn er sich an seine vergangenen Sünden erinnert und vor Gott trauert und klagt, dann wird ihm Jesus Christus geoffenbart als der Regenbogen des Bundes, der alle herrlichen Farben des göttlichen Wesens zurückstrahlt und Frieden verheißt und bedeutet. Wenn den Gläubigen Trübsal und Versuchung umgibt, so ist's etwas außerordentlich Liebliches für ihn, daß er die Person unsres Herrn Jesu Christi betrachten darf, daß er schauen darf, wie Er für uns leidet, stirbt, aufersteht und vor dem Throne für uns bittet. Gottes Regenbogen ist ausgespannt über die Wolken unsrer Sünden, unsrer Schmerzen, unsrer Leiden, und verkündigt uns eine Erledigung. Nun gibt die Wolke für sich allein noch keinen Regenbogen, es müssen die klaren Regentropfen da sein, welche das Licht der Sonne zurückstrahlen. So müssen unsre Leiden uns nicht bloß ängstigen, sie müssen in wirklichen Tropfen auf uns fallen. Was hätte Christus uns helfen können, wenn die Strafe Gottes nur eine ängstigende, bedrohliche Wolke gewesen wäre? Die wirkliche Strafe mußte in furchtbaren Tropfen auf unsern Bürgen niederfallen. Wenn nicht eine wahre Sündenangst im Gewissen des Sünders ausbricht, ist Christus nicht für ihn vorhanden; wenn die Züchtigung, die er erfährt, nicht empfindlich wird, so kann er Jesum nicht sehen. Aber es muß auch eine Sonne vorhanden sein; denn Wolken und Tropfen geben keinen Regenbogen, wenn nicht die Sonne scheint. Geliebte, unser Gott, der unsre Sonne ist, scheint allezeit; aber wir sehen Ihn nicht immer, Wolken verbergen sein Antlitz. Aber was tut's, wenn noch so schwere Tropfen fallen und noch so schwarze Wolken drohen? wenn nur Er seine Strahlen scheinen läßt, so entsteht auf einmal ein Regenbogen. Man sagt, wenn wir den Regenbogen sehen, so sei das Gewitter vorüber. Gewiß ist, daß, wenn Christus uns erscheint, all unsre Leiden ein Ende haben; wenn wir zu Jesu emporblicken, so verschwinden unsre Sünden, und unsre Furcht und Zweifel weichen. Wenn der Herr Jesus auf den Wellen des Meeres wandelt, welch eine Ruhe herrscht dann!

 

 

,,Alsdann will ich gedenken an meinen Bund."
1 Mose 9, 15.

Achte wohl auf die Form der Verheißung. Gott spricht nicht: ,,Und wenn ihr meinen Bogen ansehet und gedenket an meinen Bund, so will ich die Erde nicht mehr verderben," sondern Er hat seine Gnade herrlich gegründet und gestellt nicht auf unser Gedächtnis, das schwankend und gebrechlich ist, sondern auf sein Gedächtnis, das unendlich und unbeweglich ist. ,,Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, daß ich ansehe, und gedenke an den ewigen Bund." O, nicht daß ich Gottes gedenke, sondern daß Gott meiner gedenkt, ist der Grund meiner Seligkeit; nicht daß ich mich an seinen Bund halte, sondern daß sein Bund mich hält, ist meines Heiles Gewißheit. Gelobt sei Gott! alle Schutzmauern der Erlösung sind festgestellt durch die göttliche Allmacht, und auch die kleineren Verteidigungstürme, von denen wir denken möchten, sie hätten wohl der menschlichen Obhut können übergeben werden, werden von der allmächtigen Kraft bewacht. Auch das Gedächtnis des Bundes wird nicht unsrer Erinnerung anvertraut, denn wir könnten ihn vergessen; unser Herr aber kann die Heiligen nicht vergessen, die Er in seine Hände gezeichnet hat. Es geht uns wie dem Volk Israel in Ägypten; das Blut war an die Oberschwelle und an die beiden Pfosten der Tür gestrichen; aber der Herr sprach nicht: ,,Wenn ihr das Blut sehet, will ich vorübergehen," sondern: ,,Wenn ich das Blut sehe, gehe ich vor euch über." Mein Aufblick zu Jesu bringt mir Frieden und Freude, aber daß Gott seinen Sohn Jesum ansieht, ist der Grund meines Heils und aller seiner Auserwählten, weil es Gott unmöglich ist, Christum, unsern blutigen Bürgen, anzusehen, und dennoch uns zu zürnen ob unsern Sünden, die in Ihm schon ihre Strafe empfangen haben. Nein, es bleibt nicht uns überlassen, ob wir selig werden; denn es ruhet nicht auf unserm Gedächtnis des Bundes. Hier ist kein halbleinenes Zeug, auch nicht ein einziger Faden menschlichen Erzeugnisses entwertet das Gewebe. Es ist nicht von Menschen, noch durch Menschen, sondern allein vom Herrn. Wir sollten des Bundes eingedenk sein und werden es auch durch Gottes Gnade; aber der Anker unsers Heils ist nicht hier befestigt , sondern der rechte Ankergrund ist, daß Gott unser eingedenk ist; und darum ist der Bund ein ewiger Bund.

 

 

,,Und Sara sprach: Gott hat mir ein Lachen zugerichtet, denn wer es hören wird, der wird meiner lachen."
1 Mose 21, 6.

Es ging weit über die Kräfte der Natur, ja, es war ganz gegen ihre Gesetze, daß die hochbetagte Sara noch sollte mit einem Sohne erfreut werden; und so ist's auch ganz dem gemeinen Lauf der Dinge entgegen, daß ich, ein armer, hilfloser, elender Sünder, soll die Gnade erlangen, in meiner Seele den inwohnenden Geist des Herrn Jesu mit mir herumzutragen. Ich, der ich einst verzweifelte - und ich hatte wohl Ursache dazu, denn meine Natur war so dürre und welk, so verödet und verflucht wie eine versengte Wüste - bin nun gewürdigt, Frucht zu bringen, daß ich heilig werde. Wohl mag mein Mund voll fröhlichen Lachens sein, um der seltenen, erstaunlichen Gnade willen, die ich vom Herrn empfangen habe, denn ich habe Jesum gefunden, den verheißenen Samen, und Er ist mein auf ewig. Heute will ich dem Herrn, der meine Niedrigkeit angesehen hat, Siegespsalmen singen und Ihn erheben in Lobgesängen, denn: ,,Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Horn ist erhöhet in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan über meine Feinde; denn ich freue mich Deines Heils."

 

Ich möchte gern, daß alle, die meine große Errettung von der Hölle und meine gnädige Heimsuchung von oben erfahren, mit mir vor Freude lachten. Ich möchte so gern mit meinem überschwenglichen Frieden die Meinigen freudig überraschen; ich möchte meine Freunde mit meiner stets wachsenden Glückseligkeit entzücken; ich möchte die Gemeinde der Heiligen mit meinem dankbaren Bekenntnis erbauen; und möchte selbst der Welt einen Eindruck von der Wonne meines täglichen Umgangs mit meinem Gott hinterlassen. Bunyan erzählt, daß Freundin Barmherzig im Schlafe gelacht habe; und was ist sich darüber zu verwundern, wenn sie im Traum den Herrn Jesum sah? Und meine Freude soll hinter der ihrigen nicht zurückstehen, weil mein Freund der Gegenstand meines täglichen Sinnens und Denkens ist. Der Herr Jesus ist ein tiefes Freudenmeer: meine Seele soll sich darein versenken, soll verschlungen werden von den Wogen der Wonne, die seine Nähe schwellt. Sara schaute auf ihren Sohn Isaak und lachte vor übergroßem Entzücken, und alle ihre Freundinnen lachten mit ihr. Und du, meine Seele, schaue hin auf Jesum, und fordere Himmel und Erde auf, sich mit dir zu freuen in unaussprechlicher Freude.

 

 

,,Isaak war ausgegangen, zu beten auf dem Felde um den Abend."
1 Mose 24, 63.

Isaaks Geschäft war ein köstliches Geschäft. Wenn Toren könnten Weisheit lernen, so würden sie im Beten und im Nachdenken über göttliche Dinge einen edlern Umgang und eine würdigere und fesselndere Beschäftigung finden, als in den Eitelkeiten, die jetzt solch einen unwiderstehlichen Zauber auf sie ausüben. Wären wir mehr in der Stille der Einsamkeit, wir würden in der Erkenntnis geförderter, in der Gnade reicher, im Umgang mit Gott seliger sein, als es ohne diese Einkehr in die Stille möglich ist. Die Sammlung des Gemüts verarbeitet die Geistesnahrung, die wir von außen empfangen haben, in uns und führt sie in Fleisch und Blut unsers innern Lebens über. Wenn Jesus der Gegenstand unsrer Betrachtung ist, ist das Nachdenken so süß. Isaak begegnete der Rebekka, als er betete; viele andre haben gerade auch beim Gebet ihre teuersten Geliebten gefunden. Die Wahl des Orts war herrlich. Auf dem Felde ist unser Gebetskämmerlein rings mit Sprüchen Gottes zur Erinnerung geschmückt. Von der Zeder bis zum Ysop, vom rauschenden Adler bis zur zirpenden Grille, vom blauen Himmelszelt bis zum Tau-Tropfen ist alles voller Lehren der Weisheit, und wenn das Auge göttlich erleuchtet wird, dann wird durch diesen Unterricht das Gemüt viel lebhafter angeregt, als durch geschriebene Bücher. Unsre engen Zimmer sind nicht so gesund, so heiter, so angenehm, so anregend, wie die freie Natur. Wir wollen nichts gemein oder unrein achten, sondern bedenken, daß alles Erschaffene auf den Schöpfer hinweist, und das Feld zur heiligen Stätte weiht.

 

Nicht minder lieblich war die Wahl der Zeit. Die Zeit des Untergangs der Sonne, wo sie den Schleier über die Welt zieht, gewährt der Seele jene Ruhe, da die erdgebornen Sorgen den Freuden der himmlischen Gemeinschaft Raum machen. Die Herrlichkeit des Sonnenuntergangs erregt unsre Bewunderung, und die feierlich heraufziehende Nacht erweckt unsre Ehrfurcht. Wenn des Tages Arbeit dir's gestattet, lieber Leser, so ist's gut, wenn du dich am Abend ein Stündchen im Freien ergehen kannst; ist's aber nicht möglich, so ist der Herr auch in der Stadt und will dir im stillen Kämmerlein, oder im Gewühl der wogenden Menge nahe sein. Laß dein Herz ausgehen und Ihn suchen.

 

 

,,Isaak wohnte bei dem Brunnen des Lebendigen und Sehenden."
1 Mose 25, 11.

Einst hatte Hagar hier Rettung gefunden, und Ismael hatte von dem Quell getrunken, welchen Gott, der Lebendige und Sehende, so gnädig gezeigt hatte; aber das war nur ein gelegentlicher Besuch gewesen, wie die Weltmenschen auch den Herrn suchen in Zeiten der Not, wo sie seiner Hilfe bedürfen. Sie schreien zu Ihm in Ängsten, aber sie vergessen Ihn, sobald es ihnen wieder gut geht. Isaak wohnte dort und machte den Brunnen des Lebendigen und Sehenden zur bleibenden Quelle seiner Hilfe. Die wesentlichste Seite im Leben eines Menschen ist seine Wohnung und die damit verbundene Lebensweise; und diese geben das wahrste Zeugnis von seinem geistigen Zustand. Vielleicht flößte die gnädige Hilfe, die Hagar hier erfahren hatte, dem Isaak Ehrfurcht ein und machte ihm die Stätte ehrwürdig; ihr geheimnisvoller Name machte sie ihm lieb; sein öfteres sinniges Verweilen am Brunnen zur Abendzeit machte, daß er sich hier heimisch fühlte; hier war er Rebekka zuerst begegnet, und das hatte ihm den Ort teuer gemacht; aber vor allem andern hatte er hier die Gemeinschaft des lebendigen Gottes erfahren, und das bestimmte ihn, diesen geheiligten Fleck zu seiner Wohnstätte zu wählen. Wir aber wollen lernen, vor dem Angesicht des lebendigen Gottes wandeln; wir wollen den Heiligen Geist bitten, daß wir heute und alle Tage fühlen möchten: ,,Du Gott siehest mich." Möchte der Herr Herr uns ein Brunnen sein, voller Wonne, voller Trost, voller Gewißheit, der in das ewige Leben quillt. Der Eimer des Geschöpfes erschöpft sich und zerbricht, aber der Brunnen des Schöpfers hat keinen Mangel; selig, wer beim lebendigen Brunnen wohnt und die reiche, unversiegliche Erquickung und Errettung bei sich hat. Der Herr ist ein rechter Helfer; sein Name ist: Wunder-Rat, Kraft-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; unsre Herzen haben sich oft in Ihm erquickt; durch Ihn hat unsre Seele den herrlichen Bräutigam gefunden, Jesum Christum; in Ihm leben und weben und sind wir; so wollen wir bleiben in seiner innigsten Gemeinschaft. Herr der Herrlichkeit, laß uns nimmermehr von Dir weichen, sondern wohnen bei dem Brunnen des Lebendigen! ,,Du Quell, draus alles Leben fließt, Du Born, der ew'ges Heil ergießt, Dein Nam' ist hehr und heilig."

 

 

,,Laban antwortete: Es ist nicht Sitte in unserm Lande, daß man die jüngste ausgebe vor der ältesten."
1 Mose 29, 26.

Wir wollen die Unehrenhaftigkeit Labans durchaus nicht entschuldigen, aber wir stehen nicht an, aus der Sitte, die er zu seiner Entschuldigung erwähnte, etwas für uns zu lernen. Es gibt manche Dinge, die in einer bestimmten Ordnung aufeinander folgen, und wollen wir das Zweite erlangen, so müssen wir uns zuvor das Erste sichern. Das Zweite ist in unsern Augen vielleicht lieblicher, aber der Grundsatz des himmlischen Reiches muß bestehen bleiben, und die älteste muß zuerst genommen werden. Es verlangen zum Beispiel manche Menschen die schöne und liebenswürdige Rahel der Freude und des Friedens im Glauben, aber zuvor müssen sie sich der zartäugigen Lea der Reue vermählen lassen. Ein jeder liebt die Glückseligkeit, und mancher möchte gern zweimal sieben Jahre dienen, um sie zu gewinnen; aber nach der Sitte im Reiche des Herrn muß die Lea wahrer Heiligung unsrer Seele lieb werden, ehe sie sich die Rahel wahrhafter Seligkeit zueignen darf. Der Himmel geht nicht voraus, sondern kommt hernach; und nur wer bis ans Ende beharrt, kann Teil an ihm erlangen. Erst muß das Kreuz getragen werden, ehe die Krone errungen wird. Wir müssen unserm Herrn in die Erniedrigung folgen, sonst können wir nie mit Ihm zur Herrlichkeit eingehen.

Meine Seele, was sagst du? Hegst du die eitle Hoffnung, das himmlische Gesetz zu durchbrechen? Erwartest du Lohn ohne Arbeit, Ehre ohne Mühe? Gib dem törichten Wahn den Abschied, und nimm gern die Widerwärtigkeit auf dich, um der süßen Liebe Jesu willen, die dir alles ersetzt. In diesem Geiste des Leidens und Tragens wird dir alles Bittere süß, alles Schwere leicht. Wie dem Erzvater Jakob werden dir deine Dienstjahre wie wenige kurze Tage vorkommen, um deiner Liebe zu Jesu willen; und wenn die ersehnte Stunde der Hochzeitsfreude erscheint, werden dir alle deine Mühsale erscheinen, als wären sie gar nicht da gewesen - eine Stunde der Nähe Jesu wiegt ein Leben der Mühe und Arbeit auf.

,,Drum will ich Jesu Joch gern auf mich nehmen,
Und mich zu seiner Last mit Lust bequemen;
Was du geglaubet hast, das wirst du sehen;
Wie du geglaubet hast, so wird's geschehen."

 

 

,,Du hast gesagt: Ich will dir wohl tun."
1 Mose 32, 12.

Als Jakob jenseits der Furt Jabbok war, und Esau ihm entgegenzog mit vierhundert Mann, da flehte er inbrünstig um den Schutz Gottes und hielt Gott seine Verheißung vor: ,,Du hast gesagt: Ich will dir wohl tun." Ach, welche Kraft liegt nicht in diesem flehen! Er hielt sich an die Zusage Gottes: ,,Du hast gesagt." Die Eigenschaft der Treue Gottes ist ein herrliches Horn an seinem Altar, an das wir uns anklammern können; aber die Verheißung, welche diese Treue und noch mehr dazu in sich begreift, ist noch ein mächtigerer Halt: ,,Du hast gesagt: Ich will dir wohl tun." Er hat es gesagt, sollte Er es nicht tun? ,,Das sei ferne! Es bleibe vielmehr also, daß Gott sei wahrhaftig, und alle Menschen falsch." Sollte Er nicht wahrhaftig sein? Sollte Er nicht halten, was Er verspricht? Steht denn nicht jedes Wort, das von seinem Munde kommt, unerschütterlich fest und muß sich erfüllen? Als Salomo den Tempel zu Jerusalem einweihte, stützte er sich auf denselben kräftigen Grund: er flehete zu Gott, Er wolle sein Wort lassen wahr werden, das Er seinem Knechte David geredet habe, und wolle sein Haus segnen. Wenn ein Mensch ein Versprechen gibt, so ist seine Ehre verpfändet; er unterzeichnet seinen Namen, und muß sein Wort lösen, wenn die gesetzte Frist kommt, sonst verliert er alles Zutrauen. Es wird nie heißen, daß Gott seine Zusagen nicht hält. Das Ansehen des Höchsten ist noch nie befleckt worden, und nie wird ein Makel darauf fallen. Er ist zuverlässig auf den bestimmten Augenblick, nie kommt Er vor der rechten Zeit, aber auch nie zu spät. Durchforsche Gottes Wort und prüfe es an den Erfahrungen seines Volkes, so wirst du Ihn in beidem pünktlich finden von Anfang bis zu Ende. Mancher silberhaarige Greis hat mit Josua den Seinen bezeugt: ,,Es fehlte nichts an allem Guten, das der Herr eurem Hause geredet hatte; es kam alles." Wenn du eine göttliche Verheißung hast, so brauchst du dich nicht mit einem ,,Wenn" darauf zu berufen; eigne sie dir an, als etwas unfehlbar Gewisses. Der Herr will alle Verheißungen erfüllen, Er hätte sie ja sonst nicht gegeben. Gott gibt uns sein Wort nicht bloß, um uns mit Hoffnungen hinzuhalten; sondern wenn Er redet, so will Er auch erfüllen, was Er verspricht.

 

 

,,Sie hieß ihn Benoni (Sohn der Schmerzen), aber sein Vater hieß ihn Benjamin (Sohn meiner Rechten)."
1 Mose 35, 18.

Jedes Ding hat seine Licht- und seine Schattenseite. Rahel ward überwältigt von den Schmerzen der Geburt und des Todes; Jakob beweinte den Verlust der Mutter, aber er sah in des Kindes Geburt eine große Gnade. Wohl uns, wenn unser Glaube an die Treue und Wahrhaftigkeit Gottes den Sieg davonträgt, während das Fleisch über die Trübsale trauert. Simsons Löwe gab ihm Honig, und so geht es uns auch mit unsern Widerwärtigkeiten, wenn wir sie richtig auffassen. Das stürmische Meer ernährt Völker mit seinen Fischen; der wilde Wald erblüht von tausend herrlichen Blumen; der ungestüme Wind weht den Gifthauch der Pestilenz von dannen, und der scharfe Frost des Winters lockert den Boden. Dunkle Wolken tragen glänzende Tropfen, und die schwarze Erde nährt die fröhlichsten Blütenteppiche. Eine edle Ader des Guten findet sich in jedem tiefen Schacht des Bösen. Traurige Herzen haben einen besonderen Scharfblick, um den unvorteilhaftesten Gesichtspunkt ausfindig zu machen, aus dem sie eine Trübsal betrachten können; gäbe es auch nur einen einzigen Sumpf in der Welt, so wären sie dennoch bald bis zum Nacken darin versunken, und schweifte nur ein einziger Löwe durch die Wüste, so würden sie ihn brüllen hören. Wir alle leiden an dieser unseligen Torheit, und zuweilen möchten wir mit Jakob ausrufen: ,,Es geht alles über mich." Des Glaubens Gang ist der, daß wir all unser Anliegen auf den Herrn werfen und dann aus den schlimmsten Begegnissen Gutes hoffen. Wie die Männer Gideons erschrickt er nicht über die zerbrochenen Krüge, sondern freut sich, daß nun die Fackeln umso stärker flammen. Aus der rauhen Austernschale des Unglücks holt er die seltene Perle der Ehre, und aus den tiefen Meereshöhlen der Traurigkeit hebt er die unschätzbare Koralle der Erfahrung. Wenn die Flut des Wohlergehens zurückweicht und die Ebbe folgt, dann findet er im Sande geheime Schätze; und wenn die Sonne der Wonne ihm untergeht, so richtet er das Fernrohr der Hoffnung auf die strahlenden Verheißungssterne des Himmels. Ja, wenn der Tod selber erscheint, so weist der Glaube hin auf die Leuchte der Auferstehung über dem Grabe und verwandelt so unsern sterbenden Benoni in einen lebendigen Benjamin.

 

 

,,Er ließ das Kleid in ihrer Hand, und floh, und lief zum Hause hinaus."
1 Mose 39, 12.

Im Kampf mit manchen Sünden bleibt uns keine andre Möglichkeit des Sieges, als daß wir fliehen. Die Naturforscher des Altertums schrieben mancherlei über den Basilisken, dessen Augen seine Opfer bezauberten, und sie ihm ohne Mühe zur Beute werden ließen; so stürzt uns schon der bloße Anblick des Bösen in große Gefahr. Wer sich hüten will vor Missetaten, muß jede Gelegenheit zur Sünde meiden und fliehen. Mache einen Bund mit deinen Augen, daß du mit keinem Blicke achtest auf den Anlaß zur Versuchung, denn solche Sünden bedürfen nur eines Funkens, so fangen sie an zu brennen und stehen im einem Augenblick in vollen Flammen. Wer möchte so verwegen sein und in die Verbannungszelle eines Aussätzigen gehen und sich zum Schlaf niederlegen inmitten des furchtbaren Verderbens? Nur wer selber begehren könnte, aussätzig zu werden, würde auf solche Weise um das Gift der Ansteckung buhlen. Wenn der Seemann wüßte, wie er dem Sturm entfliehen könnte, er würde eher alles aufbieten, bevor er sich der Gefahr aussetzte, mit ihm auf den Tod kämpfen zu müssen. Ein vorsichtiger Steuermann hat kein Verlangen, zu probieren, wie oft er eine Klippe streifen könne, ohne ein Leck ins Schiff zu bekommen; er bleibt am liebsten soviel als möglich mitten im sichern Fahrwasser.

Heute bin ich vielleicht einer großen Gefahr ausgesetzt; ich will Schlangenklugheit brauchen, mich ferne davon zu halten und ihr auszuweichen. Die Flügel der Taube können mir heute nützlicher sein, als die Klauen des Löwen. Freilich kann ich vielleicht etwas dabei einbüßen, wenn ich aller bösen Gesellschaft ausweichen will; aber besser, ich verliere den Rock, als daß ich die Seele aufs Spiel setze; daß ich reich werde, ist nicht notwendig, aber es ist mir befohlen, daß ich rein sein soll. Keine Bande der Freundschaft, keine Fesseln der Schönheit, kein blendendes Talent, keine Gefahr, lächerlich zu erscheinen, sollen mich von dem weisen Entschluß abbringen, vor der Sünde zu fliehen. Dem Teufel muß ich widerstehen, so flieht er vor mir, aber Fleischeslust muß ich fliehen, sonst überlistet sie mich. O, Du Gott der Heiligkeit, bewahre Deinen Joseph, damit Potiphars Weib ihn nicht mit ihrer schändlichen Zudringlichkeit umstricke. Mögen nie die furchtbaren verbündeten Mächte: Welt, Fleisch und Satan uns überwinden!

 

 

,,Die häßlichen und mageren Kühe fraßen die sieben schönen, fetten Kühe."
1 Mose 41, 4.

Pharaos Traum hat sich schon zu oft in den Erlebnissen meines wachenden Zustandes erfüllt. Meine Tage träger Ruhe haben alles, was ich in den Wochen emsigen Fleißes zustandegebracht hatte, schrecklich verwüstet; meine Zeiten frostiger Kühle haben die ganze belebende Glut meiner Begeisterung und meines Feuereifers zum Erstarren gebracht; und meine Anwandlungen weltlichen Sinnes haben mich aus den errungenen Fortschritten in einem göttlichen Leben wieder weit zurückgeschleudert. Ich erfuhr, wie nötig es sei, mich zu bewahren vor magern Gebeten, magern Lobliedern, magerm Gehorsam und magern Herzenserfahrungen; denn sie fressen das Fett meines Trostes und meines Friedens. Wenn ich das Gebet auch nur während der allerkürzesten Frist vernachlässige, so verliere ich alle geistige Frische, die ich schon erlangt habe; wenn ich nicht neue Vorräte vom Himmel beziehe, verzehrt sich das alte Korn meiner Scheune bald in der Hungersnot, die über meine Seele hereinbricht. Wenn die Raupen der Gleichgültigkeit, die Heuschrecken der Weltlust und die Blattläuse der Selbstgefälligkeit mein Herz ganz kahl und öde gemacht haben, und meine Seele darob anfängt zu welken, dann ist all mein früheres Gedeihen und Wachstum in der Gnade und all meine vorige Fruchtbarkeit in einem gottseligen Wesen umsonst. Wie sollte ich mich doch so ernstlich hüten vor den häßlichen, magern Tagen, vor den freßgierigen Stunden! Wenn ich Tag für Tag dem Ziel meiner Sehnsucht zueile, ich würde es bald, bald erreichen, aber häufige Verirrungen halten mich noch in weiter Ferne zurück von dem Preis meines erhabenen Berufs und berauben mich der Siegesfrüchte, die ich schon erkämpft hatte. Der einzige Weg, auf welchem alle meine Tage können zu ,,fetten Kühen" werden, ist der, daß ich sie auf die rechte Weide führe, daß ich sie zubringe in der Gemeinschaft des Herrn, in seinem Dienst, unter seinen Augen, in seiner Furcht und auf seinen Wegen. Warum sollte nicht jedes folgende Jahr reicher sein an Labung, Leben, Liebe, Lob und Lust? Ich bin den himmlischen Hügeln näher, und sollte darum meinem Herrn ähnlicher werden. O Herr, halte den Fluch der Häßlichkeit ferne von mir; gib, daß ich nicht ausrufen müsse: ,,Wie mager, wie mager, wehe mir!" sondern möge ich fett werden in Deinem Hause, damit ich Deinen Namen preise.

 

 

,,Ich höre, es sei in Ägypten Getreide feil"
1 Mose 42, 2.

Hungersnot drückte alle Völker, und es schien unvermeidlich, daß Jakob und seine Familie großen Mangel würden zu leiden haben; aber der Gott der Vorsehung, der nie die Kinder seiner erwählenden Liebe vergißt, hatte ein Vorratshaus gefüllt für sein Volk, indem Er die Ägypter auf die teure Zeit zuvor aufmerksam gemacht und sie veranlaßt hatte, das Korn der Jahre des Überflusses aufzubewahren. Kaum erwartete Jakob, daß ihm von Ägypten her Hilfe kommen werde, und doch war dort das Korn für ihn aufgespart. Liebe, gläubige Seele, obgleich scheinbar alles gegen dich ist, so bleibe versichert, daß Gott deinethalben Fürsorge getroffen hat; in dem Verzeichnis deiner Prüfungen ist eine Verfügung zu deiner Erlösung eingetragen. Irgendwie wird Er dich erretten und irgendwo für dich sorgen. Der Ort, woher dir deine Errettung kommt, mag dir ganz unerwartet sein; aber gewiß kommt dir in der äußersten Not die Hilfe noch zu rechter Zeit, und du wirst den Namen des Herrn preisen. Wenn dich die Menschen nicht mehr ernähren können, so bringen dir die Raben Speise; und wenn die Erde kein Brot mehr gibt, trieft das Manna vom Himmel. Darum sei gutes Mutes, und verlaß dich auf den Herrn. Gott kann machen, daß die Sonne im Westen aufgeht, wenn es Ihm also gefallen sollte; Er kann auch die Quelle der Traurigkeit zu einem Strom der Freude machen. Alles Korn Ägyptens war in den Händen des geliebten Joseph; er öffnete oder verschloß die Vorratshäuser nach seinem Willen. Und so sind die Schätze der Vorsehung unter der unumschränkten Macht unsers Herrn Jesu, welcher sie freigebig unter den Seinen verteilt. Joseph war mit Freuden bereit, seiner Familie Hilfe zu bringen; und so ist auch der Herr Jesus unermüdlich in seiner Fürsorge für seine Brüder. Unsre Aufgabe ist, da Hilfe zu suchen, wo wir sie finden können; wir dürfen nicht in Verzweiflung liegen bleiben, sondern wir müssen uns aufraffen. Das Gebet bringt uns bald vor das Angesicht unsers königlichen Bruders; stehen wir einmal vor seinem Thron, so brauchen wir nur zu bitten und zu empfangen; sein Vorrat erschöpft sich nicht; es ist Korns die Fülle vorhanden; sein Herz ist nicht hart, Er gibt uns das Korn gern. Herr, vergib uns unsern Unglauben!

 

 

,,Und wiewohl Joseph seine Brüder kannte, kannten sie ihn doch nicht."
1 Mose 42, 8.

Heute morgen stiegen unsre Wünsche zu Gott empor, daß wir in der Erkenntnis unsres Herrn Jesu wachsen möchten; und darum mag es sich heute abend wohl geziemen, ein verwandtes Bild zu betrachten, nämlich, wie unser himmlischer Joseph uns erkennt. Das war, gottlob! schon lange und aufs vollkommenste der Fall, ehe wir auch nur die geringste Ahnung von Ihm hatten. ,,Seine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und waren alle Tage auf sein Buch geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da war." Ehe wir noch ein Dasein in der Welt hatten, hatten wir eine Stätte in seinem Herzen. Da wir noch seine Feinde waren, erkannte Er uns, unser Elend, unsre Krankheit und unser Verderben. Da wir bitterlich weinten in verzweiflungsvoller Reue, und in Ihm nichts sahen als unsren strengen Richter und Rächer, da betrachtete Er uns als seine vielgeliebten Brüder, und sein Herz brannte gegen uns. ,,Der Herr kennet die Seinen," ist und bleibt ebenso wahr von den verlornen Söhnen, die die Schweine hüten, wie von den Kindern, die mit zu Tische sitzen.

Aber ach! wir kannten unsren königlichen Bruder nicht, und aus dieser Unkenntnis erwuchs ein Heer von himmelschreienden Sünden. Wir wandten unser Herz von Ihm ab, und gestatteten Ihm keinen Zugang zu unsrer Liebe. Wir waren mißtrauisch gegen Ihn und schenkten seinen Worten keinen Glauben. Wir empörten uns gegen Ihn, und verweigerten Ihm die Huldigung unsrer Liebe. Die Sonne der Gerechtigkeit schien, und wir konnten sie nicht sehen. Der Himmel stieg zur Erde herab, und die Erde begriff es nicht. Gott sei gelobt, diese Tage sind für uns vorüber; und doch ist selbst noch jetzt das, was wir von Jesu wissen, so winzig und gering im Vergleich mit dem, was der Herr Jesus von uns weiß. Wir haben erst angefangen, Ihn kennen zu lernen; Er aber kennt uns durch und durch. Es ist ein seliger Umstand, daß es bei Ihm nicht am Erkennen fehlt, denn sonst stünde es schlimm um uns. Er spricht zu uns nicht: ,,Ich habe euch nie erkannt," sondern Er bekennet unsre Namen am Tage seiner Erscheinung; und bis dahin will Er sich uns offenbaren, wie Er sich der Welt nicht offenbart.

 

 

,,Fürchte dich nicht, in Ägypten hinabzuziehen, denn daselbst will ich dich zum großen Volk machen. Ich will mit dir hinab in Ägypten ziehen und will auch dich herausführen."
1 Mose 46, 3. 4.

Jakob muß einen Schauder empfunden haben bei dem Gedanken, das Land der Wallfahrt seiner Väter verlassen und als Fremdling unter heidnischen Völkern wohnen zu müssen. Es war ein neuer Schauplatz, wo leicht Prüfungen auf ihn warten konnten: wer darf sich ohne Besorgnis unter die Höflinge eines fremden Königreichs wagen? Dennoch war sichtbarlich dieser Weg für ihn bestimmt, und darum entschloß er sich dazu. Dies ist häufig auch die Lage gläubiger Seelen in unsren Tagen; sie werden in Gefahren und Versuchungen hineingestellt, in denen sie noch ganz unerfahren sind. In solchen Zeiten mögen sie Jakob zum Vorbild nehmen und Gott ein Opfer des Gebets darbringen und um seine Leitung und Führung flehen. Sie sollen keinen Fuß regen, bis daß sie auf den Herrn geharrt haben, um seinen Segen zu empfangen; denn alsdann werden sie Jakobs Begleiter auch zu ihrem Freund und Helfer haben. Wie köstlich, wenn wir die Versicherung haben, daß der Herr mit uns ist auf allen unsren Wegen und sich zu uns herabneigt, um mit uns durch alle Schmach und Verfolgung zu gehen! Unsres Vaters Liebe strahlt auch jenseits der Meere wie die Sonne in ihrer Kraft. Wir können nicht schwanken, uns dahin zu wenden, wo Jehovah uns seine Gegenwart verheißt; selbst das Tal der Todesschatten erglänzt von den Strahlen dieser Zuversicht. Wenn die Gläubigen im Glauben an ihren Gott vorwärts ziehen, so wird sich Jakobs Verheißung an ihnen erfüllen. Er wird sie wieder heraus führen, sei es aus den Trübsalen des Lebens, sei es aus den Kammern des Todes. Jakobs Same kam zur vorversehenen Zeit aus Ägypten, und so werden auch alle Getreuen unversehrt durch die Trübsale des Lebens und die Schrecken des Todes geleitet. Lasset uns Gott vertrauen wie Jakob. ,,Fürchte dich nicht!" Die göttliche Begleitung und Beschützung verbieten auch die leiseste Furcht des Unglaubens. Ohne unsren Gott einen einzigen Schritt zu wagen, davor sollten wir uns fürchten; aber wenn Er uns gehen heißt, so wäre es gefährlich für uns, zu verziehen. Mein Lieber, mutig voran! Fürchte dich nicht!

 

 

,,Es bleibt doch sein Bogen fest und die Arme seiner Hände stark, durch die Hände des Mächtigen in Jakob."
1 Mose 49, 24.

Jene Kraft, welche Gott seinen Lieblingskindern schenkt, ist wirkliche Kraft; es ist nicht eine prahlerische Scheinmacht ohne innern Gehalt, ein Schaustück, davon die Menschen reden und das doch zuletzt in Rauch aufgeht; es ist wahre, göttliche Kraft. Warum vermag Joseph der Versuchung zu widerstehen? Weil Gott ihm beisteht. Es gibt nichts, was wir ohne Gottes Macht vollbringen könnten. Alle wahre Kraft kommt von dem ,,Mächtigen in Jakob." Achte darauf, auf wie selige, vertrauliche Art Gott Joseph Stärke gibt: ,,Es bleiben die Arme seiner Hände stark, durch die Hände des Mächtigen in Jakob." Hier stellt sich uns in einem anschaulichen Bilde dar, wie Gott gleichsam mit seinen Händen Josephs Hände faßt, und seine Arme auf Josephs Arme legt. Gleichwie ein Vater seine Kinder lehrt, so unterweist der Herr die, so Ihn fürchten. Er schlingt seine Arme um sie. O Wunder der Herablassung! Gott, der Allmächtige, Ewige, Allvermögende, steigt von seinem Thron hernieder und legt seine Hand auf seines Kindes Hand, und ergreift mit seinem Arm Josephs Arm, damit Er ihn stärke! Diese Kraft entstammt zugleich dem Bunde, ist eine Bundes-Macht, denn sie wird dem ,,Mächtigen in Jakob" zugeschrieben. Wo man aber im Worte Gottes von dem Gott Jakobs liest, hat man an den Bund mit Jakob zu denken. O, wir Christen reden und sinnen so gern über den Bund Gottes. Alle Kraft, alles Vermögen, alle Gnade, aller Segen, alle Freude, aller Trost, kurz, alles, was wir haben, strömt uns aus dem Urquell zu durch den Bund. Wenn es keinen Bund gäbe, wahrlich, dann wär's um uns geschehen; denn alle Gnadengaben gehen von Ihm aus, wie Licht und Wärme von der Sonne. Kein Engel steigt hinauf oder herunter anders, als auf der Leiter, die Jakob sah, und auf deren Spitze der Bundesgott, Jehovah, stand. Lieber Christ, obwohl vielleicht die Schützen dich erzürnen und wider dich kriegen und dich verfolgen, so bleibt doch dein Bogen fest, und die Arme deiner Hände stark, durch die Hände des Mächtigen in Jakob. Darum sei getrost, und gib dem Gott Jakobs allein die Ehre.

,,Herr, bleibe Du beständig
So bleib' ich stets lebendig,
Mit Deiner Kraft in mir,
So reißt mich nichts von Dir!"

 

 

,,Ich habe ihr Leid erkannt."
2 Mose 3, 7.

Ein Kind ist vergnügt, wenn es singt: ,,Es ist dem Vater wohlbekannt;" und sollen nicht auch wir getrost sein, wenn wir entdecken, daß unser teurer Freund und Seelen-Bräutigam alles weiß, wie es mit uns steht?

1) Er ist der Arzt, und wenn Er alles weiß, so ist es nicht nötig, daß es der Kranke auch weiß. Still, du verzagtes, wankelmütiges Herz, das bald weint, bald betet, bald zweifelt! Was du jetzt nicht weißt, wirst du hernach erfahren, und vor der Hand kennt Jesus, der geliebte Arzt, die Leiden deiner Seele. Was braucht doch der Kranke zu wissen, wie seine Heilmittel zusammengesetzt sind, oder was braucht er die Krankheitserscheinungen zu verfolgen? Das ist Sache des Arztes und geht mich nichts an, weil ich es nicht verstehe. An mir ist es, Vertrauen zu Ihm zu haben, und an Ihm, mir mein Verhalten vorzuschreiben. Ich bin überzeugt, daß alles zu einem guten Ende führt, wie seltsam auch sein Verfahren sei.

2) Er ist der Meister, und sein Wissen muß unsern Mangel an Kenntnissen ersetzen; wir haben nur zu gehorchen und nicht zu urteilen. ,,Ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut." Hat ein Baumeister nötig, jedem Handlanger die Bedeutung seines Entwurfes in allen Einzelheiten auseinander zu setzen? Der Ton auf der Töpferscheibe kann nicht sagen, welche Gestalt ihm soll gegeben werden; wenn nur der Töpfer sein Handwerk versteht, was kümmert ihn doch die Unwissenheit des Tons? Mein Herr darf von einem so unwissenden Geschöpf, wie ich, nicht durch allerlei Kreuz- und Querfragen belästigt werden.

3) Er ist das Haupt; alle Weisheit reinigt sich in Ihm. Was weiß der Arm zu überlegen, was begreift der Fuß? Alle Macht des Erkennens und Wissens liegt im Haupt. Wozu hätten die Glieder ein besonderes Hirn nötig, wenn das Haupt alles Denken für sie verrichtet? Darin also muß der Gläubige in seinem Leiden seinen ganzen Trost suchen, daß Jesus alles weiß und voraussieht, wenn er selber auch nicht weiß, was es mit ihm für ein Ende nimmt. Teurer Herr Jesus, sei Du allezeit Auge und Seele und Haupt für uns, und gib, daß wir zufrieden sind mit der Erkenntnis dessen, was Du für gut findest, uns zu offenbaren.

 

 

,,Aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe."
2 Mose 7, 12.

Die vorliegende Geschichte ist ein lehrreiches Sinnbild von dem gewissen Siege der göttlichen Führungen über alle Hindernisse. Wo auch immer ein göttlicher Funke in ein Herz fällt, so muß er, so gewiß als Gott in der Sache ist, zum gewaltigen Feuer anschwellen, das alle Feinde verzehrt, obgleich der Satan sich entgegenstellt und ganze Heere von Widersachern dagegen herausführt. Wenn die göttliche Gnade einen Menschen in Besitz nimmt, so können die Zauberer der Weltlust alle ihre Stäbe zu Boden werfen, und jeder Stab mag ebenso gefährlich und giftig sein wie eine Schlange; dennoch wird Aarons Stab alle ihre Stäbe verschlingen. Die lieblichen Schönheiten des Kreuzes freien und werben um das menschliche Herz, und wer zuvor nur für diese betrügliche Erde gelebt hat, gewinnt jetzt Freude an den höhern Dingen, und empfängt Flügel, mit denen er sich in die Höhen der Verklärung emporschwingt. Wenn die Gnade den Sieg errungen hat, dann sucht der frühere Weltmensch die zukünftige Welt. Welcher Menge von Feinden muß unser Leben die Spitze bieten! Unsre alten Sünden - der Teufel hat diese Stäbe vor uns auf den Boden geworfen, und sie sind zu Schlangen geworden. Wie ist ihrer eine so große Menge! Aber siehe, das Kreuz Christi verschlingt sie alle. Der Glaube an Christum bricht allen unsren Sünden bald das Genick. Danach hat der Teufel ein andres Heer von Schlangen hervorgezaubert, unter der Gestalt von weltlichen Trübsalen, Versuchungen, Zweifeln; aber der Glaube an Jesum ist ihnen weit überlegen und überwindet sie alle. Die gleiche vernichtende Kraft leuchtet hervor aus einem gläubigen Gottesdienst; mit einer innigen Liebe zu Jesu überwältigt man Schwierigkeiten, Opfer werden uns zu Freuden, Leiden zu Herrlichkeiten. Wenn aber die wahre Gottesfurcht zu einer alles verzehrenden Begeisterung werden muß, dann gibt es viele, welche Gott mit dem Munde bekennen, Ihn aber nicht im Herzen haben; denn das, was sie haben, trägt dieses Siegel nicht. Prüfe dich hierüber, liebe Seele. Aarons Stab bewährte seine himmelentstammte Kraft. Tut das deine Frömmigkeit auch? Ist dir Christus etwas, so muß Er dir alles sein. Ach, gönne dir keine Ruhe, bis Liebe und Glaube an deinen Herrn die herrschenden Begierden deines Herzens geworden sind.

 

 

,,Allein, daß ihr nicht ferner zieht."
2 Mose 8, 24.

Das ist ein listiges Wort, dies Wort aus dem Munde des Erz-Tyrannen Pharao. Wenn die armen, geknechteten und unterdrückten Israeliten notwendig außer Landes ziehen müssen, dann marktet er mit ihnen, die Reise solle nicht weit hinweg gehen; nicht so weit, daß sie der Furcht vor seinem gewaltigen Heere entfliehen oder der Beobachtung seiner Kundschafter sich entziehen könnten. Ganz nach derselben Weise hat's die Welt nicht gern, wenn man sich ihr nicht gleichstellen will, wenn man sich in Wort und Wandel, in Gesinnung und Gesittung von ihr unterscheidet; sie möchte gern freundlich mit uns tun und es nicht mit uns verderben durch eine zu harte Hand. Der Welt absterben, mit Christo begraben werden in den Tod, das sind Erfahrungen, die der fleischliche Sinn lächerlich findet und zu Spott macht; und darum wird das redliche Streben derer, die sich nach Christi Befehl und Willen richten und Ihm aufrichtig nachfolgen wollen, fast allgemein verkannt und selbst verdammt, und wenige sind, die's noch ernst damit nehmen. Die Klugheit der Welt empfiehlt den Weg der Mäßigung und redet von ,,Vermittlung." Nach der Meinung dieser fleischlichen Weisheit wird zugegeben, daß Sittenreinheit etwas sehr Wünschenswertes sei; aber wir werden gewarnt, es damit nicht zu ernst zu nehmen; Wahrheit sei ohne Zweifel ein edles Ziel, aber Zweifel solle man nicht zu strenge richten, und Irrtümer seien ohnedies nicht zu vermeiden. ,,Ja," spricht die Welt, ,,seid allerdings geistlich gesinnt, aber versagt euch nicht ganz alle muntere Gesellschaft, einen Tanz in Ehren oder eine schöne Oper. Was nützt's, eine Sache so zu verschreien, die doch so sehr zum guten Ton gehört und die alle Welt mitmacht?" Scharen von Christus-Bekennern geben diesen schlauen Vorstellungen nach, zu ihrem ewigen Verderben. Wenn wir dem Herrn ganz nachfolgen wollen, so müssen wir in die Wüste der Entsagung fliehen und das Ägypten der fleischlichen Welt hinter uns zurücklassen. Wir müssen ihren Grundsätzen, ihren Freuden, ihrer lauen Frömmigkeit den Abschied geben und weit hinwegziehen an die Stätte, wohin der Herr seine Geheiligten beruft. Je weiter weg von der Natter, desto besser. Allen wahren Gläubigen verkündet der Posaunenschall: ,,Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden."

 

 

,,Stehet still, und sehet zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird."
2 Mose 14, 13.

In diesen Worten ist Gottes Befehl an den Gläubigen enthalten, wenn er in schwere Kämpfe verflochten wird und in außerordentlich schwierige Lagen gerät. Er kann nicht zurück, er kann nicht vorwärts, links und rechts ist er eingeschlossen; was soll er nun machen? Des Meisters Wort an ihn lautet: ,,Stehe still." Es ist gut für ihn, wenn er in solchen Zeiten nur auf seines Meisters Worte hört, denn es kommen andre und schlimme Ratgeber genug mit ihren eiteln Anschlägen. Die Verzweiflung flüstert ihm zu: ,,Leg' dich hin und stirb; gib alles verloren." Aber Gott will, daß wir fröhlichen Mut fassen, und uns auch in den schlimmsten Zeiten seiner Liebe und Treue freuen. Die Feigheit redet uns ein: ,,Kehre um; du kannst doch dein Glaubensleben nicht durchführen, es fällt dir zu schwer." Aber wie sehr auch der Satan dich mit seinem fluchwürdigen Beginnen in die Enge treibt, so kannst du ihm doch nicht folgen, wenn du ein wahres Gotteskind bist. Deines Gottes göttliches ,,Werde" heißt dich täglich zunehmen in seiner Kraft, und du erhältst auch einen Sieg nach dem andern, und weder Tod noch Hölle darf dich von deinem Siegeslauf abwendig machen. Und ob du auch eine kleine Weile berufen wirst stille zu stehen, so geschieht dies nur, damit du gestärkt und mit neuen Kräften ausgerüstet werdest, auf daß du seiner Zeit aufs neue siegreich fortfahrest in deinem Lauf. Die Übereilung ruft dir zu: ,,Tue doch etwas. Nimm einen rechten Anlauf; stille stehen und warten ist ein unnützer Verlust." Wir müssen einmal etwas tun, und wir müssen die Hand regen, meinen wir; statt daß wir auf den Herrn sehen, der nicht nur etwas, sondern der alles tun will. Die eitle Einbildung prahlt: ,,Wenn das Meer vor dir ist, so gehe nur mutig hinein, und harre auf das Wunder, das geschehen wird." Aber der Glaube hört weder auf die Einbildung, noch auf die Verzweiflung, weder auf die Feigheit, noch auf die Übereilung, sondern hört auf Gottes Wort und Befehl: ,,Stehe still;" und bleibt unbeweglich wie ein Fels. ,,Stehe still;" halte dich aufrecht wie ein Mann, zur Tat bereit, der weiterer Winke gewärtig ist, und geduldig und getrost auf die leitende Stimme achtet; und es geht nicht mehr lange, so wird Gott zu dir sprechen, wie einst Moses sprach zum Volke Israel: ,,Ziehe weiter."

 

 

,,Sie sammelten aber Man alle Morgen."
2 Mose 16, 21.

Trachte danach, daß du das Gefühl deiner gänzlichen Abhängigkeit von des Herrn Wohlwollen und Wohlgefallen zur steten Erneuerung deiner reichsten Freude wach erhaltest. Laß dir nie einfallen, vom alten Manna leben zu wollen, noch sehne dich nach Hilfe von dem Ägypten dieser Welt. Alles muß von Jesu kommen, sonst bist du in Ewigkeit verloren. Ein altes Salböl ist nicht imstande, dir die rechte Salbung des Geistes zu gewähren; dein Haupt bedarf frisches Öl, das darauf muß ausgegossen werden aus dem goldenen Horn des Heiligtums, sonst geht es aller Herrlichkeit verlustig. Heute bist du vielleicht auf dem Gipfel des Berges Gottes, aber der dich dorthin gebracht hat, muß dich auch dort erhalten und bewahren, sonst sinkst du schneller wieder zurück, als du dir nur träumen lässest. Dein Berg steht nur dann fest, wenn Er ihn auf der richtigen Stelle gründet; verbirgt Er aber sein Antlitz, so wirst du bald von Trübsal getroffen werden. Wenn der Heiland sieht, daß es zu deinem Besten notwendig ist, so gibt's kein Fenster, durch welches du das Blau des Himmels erblickst, daß Er nicht im Augenblick verdunkeln kann. Josua hieß die Sonne stille stellen, aber Jesus kann sie in dickste Finsternis verwandeln. Er kann deinem Herzen jeden Freudenstrahl entziehen, deinem Auge jeden Lichtblick, deinem Leben jede Kraft und Regung; in seiner Hand allein liegt all dein Trost, und auf seinen Wink entschwindet er dir. Der Herr will mit Absicht, daß wir diese stündliche Abhängigkeit von Ihm fühlen und erkennen, denn Er allein ist's, der uns gestattet zu bitten um ,,unser tägliches Brot," und Er allein verheißt, ,,daß unser Alter sei wie unsre Jugend." Ist's nicht am allerbesten für uns, daß es so ist, auf daß wir recht oft vor seinem Gnadenthron erscheinen, und beständig erinnert werden an seine Liebe? O, wie reich ist doch die Gnade, die so unaufhörlich darreicht, und sich nicht vor unsrer Undankbarkeit verbirgt! Der goldene Regen höret nimmer auf, die Segenswolke schwebt allezeit über unsrer Wohnung. O Herr Jesu, wir werfen uns vor Dir nieder und bekennen, daß wir untüchtig sind ohne Dich zu allem Guten, und bei jedem Gnadengeschenk, das Du uns gibst, beten wir Deinen heiligen Namen an und preisen Deine unerschöpfliche Liebe, die uns mit dem besten Weizen speiset, und mit Honig aus dem Felsen sättiget.

 

 

,,Also blieben seine Hände steif, bis die Sonne unterging."
2 Mose 17, 12.

So kräftig und gewaltig war das Gebet Moses, daß alles davon abhing. Die Bitten Moses schlugen dem Feind empfindlichere Wunden, als die Waffen Josuas. Und doch waren beide notwendig. So müssen im Kampf der Seele Mut und Inbrunst, Entschiedenheit und Ergebung, Tapferkeit und Treue ihre Kraft vereinen; dann geht alles gut. Du mußt mit deiner Sünde ringen, aber die Hauptsache in diesem Ringkampfe muß mit Gott allein durchgerungen sein. Das Gebet erhebt, wie einst Moses, das Zeugnis des Bundes, ,,den Stab Gottes," vor dem Herrn. Der Stab war das Sinnbild und Pfand, daß Gott mit Mose sein wolle; das Zeichen, daß Gott das Reich habe in Israel. Lerne, du geheiligte, betende Seele, die Verheißung und den Eid Gottes in deinen Händen hoch emporheben vor Ihm, und empfange, was dein Herz wünscht. Der Herr kann seine eignen Zusagen nicht aufheben.

Mose ward müde, und da standen ihm seine Freunde bei. Wenn je einmal dein Gebet ermattet, so laß den Glauben die eine Hand und die heilige Hoffnung die andre unterhalten, und das Gebet stütze sich auf den Stein Israels, den Fels unsres Heils, so wird es ausharren und überwinden. Gott bewahre uns vor der Ermattung im Gebet! Wenn Mose ihr nicht entging, wer wird ihr entrinnen? Es ist weit leichter, im offenen Kampf wider die Sünde zu stehen, als sie im stillen zu bekämpfen. Es ist wohl zu beachten, daß Josua im Streit nicht müde ward; Mose aber wurden die Hände schwer im Gebet. Je mehr eine Anstrengung den Geist in Anspruch nimmt, umso schwerer wird es für Fleisch und Blut, darin auszuharren. Darum laß uns um besondre Stärkung bitten, und möge der Geist Gottes, der unsrer Schwachheit aufhilft, uns wie einst Mose, dem Er auch Hilfe gewährte, tüchtig machen, daß unsre Hände steif bleiben, bis daß die Sonne untergeht. Nur von Zeit zu Zeit flehen, fruchtet wenig; wir müssen die ganze Nacht hindurch mit Gott ringen und unsre Hände aufheben, ,,bis die Sonne untergeht," bis der Abend unsres Lebens vorüber ist, bis wir zum Aufgang einer besseren Sonne gelangen in einem Lande, wo das Gebet aufgeht in Preis und Dank.

 

 

,,Wo du mit deinem Messer darüber fährst, so wirst du ihn entweihen."
2 Mose 20, 25.

Gottes Altar mußte aus unbehauenen Steinen errichtet werden, damit keine Spur menschlicher Sorgfalt und menschlicher Arbeit daran sichtbar sei. Die menschliche Weisheit ist darauf erpicht, die Lehre vom Evangelium des Kreuzes in eine künstlichere Fassung zu bringen und zusammenzuordnen, damit sie dem entarteten Geschmack der gefallenen Natur glätter eingehe; aber statt daß die fleischliche Weisheit das Evangelium zu verbessern vermöchte, entweiht sie es nur und macht ein andres Evangelium daraus und weicht von der Wahrheit Gottes ganz und gar ab. Alle Veränderungen und sogenannte Verbesserungen am Worte des Herrn sind nichts als Verunstaltungen und Entweihungen. Das stolze menschliche Herz ist gar geschäftig, seine Hand mit darin zu haben bei der Rechtfertigung der Seele vor Gott; da träumt man von Vorbereitung auf Christum, da vertraut man auf Gefühle der Demut und Reue, da beruft man sich auf gute Werke, da wird groß Aufhebens gemacht von der natürlichen Begabung, und so wird auf alle Weise versucht, mit dem menschlichen Messer über den göttlichen Altar zu fahren. Es wäre gut, wenn die Sünder bedächten, daß ihr fleischlicher selbsterwählter Hort, weit entfernt, des Heilandes Werk zu vervollkommnen, es nur entehren und entweihen kann. Der Herr allein muß im Versöhnungswerk erhöht werden und auch nicht eine einzige Spur eines menschlichen Hammers oder Meißels darf geduldet werden. Es ist eine Gotteslästerung, wenn man sucht, etwas hinzuzutun zu dem, was Christus in seinem Sterben als ,,vollbracht" bezeugt hat, oder das zu verbessern, woran der Herr völliges Wohlgefallen hat. Zitternder Sünder, hinweg mit deinem Messer, und falle in demütiger Anbetung nieder; und nimm den Herrn Jesum an als den Altar deiner Versöhnung, und verlaß dich allein auf Ihn. Manche Gläubige mögen sich das heutige Schriftwort zu einem Warnungsruf dienen lassen. Unter Christen ist viel zu sehr die Neigung herrschend, die Offenbarungswahrheiten zu schroten und zu schlichten; das ist Anmaßung und Unglaube; kämpfen wir dagegen; nehmen wir die Wahrheit so auf, wie sie uns geboten wird; und freuen wir uns dessen, daß die Lehren der Heiligen Schrift unbehauene Steine und umso mehr geeignet sind, den Altar des Herrn zu erbauen.

 

 

,,Wenn ein Feuer aufkommt und ergreift die Dornen, und verbrennt die Garben oder Getreide, das noch steht, oder den Acker: so soll der wieder erstatten, der das Feuer angezündet hat."
2 Mose 22, 6.

Aber was kann der wiedererstatten, der die Feuerbrände des Irrtums oder die feurige Glut des Leichtsinns umherstreut und die Menschenseelen mit höllischem Feuer in Brand steckt? Solches Verschulden ist unermeßlich, und die Folge ist ein unwiederbringlicher Verlust. Wenn ein solcher Missetäter Vergebung empfängt, welchen Kummer muß es ihm machen, wenn er auf seine Vergangenheit zurückblickt und erkennen muß, wie er das Unglück, das er angerichtet hat, nie wieder gut machen kann! Ein böses Beispiel kann eine Flamme anfachen, welche Jahre eines bußfertigen Wandels nicht wieder auszulöschen vermögen. Eines Menschen Nahrung zu verbrennen, ist arg genug, aber wieviel ärger, wenn man seiner Seele Mordbrenner wird! Es mag segensreich für uns sein, wenn wir darüber nachdenken, wie weit wir in frühern Tagen uns hierin versündigt haben, und wenn wir weiter fragen, ob uns vielleicht noch jetzt allerlei Böses anhafte, das den Seelen unsrer Angehörigen Schaden bringen könnte.

Das Feuer der Streitsucht ist ein furchtbares Unglück, wenn es eine christliche Gemeinde verheert. Wo die Zahl der Bekehrten wächst und Gott verherrlicht wird, betreiben Eifersucht und Neid die Arbeit des Teufels gar eifrig und wirksam. Wo die goldnen Garben eingesammelt werden, um die schwere Arbeit des großen Boas zu belohnen, da bricht das Feuer der Zwietracht aus und läßt wenig andres übrig als Rauch und Ruß und ein Häuflein Asche. Wehe denen, durch welche das Ärgernis kommt. Ach, daß doch solches Unheil nie durch uns veranlaßt werde; denn obgleich wir nichts wieder gut machen können, so müssen wir doch am meisten darunter leiden, wenn wir die Hauptanstifter sind. Wer das Feuer ernährt, verdient gerechte Strafe; wer es aber anzündet, hat die größere Schuld. Die Zwietracht ergreift zuerst die Dornen; es wird genährt bei den Heuchlern und unlautern Bekennern in der Gemeinde, und angefacht von dem Wehen der Hölle, erfaßt es auch die Rechtschaffenen und Aufrichtigen, und wer weiß, was das für ein Ende nimmt. O du Herr und Heiland des Friedens, mache uns zu Friedfertigen.

 

 

,,Öl zur Lampe."
2 Mose 25, 6.

Meine Seele, wie sehr hast du Öl nötig, denn ohne Öl wird deine Lampe nicht mehr lange brennen. Dein Docht wird rauchen und übeln Geruch verbreiten, wenn dein Licht ausgeht; und ausgehen wird's, wenn's an Öl gebricht. Du hast keinen sprudelnden Ölquell in deiner menschlichen Natur, und darum mußt du hingehen zu den Ölverkäufern und für dich einkaufen, sonst mußt du mit den fünf törichten Jungfrauen ausrufen: ,,Unsre Lampen verlöschen!" Auch die geheiligten Lampen vermochten ohne Öl kein Licht zu verbreiten; obgleich sie im Tempel standen, mußten sie dennoch mit Öl gespeist werden; obgleich kein rauher Wind gegen sie blies, mußten sie dennoch ,,geschmückt" werden, und dein Bedürfnis ist ebenso groß. Unter den glücklichsten Verhältnissen kannst du keine Stunde länger das Licht deines Glaubens leuchten lassen, wenn nicht neues Gnadenöl in dich gegossen wird. Nicht jegliches Öl durfte im Dienste des Herrn verwendet werden; weder das Erdöl, das in früheren Zeiten namentlich im Morgenlande so reichlich der Erde entquoll, noch das Fett der Fische, noch das Öl von Nüssen durfte Verwendung finden; auf ein einziges Öl fiel die Wahl, und das war das auserlesenste Olivenöl. Die angemaßte Tugend natürlicher Herzensgüte, oder die eingebildete Tugend äußerlicher Heiligkeit ist nie und nimmer ein Öl nach dem Herzen Gottes. Der wahrhaft Gläubige weiß, daß der Herr kein Wohlgefallen hätte an ganzen Strömen solchen Öles. Er geht zur Ölpresse auf Gethsemane, und holt seinen Bedarf bei Dem, der darin gekeltert ward. Das Öl der Heilsgnade ist rein und frei von Hefen und Unreinigkeiten, und darum ist das Licht, das mit diesem Öl ernährt wird, klar und hell. Unsre Gemeinden sind die goldenen Leuchter des Heilandes, und weil sie sollen Lichter sein in der Welt, so bedürfen sie viel Öl des Heiligtums. O, bitten wir doch für uns, für unsre Hirten und für unsre Gemeinden, daß es doch nie am ,,Öl zur Lampe" gebrechen wolle. Wahrhaftigkeit, Heiligkeit, Freude, Erkenntnis, Liebe, das alles sind Flammen des geheiligten Lichtes; aber sie schlagen nicht aus uns empor, wenn wir nicht im Kämmerlein Öl empfangen von Gott dem Heiligen Geiste. Er aber, der Geber alles Guten, schenke uns täglich neues Öl in die Gefäße unsers Glaubens, damit unsre Lampen allezeit geschmückt seien zum Empfang des Seelenbräutigams.

 

 

,,Die Missetat des Heiligen."
2 Mose 28, 38.

Was enthüllt sich uns in diesem Wort, was offenbart es unserm Blick! Es ist demütigend und lehrreich zugleich, wenn wir jetzt einen Augenblick dabei verweilen und dieses düstere Bild betrachten. Unsre Gottesdienste mit ihrem heuchlerischen, äußerlichen, lauen, ehrfurchtslosen, zerstreuten, gottesvergessenen Wesen, welch ein Übermaß von Sündigkeit stellen sie uns vor Augen! Unsre Arbeit für die Sache des Herrn, in die sich Neid, Selbstsucht, Sorglosigkeit, Trägheit und Unglaube einnisten, wie ist sie doch so voller Befleckung! Unser Gebet im Kämmerlein mit seiner Schläfrigkeit, Kälte, Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit und Selbsttäuschung, welch eine weite Wüste dürren Landes! Und wenn wir sorgfältiger nachsehen möchten, so könnten wir uns überzeugen, wieviel größer diese Gottentfremdung ist, als es uns beim ersten Blick vorkommt. Ein ernster Freund schrieb an seinen Bruder: ,,In meiner Gemeinde und leider auch in meinem Herzen sieht's aus wie im Garten des Faulen; und was noch schlimmer ist, ich entdecke oft, daß mein Verlangen nach einem bessern Zustand beider aus dem Hochmut, aus der Eitelkeit und aus der Arbeitsscheu entspringt. Ich betrachte das Unkraut, das meinen Garten überwuchert, und seufze ernstlich, es möchte ausgerottet werden. Aber warum? Was erregt diesen Wunsch? Vielleicht ginge ich gern drin umher und spräche dann zu mir selber: Wie ist dein Garten so schön in der Ordnung! Das ist Hochmut. Oder es möchten meine Nachbarn über den Zaun sehen und sagen: Wie herrlich blüht doch dieser Garten! Das ist Eitelkeit. Oder ich möchte gern das Unkraut aus den Augen haben, weil mich das Ausreißen müde macht. Das ist Arbeitsscheu." So kann selbst unsre Sehnsucht nach der Heiligung mit unreinen Beweggründen befleckt sein. Unter dem grünsten Rasen bergen sich Würmer; wir brauchen nicht lange zu suchen, so kommen wir ihnen auf die Spur. Wie köstlich ist nun der Gedanke, daß der Hohepriester, der die Missetat des Heiligen trug, die Worte auf der Stirn trug: ,,Die Heiligkeit des Herrn!" Und so erscheint der Herr Jesus, der unsre Sünde trägt, vor seines Vaters Angesicht nicht mit unsrer Unheiligkeit, sondern mit seiner vollkommenen Heiligkeit. O, welch eine Gnade, daß wir mit dem Auge des Glaubens unsern großen Priester schauen dürfen.

 

 

,,Aber den Erstling des Esels sollst du mit einem Schaf lösen, wo du es aber nicht lösest, so brich ihm das Genick."
2 Mose 34, 20.

Jedes erstgeborne Geschöpf sollte des Herrn sein; weil aber der Esel ein unreines Tier war, so durfte er nicht zum Opfer gebracht werden. Was war zu tun? Sollte der Esel frei ausgehen von dem allgemeinen Gesetz? Auf keine Weise. Gott läßt keine Ausnahmen zu. Der Esel gehört Ihm zu, aber Er nimmt ihn nicht an; Er will seinem Anspruch nichts vergeben, aber dennoch hat Er kein Gefallen am Opfer. Es blieb kein andres Mittel übrig, als die Lösung durch Stellvertretung. Das Tier mußte durch ein Lamm gelöst werden, das seine Stelle einnahm; wurde es aber nicht gelöst, so mußte es sterben. Meine Seele, hier kannst du etwas lernen. Das unreine Tier bist du; du bist auch gerade so gut das Eigentum des Herrn, der dich erschaffen hat und dich erhält; aber du bist so sündhaft, daß Gott dich nicht annehmen kann noch will. Und nun kommt's darauf hinaus, daß das Lamm Gottes an deine Stelle treten muß, oder du mußt eines ewigen Todes sterben. Laß alle Welt erkennen, wie dankbar du dem unbefleckten Lamme bist, das für dich geblutet und dich von dem schrecklichen Fluche des Gesetzes erlöst hat. Muß es für den Israeliten nicht oft zweifelhaft gewesen sein, ob er den Esel solle aufgeben, oder das Lamm opfern? Mochte nicht der Fromme sich oft besinnen, schätzen und vergleichen? Gewiß ist kein Vergleich zwischen dem Wert der Menschenseele und dem Leben des Herrn Jesu, und dennoch stirbt das Lamm, und der Mensch, der unreine, wird gelöst. Meine Seele, bewundere die unbegrenzte Liebe Gottes gegen dich und deine Mitgenossen. Das Blut des Sohnes erkauft uns arme Würmer dem Höchsten! Staub und Asche wird versöhnt mit einem Preis, der alles Silber und Gold überbietet! Welch eine Verdammnis hätte meiner gewartet, wenn nicht eine vollgenügende Erlösung eingetreten wäre! Wenn dem Esel das Genick gebrochen wurde, so war das nur ein schnell vorübergehender Schmerz; wer aber ermißt die Größe des zukünftigen Zornes, von dessen Grenze wir uns keine Vorstellung zu machen imstande sind? Unschätzbar teuer ist das hochgelobte Lamm, das uns erlöset hat von einer solchen Verdammnis.

 

 

,,Spezerei zur Salbe."
2 Mose 35, 8.

Von diesem Salböl ward unter der Herrschaft des Gesetzes ein umfassender Gebrauch gemacht, und das, was es vorbildet, ist von größter Wichtigkeit unter der Zucht des Evangeliums. Der Heilige Geist, der uns zu jedem geheiligten Dienste salbt, ist uns unentbehrlich, wenn unser Gottesdienst dem Herrn soll angenehm sein. Ohne seinen Beistand sind unsre Andachtsübungen ein vergebliches Opfer und unsre innere Erfahrung ein toter Schmuck. Sobald unser Gottesdienst ohne Salbung geschieht, ist er eine betrübte Sache; und auch die Gebete, Gesänge, Betrachtungen und Bemühungen der einzelnen Christen sind um kein Haar besser. Eine heilige Salbung ist die Seele und das Leben der Frömmigkeit; wenn sie uns fehlt, sind wir die unglückseligsten unter allen Menschen. Wenn wir ohne Salbung vor den Herrn treten, so ist es, wie wenn ein gemeiner Levit sich in den Dienst des Priesters eindrängt; seine Verrichtungen sind viel mehr Sünde als Gottesdienst. Wagen wir es nur nie, uns mit heiligen Übungen abzugeben, wenn wir nicht durch die Salbung dazu geheiligt sind. Die Salbe trieft über uns von unserm herrlichen Haupt; wir, die wir sind wie der Saum seines Gewandes, nehmen teil an seiner Salbung, dieweil Er gesalbt ist.

Köstliche Spezereien wurden nach der feinsten Apothekerkunst zusammengemischt zum heiligen Salböl, damit wir hieran erkennen, wie reich überall der Einfluß des Heiligen Geistes sei. Alles Gute findet sich in dem göttlichen Tröster. Unvergleichlicher Trost, unfehlbare Erleuchtung, unsterbliches Leben, geistliche Kraft und göttliche Heilung; alles dies liegt mit noch andern Vorzügen vereinigt in jener heiligen Augensalbe, dem himmlischen Salböl des Heiligen Geistes. Diese Salbe teilt der Person und dem Charakter des Menschen, auf welchen sie ausgegossen wird, einen köstlichen Wohlgeruch mit. Es ist ihresgleichen nicht zu finden unter allen Schätzen der Reichen, noch unter allen Geheimnissen der Weisen. Sie kann nicht nachgemacht werden. Sie kommt einzig von Gott und wird frei geschenkt durch Jesum Christum einer jeden Seele, die auf Ihn harrt. Diese Salbe laßt uns suchen, denn wir können sie empfangen, vielleicht gerade jetzt. O Herr, salbe doch Deine Knechte!

 

 

,,Und er lege seine Hand auf des Brandopfers Haupt, so wird es angenehm sein und ihn versöhnen."
3 Mose 1, 4.

Daß unser Herr ,,für uns zur Sünde gemacht" ist, wird in unsrer Schriftstelle sehr bezeichnend dargestellt durch die Übertragung der Sünde auf den Farren des Sündopfers, welche von den Ältesten des Volkes vollzogen wurde. Das Auflegen der Hand bezeichnete nicht bloß ein einfaches Berühren, denn in einigen andern Schriftstellen schließt das ursprüngliche Wort den Sinn eines schwer lastenden Anlehnens in sich, wie es etwa der Ausdruck bezeichnet: ,,Dein Grimm drücket mich" (Ps. 88, 7). Und dies ist gewiß auch das eigentliche Wesen und die wahre Natur des Glaubens, welcher uns mit dem großen Stellvertreter nicht bloß in Berührung bringt, sondern uns lehrt, uns mit der ganzen Last unsrer Schuld auf Ihn zu lehnen. Jehovah ließ auf das Haupt des Stellvertreters alle Sünden seines Bundesvolkes übertragen, aber jeder einzelne Auserwählte wird besonders herzugebracht, um diese feierliche Bundeshandlung persönlich anzuerkennen, wenn er von der Gnade gewürdigt wird, daß er durch den Glauben seine Hand darf legen auf des Haupt ,,des Lammes, das erwürget ist, von Anfang der Welt". Gläubige Seele, gedenkst du des entzückenden Tages, da du zuerst Vergebung empfangen hast durch Jesum, den Sündenträger? Darfst du nicht freudig bekennen und sagen: ,,Meine Seele denkt mit Wonne an den Tag ihrer Erlösung zurück. Mit schwerer Schuld beladen und von Furcht gequält erblickte ich meinen Heiland als meinen Bürgen und Stellvertreter, und ich legte meine Hand auf Ihn; ach, wie furchtsam im Anfang! aber der Mut wuchs, und mein Vertrauen befestigte sich, bis daß ich endlich meine Seele ganz auf Ihn lehnen konnte, und nun ist es meine unaufhörliche und unnennbare Freude, daß ich weiß, meine Sünden werden mir nicht länger zugerechnet, sondern sind auf Ihn gelegt". Und wie der barmherzige Samariter von den Schulden seines verwundeten Pfleglings sagte, so spricht auch der Herr Jesus von meiner künftigen Sündenschuld: ,,Und so du was mehr wirst dartun, will ich es bezahlen." O, selige Entdeckung eines dankerfüllten Herzens!

,,Du hast mein Elend überdacht
Dich für mich zur Sünde
Aus Liebesglut gemacht!"

 

 

,,Ewig soll das Feuer auf dem Altar brennen, und nimmer verlöschen."
3 Mose 6, 13.

Erhaltet den Altar des Gebets im Kämmerlein in der Glut; das ist das wahre Leben aller Gottseligkeit. Hier entlehnt das Heiligtum und der Altar der Familien-Andacht seine feurigen Kohlen, darum soll jene Glut allezeit wohl geschürt und in Flammen erhalten werden. Das Gebet im Verborgenen ist das Wesen, das Wahrzeichen und der Wärmemesser des lebendigen und tätigen Christentums. Hier verbrennt das Fett eurer Opfer. Euer Gebet im Kämmerlein sei so viel als möglich regelmäßig, häufig, und fern von aller Zerstreuung. Ernstliches Gebet vermag viel. Hast du um nichts zu bitten? Siehe, die Gemeinde, ihre Hirten, deine Seele, deine Kinder, deine Verwandten, deine Nachbarn, dein Vaterland und die Sache Gottes und die Verbreitung seiner Wahrheit in der Welt fordern dich zum Gebet auf. Sind wir in unserm Gebetskämmerlein vielleicht weder warm noch kalt? Brennt das Feuer der Andacht in unsern Herzen nur matt? Drehen sich die Räder des feurigen Wagens nur mühsam? Wenn das ist, dann schrecke uns dies Zeichen des Verfalls auf aus dem Schlummer. Gehen wir weinend hin und flehen um den Geist der Gnade und des Gebets. Denn wenn dies Feuer unter der Asche der Verweltlichung einschlummern und ersticken sollte, so dämpft dies auch das Feuer auf dem Altar des Familiengottesdienstes, und beeinträchtigt unsre Wirksamkeit in der Gemeinde und in der Welt.

Unsre Schriftstelle findet auch ihre Anwendung auf den Altar des Herzens. Das ist der rechte goldene Räuchaltar. Gott siehet es gern, wenn die Herzen seiner Kinder Ihm entgegenlodern. Wir wollen Gott unsre Herzen schenken, die vor Liebe glühen, und seine Gnade suchen, damit das Feuer nimmermehr verlösche; denn es brennt nicht, wenn der Herr es nicht in der Glut erhält. Viele Feinde suchen es zu dämpfen und auszulöschen; wenn aber die unsichtbare Hand im Verborgenen das heilige Öl der Salbung darauf gießt, dann flammt es höher und höher auf. Wir wollen die Worte der Heiligen Schrift als Brennstoff auf das Feuer unsers Herzens legen, denn sie sind lebendige Kohlen; wir wollen die Verkündigung des Evangeliums uns zur Aufmunterung geschenkt sein lassen, vor allem aber wollen wir recht oft mit unserm Jesus in der Stille bleiben.

 

 

,,Wenn der Priester besieht und findet, daß der Aussatz das ganze Fleisch bedeckt hat, so soll er denselben rein urteilen."
3 Mose 13, 13.

Auffallend muß uns diese Verordnung vorkommen, und dennoch lag eine große Weisheit darin, denn das Heraustreten der Krankheit bewies, daß die Leibes- und Lebenskräfte gesund waren. Wir wollen diesen Abend betrachten, was für eine vorbildliche Bedeutung eine so seltsame Vorschrift in sich schließt. Auch wir sind Aussätzige und können mit Recht die Verordnungen über den Aussatz auf unsern eignen Zustand anwenden. Wenn ein Mensch einsieht, daß er ganz und gar verloren und elend ist, daß er über und über bedeckt ist mit der Schande der Sünde und nicht im geringsten sich frei weiß von solcher Befleckung; wenn er sich aller eignen Gerechtigkeit bar bekennen muß und sich vor dem Herrn schuldig weiß, dann ist er rein durch das Blut Jesu Christi und durch die Gnade Gottes. Verborgene, unempfundene, unbekannte Missetat ist ein wahrer Aussatz; wenn aber die Sünde eingesehen und gefühlt wird, so hat sie ihren Todesstreich empfangen, und der Herr sieht mit Augen der Gnade auf die darunter leidende Seele. Nichts ist tödlicher als Selbstgerechtigkeit, nichts gewährt mehr Hoffnung als die Zerknirschung. Wir müssen bekennen, daß wir ,,nichts als lauter Sünde" sind, denn kein milderes Bekenntnis ist volle Wahrheit, und wenn der Heilige Geist an uns arbeitet und uns unsre Sünden zum Bewußtsein bringt, so kann es uns nicht schwer fallen, dies Bekenntnis auszusprechen; es entströmt sogleich unsern Lippen. Und welchen Trost gewährt nun unser Schriftwort wahrhaft erweckten Sündern: gerade der Umstand, der sie so schmerzlich beunruhigt, wird hier zum Zeichen und Merkmal eines hoffnungvollen Zustandes! Das Ausziehen kommt vor dem Ankleiden; das Ausgraben der Fundamente ist die erste Arbeit beim Bau eines Hauses, und ein vollständiges Gefühl der Sündhaftigkeit ist eine der ersten Gnadenwirkungen des Heiligen Geistes im Herzen. O du armer, aussätziger Sünder, der du dich so gar ungesund in deinem ganzen Wesen fühlst, fasse dir ein Herz aus unserm Schriftwort, und komme zum Herrn Jesu, gerade wie du gehst und stehst. ,,Ja, mache mich gerecht und rein, Laß keinen Flecken an mir sein."

 

 

,,Wenn der Priester besiehet, und findet, daß der Aussatz das ganze Fleisch bedecket hat, so soll er denselben rein urteilen."
3 Mose 13, 13.

Sonderbar muß uns diese Verordnung erscheinen, dennoch lag derselben eine große Weisheit zu Grunde; denn wenn die Krankheit nach außen geworfen ward, so zeigte sich damit, daß die Natur des Leibes in der Wurzel gesund sei. Auch wir sind Aussätzige, geschlagen mit dem Aussatz der Sünde, und das Aussatzgebot findet daher auch auf uns seine Anwendung. Wenn ein Mensch sieht, daß er ganz und gar verloren, daß er der Verdammnis verfallen sei, weil der über und über von der Unreinigkeit der Sünde bedeckt und gar nichts Gesundes mehr an ihm ist; wenn er alles selbstgerechte Wesen verabscheut und sich vor dem Herrn schuldig bekennt, dann ist er rein durch das Blut Jesu und durch die Gnade Gottes. Verborgene, unempfundene, unerkannte Sünde, das ist der wahrhaftige Aussatz; wenn aber die Sünde eingesehen und gefühlt wird, so hat sie ihren Todesstreich empfangen, und der Herr schaut mit gnädigem Auge auf die davon betroffene Seele herab. Nichts ist tödlicher als Selbstgerechtigkeit, nichts berechtigt zu größerer Hoffnung, als Zerknirschung. Wir müssen bekennen, daß wir nichts als lauter Sünde sind, denn kein Bekenntnis, das weniger aussagt, trifft die ganze Wahrheit, und wenn der Heilige Geist an uns arbeitet und uns unsre Sünden zum Bewußtsein bringt, dann hält's nicht schwer, daß wir solch ein Geständnis machen, es dringt sogleich aus unsern Lippen hervor. Welch einen Trost gewährt unsre Schriftstelle denen, die unter einem tiefen Gefühl der Sünde stehen! Die Sünde, die bereut und bekannt wird, und wäre sich noch so häßlich und gräßlich, verbannt nie einen Menschen vom Angesicht unsers Herrn Jesu. Wer zu Ihm kommt, den wird Er nicht hinausstoßen. Und wäre ein Mensch so ehrlos wie der Schächer, so unkeusch wie die große Sünderin, so grimmig wie Saulus von Tarsen, so grausam wie Manasse, so ungehorsam wie der verlorne Sohn, so schaut dennoch das große liebende Herz des Heilandes mit Wonne auf ihn, wenn er fühlt, daß nichts Gesundes an ihm ist, und spricht ihn rein, wenn er auf Christum den Gekreuzigten allein sein ganzes Vertrauen setzt. So komm denn zu Ihm, du armer, schwerbeladener Sünder! ,,Hilf, o Herr Jesu, hilf Du mir, Daß ich noch heute komm' zu Dir!"

 

 

,,Du sollst kein Verleumder sein unter deinem Volk; - sondern du sollst deinen Nächsten strafen, auf daß du nicht seinethalben Schuld tragen mußt."
3 Mose 19, 16. 17.

Verleumderisches Wesen wirft ein dreifaches Gift aus; denn es brandmarkt den Verleumder, den, der der Verleumdung ein Ohr leiht, und den, welcher verleumdet wird. Ob der Verleumdung Wahres oder Falsches zu Grunde liege, so wird uns in dieser Vorschrift des Wortes Gottes alle Verleumdung und deren Verbreitung untersagt. Der gute Name der Kinder Gottes sollte in unsern Augen teuer und wert gehalten sein, und wir sollten es für eine Schmach halten, dem Satan zu helfen, den Namen des Herrn und seiner Gemeinde zu verunglimpfen. Manche Zunge bedarf viel eher eines Zaumes statt eines Sporns. Viele meinen sich zu rühmen und zu verherrlichen, wenn sie ihre Brüder untertreten, gleich als ob sie sich damit erhöhen könnten. Die beiden weisen Söhne Noahs warfen einen Mantel über ihren Vater, und der ihn der Schande preisgegeben hatte, erntete einen schrecklichen Fluch. Wir mögen einen dieser Tage vielleicht Vergebung und Stillschweigen von unsern Brüdern nötig haben, darum sollen wir liebevoll Gleiches tun denen, die es heute bedürfen. Das sei unsre Hausregel und unsre persönliche Pflicht: Sage keinem Menschen Böses nach.

Dennoch gestattet uns der Heilige Geist, die Sünde zu tadeln, und gibt uns an, in welcher Weise dies zu geschehen habe. Wir sollen so tun, daß wir es unserm Bruder unter Augen vorhalten, und sollen ihn nicht hinter seinem Rücken verleumden. Solches Strafen ist männlich, brüderlich, christlich, und so der Herr mit seiner Gnade dabei ist, nützlich zur Besserung. Scheut das Fleisch davor zurück? Dann müssen wir unserm Gewissen umso mehr Gehör geben und uns Gewalt antun, und uns ans Werk machen, auf daß wir nicht selber teilhaftig an der Sünde erfunden werden, die wir an unserm Freunde durch unser Schweigen geduldet haben. Hunderte sind vor großen Sünden bewahrt worden durch rechtzeitiges, weises, liebevolles Warnen treuer Seelsorger und Brüder. Unser Herr Jesus hat uns ein großes Beispiel vor Augen gestellt, wie man mit irrenden Freunden umgehen müsse, in der Warnung, die Er dem Petrus gab, in dem Gebet, das Er für ihn darbrachte, und in der Zartheit, mit welcher Er seine prahlerische Versicherung, als ob solche Vorsicht und Warnung bei ihm unnötig wäre, beantwortete.

 

 

,,Rechte Wagen, rechte Pfunde, rechte Scheffel, rechte Kannen sollen bei euch sein."
3 Mose 19, 36.

Gewichte, Wagen und Maße mußten nach der Vorschrift des Heiligtums beschaffen sein. Gewiß hat kein Christ nötig, in seinem irdischen Beruf hieran erinnert zu werden, denn wenn die Rechtschaffenheit sonst auch überall auf dieser Erde verpönt wird, sie würde eine Heimat finden in den Herzen der Gläubigen. Es gibt aber auch Wagen andrer Art, in welchen die sittlichen und geistlichen Zustände gewogen werden, und diese erfordern öftere Prüfung.

Die Wagen, in welchen wir unsern eignen und andrer Menschen innern Wert ermessen, sind wohl nicht immer richtig. Verwandeln wir nicht vielleicht die Lote unsrer Tugend in Pfunde, und die Scheffel der Verdienste andrer in Becher? Achte hier wohl auf dein Gewicht und Maß, lieber Christ. Sind die Waagschalen, auf welchen wir unsre Leiden und Lasten abwiegen, richtig ausgeglichen? Der Apostel Paulus, der mehr zu leiden hatte als wir, nannte seine Trübsal leicht, und doch meinen wir oft, die unsern seien schwer; gewiß muß da etwas mit den Gewichten nicht ganz in Ordnung sein! Wir müssen ein aufmerksames Auge hierauf haben, damit wir nicht im oberen Heiligtum ob unsers ungerechten Handelns verklagt werden. Sind auch die Pfunde, mit welchen wir unsre Glaubensüberzeugungen wägen, von ganz richtigem Gewicht? Die Verheißungen der Gnade sollten für uns dasselbe Gewicht haben, wie die Gebote der Heiligen Schrift, nicht mehr und nicht weniger; aber es ist zu befürchten, daß bei manchen das eine oder andre Stück unrichtig abgewogen wird. Es ist etwas Wesentliches, daß in den Sachen der Wahrheit das richtige Maß eingehalten werde. Christ, sei hier vorsichtig; die Maße, nach welchen wir unsre Pflicht und Verantwortlichkeit abschätzen, scheinen zu klein. Wenn ein Reicher für das Reich Gottes nicht mehr beisteuert als der Arme, ist das wohl ein richtiges Efa und ein richtiges Hin? Wenn die, die ihre ganze Kraft dem Reiche Gottes widmen, fast verhungern müssen, ist das recht und billig? Wenn die Armen verachtet und die Reichen hoch geehrt werden, ist das eine rechte Wage? Lieber Christ, wir könnten noch an manches erinnern, aber es ist besser, heute abend darüber nachzudenken, wie alle ungerechte Wagen, Maße und Gewichte können beseitigt werden.

 

 

,,Und sollen die Letzten sein im Ausziehen mit ihrem Panier."
4 Mose 2, 31.

Das Lager Dan brach zuletzt auf, wenn die Heere Israels auf ihrer Wanderung durch die Wüste weiterzogen. Die Daniter nahmen die letzte Stelle ein; doch was kam viel auf die Stelle an, gehörten sie doch als Letzte ebensogut zum Heere, wie die vordersten Stämme; sie folgten derselben feurigen Wolkensäule, sie aßen dasselbe Manna, tranken aus demselben geistlichen Fels, und wanderten demselben Land der Verheißung entgegen. Komm, meine Seele, werde munter und fröhlich, ob du auch zuhinterst und zuletzt bist; du hast das selige Vorrecht, daß du zum Herrn gehörst und daß du mitgehst, wo die hingehen, die den Vortrab anführen. Einer muß der Letzte sein in Ehre und Ansehen, irgend einer muß das Geringste leisten um Jesu willen, und warum sollte ich nicht das sein? In einem elenden Dörflein, unter unwissenden Tagelöhnern, ober in einer engen Sackgasse, unter verworfenen Sündern will ich für meinen Heiland werben, und will ,,der Letzte sein mit meinem Panier."

Die Daniter hatten eine sehr wichtige Stelle inne. Herumstreifer müssen unterwegs aufgehoben und mitgenommen, verlornes Eigentum muß vom Boden aufgelesen werden. Feurige Gemüter mögen vorwärts stürmen auf ungebahnten Pfaden, um neue Wahrheiten zu erkennen, und Jesu mehr Seelen zuzuführen; aber manche von mehr besonnener und ruhiger Geistesanlage mögen wohl dazu verwendet werden, die Gemeinde an ihren frühern Glauben zu erinnern und ihre schwachen Söhne aufzurichten. Jede Stelle hat ihre Pflichten, und die langsam gehenden Kinder Gottes werden finden, daß ihre eigentümliche Bestimmung derart ist, daß sie dem ganzen Heere zum größten Segen werden können.

Die Nachhut hat eine gefahrvolle Stelle. Feinde sind hinter uns wie vor uns. Angriffe stehen auf allen Seiten bevor. Wir lesen, daß Amalek Israel überfiel, und der Hintersten etliche erschlug. Der erfahrene Christ findet viel Arbeit für seine Geisteswaffen, wenn er den armen, verzweifelnden, zitternden Seelen beisteht, die im Glauben, in der Erkenntnis und in der Freudigkeit zu den Hintersten gehören. Meine Seele, wache sorgfältig und siehe, wie du den Hintersten auch heute helfend zur Seite stehen magst.

 

 

,,So lange solches sein Gelübde währet, soll er nichts essen, das man vom Weinstock machet, weder Weinbeeren noch Hülsen."
4 Mose 6, 4.

Die Nasiräer hatten unter andern Gelübden auch das abgelegt, daß sie sich vom Getränk des Weins enthalten wollten. Damit sie ihr Gelübde nicht brechen möchten, war ihnen auch verboten, Weinessig oder starke Getränke zu trinken; und damit die Vorschrift noch deutlicher sei, durften sie auch nicht den ungegornen Most der Trauben genießen, noch selbst die frischen oder getrockneten Beeren essen. Damit das Gelübde noch vollständiger aufrecht erhalten bleibe, war ihnen selbst nicht einmal erlaubt, irgend etwas zu kosten, was die geringste Beziehung zum Wein hatte; sie sollten in der Tat auch den Schein des Bösen meiden. Das ist gewiß eine beherzigenswerte Lehre für die Abgesonderten des Herrn, dadurch sie angehalten werden, die Sünde unter jeder Gestalt zu fliehen, ihr nicht bloß in ihrer gröbern Gestalt aus dem Wege zu gehen, sondern selbst ihren Schein und Schatten zu scheuen. Ein ernster Wandel wird in unsern Tagen vielfach bespöttelt, aber sei versichert, lieber Freund, es ist sowohl das sicherste als das seligste. Wer der Welt auch nur in einem oder zwei Punkten nachgibt, schwebt in furchtbarer Gefahr; wer die Trauben Sodoms genießt, muß auch den Kelch von Gomorrha trinken. Ein kleiner Riß im Meerdamme der holländischen Tiefküste gestattet dem Meerwasser Durchgang, und alsobald wächst der Riß zum Strombett, dessen reißender Erguß rasch eine ganze Provinz überflutet. Nachgiebigkeit gegen die Welt ist ein Netz für die Seele und macht sie immer empfänglicher für den Reiz der Sünde. Und gleich wie der Nasiräer, der süßen Most trank, nicht sicher war, ob derselbe nicht schon in Gärung begriffen gewesen, und daher nicht wissen konnte, ob sein Gelübde gebrochen sei, so kann der weltfreundliche Christ sein Gewissen nicht rein bewahren, sondern muß fühlen, daß die innere Warnstimme ihn straft. Bei zweifelhaften Dingen brauchen wir nicht zu schwanken; sie sind uns schädlich. Wir müssen uns mit keinerlei Versuchung einlassen, sondern eilig von ihr fliehen. Besser wir werden als Sonderlinge verhöhnt, denn als Heuchler verworfen. Ein weiser Wandel mag uns manche Selbstverleugnung auferlegen, aber er birgt Freuden in sich, welche ein herrlicher Lohn sind.

 

 

,,Warum bekümmerst Du Deinen Knecht?"
4 Mose 11, 11.

Unser himmlischer Vater sendet uns häufig Trübsal, um unsern Glauben zu prüfen. Wenn unser Glaube etwas wert ist, so wird er die Probe bestehen. Schuld fürchtet das Feuer, Gold nicht. Der unechte, wenn noch so schön geschliffene Edelstein scheut die Berührung des prüfenden Diamants, der echte Rubin nicht. Das ist ein armseliger Glaube, der nur auf Gott vertraut, wenn die Freunde treu bleiben, der Leib von Gesundheitsfülle strotzt, und das Geschäft blüht und reichlichen Gewinn einträgt; aber das ist ein echter Glaube, der an des Herrn Treue festhält, wenn die Freunde dahin gegangen sind, wenn der Leib schwach wird und siecht, wenn das Gemüt gedrückt ist, und wenn das Licht von unsers Vaters Antlitz sich vor uns verborgen hat. Ein Glaube, der mitten aus dem tiefsten Unglück heraus rufen kann: ,,Siehe, Er wird mich erwürgen, und ich kann es nicht erwarten. Doch will ich meine Wege vor Ihm strafen; Er wird ja mein Heil sein," ist ein himmlisch geborner Glaube. Der Herr betrübt seine Knechte, um seiner Verherrlichung willen, denn Er wird sehr verherrlicht durch die Tugenden der Seinen, die seiner Hände Werk sind. Dieweil ,,Trübsal Geduld wirket, und Geduld Erfahrung, und Erfahrung Hoffnung," so wird der Herr durch die aufblühenden Tugenden geehrt. Nie würden wir die herrlichen Töne der Harfe erklingen hören, wenn ihre Saiten unberührt blieben; nie würden wir den herzerquickenden Wein der Traube schmecken, wenn sie nicht ausgepreßt würde in der Kelter; nie würden wir den herrlichen Duft des Zimts riechen, wenn er nicht zerstoßen und gepulvert würde; noch würden wir die Wärme des Feuers empfangen, wenn nicht das Holz zu Asche verbrennte. Die Weisheit und die Macht des großen Werkmeisters werden in den Trübsalen offenbar, durch welche Er die Gefäße seiner Gnade hindurchgehen läßt. Die gegenwärtige Traurigkeit hat auch den Zweck, die zukünftige Freude zu erhöhen. Könnten wir im Himmel so überaus selig und glücklich werden, wenn wir nicht den Fluch der Sünde und die Leiden dieser Erde an uns erfahren hätten? Ist nicht der Friede lieblicher nach dem Streit und die Ruhe willkommener nach schwerer Mühe und Arbeit? Muß nicht die Erinnerung an verflossene Trübsale die Glückseligkeit der Verklärten erhöhen? Es gibt noch gar manche tröstliche Antwort auf unsre heutige Frage; wir wollen sie in unserm Herzen bewegen.

 

 

,,Du sollst jetzt sehen, ob meine Worte können dir etwas gelten oder nicht."
4 Mose 11, 23.

Gott hatte dem Mose eine bestimmte Verheißung gegeben, daß Er einen ganzen Monat lang das große Volk in der Wüste mit Fleisch ernähren wolle. Moses, den eine Anwandlung von Unglauben überkam, sah sich nach den äußerlichen Mitteln um und kam in Verlegenheit, zu erfahren, wie die Verheißung möchte erfüllt werden. Er sah auf das Geschöpf, statt auf den Schöpfer: Aber schaut denn der Schöpfer auf das Geschöpf, wenn Er die Verheißung an ihm will in Erfüllung gehen lassen? Nein; Er, der die Verheißung gibt, erfüllt sie auch aus eigner unabhängiger Machtvollkommenheit. Wenn Er spricht, so geschieht es, - Er vollbringt es. Seine Verheißungen sind in Beziehung auf ihre Erfüllung nicht von der Mitwirkung der winzigen Kraft des Menschen abhängig. Wir begreifen sogleich den Mißgriff, den sich Mose ließ zu schulden kommen. Und doch handeln wir so oft ganz wie er! Gott hat verheißen, daß Er für alle unsre Bedürfnisse sorgen wolle, und wir erwarten vom Geschöpf, was Gott uns versprochen hat; weil wir aber zugleich wissen, daß das Geschöpf arm und schwach ist, so fallen wir dem Unglauben anheim. Warum wenden wir aber auch den Blick nach dieser Gegend? Wollen wir von den Gipfeln der Alpen die Sommerhitze erwarten? Wollen wir nach dem Nordpol fahren, um dort Früchte zu ernten, die an der Sonne gereift sind? Wahrlich, das wäre ebenso törlich von euch gehandelt, wie wenn ihr bei dem Schwachen Kraft suchtet und verlangtet, das Geschöpf solle des Schöpfers Werke verrichten. Darum wollen wir die Frage richtig ins Auge fassen. Grund des Glaubens sind nicht ausreichende sichtbare Mittel zur Erfüllung der Verheißung, sondern die Allgenugsamkeit des unsichtbaren Gottes, der gewißlich tut nach seinem Wort. Wenn wir nun deutlich erkannt haben, daß der Schwerpunkt in Gott liegt und nicht im Geschöpf, und dennoch uns des Mißtrauens schuldig machen, so tritt Gottes Wort mächtig an uns heran mit der Frage: ,,Ist denn die Hand des Herrn verkürzt?" Möchte es doch durch seine Gnade geschehen, daß mit dieser Frage die selige Zusicherung in unser Herz hineinleuchte: ,,Du sollst jetzt sehen, ob meine Worte können dir etwas gelten oder nicht."

 

 

,,Daß er eine Mohrin zum Weibe genommen hatte."
4 Mose 12, 1.

Seltsame Wahl, die Moses getroffen hatte! Aber wieviel auffälliger wählt der, der ein Prophet ist wie dieser Mose und noch größer, als er? Unser Herr, der lieblich ist wie die Blume zu Saron, wie die Rose im Tal, hat sich vermählt mit einer solchen, die bekennen muß: Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich verbrannt. Es ist zum Erstaunen für Engel, daß sich die Liebe Jesu armen, verlornen, schuldbeladenen Menschen zugewendet hat. Jeder Gläubige, der auch nur mit einem Senfkorn Jesusliebe erfüllt ist, muß von Bewunderung überwältigt werden, daß an einen Unwürdigen eine solche Liebe verschwendet wird. Wir erkennen ja wohl unsre geheime Schuld, unsre Treulosigkeit und unser arges Herz, und darum zerfließen wir in dankbares Erstaunen über die unvergleichliche Unumschränktheit und Großmut und Gnade. Der Herr Jesus muß den Grund seiner Liebe in seinem eignen Herzen gefunden haben; in uns hätte Er ihn nicht finden können, denn da ist er nicht vorhanden. Auch nach unsrer Bekehrung sind wir noch arg geblieben, obgleich uns die Gnade erträglich gemacht hat. Der selige Rutherford sagte von sich, und wir müssen es alle auch von uns bestätigen: ,,Er steht in einem solchen Verhältnis zu mir, daß ich krank bin, und Er ist der Arzt, dessen ich bedarf. Ach! wie oft verderbe ich wieder, was Er gut macht! Er verbindet, und ich löse auf; Er baut, und ich zerstöre wieder; ich zanke mit Ihm, und zwanzigmal des Tages tut Er mir wohl mit seiner lieblichen Rede!" O teuerster und treuester Bräutigam unsrer Seelen, fahre fort mit Deiner Gnadenarbeit, mit der Du uns in Dein Bild verklären willst, bis Du uns arme Mohrinnen Dir darstellen kannst, ohne Flecken oder Runzel oder des etwas. Mose begegnete um seiner Heirat willen hartem Widerspruch, und sowohl er als sein Weib waren übel angesehen. Wie können wir uns also darüber wundern, daß diese eitle Welt sich wider den Herrn Jesum und seine Braut auflehnt, besonders wenn große Sünder bekehrt werden? Denn dies ist allezeit des Pharisäers Anlaß zum Widerspruch: ,,Dieser nimmt die Sünder an." Und noch heute macht die alte Ursache zum Streit sich immer wieder geltend: ,,daß er eine Mohrin zum Weibe genommen hatte."

 

 

,,Und alle Kinder Israels murrten."
4 Mose 14, 2.

Unzufriedene und mürrische Leute gibt's heutzutage unter den Christen eben so gut, wie einst unter dem Volke Israel in der Wüste. Es gibt solche, die bei jedem Rutenstreich sich laut erheben gegen die schmerzliche Züchtigung. Sie fragen: ,,Warum werde ich so schwer heimgesucht? Was habe ich getan, womit ich so harte Züchtigung verdiente?" Ein Wort an dich, du Unzufriedener! Warum solltest du wider die Züchtigungen deines himmlischen Vaters murren? Siehe, was du einst für ein Empörer warst, und Er hat dir verziehen! Wahrlich, wenn Er in seiner Weisheit es jetzt für gut findet, dich zu züchtigen, so solltest du dich nicht beklagen. Und bist du nach allem überhaupt so hart gestraft, wie's deine Sünden verdienen? Schaue auf das Verderben, das in deinem Busen wohnt, und nun willst du dich noch verwundern, daß so viel Rutenstreiche nötig sind, um es ganz auszutreiben? Prüfe dich am Probierstein, und siehe zu, wieviel Schlacken noch mit deinem Golde vermengt sind; und hältst du dies Feuer für zu heiß, um all den Unrat, der noch in dir steckt, herauszuschmelzen? Beweist nicht dieser dein unzufriedener, aufrührerischer Sinn zur Genüge, daß dein Herz noch nicht durch und durch geheiligt ist? Sind nicht diese deine mürrischen Worte der heiligen, unterwürfigen Natur der Kinder Gottes entgegen? Ist nicht eine Züchtigung vonnöten? Wenn du aber murren willst wider die züchtigende Hand, dann hüte dich, denn den Aufrührern ergeht es schlimm. Gott züchtigt jedesmal seine Kinder doppelt, wenn sie den ersten Streich nicht geduldig hinnehmen.
Aber eins mußt du wissen: daß ,,Er nicht von Herzen die Menschenkinder plagt und betrübt." Alle seine Züchtigungen entspringen aus der Liebe, um dich zu läutern und dich zu Ihm zu ziehen. Es hilft dir gewiß, seine Züchtigung mit Ergebung zu tragen, wenn du imstande bist, deines Vaters Hand zu erkennen. Denn, ,,welchen der Herr lieb hat, den züchtiget Er; Er stäupet aber auch einen jeglichen Sohn, den Er aufnimmt. So ihr die Züchtigung erduldet, so erbietet sich euch Gott als Kindern; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtiget?" ,,Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind." ,,Murret aber nicht, gleichwie jener etliche murreten, und wurden umgebracht durch den Verderber."

 

 

,,Wie lange wollen sie nicht an mich glauben?"
4 Mose 14, 11.

Trachtet mit allem Fleiß, das Ungeheuer Unglauben ferne von euch zu halten. Es verunehrt Christum so sehr, daß Er uns seine fühlbare Nähe entzieht, wenn wir Ihn damit erzürnen, daß wir dem Zweifel Raum geben. Es ist freilich ein Unkraut, dessen Same nie vollständig aus dem Acker unsres Herzens kann ausgerottet werden, aber wir müssen mit Eifer und Ausdauer seine Wurzeln zu vertilgen suchen. Unter allem Hassenswürdigen ist der Unglaube das Allerabscheulichste. Sein verderbliches Wesen ist so durch und durch vergiftet, daß, der damit umgeht, wie der davon berührt wird, stets dabei Schaden nimmt. Bei dir, du gläubiger Christ, ist der Unglaube etwas sehr Schlimmes, denn die Gnadenerweisungen, die du vom Herrn bisher empfangen hast, vergrößern deine Verschuldung, wenn du jetzt an Ihm zweifelst. Durch Unglauben krönst du sein Haupt aufs empfindlichste mit den allerstachelichtsten Dornen. Es ist recht grausam von einem innig geliebten Weibe, wenn es seinem treuen und gütigen Eheherrn mißtraut. Diese Sünde ist töricht, unnötig und ungerecht. Der Herr Jesus hat nie den leisesten Anlaß zum Mißtrauen gegeben, und es ist hart, wenn uns die mit Zweifel begegnen, gegen welche unser Benehmen unaufhörlich liebevoll und wahrhaftig ist. Jesus ist der Sohn des Höchsten und besitzt unermeßliche Schätze; es ist schmählich, an der Allmacht zu zweifeln und der Allgenugsamkeit zu mißtrauen. Das Vieh auf tausend Bergen genügt uns zur Nahrung, auch wenn wir noch so hungrig sind, und die Scheunen des Himmels werden wohl nicht leer werden von dem, was wir essen. Wenn Christus nur eine Wassergrube wäre, so könnten wir seine Fülle bald ausschöpfen, aber wer kann einen Brunnen lebendigen Wassers erschöpfen, der in das ewige Leben quillet? Millionen Geister haben ihre Bedürfnisse in Ihm gestillt, und kein einziger unter ihnen hat über Mangel an Erquickung geklagt. Hinweg! hinweg mit diesem lügenhaften Verräter Unglauben, denn es ist sein einziges Trachten, die Bande der Gemeinschaft zu zertrennen, und uns mit Trauer über die Abwesenheit unsres Heilandes zu erfüllen. Tötet diesen scheußlichen Lindwurm: Nieder mit dir, du Verräter, mein Herz verabscheut dich!

 

 

,,Da sang Israel dieses Lied: Steig' herauf, o Brunnen; singt ihm entgegen!"
4 Mose 21, 17.

Der Brunnen Ber in der Wüste war berühmt, weil er der Gegenstand einer Verheißung geworden war: ,,Das ist der Brunnen, davon der Herr zu Mose sagte: Sammle das Volk, ich will ihnen Wasser geben." Das Volk bedurfte Wasser, und dieses war ihm von seinem gnädigen Gott verheißen. Wir haben immer neue Zuflüsse der himmlischen Gnade nötig, und im Bund hat sich der Herr verbürgt, uns alles zu schenken, was wir bedürfen. Danach ward der Brunnen der Anlaß zu einem Danklied. Ehe noch das Wasser hervorrauschte, drängte die Glaubensfreudigkeit das Volk zum Gesang; und als die Kinder Israel die kristallhelle Quelle emporsprudeln sahen, da wurde der Gesang und der Reigen immer fröhlicher und schallender. Gerade so sollten auch wir, die wir auf die Verheißungen Gottes vertrauen, uns zum voraus über die Aussicht auf die göttliche Erneuerung unsrer Seelen freuen, und wenn sie uns zuteil wird, sollten wir jubelnd überströmen von heiliger Freude. Empfinden wir auch Durst? Dann wollen wir nicht murren, sondern singen. Geistlicher Durst ist schwer zu ertragen, aber wir brauchen ihn auch nicht zu ertragen, die Verheißung zeigt uns ja einen Brunnen; darum wollen wir gutes Muts sein und uns danach umsehen. Überdies war der Brunnen der Gegenstand betenden Verlangens: ,,Steig' herauf, o Brunnen." Ach, möchte doch Gott der Heilige Geist in uns mit seiner ganzen allmächtigen Kraft arbeiten und uns erfüllen mit aller reichen Gottesfülle! Endlich war der Brunnen ein Gegenstand persönlicher Anstrengungen. ,,Die Edlen im Volke haben ihn gegraben, durch den Lehrer und ihre Stäbe." Der Herr will, daß wir selbst mit tätig seien, wenn Er uns Gnadenerweisungen zuteil werden läßt. Unsre Stäbe sind zum Graben im Sand nicht gut geeignet, aber dennoch müssen wir sie gebrauchen, so gut wir nur immer können. Das Gebet darf nie vernachlässigt werden; unsre Versammlungen sollen wir nicht verlassen und vergessen; die Heilsmittel dürfen wir nicht versäumen. Der Herr ist bereit, uns reichlich seine Gnade zu schenken; darum lasset uns untereinander ermahnen und ermuntern, Ihn zu suchen, denn aus Ihm strömen uns Quellen frischen Wassers.

 

 

,,Eure Brüder sollen in Streit ziehen, und ihr wollt hier bleiben?"
4 Mose 32, 6.

Verwandtschaft hat ihre Pflichten. Die Rubeniter und Gaditer wären sehr unbrüderlich verfahren, wenn sie das eroberte Land hätten für sich behalten wollen und die übrigen Stämme des Volkes Israel, die ihr Erbteil erst noch erkämpfen mußten, sich selber überlassen hätten. Wir haben vielen Segen empfangen durch die Kämpfe und Leiden der Heiligen früherer Zeiten, und wenn wir uns der Gemeinde Christi nicht auch wieder dankbar erweisen damit, daß wir ihr unsre besten Kräfte widmen, so sind wir unwert, ihr beigezählt zu werden. Andre bekämpfen die Irrtümer der Zeit mit männlichem Mut, oder suchen solche zu erretten, die unter den Trümmern des Zerfalls wahrer Frömmigkeit in Gefahr sind umzukommen, und wenn wir dabei untätig unsre Hände in den Schoß legen, so ist's nötig, daß wir uns warnen lassen, auf daß nicht der Fluch der Stadt Neros über uns komme. Der Herr des Weinbergs spricht: ,,Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig?" Wie kann sich da der Müßiggänger entschuldigen? Persönliche Wirksamkeit für die Sache unsers Heilandes wird immer dringender eine Pflicht für alle, umso mehr, da sie so überschwenglich und herrlich belohnt wird. Die mühsame Arbeit hingebender Sendboten unter den Heiden und eifriger Seelsorger in der Heimat beschämt uns tief, wenn wir in Untätigkeit sitzen bleiben. Furcht vor Prüfungen ist eine große Versuchung für solche, die in stolzer Ruhe zu Zion sitzen; sie möchten gern dem Kreuz entfliehen und doch die Krone empfangen; wenn die Besten durchs Feuer geläutert werden, dann werden wir wohl schwerlich der Prüfung entgehen. Wenn der Diamant auf der Scheibe muß geschliffen werden, so werden wir wohl auch nicht ohne Leiden zur Vollendung gelangen. Weshalb soll's uns besser ergehen als unserm Herrn? Der Erstgeborne hat des Vaters Rutenschläge empfunden, warum sollen die jüngern Brüder verschont bleiben? Es wäre eine feige Weichlichkeit und Hoffart, wenn ein Krieger des Kreuzes sich ein Eiderdaunenbett und ein seidenes Ruhekissen wählte. Viel weiser handelt, wer dem Willen Gottes gehorsam wird, und durch die Kraft der Gnade darin erstarkt, bis er seine Lust daran hat; so lernt er Lilien pflücken unter dem Kreuz, und Honig von dem Löwen nehmen wie Simson.

 

 

,,Denselben stärke."
5 Mose 1, 38.

Gott bedient sich der Seinen, damit sie sich untereinander stärken. Er sprach nicht zu einem Engel: ,,Gabriel, mein Knecht Josua ist im Begriff, mein Volk nach Kanaan zu führen; gehe und stärke ihn." Gott wirkt unnötigerweise keine Wunder; wenn seine Absichten mit gewöhnlichen Mitteln erreicht werden können, ruft Er keine Wunderkräfte zu Hilfe. Gabriel wäre nicht halb so geeignet gewesen zu solchem Auftrag, wie Moses. Eines Bruders Teilnahme ist weit köstlicher als eines Engels Botschaft. Der rasch hinrauschende Engel hätte des Meisters Befehl besser begriffen als des Volkes widerspenstiges Wesen. Ein Engel hatte die Mühsale des Wüstenweges nie erfahren, oder die feurigen Schlangen nie gesehen, noch hatte er die halsstarrige Menge durch die Wüste geleitet, wie Moses. Wir sollten uns dessen freuen, daß Gott gewöhnlich durch Menschen für die Menschen wirkt. Dadurch schlingt sich ein Band der Bruderliebe; und weil wir beständig von einander abhängig sind, werden wir völliger zu einer einzigen Familie verbunden. Liebe Brüder, nehmet unser Schriftwort auf als Gottes Botschaft an uns; strebt, andern zu helfen, und namentlich seid fleißig, sie zu stärken und zu ermutigen. Redet freundlich mit der unerfahrenen, heilsbegierigen Seele, sucht ihr liebevoll alle Steine des Anstoßens aus dem Wege zu räumen. Wenn ihr einen Gnadenfunken in ihrem Herzen findet, so kniet nieder und blast ihn zur Flamme an. Lasset den Gläubiggewordenen nach und nach die Rauheit des Pfades erproben, aber verkündiget ihm, welche Kraft in Gott ruht, wie unerschütterlich die Verheißung feststeht, und wie lieblich die Gemeinschaft mit Christo ist. Suchet die Traurigen zu trösten und die Verzagenden zu ermutigen. Redet zur rechten Zeit ein Wort zu dem Ermattenden, und ermuntert die Furchtsamen, ihren Weg mit Freuden zu wandeln. Gott stärkt euch dazu mit seinen Verheißungen; Christus ermuntert euch, wenn Er euch den Himmel zeigt, den Er euch erworben hat, und der Heilige Geist kräftigt euch, wenn Er in euch wirkt das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen. Lernet von der göttlichen Weisheit, und stärket andre, wie heute zu euch gesagt ist. ,,Laß nicht aus der Acht die Gabe, die dir gegeben ist durch die Weissagung."

 

 

,,Der Herr, unser Gott, hat uns lassen sehen seine Herrlichkeit."
5 Mose 5, 24.

Gottes große Absicht in allen seinen Werken ist die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Irgend ein andres, geringeres Ziel wäre seiner unwürdig. Aber wie soll die Herrlichkeit Gottes solchen armen, gefallenen Geschöpfen, wie wir, geoffenbart werden? Des Menschen Auge ist nicht einfältig, es schielt immer nach seiner eignen Ehre, hat eine allzuhohe Meinung von seinen Kräften und Fähigkeiten, und ist demnach nicht dazu angetan, die Herrlichkeit des Herrn zu betrachten. Darum ist es klar, daß das eigne Ich sich auf die Seite stellen muß, damit Raum gemacht werde für die Erhöhung Gottes; und das ist der Grund, warum Er die Seinen oft in Schwierigkeiten und schlimme Lagen geraten läßt, damit sie, auf ihre Torheit und Schwäche aufmerksam gemacht, recht imstande seien, die Majestät Gottes zu betrachten, wenn Er kommt, ihre Erlösung ins Werk zu setzen. Der, dessen Leben einem ebenen und sanften Pfade gleicht, sieht nur wenig von der Herrlichkeit des Herrn, denn er hat wenig Gelegenheit, sich seiner selbst zu begeben, und darum ist er wenig zubereitet, sich erfüllen zu lassen mit der Offenbarung Gottes. Wer mit seinem Schifflein nur kleine Ströme und seichte Buchten besucht, erfährt gar wenig von dem Gott der Stürme; aber ,,die ihren Handel treiben in großen Wassern," die ,,erfahren des Herrn Werke und seine Wunder im Meer." In den gewaltig wogenden Wellen der Entbehrung, Armut, Versuchung und Verachtung lernen wir die Macht Jehovahs kennen, weil wir hier die Winzigkeit des Menschen fühlen. Darum danke Gott, wenn du auf rauhen Pfaden bist geführt worden; das ist's eben, was dir Gottes Größe und Güte in der Erfahrung gezeigt hat. Deine Trübsale haben dich bereichert mit einem Schatz der Erkenntnis, den du auf keine andre Weise gesammelt hättest; deine Heimsuchungen waren die Kluft im Felsen, in welche dich Jehovah brachte, daß du, wie Moses, die Herrlichkeit Gottes schauen möchtest, wenn sie an dir vorüberrauscht. Preise Gott, daß Er dich nicht in der Finsternis und Unwissenheit gelassen hat, die ein ununterbrochenes Wohlergehen mit sich zu bringen pflegt, sondern daß du in dem großen Kampf der Anfechtung bist empfänglich gemacht worden für den Strahlenglanz seiner Herrlichkeit in seinem wunderbaren Walten und in seiner anbetungswürdigen Führung.

 

 

,,Seine Kinder."
5 Mose 32, 5.

Welches ist das geheime Kennzeichen, woran unfehlbar das Kind Gottes erkannt wird? Es wäre eitle Vermessenheit, wenn wir dies nach eigner Einsicht entscheiden wollten; aber Gottes Wort offenbart es uns, und wo die Offenbarung uns führt, tun wir gewisse Tritte. Nun wird uns von unserm Herrn gesagt: ,,Wie viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben." Wenn ich also Christum Jesum in mein Herz aufgenommen habe, so bin ich ein Kind Gottes. Diese Aufnahme wird in der nämlichen Schriftstelle bezeichnet als der ,,Glaube an den Namen Jesu Christi." Wenn ich also an den Namen Jesu Christi glaube, d.h. wenn ich mich einfältig und von ganzem Herzen auf den gekreuzigten, nun aber erhöhten Heiland verlasse, so bin ich ein Glied der Familie des Höchsten. Was mir auch sonst noch mangeln mag, so habe ich das, daß ich das Vorrecht besitze, ein Kind Gottes zu sein. Unser Herr Jesus drückt es auch noch anders aus: ,,Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir." Hier haben wir die Sache ganz nahe beisammen. Christus erscheint seinen eignen, nicht aber den fremden Schafen als Hirte. Sobald Er erscheint, erkennen Ihn seine Schafe; Er kennt sie, und sie kennen Ihn; es ist ein gegenseitiges Erkennen, es ist eine wechselseitige Anhänglichkeit zwischen beiden. So ist denn das eine Merkmal, das sichere Zeichen, das unfehlbare Zeugnis der Wiedergeburt und Gotteskindschaft, ein herzlicher Glaube an den verordneten Erlöser. Lieber Christ, bist du ungewiß, bist du von Zweifel erfüllt, ob du das verborgene Kennzeichen der Kinder Gottes trägst? Dann gönne dir keinen Augenblick Ruhe, bis du gesprochen hast: ,,Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz." Nimm es nicht leicht, ich beschwöre dich! Wenn du über irgend etwas leicht hinweggehen willst, so sei es irgend etwas Untergeordnetes: deine Gesundheit, wenn du willst, oder die Besitztitel deines Vermögens; was aber deine Seele betrifft, deine unsterbliche Seele und ihre ewige Bestimmung, so beschwöre ich dich, nimm es ernst. Werde deines ewigen Heils gewiß. ,,Zur Heimat droben in den Höhen, Soll meines Herzens Sehnen stehen!"

 

 

,,Des Herrn Teil ist sein Volk."
5 Mose 32, 9.

Wie sind die Gläubigen Gottes Eigentum? Durch seine freie Gnadenwahl. Er hat sie erwählt und hat seine ganze Liebe ihnen zugewendet. Und das hat Er getan ohne irgend ein Gutes, das zu jener Zeit an ihnen gewesen wäre, oder das Er in ihnen hätte voraussehen können. Er war gnädig, welchem Er wollte gnädig sein, und verordnete ein Volk seiner Wahl zum ewigen Leben; so also sind sie sein Eigentum durch seine freie, durch keinerlei Einschränkung bestimmte Wahl.

Aber sie sind sein Eigentum, nicht nur weil Er sie erwählt, sondern auch weil Er sie sich erkauft hat. Er hat für sie dargelegt und bezahlt den ganzen vollen Preis bis auf den letzten Heller, darum hat Er ein unbestreitbares Eigentumsrecht an sie. Nicht mit vergänglichem Silber oder Gold, sondern mit dem teuern Blut des Herrn Jesu Christi ist des Herrn Erbteil aufs völligste erlöst worden. Es haftet keinerlei Forderung an seinem Besitzrecht; es kann keinerlei hemmende Einsprache erhoben werden, der Preis ward vor öffentlichem Gerichtshof dagelegt und anerkannt, und die Gemeinde ist des Herrn freies Eigentum ewiglich. Siehe das Blutzeichen auf allen Auserwählten; es ist dem menschlichen Auge unsichtbar, aber es ist Christo bekannt, denn ,,der Herr kennet die Seinen;" Er vergißt ihrer keinen, die Er aus den Menschen erlöset hat; Er zählt die Schafe, für die Er sein Leben dargegeben, und ist seiner Gemeinde stets eingedenk, für die Er sich geopfert hat. Sie sind aber auch sein eigen, weil Er sie überwunden hat. Welch ein Kampf kostete es Ihn, bis Er uns gewonnen hatte! Wie lange belagerte Er unsre Herzen! Wie oft forderte Er uns zur Übergabe auf! aber wir verrammelten Ihm die Tore und befestigten unsre Mauern gegen Ihn. Erinnern wir uns nicht mehr der großen Stunde, wo Er unsre Herzen mit Sturm nahm? wo Er sein Kreuz vor unsern Mauern aufrichtete, und unsre Wälle erstieg und auf unsern Türmen dies blutrote Panier seiner allüberwindenden Gnade aufsteckte? Ja gewiß, wir sind die überwundenen Gefangenen seiner allmächtigen Liebe. Weil wir nun also erkoren, erkauft und erkämpft sind, so sind die Rechte unsers göttlichen Herrn unantastbar; wir freuen uns des, daß wir nie unser eigen sein können; und wir sehnen uns täglich, seinen Willen zu tun und seine Herrlichkeit zu offenbaren.

 

 

,,Das ist die Wohnung Gottes."
5 Mose 33, 27.

Die Stelle lautet nach einer andren Übersetzung: ,,Der ewige Gott ist deine Zuflucht" oder ,,deine Bleibstätte", und das will uns sagen, daß Gott unsre Heimat ist. Es liegt eine große Fülle und etwas überaus Liebliches in diesem Bilde; denn unserm Herzen ist unsre Heimat allezeit teuer, und wär's die kleinste, niedrigste Hütte, die engste Kammer; und noch viel teurer ist uns unser lieber Gott, denn in Ihm leben und weben und sind wir. In der Heimat fühlen wir uns geborgen: da schließen wir die Welt von uns aus, und weilen in sicherer Ruhe. Wenn wir bei Gott sind, ,,fürchten wir kein Unglück." Denn Er ist unser Schutz und Schirm, unsre ewige Zuflucht. Daheim ruhen wir aus; hier finden wir Erquickung nach des Tages Last und Hitze. Und so finden auch unsre Seelen Ruhe in Gott, wenn wir, ermattet vom Kampf und Gewühl des Lebens, uns zu Ihm wenden, und unser Herz sich Ihm hingibt. Daheim lassen wir unser Herz frei gehen; wir fürchten nicht, daß wir mißverstanden werden, oder daß man unsre Worte verdrehe und falsch deute. Und so ist's auch, wenn wir bei Gott weilen, da dürfen wir ungehemmt und ungehindert mit Ihm umgehen und Ihm all unsre geheimen Wünsche offen darlegen; denn wenn ,,das Geheimnis des Herrn ist unter denen, die Ihn fürchten," so sollten die Geheimnisse derer, die Ihn fürchten, bei dem Herrn sein, und müssen es auch sein. Die Heimat ist auch die Stätte unsers wahrsten und reinsten Glückes: und in Gott finden unsre Seelen ihre süßeste Wonne. In Ihm genießen wir eine Freude, die alle andren Freuden weit übertrifft. Unsrer Heimat gilt all unser Schaffen und Streben. Der Gedanke an den heimischen Herd gibt uns Kraft und Mut, der Arbeit tägliche Last zu tragen; und so stärkt uns die Liebe zu Gott, der unsre Heimat ist. Wir gedenken seiner in seinem lieben Sohn; und ein Strahl vom leidenden Antlitz des Heilandes drängt uns, für Ihn um seinetwillen zu arbeiten. Wir fühlen, daß wir arbeiten müssen, denn wir haben noch Brüder, die auch müssen errettet werden, und wir müssen unsres Vaters Herz damit erfreuen, daß wir seine verirrten Kinder suchen und heimführen; wir möchten die liebe Familie, unter der wir wohnen, gern erfüllen mit heiliger Freude und Wonne. ,,Wohl dem, des Hilfe der Gott Jakobs ist, des Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, stehet."

 

 

,,Unter den Armen ewiglich."
5 Mose 33, 27.

Gott, der ewige Gott, ist selber unsre Stütze und unser Schutz zu allen Zeiten. Er trägt uns auf seinen mächtigen Armen, Er umschlingt uns mit seinen Liebes-Armen, Er deckt uns mit seinen schützenden Armen, wo wir in Not und Trübsal sinken. Es gibt Zeiten, wo der Christ sehr tief gedemütigt wird. Unter einem Gefühl großer Sündigkeit fühlt er sich vor Gott so daniedergebeugt, daß er kaum mehr zu beten vermag, weil er sich in seinen eignen Augen zu unwert erscheint. Nun denn, du armes, liebes Gotteskind, bedenke, daß, wenn du am elendesten und übelsten dran bist, so bist du doch ,,unter den Armen ewiglich." Mag dich die Sünde noch so sehr beugen, so reicht Christi große Versöhnungsliebe noch viel weiter hinab. Du bist vielleicht tief, sehr tief gefallen, aber du kannst noch nicht so tief gefallen sein, daß du ,,immerdar" verloren wärest, denn ,,Er auch selig machen kann immerdar, die durch Ihn zu Gott kommen." Der Geist versinkt oft auch in tiefe äußere Trübsal und Sorge. Jede irdische Stütze ist geraubt. Was dann? Siehe, ,,unter den Armen" stehet er dennoch, steht ,,ewiglich" unter dem liebenden Schutze seines Gottes. Er kann nicht tiefer in Traurigkeit und Zagen fallen, als es die Bundes-Gnade eines Gottes voll ewiger Treue gestattet. Der Christ kann auch unter innere Anfechtungen kommen durch heftige Kämpfe; aber auch dann kann er nicht so tief sinken, daß er außer dem Bereich der ,,ewigen Arme wäre." Sie sind über und um und unter ihm; und weil er eine solche Stütze hat, kann ihm Satans List und Bosheit nichts anhaben. Diese Zusicherung des göttlichen Schutzes ist ein großer Trost für alle, die im Dienste des Herrn stehen. Diese Verheißung sichert uns Erquickung zu für jeden Tag, Gnade für jedes Bedürfnis, und Kraft zu jeder Arbeit. Und wenn dann der Tod kommt, bleibt die Verheißung fest. Wenn wir mitten im tobenden Jordan stehen, können wir mit David sprechen: ,,Ich fürchte kein Unglück, denn Du bist bei mir." Wir steigen hinab ins Grab, aber tiefer hinab geht's nicht mit uns, denn die ,,Arme" des Ewigen halten uns, daß wir nicht tiefer fallen können. Unser ganzes Leben lang und an seinem Ende, dem Tod, werden wir getragen von ,,den Armen ewiglich," von Armen, die weder ermatten noch ermüden, die ihre Kraft unveränderlich bewahren; denn ,,der ewige, allmächtige Gott wird nicht müde noch matt."

 

 

,,Wohl dir, Israel, wer ist dir gleich? O Volk, das du durch den Herrn selig wirst."
5 Mose 33, 29.

Wer behaupten kann, die Nachfolge Christi mache die Menschen unglücklich, ist selbst weit vom wahren Glück entfernt und hat keine Ahnung von dem, was Christo nachfolgen heißt. Es wäre wahrlich merkwürdig, wenn die Liebe zu Christo uns elend machte, denn siehe, zu welch einem hohen Stande erhebt sie uns! Sie macht uns zu Söhnen Gottes. Meinet ihr denn, Gott werde alles Glück auf seine Feinde häufen und alle Traurigkeit für seine Kinder zurückbehalten? Sollten seine Widersacher Freude und Wonne genießen und seine Sprößlinge Kummer und Jammer ererben? Sollte der Sünder, der keinen Teil hat an Christo, sich des Reichtums aller Glückseligkeit rühmen, und wir sollten betrübt einhergehen wie die allerärmsten Bettler? Nein, wir freuen uns im Herrn allewege und rühmen uns unsrer Gotteskindschaft, denn ,,wir haben nicht einen knechtlichen Geist empfangen, daß wir uns fürchten müßten, sondern wir haben einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater." Die Rute der Züchtigung muß uns allerdings nach seiner Weisheit zu teil werden, aber sie wirket für uns die friedsame Frucht der Gerechtigkeit; und darum können wir, das ,,Volk, das durch den Herrn selig wird," durch den Beistand des heiligen Trösters uns freuen in Gott, unserm Heil. Wir sind Christo angetraut; und kann unser großer Bräutigam zugeben, daß seine Freundin in unaufhörlicher Traurigkeit dahinlebe? Unsre Herzen sind mit Ihm verbunden; wir sind seine Glieder, und obgleich wir eine kleine Zeit leiden, gleich wie unser Haupt gelitten hat, so sind wir dennoch zu dieser Stunde gesegnet mit himmlischen Gütern in Ihm. Wir besitzen das Pfand unsres Erbteils in den Tröstungen des Heiligen Geistes, und dieser Trost ist weder gering noch selten. Wir sind Erben der ewigen Freude und Herrlichkeit und haben schon hienieden einen Vorschmack der Wonne, die unser wartet. Es leuchten einzelne Strahlen des Freudenlichts zu uns herüber, um uns den ewigen Sonnenaufgang zu verkünden. Unsre Schätze liegen jenseits des Toten Meeres; unsre Stadt, die einen festen Grund hat, liegt jenseits des Jordans; der Glanz der Herrlichkeit aus jener Welt der seligen Geister entzückt unsre Herzen und hebt uns empor. Es heißt in Wahrheit von uns: ,,Wohl dir, Israel; wer ist dir gleich? O Volk, das du durch den Herrn selig wirst!"


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