C.H.Spurgeon
Betrachtungen zu den Psalmen

 

,,Bei dem Herrn findet man Hilfe."
Ps. 3, 8.

Hilfe, Heil, Seligkeit ist Gottes Werk. Er allein ist's, der die Seele, die ,,tot ist durch Übertretung und Sünden," zu erquicken vermag, und Er allein auch erhält die Seele in ihrem geistlichen Leben. Er ist beides, ,,das A und das O, der Anfang und das Ende." ,,Bei dem Herrn findet man Hilfe." Wenn ich anhalte am Gebet, so hat mir Gott den Geist des Gebets gegeben; sind mir Gnadengaben geschenkt, so sind's Gottes Gaben; wenn ich aufrichtig wandle und einhergehe in einem gottgefälligen Leben, so geschieht's darum, daß Er mich hält und leitet an seiner Hand. Ich kann auch nicht das Geringste tun, mich zu bewahren, wenn Gott es nicht zuerst in mir wirkt. Alles, was ich habe, all mein Gutes kommt allein von dem Herrn. Worin ich sündige, das ist mein eigen; worin ich aber recht tue, das ist von Gott, völlig und vollständig. Wenn ich einen geistlichen Feind überwunden habe, so hat des Herrn Kraft meinen Arm gestärkt. Lebe ich vor den Menschen ein heiliges Leben? Nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Bin ich geheiligt? Nicht ich selber habe mich rein gemacht; Gottes Heiliger Geist heiligt mich. Bin ich von der Welt entwöhnt? Dann bin ich entwöhnt durch Gottes Züchtigungen, die zu meinem Besten geheiligt wurden. Wachse ich in der Erkenntnis? Der große Lehrer unterweist mich. Alle meine Kleinode sind ein Erzeugnis himmlischer Kunst. In Gott finde ich volle Genüge für alle meine Bedürfnisse; in mir selber aber finde ich nichts als Sünde und Elend. ,,Der Herr ist mein Hort, meine Hilfe, mein Schutz." Lebe ich vom Wort? Dies Wort wäre keine Erquickung für mich, wenn nicht der Herr es mir zur Speise machte und mich damit nährte. Lebe ich von dem Manna, das vom Himmel kommt? Was ist dies Manna anders, als der fleischgewordene Heiland Jesus Christus, dessen Leib ich esse und dessen Blut ich trinke. Empfange ich allezeit neue Kraft und Macht? Woher kommt mir diese Stärkung? Meine Hilfe kommt von des Himmels Höhen: ohne Jesum vermag ich nichts. Gleich wie die Rebe kann keine Frucht bringen von sich selber, sie bleibe denn am Weinstock; also auch ich nicht, ich bleibe denn in Ihm. Was Jona in der Tiefe des Meeres erfuhr, was Davids Hoffnung und Stern war in der Nacht der Anfechtung, das will ich heute lernen im Kämmerlein: ,,Bei dem Herrn findet man Hilfe."

 

 

,,Liebe Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden?"
Ps. 4, 2.

Es hat einmal jemand zusammengestellt, was für Ehrenbezeugungen das verblendete Volk Israel seinem langersehnten Messias erwiesen hat. O, es ist ein trauriges Verzeichnis.

1) Sie gaben Ihm ein Ehrengefolge, an welchem römische Kriegsknechte, jüdische Priester, Männer und Weiber teilnahmen, und Er trug sein Kreuz. Das ist der Triumphzug, welchen die Welt Dem bereitet, der da kommt, des Menschen furchtbarste Feinde zu überwinden. Höllisches Hohngelächter ist der Begrüßungsjubel, der Ihm entgegentönt, und teuflischer Spott die Lobhymne, die Ihn empfängt.

2) Sie reichten Ihm einen Ehrentrunk. Statt des goldenen Bechers voll edlen Weins boten sie Ihm den betäubenden Todeskelch niedriger Verbrecher dar; aber Er verweigerte ihn, denn Er wollte die unverhüllte Bitterkeit des Todes in seiner ganzen Schärfe kosten; und als Er später schrie: ,,Mich dürstet," gaben sie Ihm Essig mit Galle vermischt und boten es Ihm zum Munde dar mit einem Schwamm auf einem Rohr. O! welch eine entsetzliche, abscheuliche Ehrenlabung ward hier dem Königssohn zuteil!

3) Man gab Ihm eine Ehrenwache, die Ihm ihre Ehrfurcht damit bezeugte, daß sie um sein Gewand das Los warf, und seine Kleider als Beute wegnahm. Das war die Leibwache Des, den alle Himmel anbeten: eine Rotte frecher Spieler.

4) Ein Ehrenthron ward Ihm zuteil am blutigen Kreuz; keine weichere Ruhestätte wollten die aufrührerischen Menschen ihrem rechtmäßigen Herrn gönnen. Das Kreuz war in der Tat der volle Ausdruck dessen, was die Welt gegen Ihn fühlte. ,,Hier," schienen sie zu sagen, ,,hier, Du Sohn des Allerhöchsten, siehst Du, was Gott selber von uns zu erwarten hätte, wenn wir Ihn erreichen könnten."

5) Sein Ehrentitel war nach den Buchstaben: ,,König der Juden," aber das verblendete Volk verwarf diesen Namen und hieß Ihn in der Tat den ,,Schächerkönig"; denn sie baten Barabbam los und gaben Jesu den schimpflichsten Platz zwischen den beiden Schächern. So ward seine Ehre von den Menschenkindern in allen Dingen in Schande verkehrt, aber dennoch entzückt seine Herrlichkeit die Augen aller Heiligen und herrlichen Engel von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

 

,,Herr, leite mich in Deiner Gerechtigkeit, um meiner Feinde willen."
Ps. 5, 8.

Die Feindschaft der Welt gegen das Volk Christi ist gar bitter. Menschen vergeben einander gern tausend Fehltritte, aber die geringste Beleidigung gegen einen Jünger Jesu verherrlichen und preisen sie. Anstatt uns darüber zu betrüben, wollen wir es uns zur Aufmunterung dienen lassen, und weil so viele über unser Tun und Lassen wachen, so soll es uns ein ganz besonderer Sporn sein, recht sorgfältig in den Wegen Gottes zu wandeln. Wenn wir sorglos dahin leben, so entdeckt es die luchsäugige Welt gar bald, und mit ihren hundert Zungen breitet sie es aus, und die Verleumdung übertreibt und verdreht die Sache mit geschäftigem Eifer. Die Welt frohlockt siegreich: ,,Sehet, so muß es kommen! Ei, wie doch die Christen handeln, sie sind alle Heuchler und alle gleich!" So widerfährt der Sache Christi großer Nachteil und sein heiliger Name wird hart geschmäht. Das Kreuz Christi ist schon an sich der Welt ein Stein des Anstoßens; hüten wir uns, daß wir diesen Anstoß nicht aus eigner Schuld vergrößern. Es ist ,,den Juden ein Ärgernis": erinnern wir uns, daß wir kein Ärgernis geben, wo schon so viel des Argen vorhanden ist. ,,Den Griechen ist es eine Torheit": wir wollen nicht mit eigner Torheit Anlaß geben zum Spott, mit welchem die Weisheit dieser Welt das Evangelium verhöhnt. Wie sorgfältig sollten wir auf unsrer Hut sein! wie strenge unser Gewissen bewahren! In Gegenwart von Widersachern des Kreuzes, welche auch unsre besten Handlungen zum übelsten ausdeuten und uns unlautere Absichten unterschieben, wo die an unsrem Tun nichts zu tadeln finden, können wir nicht vorsichtig genug sein. Die Zionspilger ziehen wie verdächtiges Gesindel durch die Stadt Eitelkeit. Nicht nur stehen wir unter Aufsicht, sondern geheime Kundschafter umgeben uns von allen Seiten. Der Verrat lauert überall auf uns, daheim und draußen. Fallen wir dem Feind in die Hände, so mögen wir eher von einem Wolfe Großmut erwarten, oder Gnade von einem Feinde, als irgend welche Nachsicht mit unsren Schwachheiten von den Menschen, welche ihren Abfall von Gott mit Lästerungen gegen sein Volk zudecken. O Herr, leite uns in Deiner Hut, damit uns unsre Feinde nicht überfallen!

 

 

,,Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen."
Ps. 9, 1.

Preis und Dank sollte stets auf die Erhörung unsrer Gebete folgen; gleichwie sich der Nebel von der dankbaren Erde in die Höhe erhebt, sobald die Sonne der himmlischen Liebe den Boden erwärmt. Ist dir der Herr gnädig gewesen, und hat Er sein Ohr herabgeneigt zur Stimme deines Flehens? Dann danke Ihm, so lange du lebst. Laß die reife Frucht auf den fruchtbaren Boden zurückfallen, aus welchem sie ihre Nahrung empfangen hat. Verweigere Ihm, der dein Gebet erhört und dir den Wunsch deines Herzens gewährt hat, dein Loblied nicht. Wenn du zu Gottes Gnadenerweisungen schweigst, so machst du dich der Sünde der Undankbarkeit schuldig; es wäre ebenso undankbar, wie die Handlungsweise der neun Aussätzigen, die, nachdem sie von ihrem Aussatz waren geheilt worden, nicht umkehrten, um dem heilenden Herrn zu danken. Wer vergißt, Gott zu loben und dankbar zu preisen, der verschmäht sein eignes Heil; denn Dank ist ebensowohl wie Gebet eines jener mächtigen Mittel, wodurch das Wachstum unsers geistlichen Lebens gefördert wird. Es trägt dazu bei, daß wir unsrer Lasten los werden, unsre Hoffnung stärken, unsern Glauben mehren. Es ist eine wohltätige und stärkende Übung, die den Herzschlag des Gläubigen kräftiger macht, und ihn zu neuer Arbeit im Dienste seines Meisters stählt. Gott für die empfangenen Gnadengaben danken, das ist auch der Weg, wie wir unsern Mitmenschen können zum Segen werden: ,,Meine Seele soll sich rühmen des Herrn, daß die Elenden hören, und sich freuen." Andre, die in gleichen Umständen gewesen sind wie wir, empfangen Trost, wenn wir sagen können: ,,Preiset mit mir den Herrn, und lasset uns miteinander seinen Namen erhöhen. Da dieser Elende rief, hörete der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten." Schwache Seelen werden gestärkt, und wankende Heilige werden ermuntert, wenn sie hören, daß wir errettet ganz fröhlich ,,rühmen können." Ihre Furcht und Zweifel werden beschämt, wenn wir einander lehren und ermahnen mit Psalmen und Lobgesängen, und geistlichen lieblichen Liedern, und dem Herrn singen in unsern Herzen; auch sie werden ,,singen auf den Wegen des Herrn." Dank ist die himmlischste aller Christenpflichten. Die Engel bitten nichts, aber sie hören nicht auf zu loben Tag und Nacht; und die Erlöseten, gekleidet in weiße Seide, und Palmenzweige in den Händen, singen unermüdlich das neue Lied: ,,Würdig ist das Lamm."

 

 

,,Der Herr ist König immer und ewiglich."
Ps. 10, 16.

Jesus Christus ist kein tyrannischer Forderer des göttlichen Rechts, aber Er ist wirklich und wahrhaftig des Herrn Gesalbter. ,,Es ist des Vaters Wohlgefallen gewesen, daß in Ihm alle Fülle wohnen sollte." Gott hat Ihm alle Gewalt und Macht gegeben. Als des Menschen Sohn ist Er nun das Haupt über alles in seiner Gemeinde, und Er herrscht über Himmel und Erde und Hölle und hat die Schlüssel des Lebens und des Todes in seiner Hand. Etlichen Fürsten hat es gefallen, sich den Titel beizulegen: ,,König durch den Willen des Volks," und gewiß ist unser Herr Jesus Christus ein solcher in seiner Gemeinde. Wenn darüber abgestimmt werden müßte, ob Er König sein solle über die Seinen, so würde jede gläubige Seele Ihn krönen. Ach, daß wir Ihn doch herrlicher krönen könnten, als es der Fall ist! Wir wollten keinen Aufwand scheuen und keine Mühe sparen, um Christum zu verherrlichen. Das Leiden für Ihn wäre unsre Freude, Verlust unser Gewinn, wenn wir dadurch seine Stirne mit glänzenderen Kronen schmücken und Ihn in den Augen der Menschen und der Engel noch mehr verherrlichen könnten. Ja, Er soll herrschen. Lange lebe der König! Hosianna Dir, König Jesus! Gehet, ihr jungfräulichen Seelen, die ihr euren Herrn liebt, kniet nieder von Ihm, bestreuet seinen Pfad mit den Lilien eurer Liebe und mit den Rosen eures Dankes; bringet herbei das königliche Stirnband, und krönet Ihn zum Herrn über alles. Unser Herr Jesus ist auch König zu Zion durch das Recht der Eroberung; Er hat mit Sturm eingenommen und gewonnen die Herzen seines Volks, und hat ihre Feinde erschlagen, die sie in grausamer Knechtschaft gefangen hielten. In dem roten Meere seines Blutes hat unser Erlöser den Pharao unsrer Sünden ersäuft: soll Er nun nicht König sein in Jeschurun? Er hat uns frei gemacht von dem ehernen Joch und dem schweren Fluch des Gesetzes: soll der Befreier keine Krone empfangen? Wir sind sein Erbteil, das Er gewonnen hat aus der Hand der Amoriter mit seinem Schwert und Bogen; wer wird Ihm die Frucht seines Sieges entwenden? Heil Dir, o König Jesus! Wir anerkennen mit Freuden Deine gütige Herrschaft! Regiere in unsern Herzen ewiglich, Du liebenswürdiger Friedefürst!

 

 

,,Der Herr prüfet den Gerechten."
Ps. 11, 5.

Alle Ereignisse stehen unter der Obhut der Vorsehung Gottes: und darum müssen wir auch alle Leiden und Prüfungen unsrer äußeren Lebensführung auf diese eine Grundursache zurückführen. Aus der goldenen Pforte des göttlichen Ratschlusses ziehen die Heere der Heimsuchungen in Schlachtordnung aus, gekleidet in eiserne Panzer und gerüstet mit Kriegswaffen. Alle Gottesführungen sind Türen für Trübsale. Selbst unsre Gnadengaben haben gleich den Rosen ihre Dornen. Die Menschen können in Meeren des Wohlergehens ebensogut umkommen, wie in Strömen der Anfechtung. Unsre Berge sind nicht zu hoch, und unsre Täler nicht zu tief für die Versuchung; Leiden lauern an allen Straßen auf uns. Überall, vor uns und hinter uns, sind wir von Gefahren umgeben und bedroht. Dennoch fällt kein Regen ohne Gottes Zulassung aus den drohendsten Wolken; jeder Tropfen hat seine vorgeschriebene Bahn, wie und wann er zur Erde fällt. Die Prüfungen, die uns von Gott kommen, sind gesandt, unsre Gaben zu erproben und zu kräftigen, und so zugleich die Macht der göttlichen Gnade ans Licht zu stellen, die Echtheit unsrer Tugenden zu bezeugen und ihre Lebenskraft zu vermehren. Der Herr setzt in seiner unendlichen Weisheit und überschwenglichen Liebe einen so hohen Wert auf den Glauben der Seinen, daß Er sie solcher Prüfungen nicht überheben will, die zur Stärkung ihres Glaubens dienen. Ihr hättet nie den köstlichen Glauben erlangt, der euch jetzt trägt und tröstet, wenn euer Glaube nicht die Feuerprobe bestanden hätte. Ihr seid Bäume, die nie so kräftige Wurzeln geschlagen hätten, wenn der Sturm euch nicht hin und her gestoßen und euch genötigt hätte, euch fest an die herrlichen Verheißungen des Gnadenbundes anzuklammern. Irdisches Wohlergehen ist ein großer Feind des Glaubens; es lockert die Bande heiliger Zucht und erschlafft die Sehnen heiligen Mutes. Der Luftballon steigt nicht, bis der fesselnde Strick durchschnitten wird; die Prüfungen des Leidens leisten gläubigen Seelen diesen Dienst. Solange der Weizen in der Ähre ruht, nützt er dem Menschen nichts, er muß ausgedroschen werden aus seiner Ruhestätte, ehe man erfährt, was er wert ist. Darum ist's gut, daß Jehovah die Gerechten prüft, denn dadurch werden sie reich in Gott.

 

 

,,Hilf, Herr."
Ps. 12, 1.

Dies Gebet ist an sich schon merkwürdig, denn es ist kurz, aber kernhaft, kräftig und kindlich. David war bekümmert, daß die Heiligen abgenommen hatten und der Gläubigen wenig war unter den Menschenkindern; und darum richtete er sein Herz empor im Gebet; weil die Geschöpfe ihn verließen, floh er zum Schöpfer. Offenbar fühlte er seine eigne Schwachheit, sonst hätte er nicht um Hilfe geschrieen; zugleich aber hatte er die aufrichtige Absicht, sich aufzumachen für die Sache der Wahrheit und für sie zu kämpfen, denn das Wort ,,hilf" hat keinen Sinn, wo wir nicht auch selbst tätig eingreifen. Es ist in diesem kurzen zweiwortigen Gebet eine große Offenheit, Deutlichkeit des Verlangens und Bestimmtheit des Ausdrucks; viel mehr, wahrlich, als in den weitschweifigen Herzensergießungen mancher Christenleute. Der Psalmist geht geradesweges zu seinem Gott mit einer wohlerwogenen Bitte; er weiß, was er sucht, und weiß, wo er's sucht. Herr, lehre uns beten, wie David betete! Die Veranlassungen zu diesem Gebet finden sich oft. Wie ist es so vortrefflich geeignet bei Heimsuchungen der göttlichen Vorsehung, wenn schwergeprüfte Gläubige erfahren müssen, daß sie keinen Helfer finden. Ebenso finden oft ernstgesinnte Christen, die im Worte Gottes forschen, bei Zweifeln über diesen oder jenen Gegenstand ihres Glaubens eine kräftige Hilfe, wenn sie den Heiligen Geist, den großen Lehrer, anrufen: ,,Hilf, Herr." Christliche Streiter dürfen im innern Kampfe bei dem Gnadenthrone um Zuzug und Verstärkung flehen, und dies Gebet dient ihnen dabei zum Vorbild für ihre Bitte. Arbeiter im himmlischen Acker können gleichfalls auf diesem Wege in Zeiten der Not Gnade und Erquickung empfangen. Heilsbegierige Sünder können in Zweifeln und Ängsten diese nämliche kräftige Bitte ergehen lassen. ,,Hilf, Herr," gilt für Leben und Sterben, für Dulden und Kämpfen, für Leid und Freud. Unsre Hilfe stehet allein bei Ihm, so lasset uns nicht träge sein, Ihn anzurufen. Die Erhörung des Gebets ist gewiß, wenn es aufrichtig dargebracht wird in Jesu Namen. Des Herrn Treue verbürgt es uns, daß Er die Seinen nicht verläßt; seine nahe Verwandtschaft als unser Vater und Bräutigam seiner Gemeinde stellt uns seine Hilfe sicher; seine Hingabe Jesu ist ein Pfand aller Gütigkeit; und fest steht seine Verheißung: ,,Fürchte dich nicht, ich helfe dir."

 

 

,,Wunderliche Güte."
Ps. 17, 7.

Wenn wir mit unsern Almosen auch unser Herz hingeben, dann geben wir, wie's Gott gefällt; aber wir müssen uns oft schuldig bekennen in diesem Stück. Nicht so unser Meister und Herr. Seine Liebesbezeugungen sind immer auch gewürzt mit der Liebe seines Herzens. Er schickt uns nicht das kalt gewordene Gericht und die Brocken von der Tafel seines Überflusses, sondern Er gibt uns unser Teil aus der vollen Schüssel seiner Mahlzeit und füllt unsre Vorratskammern zu rechter Zeit mit den duftenden Spezereien seiner inbrünstigen Liebe. Wenn Er das goldne Wappen seiner Gnade an unsre Palmen aufhängt, so begleitet Er die Gabe mit einem so warmen Händedruck, daß die Herzlichkeit, mit der Er gibt, uns nicht minder entzückt, als die Gabe selbst. Er kommt auf seinen Liebeswanderungen zu uns und kehrt in unserm Hause ein; aber Er macht's nicht wie der Vornehm-Stolze, der des armen Mannes Hütte besucht, sondern Er setzt sich zu uns auf die rauhe Bank und verachtet unsre Armut nicht, noch sieht Er unfreundlich auf unser Elend und unsre Schwachheit. Geliebte Freunde, mit welcher Holdseligkeit spricht Er! Welche süßen Lehren der Weisheit triefen von seinen Lippen, welche goldenen Wahrheiten münzt sein gnädiger Mund! Mit welchen Küssen der Liebe und Freundlichkeit umarmt und beseligt Er uns! Hätte Er uns nichts als ein paar geringe Heller geschenkt, so hätte sein freundliches Geben sie vergoldet; aber es ist vielmehr so, daß Er seine reichen Geschenke in goldenen Barken zu uns sendet. Es ist unmöglich, an der Aufrichtigkeit seines Wohlwollens zu zweifeln, denn alle seine Wohltaten sind mit dem Abzeichen eines blutenden Herzens gestempelt. Er gibt reichlich und rückt es niemand auf. Keine Rede davon, daß wir Ihm lästig werden; von einem kühlen Blick für seine armen Pfleglinge keine Spur! sondern Er freut sich innig ob seiner Gnade und drückt uns an seine Brust, während Er sein Leben für uns dargibt. Es ist ein so köstlicher Duft in seiner Narde, wie er nur seinem Gemüt entquillen kann; es ist eine Süßigkeit in seinem Honigseim, wie sie nie darin vorhanden wäre, wenn nicht der tiefste Inhalt seiner herzlichsten Liebe sich damit vermischt hätte. O, seltene Gemeinschaft, die eine so außerordentliche Herzlichkeit hervorruft! Möchten wir doch ihren Segen und ihre Seligkeit unablässig schmecken!

 

 

,,Wenn Du mich demütigest, machst Du mich groß."
Ps. 18, 35.

Eigentlich heißt die Stelle: ,,Deine Demut macht mich groß," ,,Deine Herablassung zu mir," ,,Deine Selbsterniedrigung." Was uns groß macht, ist die Leutseligkeit Gottes, die sich uns zuliebe klein macht. Wir sind so klein, daß, wenn Gott seine Größe ohne Herablassung offenbaren würde, wir unter seinen Tritten zermalmt würden; aber Gott, der sich erniedrigen muß, um aus seinem unnahbaren Heiligtum die Himmelsräume zu betrachten, der sich beugen muß, um seiner Engel Walten zu schauen, senkt seine Blicke noch tiefer herab, und siehet auf die Niedrigen und Elenden und macht sie groß. Die Worte können auch übersetzt werden: ,,Deine Güte macht mich groß." David schreibt dankbar alle seine Größe nicht seiner eignen Güte, sondern der Güte Gottes zu. ,,Deine Vorsehung" lautet eine andre Lesart, und Vorsehung ist ja nichts andres, als die sich betätigende Güte. Güte ist die Knospe, aus welcher die Vorsehung erblüht, oder Güte ist die Saat, aus welcher die Vorsehung als Ernte hervorgeht. Manche lesen auch: ,,Deine Hilfe," was eigentlich nur ein andrer Ausdruck für Vorsehung ist; denn die Vorsehung ist der starke Verbündete der Heiligen, der ihnen im Dienst des Herrn zu Hilfe kommt. Es gibt noch andre Ausdrücke, so heißt es zum Beispiel in der griechischen Übersetzung: ,,Deine Zucht," deine väterliche Strafe, ,,macht mich groß;" während die chaldäische Umschreibung lautet: ,,Dein Wort stärkt mich." Doch ist der Gedanke immer derselbe. David weist hier auf die herablassende Güte seines himmlischen Vaters hin, wenn er an seine erlangte Größe denkt. Möchte doch dies Gefühl heute abend in unsern Herzen einen dankbaren Widerhall finden, während wir unsre Kronen zu den Füßen Jesu niederlegen und ausrufen: ,,Deine Güte macht mich groß." Wie wunderbar haben wir doch Gottes Güte und Freundlichkeit erfahren dürfen! Wie väterlich milde sind seine Züchtigungen gewesen! Wie zart sein Verschonen! Wie lieblich seine Lehren! Wie sanft seine Heimsuchungen! Liebe gläubige Seele, denke hierüber nach. Laß deine Dankbarkeit aufwachen; laß deine Demut sich vertiefen, laß deine Liebe sich beleben, ehe du dich heute abend zur Ruhe legst.

 

 

,,Bewahre auch Deinen Knecht vor den Stolzen (Sünden), daß sie nicht über mich herrschen."
Ps. 19, 13.

Das war das Gebet des ,,Mannes nach dem Herzen Gottes." Hatte der heilige David notwendig, also zu beten? Wie nötig müssen also wir das Gebet haben, die wir noch Kinder in der Gnade sind! Es ist, als ob er ausriefe: ,,Halte mich zurück, sonst stürze ich kopfüber in den Abgrund der Sünde!" Unsre verdorbene Natur ist wie ein unbändiges Pferd, beständig bereit, auf und davon zu rennen. Möge die Gnade Gottes ihr Zaum und Zügel anlegen und dieselben fest halten, damit sie nicht ins Unglück stürze. Wozu wäre nicht der Beste unter uns fähig, wenn nicht die Zucht vorhanden wäre, durch die uns der Herr in Gnaden und Vorsicht bewahrt! Das Gebet des Psalmisten ist gegen die schlimmste Gestalt der Sünde gerichtet: gegen die Sünde, die mit Vorsatz und Überlegung verübt wird. Auch der Geheiligtste muß ,,bewahrt" werden vor der ärgsten Übertretung. Es ist etwas außerordentlich Ernstes darum, wenn der Apostel Paulus die Heiligen vor den allerruchlosesten Sünden warnt. ,,So tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind: Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunft, böse Lust, und den Geiz, welcher ist Abgötterei." Wie, bedürfen Kinder Gottes und Heilige noch Warnungen vor solchen Sünden? Ja, freilich. Die hellsten Kleider werden besudelt von den häßlichsten Flecken, wenn nicht die göttliche Gnade sie rein erhält. Erfahrene Seele, rühme dich nicht deiner Erfahrung; du strauchelst dennoch, wenn du deinen Blick von Dem abwendest, der dich allein behüten kann vor jedem Fehltritt. Ihr alle, deren Liebe lebendig, deren Glaube beständig, deren Hoffnung herrlich ist, sprechet nicht: ,,Wir werden nimmermehr daniederliegen," sondern rufet vielmehr aus: ,,Führe uns nicht in Versuchung." Es ist Zündstoff genug in dem Herzen des besten Menschen, um ein Feuer anzuzünden, das bis zur tiefsten Hölle brennt, wenn Gott nicht die Funken auslöscht, die darauf fallen. Wer hätte sich träumen lassen, daß der gerechte Lot vom unmäßigen Genuß des Weins sich betören und zur Blutschande verleiten ließ? Hasael sprach: ,,Ist denn dein Knecht ein Hund, daß er solches Ding tun sollte?" und wir sind stets zur gleichen Frage geneigt. O Herr, heile uns doch von der Seuche des Selbstvertrauens!

 

 

,,Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen."
Ps. 22, 1.

Hier erblicken wir den Heiland in der tiefsten Tiefe seiner Leiden. Kein andrer Ort bezeugt die Bangigkeit und Schmerzen Jesu so laut wie Golgatha, und kein andrer Augenblick seiner großen Trübsal ist so voller Todesschrecken, wie der Augenblick, wo sein Schrei die Luft durchschneidet: ,,Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" In diesem Augenblick vereinigte sich große leibliche Erschöpfung mit der furchtbarsten geistigen Qual ob der Schmach und dem Fluch, durch welche Er hindurchgehen mußte; und damit sein Leiden die höchste Stufe erreiche, erduldete Er eine innere Seelenangst, die alle Worte übersteigt, eine Bangigkeit, die in dem Gefühl des Verlassenseins vom Vater ihren Grund hatte. Dies war die schwarze Mitternacht seiner furchtbarsten Schrecknisse; jetzt stieg Er hinab in den tiefsten Abgrund seines Leidens. Kein Mensch vermag sich zu versenken in den vollen Inhalt dieser Worte. Manche von uns meinen zuweilen, sie müßten ausrufen: ,,Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Es gibt Zeiten, wo das strahlende Lächeln unsers Vaters von Wolken und düstern Schatten verhüllt ist, aber wir müssen bedenken, daß Gott uns in Wahrheit nie verläßt. Es ist bei uns nur ein scheinbares Verlassensein von Gott, aber bei Christo war's ein wirkliches Verlassensein. Wir bekümmern uns über eine kleine Entziehung der Liebe des Vaters; aber Gottes wirkliches Abwenden seines Antlitzes von seinem Sohn - wer vermag zu schätzen, welch eine tiefe Seelenpein Ihm dies verursachte? ,,Laß mich Gottes Zorn erkennen, Teures Heil! in Deiner Not; Denn sie war der Hölle Brennen." Uns gibt gar oft der Unglaube diesen Angstruf ein; bei Ihm war's der Ausdruck der furchtbarsten Wahrheit, denn Gott hatte sich Ihm wirklich eine Zeitlang entzogen. O du arme, betrübte Seele, die sonst im Sonnenschein des göttlichen Angesichts wohnte, jetzt aber im Dunkel der Bangigkeit schmachtet, halte daran fest, daß Er dich nicht wirklich verlassen hat. Gott ist auch in Wolken so gut unser Gott, wie wenn Er im vollen Glanz seiner Gnade leuchtet; wenn aber schon der Gedanke, daß Er uns verlassen habe, uns in schwere Kämpfe hineinführt, wie groß muß erst das Leiden unsers Heilandes gewesen sein, als Er ausrief: ,,Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

 

 

,,Alle, die mich sehen, spotten meiner, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf."
Ps. 22, 7.

Spott und Hohn hatten großen Anteil an den Leiden unsers Herrn. Judas verhöhnte Ihn im Garten; die Hohenpriester und Schriftgelehrten verlachten und verspotteten Ihn; Herodes verachtete Ihn; die Kriegsknechte und Diener schmäheten Ihn und mißhandelten Ihn aufs empörendste; Pilatus und seine Söldlinge machten sich lustig über sein Königtum, und am Kreuz umschwirrten Ihn von allen Seiten wie vergiftete Pfeile die entsetzlichsten Scherze und die scheußlichsten Schmähreden. Hohn und Spott ist immer schwer zu ertragen; aber wenn wir in großen Nöten sind, wird er so unbarmherzig, so grausam, daß er bis ins tiefste Fleisch einschneidet. Denkt euch den gekreuzigten Heiland, von übermenschlicher Todesangst und leiblichen Qualen gemartert, und dann denkt euch diese mitleidslose Menge; sie schütteln alle die Köpfe und zischen und martern mit herzloser Härte des heillosesten Spottes ein armes, leidendes Opfer! O, gewiß, es muß in dem Gekreuzigten etwas mehr gewesen sein, als ihre Augen wahrnehmen konnten, sonst hätte nicht eine solche große wirre Menge Ihn so einmütig mit ihrer Verachtung geehrt. War es nicht ein böses Urteil der Selbstverdammung dieser bösen Welt, daß sie im Augenblick ihres höchsten scheinbaren Triumphs doch am Ende diese allüberwindende Güte, die an dem Kreuze thronte, nicht anders verhöhnen konnte, als mit dem Zeugnis seiner aufopfernden Liebestreue? O Jesu, Du ,,Allerverachtetster und Unwertester, so verachtet, daß man das Angesicht vor Dir verbarg," wie konntest Du für Menschen sterben, die Dich so arg mißhandelten? O, das ist überschwengliche, göttliche Liebe, eine Liebe über alle Maßen! Auch wir haben Dich verachtet in den Tagen unsrer Unwissenheit, und auch seitdem wir wiedergeboren sind, haben wir die Welt, Deine Feindin, in unserm Herzen wieder überhand nehmen lassen, und doch blutetest Du, um unsre Wunden zu heilen, und starbest, um uns das Leben zu geben! Ach, daß wir Dich doch in aller Menschen Herzen erhöhen könnten auf einem herrlichen, erhabenen Thron! Wir möchten gern Dein Lob verkünden über Länder und Meere hinaus, bis daß Dich endlich die Menschen so einmütig anbeten, wie sie Dich einst verachteten! ,,Ach, Du hast ausgestanden Spott, Lästerung und Hohn, Verachtung, Schmach und Schanden, Du großer Gottes-Sohn!"

 

 

,,Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt."
Ps. 22, 13.

Hat je Himmel und Erde einen schmerzlicheren Anblick erlebt? An Seele und Leib fühlte sich unser Herr matt wie Wasser, das auf den Boden geschüttet wird. Das Aufrichten des Kreuzes und seine Befestigung in der Erde hatte seinen armen Körper aufs heftigste erschüttert, hatte jede seiner Muskeln auseinander gerissen, alle seine Nerven aufs furchtbarste aufgeregt, und alle seine Gebeine mehr oder weniger verrenkt. Von der Last seines eignen Leibes gemartert, fühlte Er, wie während sechs langer, banger Stunden jeder Augenblick die Qual steigerte. Das Gefühl der Ermattung und der körperlichen Schwäche war übergroß; Er war in seinen eignen Augen nichts mehr als lauter Elend und ohnmächtiges Siechtum. Als einst Daniel das große Gesicht erblickte, beschrieb er seine Empfindung mit diesen Worten: ,,Es blieb aber keine Kraft in mir, und ich ward sehr ungestaltet und hatte keine Kraft mehr;" wieviel mehr mußte unser größerer Prophet zittern und zagen, als Er das erschreckliche Gesicht schaute vom Zorn Gottes und diesen Gerichtszorn in den eignen Eingeweiden wüten fühlte! Für uns wären solche Empfindungen, wie unser Herr sie schmecken und trinken mußte, unerträglich gewesen, und eine barmherzige Ohnmacht hätte sich unser erbarmt; Er aber war verwundet und fühlte bei vollem Bewußtsein das bohrende Schwert; Er trank den Kelch, und kostete jeden Tropfen seiner Hefe. ,,Ach, das hat unsre Sünd' Und Missetat verschuldet, Was Du an unsrer Statt Aus freier Lieb' erduldet!" Wenn wir jetzt vor dem Thron unsres erhöhten Heilands liegen, so wollen wir bedenken, womit Er diesen Thron zu einem Thron der Gnade für uns zubereitet hat; wir wollen im Geiste seinen Kelch trinken, damit wir mögen Stärkung empfangen für die Trübsalsstunden, die unser warten. An seinem natürlichen Leibe litt jedes Glied, und so muß auch seine Gemeinde, das ist sein geistlicher Leib, in jedem ihrer Glieder teilhaben an seinem Leiden; aber gleichwie sein Leib aus allen Schmerzen und Leiden unversehrt hervorging zur Herrlichkeit und Kraft, so wird auch sein geistlicher Leib unversehrt durch den Feuerofen gehen, und wird an seinen Gliedern kein Brand zu riechen sein.

 

 

,,Mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs."
Ps. 22, 14.

Unser hochgelobter Herr litt unter einer furchtbaren Zerknirschung und Zerschmelzung seiner Seele. ,,Wer ein fröhliches Herz hat, der weiß sich in seinem Leiden zu halten; wenn aber der Mut liegt, wer kann es ertragen?" Eine tiefe Niedergeschlagenheit des Geistes ist das schwerste aller Leiden; alles andre ist nichts dagegen. Wohl mochte der leidende Heiland zu seinem Gott schreien: ,,Sei nicht ferne von mir; denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer." Mehr als zu jeder andern Zeit hat ja ein Mensch seinen Gott nötig, wenn ihm das Herz im Leibe zerschmilzt vor Schwermut. Lieber Bruder, komm jetzt mit mir zum Kreuz, und bete demütig den König der Herrlichkeit an, der einmal viel tiefer eingetaucht war in geistige Nöten und innerliche Ängsten, als irgend einer unter uns; und achte, wie Er so ganz dazu angetan ist, ein treuer Hoherpriester zu werden, der da Mitleiden haben könnte mit unsrer Schwachheit. Möchten doch vor allem jene unter uns, deren Traurigkeit in der Entziehung des Gefühls von der Liebe des Vaters ihren Grund hat, in einen vertraulichen und innigen Umgang mit dem Herrn Jesu treten. Gebet nicht Raum der Verzweiflung, denn unser Meister ist uns durch alle Dunkelheiten hindurch vorausgegangen. Unsre Seelen mögen wohl manchmal von Ungeduld und Furcht gequält werden und fast verschmachten vor Sehnsucht, ob sie das Licht vom Angesicht des Herrn erblicken möchten; aber dann wollen wir uns aufrichten an der lieblichen Gewißheit, daß unser großer Hohepriester Mitleid mit uns hat. Unsre Angsttröpflein müssen verschwinden vor dem Meere seiner Leiden; aber wieviel höher sollte eben darum unsre Liebe steigen! Brich herein, du starke und tiefe Jesusliebe, wie das Meer heraufwallet zur Flutzeit, überströme alle meine Kräfte, ersäufe alle meine Sünden, schwemme hinweg alle meine Sorgen, hebe empor meine erdengefesselte Seele, und trage sie hinauf zu meines Herrn Füßen, und laß mich dort zurück als eine arme zerbrochene Schnecke, die seine Liebe aus dem Meeresgrund herausgespült hat, - die unwert und unwürdig, Ihm nur zuflüstern möchte, daß sein lauschendes Ohr in ihr den schwachen Widerhall vernehmen könne von den mächtigen Wogen seiner Liebe, die mich zu seinen Füßen hingelegt hat, mir zur ewigen Wonne und Seligkeit.

 

 

,,Kein Unglück fürchte ich; denn Du bist bei mir."
Ps. 23, 4.

Siehe, wie unabhängig von allen äußeren Umständen und Verhältnissen der Heilige Geist einen Jünger Christi machen kann! Welch ein herrliches Licht kann in uns scheinen, wenn um uns her alles dunkel ist! Wie sicher, wie selig, wie ruhig, wie reich an Frieden können wir sein, wenn die Welt erzittert und die Grundfesten der Erde sich bewegen! Ja, der Tod selbst mit all seinen furchtbaren Schrecken ist ohnmächtig, die freudige Stimmung eines Christenherzens zu zerstören; vielmehr ertönt die himmlische Musik im Herzen nur umso süßer, heller und seliger, bis die letzte Wohltat, die uns der Tod erweisen kann, uns zuteil wird, und der irdische Gesang mit den himmlischen Chören verschmilzt, und die zeitliche Freude sich auflöst in ewige Wonne! O, darum laßt uns zuversichtlich hoffen auf die Macht des hochgelobten Heiligen Geistes, der uns tröstet. Liebe Seele, siehst du etwa Mangel und Armut voraus? Fürchte dich nicht, der göttliche Geist kann dir in all deinem Mangel eine größere Fülle wahrer Güter schenken, als die Reichen in ihrem Überfluß besitzen. Du weißt nicht, was für Freuden dir zugedacht sind in deiner Hütte, welche Gnade mit Rosen der Genügsamkeit umpflanzt. Fühlst du, daß deine Körperkräfte mehr und mehr abnehmen. Blickst du langen, leidensvollen Nächten und schweren Schmerzenstagen entgegen? Ach, werde nicht traurig! Dein Tränenlager wird dir zum Throne werden. Was weißt du doch, wie jeder stechende Schmerz, der deinen Körper durchzuckt, zu einem Läuterungsfeuer werden mag, das deine Schlacken verzehrt, zu einem Strahl der Herrlichkeit, der die geheimen Falten deines Herzens durchleuchtet? Werden deine Augen dunkel? Der Herr Jesus will dein Licht sein. Verläßt dich dein Gehör? Der Name deines Jesu wird deiner Seele schönster Gesang sein und seine Person deine teuerste Wonne. Sokrates pflegte zu sagen: ,,Weise können auch ohne Gesang glücklich sein;" aber Christen können noch glücklicher sein als alle Weisen, wenn schon alle äußeren Freudenquellen versiegt sind. In Dir, mein Gott, soll mein Herz frohlocken, mag auch von außen Übels kommen, was da will! Durch Deine Güte, o Heiliger Geist, wird mein Herz unnennbar fröhlich sein, ob mir hienieden auch alles mangle.

 

 

,,Der unschuldige Hände hat, und reines Herzens ist; der nicht Lust hat zu loser Lehre, und schwört nicht fälschlich."
Ps. 24, 4.

Ein äußerlich geheiligter Wandel ist ein köstliches Zeichen der Begnadigung. Es ist sehr zu fürchten, daß manche Bekenner des Evangeliums die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben derart verkehrt auffassen, daß sie alle guten Werke verachten; wenn sie das tun, dann haben sie ewige Verwerfung zu erwarten am jüngsten Tage. Wenn unsre Hände nicht rein sind, so wollen wir sie im teuren Blut Jesu abwaschen, damit wir reine Hände zu Gott aufheben dürfen, aber ,,unschuldige Hände" genügt nicht, wenn sie nicht verbunden sind mit einem ,,reinen Herzen". Wahre Gottesfurcht ist Herzenssache. Wir können Kelch und Schüssel auswendig waschen, so lange wir wollen, wenn aber das Innere unrein bleibt, so sind mehr als unsre Hände unser wahres Wesen; das eigentliche Leben unsres Wesens liegt in unsrer inwendigen Natur, und daraus folgt, wie unumgänglich nötig unsre inwendige Reinigkeit ist. Die da reines Herzens sind, werden Gott schauen, alle andern sind nur blinde Maulwürfe. Der Mensch, der zum Himmel geboren ist, ,,hat nicht Lust zu loser Lehre." Jeder Mensch hat seine Freuden, durch welche seine Seele erquickt wird; der Weltmensch hat seine Lust an fleischlichen Vergnügungen, welche nichts als leere Eitelkeit sind; aber der Heilige liebt bleibendere und wertvollere Güter; wie Josaphat hat er seine Lust an den Wegen des Herrn. Wer seine Freude an den Trebern hat, gehört zu den Schweinen. Macht dir die Welt Vergnügen? Dann hast du deinen Lohn und dein Teil in diesem Leben; genieße sie recht, denn du hast nichts Besseres mehr zu erwarten. ,,Und schwöret nicht fälschlich." Die Heiligen sind auch Ehrenmänner. Des Christenmenschen Ja und Nein ist sein einziger Eid; aber das ist so gut und sicher, als zwanzig Eide andrer Menschen. Falsches Zeugnis schließt jedermann vom Himmel aus; denn der Lügner wird nicht hineingehen zum Hause Gottes, was er auch tun und bekennen möge. Lieber Freund, schlägt dich unser Schriftwort im Gewissen, oder hoffst du zu den Höhen deines Gottes zu gelangen?

 

 

,,Der Herr, mächtig im Streit."
Ps. 24, 8.

Wohl mag unser Gott in den Augen der Seinen herrlich sein, dieweil sie sehen, wie große Wunder Er in ihnen, für sie und durch sie gewirkt hat. Für sie hat der Herr Jesus auf Golgatha jeden Feind überwunden und alle Waffen des Erzfeindes zerstört durch die Vollendung seines Werkes im vollkommenen Gehorsam; durch seine siegreiche Auferstehung und Himmelfahrt hat Er alle Hoffnung der Hölle völlig vernichtet und hat unsre Feinde gänzlich zuschanden gemacht, da Er durch sein Kreuz den Sieg über sie davontrug. Jeder Pfeil der Schuld, den der Satan auf uns hätte schleudern können, ist zerbrochen, denn wer mag die Auserwählten Gottes beschuldigen? Zerschmettert sind die scharfen Schwerter der höllischen Bosheit, und umsonst die beständigen Anläufe der Schlangenbrut. Denn der Lahme in der Gemeinde des Herrn macht Beute, und der schwächste Streiter wird gekrönt. Die Erlösten rühmen und preisen ihren Herrn mit Recht für das, was Er in ihnen gewirkt hat, weil die Pfeile ihrer natürlichen Bosheit geknickt und die Waffen ihrer Empörung zerschmettert sind. Welche Siege hat die Gnade in unsren boshaftigen Herzen errungen! Wie herrlich erscheint Jesus, wenn der Wille gebeugt, wenn die Sünde entthront ist! Und was uns noch Sündliches anhaftet, soll gleicherweise überwunden werden, und jede Versuchung, jeder Zweifel, jede Furcht soll gänzlich überwunden werden. In dem Salem unsrer friedlichen Herzen ist der Name Jesu über alle Maßen herrlich; Er hat unsre Liebe gewonnen und wird sie behalten. Ganz ebenso dürfen wir auf Siege hoffen, die Er durch uns erkämpft. Wir überwinden weit durch Den, der uns geliebet hat. Wir werden die Mächte der Finsternis unterwerfen, die in der Welt sind, durch unsern Glauben, durch unsern Eifer und durch unsre Heiligung; wir werden Sünder für Jesum gewinnen, wir werden falsche Lehren zuschanden machen, wir werden Völker bekehren, denn Gott ist mit uns, und niemand mag uns widerstehen. Christlicher Streiter, singe deinen Schlachtgesang, und mache dich bereit zum morgenden Kampf. Der in uns ist, ist größer, denn der in der Welt ist. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge, und die Berge mitten ins Meer sänken.

 

 

,,Leite mich in Deiner Wahrheit, und lehre mich; denn Du bist der Gott, der mir hilft. Täglich harre ich Deiner."
Ps. 25, 5.

Wenn der Gläubige mit zitternden Füßen angefangen hat, in Gottes Wegen zu wandeln, so begehrt er weiter geleitet zu werden, wie ein kleines Kind, das der Mutter hilfreiche Hand aufrecht erhält, und er sehnt sich nach umfassenderer Unterweisung in den Anfangsgründen der Wahrheit. Die Grundrichtung seines Gebets ist das Verlangen nach innerer Erfahrung. David hatte viel Erkenntnis, aber er fühlte seine Unwissenheit wohl und begehrte, in der Schule des Herrn fortgebildet zu werden; viermal in zwei Versen bittet er um Belehrung in der Schule der Gnade. Es wäre gut, wenn manche Bekenner der evangelischen Wahrheit, statt ihren eignen Ansichten zu folgen und sich neue Bahnen der Erkenntnis zu suchen, nach den guten alten Wegen der ewigen Gottes-Wahrheit fragten und den Heiligen Geist darum anflehten, daß Er ihnen ein geheiligtes Verständnis und ein gelehriges Herz schenken möchte. ,,Denn Du bist der Gott, der mir hilft." Der dreieinige Jehovah ist der Urheber und Vollender des Heils seines Volkes. Liebe Seele, ist Er der Vollender deines Heils? Ist Er der Gott, der dir hilft? Findest du in des Vaters Gnadenwahl, in des Sohnes Versöhnung und in des Heiligen Geistes Erweckung den letzten und höchsten Grund deiner ewigen Hoffnungen? Dann darfst du diese Wahrheit als ein Pfand betrachten, daß dir noch weitere Segnungen zuteil werden sollen; wenn der Herr dich zur Seligkeit verordnet hat, so verweigert Er dir wahrlich nicht, dich noch weiter in den Wegen seines Heils zu unterrichten. Es ist etwas Seliges darum, wenn wir den Herrn mit der Zuversicht anrufen können, die wir hier bei David finden; sie gibt unserm Gebet eine große Kraft und tröstet uns in Trübsal. ,,Täglich harre ich Deiner." Geduld ist die schöne Dienerin und Tochter des Glaubens; wir harren freudig, wenn wir gewiß wissen, daß wir nicht umsonst warten. Es ist unsre Pflicht und unser Vorrecht, des Herrn zu harren im Gottesdienst, im Gebet, in der Hoffnung, im täglichen Vertrauen auf seine Hilfe. Unser Glaube muß in der Prüfung geläutert werden, und wenn er rechter Art ist, so erträgt er auch die dauerndste Prüfung ohne Wanken.

 

 

,,Siehe an meinen Jammer und Elend, und vergib mir alle meine Sünde."
Ps. 25, 18.

Wohl uns, wenn unsre Gebete um Erlösung aus unsern Leiden verbunden sind mit Bitten wegen unsrer Sündennot; wenn wir da, wo die Hand Gottes schwer auf uns liegt, uns nicht ganz gefangen nehmen lassen von unsrer Trübsal, sondern auch unsrer Übertretungen eingedenk sind. Es ist gut, wenn wir beides, Sünden und Sorgen, an denselben Ort bringen. David kam mit seinem Kummer und Elend zu Gott; seinem Gott bekannte David auch seine Sünden. Daraus siehst du, daß wir unsre Trübsal vor den Thron Gottes bringen müssen. Wirf deine Anliegen auf Gott deinen Herrn, denn Er zählt auch die Haare auf deinem Haupte. Gehe hin zu Ihm, deine gegenwärtige Trübsal sei, welcher Art sie wolle, so wirst du Ihn bereit und willig finden, dich zu erleichtern. Aber wir müssen auch unsre Sünden vor den Thron Gottes bringen. Wir müssen sie zum Kreuz mitnehmen, damit das Versöhnungsblut darauf falle und ihre Schuld austilge. Die besondere Lehre aber, die wir aus unsrer Schriftstelle ziehen, ist die, daß wir mit unsern Sorgen und Sünden im rechten Geiste zum Herrn gehen. Achte darauf, daß alles, was David hinsichtlich seines Elendes bittet, in nichts anderm besteht, als: ,,Siehe an meinen Jammer und Elend;" aber die nächste Bitte ist bei weitem bestimmter, entschiedener, dringender, deutlicher: ,,Vergib mir alle meine Sünde." Manche schwergeprüfte Gläubige hätten vielleicht eher gesagt: ,,Nimm weg all meinen Jammer und Elend, und siehe meine Sünde an." Aber so spricht David nicht; er ruft aus: ,,Herr, was meinen Jammer und Elend betrifft, so will ich Deiner Weisheit nichts vorschreiben. Herr, siehe sie an, ich überlasse sie ganz Dir, ich hätte eine große Freude, wenn sie mir ganz abgenommen würden, aber tue nach Deinem Wohlgefallen; doch was meine Sünden betrifft, o Herr, so weiß ich wohl, was ich gern hätte: ich brauche Vergebung, ich kann es keinen Augenblick länger ertragen, unter ihrem Fluche zu liegen." Ein Christ schätzt seine Leiden geringer auf der Wage, als seine Sünden; wenn seine Trübsale noch länger andauern, so kann er es wohl erdulden, aber die Last seiner Übertretungen wird ihm unerträglich.

 

 

,,Raffe meine Seele nicht hin mit den Sündern."
Ps. 26, 9.

Furcht gab dem König David dies Gebet ein, denn es flüsterte ihm etwas zu: ,,Vielleicht wirst du am Ende doch noch mit den Gottlosen hingerafft." Diese Furcht, obgleich vom Unglauben befleckt, entspringt in der Hauptsache doch aus einer heiligen Bekümmernis, die in der Erinnerung an begangene Sünden ihren Grund hat. Auch der Mensch, der Vergebung empfangen hat, fragt ernstlich: ,,Wie, wenn zuletzt meiner Sünden gedacht werden sollte, und ich ausgeschlossen bliebe vom Verzeichnis der Erretteten und Seligen?" Er denkt an seine gegenwärtige Dürre: so wenig Gnade, so wenig Liebe, so wenig Heiligung; und wenn er in die Zukunft blickt, sieht er seine Schwachheit an und die vielen Versuchungen, die auf ihn warten; und er fängt an, sich zu fürchten, er möchte fallen und dem Feinde zur Beute werden. Ein Gefühl der Sünde und des vorhandenen Bösen und sein innewohnendes Verderben zwingen ihn, mit Furcht und Zittern zu beten: ,,Raffe meine Seele nicht hin mit den Sündern." Lieber Freund, wenn auch du dies Gebet gebetet hast, und wenn dein Gemütszustand in dem Psalm, welchem es entnommen ist, richtig geschildert ist, so brauchst du nicht zu fürchten, daß du werdest mit den Sündern hingerafft werden. Hast du die beiden Tugenden, welche David besaß: den äußeren Wandel in Aufrichtigkeit und das inwendige Vertrauen auf den Herrn? Verlässest du dich auf das Versöhnungsopfer Christi, und kannst du die Hörner des götttlichen Altars mit demutsvoller Hoffnung umfassen? Ist's also, dann sei versichert, daß du nicht mit den Gottlosen hingerafft wirst, denn solches Unglück ist unmöglich. Das Einsammeln am jüngsten Gericht ist leicht zu verstehen. ,,Sammelt zuvor das Unkraut und bindet es in Bündlein, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheunen." Gleichest du nun dem Volke Gottes, so wirst du eingesammelt mit dem Volke Gottes. Du kannst nicht mit den Boshaftigen hingerafft werden, denn du bist zu teuer erkauft. Weil du versöhnt bist durch das Blut Christi, so bist du sein ewiges Eigentum, und wo Er ist, da müssen die Seinen auch sein. Du stehst zu hoch in seiner Liebe, als daß Er dich verwerfen könnte mit den Verworfenen. Sollte auch nur einer umkommen, der Christo teuer ist? Unmöglich!

 

 

,,Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?"
Ps. 27, 1.

,,Der Herr ist mein Licht und mein Heil." Hier ist ein persönlicher Anteil vorhanden: ,,mein Licht", ,,mein Heil"; die Seele ist dessen gewiß, und darum bezeugt sie es bestimmt. In der neuen Geburt wird in die Seele Licht ausgegossen als der Vorläufer des Heils; wo nicht genug Licht ist, um uns unsre Dunkelheit zu zeigen und uns ein Verlangen nach dem Herrn Jesu einzuflößen, da ist keine Gewißheit der Seligkeit. Nach der Bekehrung ist Gott unsre Freude, unser Trost, unser Führer, unser Lehrer und in jeder Hinsicht unser Licht: Er ist Licht in uns, Licht um uns, Licht, das von uns zurückgestrahlt wird, und Licht, das uns geoffenbaret wird. Beachte wohl, es heißt nicht bloß, daß der Herr Licht gibt, sondern: Er ist das Licht; auch nicht, daß Er das Heil gibt, sondern: Er ist das Heil; wer sich also durch den Glauben Gott zugeeignet hat, hat alle Bundesgnaden in seinem Besitz. Nachdem diese Wahrheit uns zur Gewißheit geworden ist, führt uns unser Schriftwort die Folgerung, die sich daraus ergibt, mit der Frage zu Gemüt: ,,Vor wem sollte ich mich fürchten?" Eine Frage, die ihre eigne Antwort ist. Die Mächte der Finsternis brauchen wir nicht zu fürchten, denn der Herr, unser Licht, zerstört sie; und vor der höllischen Verdammnis darf uns nicht grauen, denn der Herr ist unser Heil. Das ist eine ganz andre Herausforderung als die des ruhmredigen Goliath; denn sie verläßt sich nicht auf die betrügliche Kraft eines fleischernen Arms, sondern auf die gewisse Macht des allüberwindenden Jehovah. ,,Der Herr ist meines Lebens Kraft." Hier ist eine dritte leuchtende Wahrheit, die uns zeigt, daß des Sängers Hoffnung mit einer dreifältigen Schnur geknüpft ist, die nicht reißt. Wir dürfen die Ausdrücke unsres Lobes wohl häufen, so der Herr seine Gnadenwirkungen so reichlich über uns ausgießt. Unser Leben empfängt alle seine Kraft von Gott, und wenn es Ihm wohlgefällt, uns stark zu machen, so vermögen alle Ränke des Widersachers uns nicht zu schwächen. ,,Vor wem sollte mir grauen?" Diese kühne Frage schaut in die Zukunft, wie in die Gegenwart. ,,Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?"

 

 

,,Harre des Herrn."
Ps. 27, 14.

Es mag uns vorkommen, es sei etwas Leichtes um das Harren, aber es ist eine Aufgabe, die ein christlicher Streiter erst nach jahrelanger Übung lernt. Eilmärsche und Schanz-Arbeiten kommen dem Krieger Gottes leichter an, als das Stillesein und Harren. Es gibt Stunden der erwartungsvollsten Ungewißheit, wo der bereitwilligste Christ in seinem Verlangen, dem Herrn zu dienen, nicht weiß, welchen Weg er einschlagen, wofür er sich entscheiden soll. Was soll er dann tun? Sich mit Unruhe ängstigen? Soll er feige fliehen, soll er furchterfüllt zur Rechten ausweichen, soll er vermessen vorandringen? Nein, er soll ganz einfach harren. Aber: harre im Gebet. Schreie zu Gott, und wirf dein Anliegen auf Ihn; sag' Ihm, was dich drückt, was dich ängstigt, und berufe dich auf seine Verheißung, daß Er dich nicht wolle verlassen noch versäumen. In Zweifeln, wie du dich zwischen verschiedenen unvereinbaren Pflichten entscheiden sollest, ist's köstlich, daß wir in Kindesdemut uns bescheiden, und in Seeleneinfalt auf den Herrn harren dürfen. Es schlägt gewiß zu unserm Heil aus, wenn wir unsre Unwissenheit fühlen und erkennen und von Herzen willig sind, uns vom göttlichen Willen leiten zu lassen. Aber harre im Glauben. Beweise dein unerschütterliches Vertrauen auf Ihn; denn ein ungläubiges, zweifelloses Harren ist nur eine Schmach für den Herrn. Glaube, daß, wenn Er dich auch bis tief in die Nacht hinein harren läßt, Er dennoch zu rechter Zeit erscheint; sein Kommen ist gewiß und verziehet nicht. Harre in stiller Geduld; lehne dich nicht auf, weil du unter der Rute der Heimsuchung still halten mußt, sondern segne und preise Gott dafür. Wünsche nie, du möchtest lieber wieder zur Welt zurückkehren, sondern nimm alles so an, wie's Gott schickt, und schicke dich darein mit willigem Herzen und einfältigem Gemüt, ohne allen Eigenwillen; überlaß alles der Hand deines Bundes-Gottes und sprich: ,,Siehe, Herr, nicht mein, sondern Dein Wille geschehe. Ich weiß nicht, was ich tun soll; ich bin ratlos und weiß keinen Ausweg mehr, aber ich will harren, bis daß Du die Fluten zerteilst oder meine Feinde hinter mir zurücktreibst. Ich will harren, wenn du mich auch tagelang hinhältst, denn mein Herz verläßt sich allein auf Dich, o Gott, und mein Geist harrt Deiner in der völligen Überzeugung, daß Du dennoch mein Trost und mein Teil bist, meine Zuflucht und meine Burg."

 

 

,,Wenn ich rufe zu Dir, Herr, mein Hort, so schweige mir nicht, auf daß nicht, wo Du schweigst, ich gleich werde denen, die in die Hölle fahren."
Ps. 28, 1.

Ein Schrei ist der natürliche Ausdruck der Angst, und die geeignetste Art, unsre Empfindungen zu äußern, wenn uns alle andern Mittel, uns verständlich zu machen, fehlschlagen; aber solch ein Ausruf muß ganz allein an den Herrn gerichtet sein, denn der Ruf zu den Menschen verhallt umsonst und ungehört. Wenn wir der Bereitwilligkeit eingedenk sind, mit welcher der Herr auf unser Flehen hört, so haben wir den allerbesten Grund, unsre Anliegen unmittelbar vor den Gott unsers Heils zu bringen. Es wäre vergeblich, wenn wir am Tage des Gerichts wollten die Felsen anrufen, aber unser Fels höret auf unser Schreien. ,,Schweige mir nicht!" Wer nur ein Lippendiener ist, begnügt sich mit seinem Beten und wartet auf keine Erhörung; aber ein echter Beter kann das nicht; er begnügt sich nicht damit, daß das Gebet an und für sich imstande ist, das Gemüt zu beruhigen und den eignen Willen zur Geduld und zum Gehorsam zu führen; er muß mehr empfangen, er will wirkliche Erhörung vom Himmel erlangen, sonst hat er keine Ruhe; und nach dieser Erhörung sehnt er sich bald, und wenn Gott ein wenig schweigt, so ängstigt er sich. Gottes Stimme ist oft so furchtbar, daß die Wüste darob erzittert; aber nicht minder schmerzlich ist sein Schweigen einem dringenden Beter. Wenn Gott sein Ohr zu verschließen scheint, dürfen wir darum unsern Mund nicht auch zutun, sondern wir müssen nur umso ernstlicher rufen; denn wenn unsre Stimme vor Angst und Schmerz heiser wird, verweigert Er uns seine Erhörung nicht lange. In was für eine schreckliche Lage kämen wir, wenn der Herr auf all unser Bitten ewig stumm bliebe? ,,Auf daß nicht, wo Du schweigest, ich gleich werde denen, die in die Hölle fahren." Des Gottes beraubt, der Gebete erhört, wären wir in einem erbarmungswürdigeren Zustand, als wenn wir tot im Grabe lägen, und würden bald so tief gesunken sein, wie die Verlornen in der Hölle. Wir müssen Erhörung finden auf unsre Gebete: unser Anliegen erfordert dringend Erhörung; gewiß wird der Herr zu uns ,,Friede" sagen, denn Er kann es nicht ertragen, daß seine Auserwählten sollten umkommen.

 

 

,,Erhöhe sie ewiglich."
Ps. 28, 9.

Gottes Kinder bedürfen einer Erhöhung. Sie sind von Natur sehr schwerfällig. Sie haben keine Flügel, oder wenn sie Flügel haben, so geht es ihnen wie einer Taube, die im Netz getragen wird; und sie haben nötig, daß die göttliche Gnade ihnen helfe auffahren mit glänzenden Flügeln, die wie Silber und Gold schimmern. Von selbst fliegt der Funke aufwärts, aber die sündebeschwerten Seelen der Menschen fallen zurück. O Herr! ,,Erhöhe sie ewiglich!" David selber sprach: ,,Nach Dir, Herr, verlanget mich," und in unsrer Stelle fühlt er die Notwendigkeit, daß auch andrer Menschen Seelen ein solches Verlangen empfinden sollten wie er. Wenn ihr diesen Segen für euch erbittet, so vergesset nicht, ihn auch für andre zu erflehen. Es gibt eine dreifache Weise, wie die Kinder Gottes nach dieser Erhöhung verlangen. Sie möchten gern erhöht werden in ihrem Gemüt. Erhöhe sie, o Herr; gib nicht zu, daß die Deinen der Welt gleich seien! Die Welt liegt im Argen, erhöhe sie aus dem Sumpf dieser Welt. Die Kinder dieser Welt sehen mit ihren Augen nach Reichtum: Silber und Gold; sie trachten nach eitler Lust und verlangen nach der Befriedigung ihrer Leidenschaften. Aber, o Herr, erhöhe Dein Volk über solches alles; bewahre sie, daß sie keine Geizknechte werden, die kein andres Verlangen haben, als immer nur Gold zusammen zu raffen! Richte ihre Herzen zu, daß sie ihren auferstandenen Herrn und Heiland suchen und nach dem himmlischen Erbe trachten! Dann bedürfen die Gläubigen der Erhöhung im Streite. Wenn der Feind ihnen den Fuß auf den Nacken gesetzt hat, dann hilf ihnen das Schwert des Geistes ergreifen und den endlichen Sieg erringen. Herr, erhöhe den Geist Deiner Kinder am Tage der Prüfung; laß sie nicht im Staube liegen und ewiglich trauern. Gestatte dem Widersacher nicht, sie schwer zu versuchen und übel zuzurichten; wenn sie aber wie Hanna lange sind verfolgt und gequält worden, so gib ihnen einen Freudengesang in den Mund von der Gnade des erlösenden Gottes. Endlich wollen wir unsern Herrn bitten, daß Er sie erhöhe am Ende. Erhöhe sie damit, daß Du sie zu Dir heimnimmst; erhöhe ihren sterblichen Leib aus dem Grabe, und erhebe ihre Seelen in Dein herrliches Reich der Vollendung.

 

 

,,Bringt dem Herrn Ehre seines Namens."
Ps. 29, 2.

Gottes Ehre geht aus dem Wesen und den Taten Gottes hervor. Er ist herrlich in seinem Wesen, denn es ist solch eine Fülle alles dessen, was heilig und lieblich und gut ist, in Gott, daß Er voller Herrlichkeit sein muß. Und die Taten, die Er tut, müssen auch herrlich sein, denn sie fließen aus seinem Wesen; weil Er aber will, daß all sein Tun seinen Geschöpfen seine Güte und Gnade und Gerechtigkeit offenbaren soll, so wacht Er sorgfältig darüber, daß die damit verbundene Ehre nur Ihm allein gegeben werde. Auch ist nichts an uns, worin wir uns rühmen könnten; denn wer ist's, der uns über andre erhebt? Und was haben wir, das wir nicht empfangen hätten von dem Gott aller Gnade? Darum sollten wir auch alle Sorgfalt anwenden, daß wir demütig wandeln vor dem Herrn! Sobald wir uns selber rühmen und herrlich machen, so lehnen wir uns als Empörer wider den Höchsten auf, als solche, die gleiche Ehre mit Ihm ansprechen, da doch in dem All der Dinge nur Raum für eine Ehre ist. Darf die Made, die eine Stunde lebt, sich gegen die Sonne erheben, die sie mit ihren wärmenden Strahlen ins Leben gerufen hat? Darf das irdene Gefäß sich auflehnen wider den Töpfer, der es auf der Scheibe geformt hat? Mag auch der Sand der Wüste rechten mit dem Sturmwind? oder mögen die Tröpflein im Ozean sich dem heulenden Orkan widersetzen? Bringet her dem Herrn, ihr Gerechten, bringet her dem Herrn Ehre und Stärke; bringet dem Herrn Ehre seines Namens, betet an den Herrn im heiligem Schmuck. Und dennoch ist's im Leben des Christen vielleicht einer der schwersten Kämpfe, bis er den Spruch lernt: ,,Nicht uns Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib Ehre." Es ist eine Lehre, die uns der Herr beständig wiederholt, ja, oft unter schmerzhafter Züchtigung einschärft. Wenn ein Christ anfängt zu rühmen: ,,Ich vermag alles," und nicht hinzusetzt: ,,durch Den, der mich mächtig macht, Christum," so wird er in kurzem seufzen müssen: ,,Ich vermag nichts," und wird sich im Staube demütigen. ,,Wer sich rühmen will, der rühme sich des, daß er mich wisse und kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit übt, spricht der Herr." Wenn wir etwas für den Herrn tun, und es Ihm gefällt, unser Tun anzunehmen, so wollen wir Ihm unsre Krone zu Füßen legen, und ausrufen: ,,Nicht ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir gewesen ist!"

 

 

,,Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens die Freude."
Ps. 30, 5.

Lieber Christ! Wenn du in der Nacht der Trübsal trauerst, so hoffe auf den Morgen; tröste deine Seele mit der Aussicht auf die Zukunft deines Herrn. Sei geduldig, denn ,,Des Menschen Sohn wird kommen In seiner Herrlichkeit." Sei geduldig! Der Landmann harrt, bis er die Ernte einbringe. Sei geduldig, denn du weißt ja, wer Der ist, der gesagt hat: ,,Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke sein werden." Und wenn du jetzt noch so elend wärest, so fasse Mut! ,,Hebet eure Häupter auf, Die Erlösung ist nicht ferne!" Vielleicht ist jetzt dein Haupt mit mancherlei Dornen der Trübsal gekrönt; aber einst wird es eine Sternenkrone tragen, und es dauert bis dahin nicht mehr so lange. Oder ist deine Hand von vielen Sorgen beschwert? bald wird sie die Saiten der himmlischen Harfe rühren. Deine Kleider mögen vom Staub und Schmutz dieser Welt befleckt sein; sei getrost, einmal werden sie schneeweiß werden. Warte nur noch ein wenig. O, wie unbedeutend werden unsre Prüfungen und Leiden uns einst scheinen, wenn wir darauf zurückblicken? Wenn wir sie jetzt in der Nähe betrachten, wie unermeßlich kommen sie uns noch vor; wenn wir aber zum Himmel eingehen, dann werden wir rühmen: ,,Nun sind die Tränen ausgeweint, Dem treusten Freund bin ich vereint!" Alsdann werden unsre Leiden uns als leichte und bald vorübergehende Heimsuchungen erscheinen. Darum mutig vorwärts! Und wäre die Nacht auch noch so finster; es kommt der Morgen, der weit mehr ist, als alle Vorstellung derer ahnt, die verschlossen werden in die Finsternis der Hölle. Weißt du, lieber Leser, was es heißt, von der Zukunft leben, von der Hoffnung sich nähren - den Himmel zum voraus genießen? Seliges Glaubenskind, wenn du eine solche gewisse, eine solch tröstliche Hoffnung hast! Jetzt mag dir alles düster erscheinen, aber bald wird's helle werden; jetzt ist vielleicht überall um dich her Trübsal, aber bald schwebst du in einem Meer der Wonne. Was tut's auch, ,,ob den Abend lang währt das Weinen?" denn es kommt ,,des Morgens die Freude."

 

 

,,Ich sprach, da mir's wohl ging: Ich werde nimmermehr danieder liegen."
Ps. 30, 6.

Moab ist auf seinen Hefen stille gelegen und ist nie aus einem Faß in das andre gegossen. Gib einem Menschen Reichtum; laß seine Fahrzeuge stets reichbefrachtet heimkehren; laß Wind und Wellen also walten, daß sie wie seine Diener sind, die seine Schiffe durch des großen Weltmeers Tiefen tragen; laß seine Felder reichlich Frucht bringen; laß das Wetter seinen Saaten günstig sein, daß sie wohl gedeihen; laß ihm ohne Unterbrechung alles nach Wunsch gelingen; laß ihn unter dem Volke angesehen sein als einen mächtigen Kaufherrn; laß ihn sich blühender Gesundheit erfreuen; laß ihn mit gestählten Nerven und strahlenden Auges durch die Welt ziehen und glücklich leben; gib ihm sprudelnden Witz; laß seine Augen von stets neuer Wonne strahlen - und die natürliche Folge eines solchen Standes in Wohlleben ist bei jedem Menschen, und wäre er der beste Christ, der je einen Atemzug getan hat, Übermut; sogar ein David sprach: ,,Ich werde nimmermehr daniederliegen;" und wir sind nicht besser als David, ja, nicht halb so gut. Lieber Bruder, hüte dich vor den ebenen Stellen auf deiner Straße; du magst Gott wohl dafür danken, wenn du darauf einhergehst; aber wenn dein Pfad rauh wird, so denke nicht minder. Wenn Gott uns allezeit in der Wiege des Wohlergehens würde schaukeln; wenn wir immer dem Glück im Schoße säßen; wenn wir stets auf den Knieen der irdischen Wonne gewiegt würden; wenn nie ein Flecklein auf der Alabastersäule unsers Hauses sich zeigte; wenn nie ein Wölklein unsern Himmel trübte; wenn nie ein Tröpflein Wermut den Wein unsers Lebens verbitterte; dann würden wir berauscht werden von der Fülle des Wohlbehagens, wir würden wähnen, ,,wir stehen;" und stehen würden wir auch, aber auf einer schwindelnden Höhe, auf einer engen, gefährlichen Zinne; wir schwebten jeden Augenblick in höchster Gefahr, wie der Mann, der auf dem Topmast schläft. Darum wollen wir Gott auch für unsre Prüfungen danken; wir wollen Ihm danken für unsern Glückswechsel; wir wollen seinen Namen erheben für die Verluste an Gut und Vermögen, denn wir spüren wohl, daß, wenn Er uns nicht also gezüchtigt hätte, wir leicht allzu sicher geworden wären. Ununterbrochenes Erdenglück ist eine harte Feuerprobe.

 

 

,,Du wollest mich aus dem Netz ziehen, das sie mir gestellt haben; denn Du bist meine Stärke."
Ps. 31, 4.

Unsre geistlichen Feinde sind eine Schlangenbrut und suchen uns mit List zu umgarnen. Das vorstehende Gebet hält uns die Möglichkeit vor, daß der Gläubige wie ein Vogel im Netz könne gefangen werden. Der Vogelsteller beginnt sein Werk mit solcher Gewandtheit und Schlauheit, daß einfältige Seelen unversehens vom Netz umstellt sind. Unsre Schriftstelle aber enthält auch die Bitte, daß der Gefangene selbst aus Satans Schlingen möchte erlöst werden; das ist ein Gott wohlgefälliges Verlangen, ein Verlangen, dem Erhörung zugesagt ist. Aus dem Rachen des Löwen und aus dem Bauch der Hölle vermag die ewige Liebe den Heiligen zu erretten. Es bedarf wohl einer starken Kraft, um eine Seele aus dem Netz der Versuchung zu erlösen, und einer mächtigen Kraft, um einen Menschen aus den Schlingen boshafter List zu befreien; aber der Herr ist jeder List und Gewalt gewachsen, und die mit allergrößter Sorgfalt gestellten Netze des Jägers sind nie imstande, die Auserwählten des Herrn festzuhalten. Wehe denen, die andern Netze stellen; wer andre versucht, wird selbst greulich umkommen. ,,Denn Du bist meine Stärke." Welche unaussprechliche Lieblichkeit tritt uns in diesen wenigen Worten entgegen! Mit welcher freudigen Ergebenheit können wir alle Mühsale ertragen, und wie gern und willig unterziehen wir uns allen Leiden, wenn wir uns an die himmlische Macht und Kraft anklammern können. Die göttliche Stärke zerreißt und zerstört alle Arbeit unsrer Feinde, macht alle ihre Anschläge zuschanden und vernichtet alle ihre heillosen Absichten. O, welch ein seliger Mensch ist der, dem eine so unvergleichliche Macht helfend zur Seite steht. Unsre eigne Kraft würde uns wenig nützen, wenn wir von den Netzen boshafter List umgarnt sind, aber des Herrn Stärke ist immer siegreich; wir dürfen Ihn nur anrufen, so ist Er uns nahe und hilft uns. Wenn wir uns im Glauben ganz allein auf die allgewaltige Kraft des starken Gottes Israels verlassen, so dürfen wir unser Gottvertrauen getrost in unsre Gebete ausgießen. ,,Nie zu kurz ist seine Rechte; Wo ist einer seiner Knechte, Der bei Ihm nicht Rettung fand?"

 

 

,,In Deine Hände befehle ich meinen Geist; Du hast mich erlöset, Herr, Du treuer Gott."
Ps. 31, 5.

Diese Worte sind von heiligen Menschen in der Stunde ihres Abscheidens oft gebraucht worden. Wir können sie heute abend mit Segen zum Gegenstand unsrer Betrachtung wählen. Der Gegenstand der angelegentlichsten Sorgfalt eines gläubigen Menschen im Leben und im Tode ist nicht sein Leib oder sein Vermögen, sondern sein Geist; das ist sein höchster und teuerster Schatz, wenn dieser geborgen ist, dann ist alles gut. Was ist doch alles vergängliche Gut im Vergleich mit der Seele? Der Gläubige befiehlt seine Seele in seines Gottes Hände; sie kommt von Ihm, sie ist sein Eigentum, Er hat sie bisher bewahret und kann sie ferner bewahren, und darum ist es das beste, daß Er sie wieder aufnimmt. Alle Dinge sind in Jehovahs Händen wohl aufgehoben; was wir dem Herrn vertrauen, ist wohl geborgen, sowohl jetzt als an dem Tag der Tage, dem wir entgegen gehen. Es ist ein seliges Leben und ein herrliches Sterben, wenn wir uns der Sorge des Himmels anheim stellen können. Jederzeit sollten wir unser alles der treuen Hand Jesu befehlen; und wenn auch das Leben an einem Faden zu hängen scheint, und die Schwierigkeiten sich mehren wie der Sand am Meer; so bleibt dennoch unsre Seele in süßem Frieden und fühlt sich glücklich in ihrem Ruheport. ,,Du hast mich erlöset, Herr, Du treuer Gott." Erlösung ist eine sichere Grundlage für die Befestigung des Gottvertrauens. David hatte Golgatha nicht gekannt, wie wir, aber er ward durch manche zeitliche Erlösung gestärkt; und uns sollte die ewige Erlösung nicht noch viel lieblicher trösten und erquicken? Vergangene Errettungen sind kräftige Unterpfänder, daß wir auch jetzt auf den göttlichen Beistand rechnen dürfen. Was der Herr an uns getan hat, will Er wieder tun, denn bei Ihm ist keine Veränderung. Er ist treu seinen Verheißungen und gnädig seinen Heiligen; von seinem Volke wendet Er sich nicht ab. ,,Wer Jesum bei sich hat, kann sicher stehen, Und wird im Leidensmeer nicht untergehen. Wenn ihn der Herr beschützt in Gnaden, Was kann ihm Tod und Teufel schaden? Er wandelt stets auf ew'gen Pfaden."

 

 

,,Darum bekenne ich Dir meine Sünden, und verhehle meine Missetat nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen; da vergabst Du mir die Missetat meiner Sünden."
Ps. 32, 5.

Davids Sünden verursachten ihm tiefen Kummer. Die Wirkung desselben prägte sich in seinem äußern Anblick aus: ,,Seine Gebeine verschmachteten," ,,sein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird." Er konnte keine Hilfe finden, bis daß er vor dem himmlischen Gnadenthron ein unumwundenes Bekenntnis ablegte. Er sagt uns, daß er es eine Zeitlang verschweigen wollte, und sein Herz ward immermehr vom Kummer daniedergebeugt. Gleich einem Alpensee, dessen Abfluß von Felsen versperrt ist, schwoll seine Seele an von den Strömen der Sorge. Er suchte nach Entschuldigungen; er strebte, seinen Gedanken eine andre Richtung zu geben durch Zerstreuungen: alles umsonst; seine Angst wuchs wie eine Eiterbeule, und weil er den scharfen Schnitt des Bekenntnisses nicht wagen wollte, litt sein Geist furchtbar von brennenden Schmerzen und fand keine Ruhe Tag und Nacht. Endlich sah er ein, daß er in reuiger Demut zu seinem Gott umkehren, oder jämmerlich umkommen müsse; und so eilte er zum Gnadenthron und schlug das Buch seiner Missetaten vor dem Allwissenden auf und bekannte die Bosheit seiner Wege in den ergreifenden Worten, wie sie uns in den sieben Bußpsalmen aufgezeichnet sind. Als er dies einfache und doch für den Stolz so schwere Werk vollbracht hatte, empfing er auf einmal das Siegel der göttlichen Vergebung; die verschmachteten Gebeine wurden fröhlich, und er ging aus seiner Kammer und pries die Seligkeit des Menschen, dem die Übertretungen vergeben sind. Siehe, das ist der Wert eines von der Gnade gewirkten Sündenbekenntnisses! Es ist köstlicher denn alle Reichtümer; denn überall, wo ein echtes, aufrichtiges Bekenntnis ist, wird die Gnade gern gewährt, nicht weil etwa Reue und Bekenntnis sich die Gnade verdienen, sondern um Christi willen. Gelobt sei Gott, daß für jedes gebrochene Herz eine Heilung möglich ist! Der Born, der uns reinigt von aller unsrer Sünde, fließt ununterbrochen in alle Ewigkeit. Wahrlich, o Herr, Du bist ein Gott, der gern vergibt, ,,barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue."

 

 

,,Der Herr schauet vom Himmel und siehet aller Menschen Kinder."
Ps. 33, 13.

Vielleicht zeigt uns kein Redebild Gott in einem gnadenreicheren Licht, als wenn es von Ihm heißt, Er steige hernieder von seinem Thron und komme vom Himmel herab, um mitleidsvoll auf die Leiden der Menschen zu achten und die Not der Menschenkinder sich zu Herzen dringen zu lassen. Wir lieben Ihn; denn da Sodom und Gomorrha mit Gottlosigkeit erfüllt waren, wollte Er diese Städte nicht zerstören, bevor Er dieselben nicht mit seiner persönlichen Heimsuchung begnadigt hätte. Wir können nicht anders, wir müssen unser Herz in Liebe gegen unsern Herrn ausschütten, der aus der höchsten Herrlichkeit sein Ohr zu uns herniederneigt, und es an die Lippen des sterbenden Sünders legt, dessen ermattete Seele sich nach Versöhnung und Frieden sehnt. Was können wir anders als Ihn lieben, dieweil wir wissen, daß Er auch die Haare auf unserm Haupte alle zählet, auf jeden unsrer Tritte achtet, und uns auf allen unsren Wegen leitet? Besonders nahe tritt uns diese Wahrheit und bewegt unser Herz, wenn wir bedenken, wie aufmerksam Er ist, nicht allein auf die zeitlichen Bedürfnisse seiner Kreaturen, sondern ganz besonders auf ihre geistlichen Anliegen. Obgleich ein unermeßlicher Abstand besteht zwischen dem endlichen Geschöpf und dem unendlichen Schöpfer, so sind doch beide durch unzerreißbare Bande miteinander verbunden. Wenn eine Träne aus deinem Auge fällt, so glaube nicht, daß Gott sie nicht wahrnehme; denn ,,wie sich ein Vater über Kinder erbarmet, so erbarmet sich der Herr über die, so Ihn fürchten." Dein Seufzen kann das Herz Jehovahs bewegen; dein Lispeln zieht sein Ohr zu deinen Lippen nieder; dein Gebet kann seiner Hand Stillehalten gebieten; dein Glaube kann seinen Arm bewegen. Stelle dir nicht vor, Gott throne in der Höhe, ohne deiner zu gedenken, noch deiner Tritte zu achten. Der Herr siehet auf dich, wie arm und elend du auch seiest. Denn des Herrn Augen schauen alle Lande, daß Er stärke die, so von ganzem Herzen an Ihm sind. ,,Er schaut deiner Füße Tritt'; Siehe, wie sein Auge wacht! Wo du gehest, geht Er mit, Und bewahrt dich Tag und Nacht. Er hat seine starke Hand Dir zum Schutze vorgewandt."

 

 

,,Unser Herz freuet sich seiner."
Ps. 33, 21.

Es ist etwas so Seliges darum, daß sich die Christen auch im tiefsten Elend und im größten Unglück freuen können; obgleich Trübsal sie umgibt, so singen sie dennoch; singen, wie manche Vögel am besten im Käfig. Ob die Wellen immer höher und höher schwellen und hoch über ihr Haupt hinbrausen, so steigt dennoch ihre Seele bald empor zur Oberfläche und schaut das Sonnenlicht vom Angesicht Gottes; sie haben einen Rettungsgurt bei sich, der ihr Haupt allezeit über Wasser erhält und sie trägt, daß sie singen können mitten im Schrecken des Sturmes: ,,Du, Gott, bist noch bei mir." Wem gebühret nun die Ehre? O, wem anders als Jesu; das alles kommt von Jesu. Trübsal bringt nicht notwendig zugleich den Trost mit für den Gläubigen, aber die Gegenwart des Sohnes Gottes, der bei ihm im Feuerofen stehet, erfüllt sein Herz mit Freude. Er ist krank und leidend; aber Jesus besucht ihn und erquickt ihn auf seinem Siechbette. Er liegt im Sterben, und die kalten schauerlichen Wellen des Jordanstromes umspülen ihn bis an den Mund, aber Jesus faßt ihn in seine Arme und ruft ihm zu: ,,Fürchte dich nicht, mein Lieber, Sterben ist Erben; die Fluten des Todes haben ihren Quell im Himmel; sie sind nicht bitter, süß sind sie wie Nektar, denn sie entströmen dem Throne Gottes." Und wenn der scheidende Heilige die Strömung durchschreitet, und wenn sich die Wellen um ihn her auftürmen, und wenn das Herzblut stockt und der Blick erstarrt, dann flüstert ihm dieselbe Stimme ins Ohr: ,,Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott." Und wenn er den Gestaden der unbekannten Ewigkeit naht, und schon zurückschaudert vor den Toren des Schattenreichs, spricht Jesus: ,,Fürchte dich nicht, es ist deines Vaters Wohlgefallen, dir das Reich zu geben." So gestärkt und getröstet fürchtet sich der Gläubige nicht, zu sterben; ja, er freut sich abzuscheiden, denn weil er Jesum erblickt hat als den Morgenstern, so sehnt er sich, Ihn anzuschauen und sich an seinem Anblick zu weiden als an einer hellstrahlenden Sonne. Wahrlich, die Gegenwart Jesu ist der ganze Himmel, nach dem uns verlangt. ,,Jesu, Jesu, komm zu mir, O, wie sehn' ich mich nach Dir! Jesu, Deine Lieb' allein Kann mein armes Herz erfreu'n!"

 

 

,,Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe."
Ps. 35, 3.

Was lehrt mich dies liebliche Gebet? Es soll heute mein Abendgebet sein; aber zuvor möchte ich gern Belehrung und Erbauung daraus schöpfen. Die Stelle zeigt mir vor allem, daß David von Zweifeln heimgesucht ward; denn wie hätte er sonst beten können: ,,Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe," wenn er nicht manchmal von Zweifeln und Ängsten erfüllt war? Darum will ich ganz getrost sein, denn ich bin nicht der einzige unter den Heiligen, der sich über seinen Kleinglauben zu beklagen hat. Wenn ein David zweifelte, so darf ich nicht schließen, ich sei kein Christ, weil ich Zweifel empfinde. Unsre Schriftstelle erinnert mich, daß David sich nicht zufrieden gab, wenn er von Zweifeln und Befürchtungen zu leiden hatte, sondern daß er seine Zuflucht sogleich zum Gnadenthrone nahm und um Versicherung bat; denn das achtete er mehr, denn viel seines Gold. Auch ich muß nach einer bleibenden Gewißheit streben darüber, daß ich angenehm gemacht bin in dem Geliebten, und darf mir keine Ruhe gönnen, wenn seine Liebe nicht ausgegossen ist in mein Herz. Wenn mein Bräutigam mich verlassen hat, so muß und will meine Seele fasten. Auch das erfahre ich, daß David wußte, wo er völlige Versicherung erlangen konnte. Er nahte sich seinem Gott im Gebet und rief: ,,Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe!" Ich muß viel mit Gott allein sein, wenn ich ein deutliches Gefühl der Liebe Jesu in mir erfahren will. Wenn mein Gebet ermattet, dann wird das Auge meines Glaubens trübe. Viel im Gebet, viel im Himmel, lässig im Gebet, lässig im Wandel. Ich sehe, daß David keine Ruhe hatte, bis ihm seine Versicherung aus göttlicher Quelle zufloß. ,,Sprich zu meiner Seele." Herr, sprich Du es! Nichts Geringeres als ein göttliches Zeugnis im Herzen kann den wahren Christen befriedigen. Noch mehr: David ruhte nicht, bis seine Versicherung einen lebendigen, persönlichen Grund empfangen hatte. ,,Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe." Herr, wenn Du zu allen Heiligen so sprächest, nur zu mir nicht, so wäre es nichts. Herr, ich habe gesündigt, ich verdiene das Lächeln Deiner Liebe nicht; ich darf kaum darum flehen; aber ach! sprich zu meiner Seele, ja, zu meiner Seele: ,,Ich bin deine Hilfe."

 

 

,,Sie werden trunken von den reichen Gütern Deines Hauses."
Ps. 36, 8.

Die Königin von Saba war erstaunt über den Reichtum der Speisen auf Salomos Tische. Sie konnte sich nicht mehr enthalten und verwunderte sich, als sie sah, wie vielen Vorrat ein einziger Tag erforderte; sie erstaunte ob der Menge der Diener, ihrem Amt, ihrer Kleidung und ihrer Speise. Aber was ist doch das alles gegen den Haushalt des Gottes der Gnade? Zehntausend mal tausend seiner Angehörigen werden tagtäglich gespeist, sie sind hungrig und durstig und kommen verlangend zum täglichen Gastmahl, aber keiner kehrt je ungesättigt von dannen zurück; es ist genug vorhanden für einen jeden, genug für alle, genug für immer. Wenngleich die Menge derer, die an Jehovahs Tische speisen, unzählig ist wie die Sterne am Himmel, so empfängt dennoch ein jeglicher seinen Teil Speise. Überlege, wieviel Gnade ein einziger Heiliger bedarf; soviel, daß nur der Unendliche ihm für einen Tag das Nötige zu verschaffen imstande ist, und doch deckt der Herr seinen Tisch nicht bloß für einen, sondern für viele Heilige, und nicht nur für einen Tag, sondern für ein Geschlecht nach dem andern. Achte wohl auf die reichliche Fülle, wovon in unsrer Schriftstelle die Rede ist; die Gäste am Festmahl der Gnade werden nicht nur gesättigt, sie werden ,,trunken", und nicht nur mit gewöhnlicher Speise gesättigt, sondern ,,trunken" von den reichen Gütern aus Gottes eignem Hause; und solche Bewirtung ist zugesagt und zugesichert durch eine wahrhafte Verheißung allen Menschenkindern, die unter dem Schatten der Flügel Jehovahs trauen. Ich meinte einmal, wenn ich nur die Überbleibsel, die vom Gnadentische des Herrn wieder fortgetragen werden, bekommen könnte, so wäre ich glücklich, wie das kananäische Weib, welches sprach: ,,Aber doch essen die Hündlein von den Brosamlein, die von ihrer Herren Tische fallen;" aber kein Kind Gottes wird je mit Brosamen und Überresten abgefertigt; gleich Mephiboseth essen sie alle an des Königs Tische. In den Gütern der Gnade wird uns allen ein übervolles Maß zugemessen, wie dem Benjamin; wir bekommen zehnmal mehr, als wir erwarten durften, und ob unsre Bedürfnisse gleich groß sind, so sind wir doch erstaunt über die Fülle der Gnade, welche uns Gott in unsrer täglichen Erfahrung zu genießen gibt.

 

 

,,Bei Dir ist die lebendige Quelle."
Ps. 36, 9.

Es gibt in unsrer inneren Erfahrung Zeiten, wo menschlicher Rat und menschliche Teilnahme, ja, selbst die Tröstungen der Religion uns nicht zu trösten noch zu helfen vermögen. Warum läßt der Gott der Gnade solches zu? Vielleicht darum, daß wir uns zu sehr von Ihm abgewendet hatten, so daß Er sich veranlaßt sieht, uns alles wegzunehmen, worauf wir uns zu verlassen pflegten, auf daß wir möchten zu Ihm getrieben werden. Es ist etwas Seliges, wenn wir am Born der Quelle leben dürfen. So lange unsre Gefäße mit Wasser gefüllt sind, geben wir uns zufrieden wie Hagar und Ismael, ob wir gleich in die Wüste ziehen müssen; wenn sie aber leer sind, so hilft uns nichts andres mehr, als: ,,Du, Gott, siehest mich." Es geht uns wie dem verlornen Sohn, wir lieben die Treber, die die Schweine essen und vergessen unsers Vaters Haus. Bedenket es, daß wir auch aus den äußern Formen unsers Gottesdienstes Treber machen können; sie sind etwas Köstliches; wenn wir sie aber an Gottes Stelle setzen und Gott selber darüber vergessen, so sind sie ohne allen Wert. Alles kann zum Götzen werden, wenn es uns von Gott fern hält; selbst die eherne Schlange ist ein ,,Nehusthan" (2 Kön. 18, 4), wenn wir ihr räuchern und sie statt Gott anbeten. Der verlorne Sohn war nie besser daran, als da er sich nach seines Vaters Kuß sehnte, denn damals fand er den rechten Halt wieder. Unser Herr sucht uns in unserm Lande mit Teurung heim, damit wir uns umso mehr nach dem Himmel sehnen. Die beste Lage, in der sich ein Christ befinden kann, ist, wenn er ganz und unmittelbar von der Gnade Gottes lebt, wenn er da steht, wo er am Anfang seines geistlichen Lebens stand, ,,als die nichts inne haben und doch alles haben." Wir wollen auch keinen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß unsre Seligkeit in unsrer Heiligung stehe, oder in unsrer Selbstverleugnung, in unsern Gnadenerfahrungen oder Gefühlen, sondern wir wollen erkennen, daß wir selig sind, weil Christus ein vollgültiges Versöhnungsopfer, für uns dargebracht hat; denn wir sind vollkommen in Ihm. Wir besitzen nichts, worauf wir uns verlassen können; sondern trauen allein auf das Verdienst Jesu. Sein Leiden und heiliges Leben gibt uns allein einen sichern Grund völliger Zuversicht.

 

 

,,In Deinem Licht sehen wir das Licht."
Ps. 36, 9.

Kein Mund vermag dem Herzen die Liebe Christi zu schildern, bis der Herr Jesus selber sie in demselben kund tut. Alle Beschreibungen bleiben matt und unzureichend, wenn sie der Heilige Geist nicht mit Leben und Kraft erfüllt; bis daß unser Immanuel sich uns innerlich offenbart, sieht Ihn die Seele nicht. Wenn du die Sonne betrachten möchtest, so würdest du wohl schwerlich alle gewöhnlichen Beleuchtungsmittel zusammennehmen und auf solche Weise das herrliche Licht, das den Tag regiert, zu beleuchten suchen. Nein, wer weise ist, weiß wohl, daß die Sonne sich selber offenbaren muß, und dieses gewaltige Licht kann nur durch seinen eignen Glanz erkannt werden. Und so verhält es sich mit Christo. ,,Selig bist du, Simon, Jona Sohn," sprach Er zu Petro, ,,denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbaret." Reiniget und veredelt Fleisch und Blut durch die sorgfältigste Erziehung, erhebt die Kräfte des Gemüts zur höchsten Stufe geistiger Vollendung; das alles kann euch Christum nicht offenbaren. Der Geist Gottes muß mit Macht kommen und den Menschen mit seinen Flügeln überschatten, und dann muß in diesem geheimnisvollen Dunkel des Allerheiligsten der Herr Jesus sich dem geheiligten Blick offenbaren, wie Er sich den verblendeten Menschenkindern nicht offenbart. Christus muß sein eigner Brennspiegel sein. Der große Haufen dieser blödsichtigen Welt nimmt nichts wahr von den unaussprechlichen Herrlichkeiten Immanuels. Er kommt ihnen ungestalt und lästig vor, wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich, die von den Toren verschmäht, von den Stolzen verachtet wird. Nur wo der Geist das Auge mit Augensalbe gesalbt, das Herz mit göttlichem Leben erfüllt und die Seele zu einem himmlischen Sinne erzogen hat, nur da wird Er verstanden. ,,Euch nun, die ihr glaubet, ist Er köstlich;" euch ist Er der Grund- und Eckstein, der Fels eures Heils, euer eins und alles; andern aber ist Er ,,ein Stein des Anstoßens und ein Fels der Ärgernis." Selig ist, wer die Offenbarung unsres Heilandes empfängt, denn ihm ist die Verheißung gegeben, daß Er Wohnung bei ihm machen will. O Jesu, unser Herr, unser Herz steht Dir offen, komm herein, und ziehe ewiglich nicht wieder fort. Zeige Dich uns! Beglücke uns mit einem Strahl Deiner Liebe!

 

 

,,Habe deine Lust an dem Herrn."
Ps. 37, 4.

Der Sinn dieser Worte muß denen, die einem lebendigen Leben in der Gottseligkeit ferne stehen, im höchsten Grade auffallen, aber dem ernsten, gläubigen Christen sind sie weiter nichts als die Bestätigung einer erkannten Wahrheit. Das Leben des Gläubigen wird hier beschrieben als Freude und Wonne in Gott, und wir werden befestigt in der Überzeugung, daß die wahrhafte Gottesfurcht überströmt von Glück und Seligkeit. Gottlose Menschen und bloße Namen-Christen sehen in der Frömmigkeit nie etwas Erfreuliches: für sie ist dieselbe ein Sklavendienst, eine lästige Pflicht, eine Nötigung, aber nie und nimmer eine Freude und Erquickung. Wenn sie sich überhaupt zum Christentum bekennen, so geschieht's entweder aus Eigennutz, weil sie hoffen, dadurch etwas zu gewinnen, oder aus Furcht, weil sie sich nicht unterstehen, anders zu handeln. Der Gedanke an Freude und Wonne in einem gottesfürchtigen Wandel ist den meisten Menschen etwas so Befremdendes, daß in ihren Redensarten keine zwei Begriffe so weit auseinander gehen, wie die Worte: ,,Heiliges Leben" und ,,Wonne." Aber solche Gläubige, die Jesum Christum erkennen, wissen aus Erfahrung, daß Glückseligkeit und Glauben so innig miteinander verknüpft sind, daß auch die Pforten der Hölle sie nicht auseinander zu reißen vermögen. Wer Gott von ganzem Herzen lieb hat, findet jederzeit, daß seine Wege liebliche Wege sind, und alle seine Steige sind Friede. Solche Freude, solche Fülle der Wonne, solche überströmende Glückseligkeit entdecken die Heiligen in ihrem Herrn, daß sie, weit entfernt, Ihm aus bloßer Gewohnheit zu dienen, Ihm freudig nachfolgen, ob auch alle Welt seinen Namen ärger verabscheut als das Böse. Wir fürchten Gott nicht aus irgend welchem Zwang; unser Glaube ist kein Gefängnis, unser Bekenntnis keine Kette, zum heiligen Leben werden wir nicht mit Gewalt geschleppt, wir werden nicht wie Sklaven zu unsrer Pflicht geknechtet. Nein, unsre Frömmigkeit ist unsre Freude, unsre Hoffnung ist unser Himmel, unser Wandel ist unsre Wonne, unsre Liebe ist unsre Lust. Freude und wahre Gottesfurcht sind miteinander verwachsen wie Wurzel und Blüte; so unzertrennbar wie Wahrheit und Gewißheit; sie sind wahrlich zwei herrliche Kleinode, die nebeneinander schimmern in goldener Fassung. ,,Habe deine Lust an dem Herrn; der wird dir geben, was dein Herz wünschet."

 

 

,,Verlaß mich nicht, Herr; mein Gott, sei nicht ferne von mir."
Ps. 38, 21.

Häufig beten wir, Gott möge uns nicht verlassen in der Stunde der Trübsal und Versuchung, aber wir vergessen dabei nur zu leicht, daß wir zu allen Zeiten nötig haben, solches zu bitten. Es gibt in unserm Leben keinen einzigen Augenblick, wie heilig er auch sei, wo wir seines Beistandes und seiner stärkenden Kraft entraten könnten. Im Licht wie in der Finsternis, in seiner Nähe wie in der Stunde der Versuchung, ist uns die Bitte vonnöten: ,,Verlaß mich nicht, Herr, mein Gott." ,,Erhalte mich durch Dein Wort, daß ich lebe; stärke mich, daß ich genese." Wenn ein kleines Kind gehen lernt, so bedarf es ununterbrochen der Aufsicht und des Beistandes. Wenn das Schiff vom Steuermann verlassen wird, kommt's sogleich vom Kurs ab und treibt als ein Spielball der Wellen ziellos umher. Wir können die beständige Hilfe von oben nicht entbehren. So wollen wir denn täglich darum bitten: ,,Verlaß mich nicht. Vater, verlaß Dein Kind nicht, sonst fällt es von Feindeshand. Hirte, verlaß Dein Lamm nicht, sonst verirrt es sich von der Herde und ihrer sichern Hut. Großer Gärtner, verlaß Deinen Pflänzling nicht, sonst welkt er ab und stirbt. Verlaß mich nicht, o Herr, in diesem Augenblick, und verlaß mich nie zu irgend einer Zeit meines Lebens. Verlaß mich nicht in meinen Freuden, sonst nehmen sie mein Herz gefangen. Verlaß mich nicht in meinen Leiden, sonst murre ich wider Dich. Verlaß mich nicht, wenn Du mir Buße schenkst, ich möchte sonst die Hoffnung der Vergebung verlieren und in Verzweiflung stürzen; und verlaß mich nicht zur Zeit meines freudigsten und stärksten Glaubens, sonst artet der Glaube in Vermessenheit aus. Verlaß mich nicht, denn ohne Dich bin ich schwach, aber mit Dir bin ich stark. Verlaß mich nicht, denn mein Pfad ist gefährlich und voller Fallstricke, und ohne Deine Führung bin ich verloren. Die Henne verläßt ihr Küchlein nicht, so bedecke denn auch Du mich mit Deinen Fittichen, und laß mich unter Deinen Flügeln eine Zuflucht finden. Sei nicht ferne von mir, Herr, denn Angst ist nahe, denn es ist hier kein Helfer. Verlaß mich nicht, Herr, mein Gott, sei nicht ferne von mir. Eile, mir beizustehen, Herr, meine Hilfe!" ,,Mein Stab, mein Hort, mein Licht! Ach Gott, verlaß mich nicht!"

 

 

,,Ich will mich hüten."
Ps. 39, 1.

Mitpilger, sprich nicht in deinem Herzen: ,,Ich will hierhin und dahin gehen und nicht sündigen;" denn du bist nie und nirgends so außer aller Gefahr des Sündigens, daß du dich der Sicherheit rühmen dürftest. Die Straße ist sehr sumpfig, es wird dir schwer fallen, deinen Pfad so auszuwählen, daß deine Kleider nicht verunreinigt werden. Diese Welt ist wie Pech; du mußt dich sehr in acht nehmen, wenn du sie anrührst, daß du dich nicht besudelst. Es lauert an jeder Straßenecke ein Räuber auf dich, der dich deiner Kostbarkeiten berauben will; in jeder Freude schläft eine Schlange; und wenn du noch den Himmel erreichst, so ist es ein Wunder der lautern göttlichen Gnade, die du der Macht deines himmlischen Vaters verdankst. Nimm dich in acht. Wenn ein Mensch eine Bombe in der Hand trägt, so weiß er, daß er sich keinem brennenden Lichte nahen darf; und so mußt du dich hüten, daß du nicht in eine Versuchung gerätst. Sogar dein tägliches Tun ist wie ein scharfgeschliffenes Werkzeug, du mußt sorgfältig damit umgehen. Es ist nichts in dieser Welt, was eines Christen Frömmigkeit förderlich wäre, sondern alles ist für ihn verderblich. Wie sehnlich solltest du darum zu Gott aufblicken, damit Er dich bewahre! Dein stetes Gebet sollte heißen: ,,Stärke mich, daß ich genese." Hast du gebetet, so mußt du auch wachen; mußt wachen über jeden Gedanken, jedes Wort, jede Tat, mit heiligem Eifer. Stelle dich nicht unnötigerweise der Gefahr bloß; wenn du aber auf einen gefährlichen Posten berufen wirst, wenn dir befohlen wird, dahin zu gehen, wo die feurigen Pfeile hin und her fliegen, dann gehe nicht ohne deinen Schild; denn wenn dich der Feind ein einziges Mal ohne Schutz findet, so frohlockt er, daß die Stunde des Sieges für ihn gekommen ist, und streckt dich alsobald nieder mit seinen Waffen, daß du schwer verwundet daliegst. Zwar kann er dich nicht töten; wohl aber darf er dich verwunden. ,,Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge." Darum behüte deine Wege, und wache im Gebet. Niemand hat je übel daran getan, daß er zu wachsam war. Möge Gott der Heilige Geist uns auf allen unsern Wegen leiten, so werden sie allezeit dem Herrn wohlgefällig sein.

 

 

,,Ich bin Dein Pilgrim."
Ps. 39, 12.

Ja, o Herr, ich bin ein Pilger, ein Fremdling bei Dir, aber doch nicht von Dir. Deine Gnade hat alle meine natürliche Entfremdung von Dir wirksam entfernt; und nun wandle ich in Deiner Gemeinschaft durch diese sündige Welt als ein Pilgrim im fremden Lande. Du bist ein Fremdling in Deiner eignen Welt. Der Mensch vergißt Deiner, verunehrt Dich, untersteht sich, Gesetz und Sitte zu ändern und kennt Dich nicht. Dein teurer Sohn kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf. Er war in der Welt, und die Welt ward durch Ihn erschaffen, und die Welt erkannte Ihn nicht. Nie war je ein buntgefiederter Vogel unter dem einheimischen Gevögel so fremd, wie Dein geliebter Sohn unter den Brüdern seiner Mutter. Was kann mich's denn noch befremden, wenn ich als Jünger und Nachfolger Jesu hienieden unbekannt und ein Fremdling bin? O Gott, ich möchte da kein Bürgerrecht besitzen, wo mein Herr Jesus ein Fremdling ist. Seine durchgrabene Hand hat die Seile gelockert, die einst meine Seele an diese Erde fesselten, und nun bin ich ein Fremdling geworden im Lande. Meine Sprache scheint diesen Babyloniern, unter denen ich wohne, eine ausländische Mundart, meine Sitten sind ihnen auffallend, mein Tun ist ihnen befremdend. Ein Hottentotte würde sich in meiner Heimat behaglicher fühlen, als ich mich je im Umgang mit Sündern fühlen könnte. Aber das ist das Liebliche meines Loses; Ich bin ein Fremdling bei Dir, ,,Dein Pilgrim". Du bist mein Mitgenosse in der Trübsal, mein Mit-Pilger. O, welche Wonne, in so seliger Gemeinschaft zu pilgern! Brennt nicht mein Herz in mir, wenn Er mit mir redet auf dem Wege; und ob ich gleich ein Wanderer bin, so bin ich doch weit glücklicher als die, die auf Thronen sitzen, und fühle mich heimischer bei Ihm, als die, die in getäfelten Häusern wohnen, bei ihren Schätzen. ,,Mein Leben ist ein Pilgrimstand, Ich reise nach dem Vaterland, Nach dem Jerusalem dort oben.

Da, wo die hehre Gottesstadt Mein Herr und Heil gegründet hat, Da werd' ich einst Ihn ewig loben.
Mein Leben ist ein Pilgrimstand, Ich reise nach dem Vaterland."

 

 

,,Warum muß ich so traurig gehen?"
Ps. 42, 9.

Kannst du eine Antwort hierauf geben, gläubige Seele? Kannst du irgend einen Grund finden, warum du so oft voller Traurigkeit und nicht voller Freude bist? Warum gibst du traurigen Vermutungen Raum? Wer sagt dir, daß die Nacht sich nie wieder in einen Tagesanbruch enden werde? Wer sagt dir, daß das Meer der Führungen Gottes vertrocknen werde, bis daß nichts mehr übrig bleibe als trübe Sümpfe schrecklicher Armut? Wer sagt dir, daß der Winter deiner Widerwärtigkeiten fortgehen werde von Frost zu Frost, von Schnee und Eis und Hagel zu tieferm Schnee, ja, zum furchtbaren Sturm der Verzweiflung? Weißt du nicht, daß auf die Nacht ein Tag folgt, daß nach der Ebbe wieder Flut eintritt, daß der Winter dem Frühling und dem Sommer weichen muß? Darum hoffe! hoffe immerfort! denn Gott verläßt dich nicht. Weißt du nicht, daß Gott dich mitten in all diesen Stürmen lieb hat? Die Bergesriesen sind wohl in dunklen Wolken verborgen, aber sie sind dennoch da, und Gottes Liebe trägt dich jetzt so gewiß, als in den schönsten Augenblicken deines Lebens. Ein Vater züchtigt nicht immerfort; der Herr haßt die Zuchtrute so gut wie du selber; Er braucht sie nur darum, weil sie dein ewiges Heil wirken soll, und darum solltest du sie willig und freudig ertragen. Du sollst ja dennoch mit den Engeln über Jakobs Leiter hinauf steigen und Den schauen, der oben darauf sitzt, deinen Bundesgott. Du sollst dennoch, inmitten der Herrlichkeiten der Ewigkeit, der Trübsale dieser Zeit vergessen, oder dich ihrer nur erinnern, damit du Gott preisen mögest, der dich durch sie hindurchgeleitet, und dein ewiges Heil durch sie gewirkt hat. Komm, singe inmitten deiner Leiden. Freue dich, während du durch den Feuerofen gehest. Laß die Wüste sprossen wie eine Rose! Laß die weite Ebene wiederhallen vom Gesang deiner Freude, denn diese Trübsal, die zeitlich und leicht ist, geht bald vorüber, und dann wirst du ,,bei dem Herrn sein ewiglich," deine Wonne wird nie wieder erblassen. ,,Der dich durch Jesum herzlich liebt, Sucht, wenn Er dir dein Herz betrübt, Der Seele wahre Wonne. Ja, diese Bahn Führt himmelan Zur ew'gen Gnadensonne."

 

 

,,Du bist der Schönste unter den Menschenkindern."
Ps. 45, 2.

Das ganze Wesen und Leben des Herrn Jesu ist wie ein einziges köstliches Kleinod; und all sein Wirken und Wandeln ist ein einziger vollendeter Siegelabdruck. Er ist ganz und gar vollkommen; nicht bloß in all seinen verschiedenen Teilen, sondern als ein herrliches, alles überstrahlendes Ganzes. Sein heiliges Gemüt ist nicht eine wirre Masse von schönen Farben, nicht ein Haufen edler Steine, die ohne alle Ordnung und Sorgfalt aufeinander gelegt sind; Er ist ein Bild voller Schönheit und ein Brustschildlein voller Herrlichkeit. In Ihm ist alles, ,,was lieblich, was wohl lautet, was etwa ein Lob." am rechten Ort, und dient sich gegenseitig zum Schmuck. Nicht ein einziger Zug in seinem herrlichen Wesen tritt auf Kosten der andern hervor, sondern Er ist ganz lieblich, ganz lieblich ist Er. O Jesu! Deine Macht, Deine Gnade, Deine Gerechtigkeit, Deine Zärtlichkeit, Deine Wahrheit, Deine Hoheit und Deine Unwandelbarkeit machen einen solchen Menschen, oder vielmehr solch einen Gottmenschen aus, daß weder Himmel noch Erde je etwas Ähnliches gesehen haben. Deine Kindheit, Deine Ewigkeit, Deine Liebe, Dein Sieg, Dein Tod und Deine Unsterblichkeit sind alle zusammen in einen großen Prachtteppich verwoben, der weder Naht noch Risse hat. Du bist Wohllaut ohne Mißton; Du bist mannigfaltig und doch nicht zerteilt; Du bist alles und doch nicht uneins. Gleichwie sich die Gesamtheit aller Farben vereint zu einem herrlichen, harmonischen Regenbogen, so begegnen sich alle Schönheiten Himmels und der Erde in Dir und verschmelzen sich so wunderbar, daß allüberall nichts Dir gleich ist; ja, wenn alle Tugenden der Alleredelsten in ein Bündlein zusammengebunden würden, so hielte es von ferne noch nicht den Vergleich aus mit Dir, Du Spiegel aller Vollkommenheit. Du bist gesalbt mit dem heiligen Öl aus Myrrhen und Kezia, das dein Gott für Dich allein aufbewahrt hat; und Dein Duft ist wie der heilige Weihrauch; seinesgleichen kann niemand wieder mengen, mit aller Apothekerkunst; jede Spezerei ist Wohlgeruch, aber das Ganze ist ein göttliches Meisterwerk. ,,Höchste Schönheit, o, entzünde Himmelslust in meiner Brust, Daß ich Dich nur köstlich finde, O Du, aller Engel Lust!"

 

 

,,Du hassest gottloses Wesen."
Ps. 45, 7.

Zürnet und sündiget nicht. Es kann kaum etwas Gutes in einem Menschen sein, wenn er sich nicht über die Sünde erzürnt; wer die Wahrheit lieb hat und aus der Wahrheit ist, haßt alle falschen Wege. Wie haßte doch unser Herr Jesus die Versuchung so tief, wenn sie sich Ihm nahte! Dreimal stürmte sie in jedesmal andrer Gestalt auf Ihn ein, und jedesmal trat Er ihr mit dem Wort entgegen: ,,Hebe dich weg von mir, Satan!" Er haßte das gottlose Wesen in andern; und das nicht umso weniger von ganzem Herzen, wenn Er auch diesen Haß öfter in Tränen des Mitleids, als in Worten des Vorwurfs ausdrückte; und dennoch könnte keine Sprache strenger, Eliasgleicher sein, als die Worte: ,,Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr der Witwen Häuser fresset, und wendet lange Gebete vor." Er haßte die Sünde so sehr, daß Er sein Herzblut vergoß, um sie auf den Tod zu verwunden; Er litt den Tod, um sie zum Tode zu bringen; Er ward begraben, damit Er sie mit begraben möchte in seiner Gruft; und Er erstand vom Tode wieder, damit Er sie auf ewig möchte unter seine Füße treten. Christus ist uns im Evangelium geschenkt, und dies Evangelium ist dem gottlosen Wesen in jeder Gestalt abhold und widerstehet demselben. Die Gottlosigkeit schmückt sich mit schönen Gewändern und redet mit heuchlerischer Zunge die Sprache der Heiligkeit; aber Jesu gewaltige Lehre treibt, seiner unsanften Geißel aus Stricken gleich, sie zum Tempel hinaus, und mag sie in seiner Gemeinde nicht dulden. Und so ist auch in einem Herzen, wo Christus wohnt, ein erbitterter Krieg zwischen Christus und Belial! Und wenn unser Heiland uns einst als Richter erscheint, dann werden die donnernden Worte: ,,Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer" (die in der Tat nichts andres sind, als die Fortsetzung seiner Lehrvorträge über die Sünde), seinen Abscheu vor aller Gottlosigkeit bezeugen. So warm und innig seine Liebe zu den Sündern ist, so heiß ist sein Haß gegen die Sünde; so vollkommen seine Gerechtigkeit ist, so vollständig wird die Vernichtung jeder Art von Bosheit sein. O Du siegreicher Held im Schmuck der Heiligkeit, Du herrlicher Überwinder des Bösen, ,,Du liebst Gerechtigkeit und hassest gottloses Wesen, darum hat Dich Gott, Dein Gott, gesalbt, mit Freudenöl, mehr denn Deine Gesellen; Dein Stuhl bleibet immer und ewig."

 

 

,,Der König wird Lust an deiner Schöne haben."
Ps. 45, 11.

Und wem wird ein so hoher Vorzug zuteil, dem Heiland solche Lust zu bereiten? Seiner Gemeinde, seinem Volk. Aber ist denn das möglich? Er macht ja uns fröhlich, wie aber können wir Ihm zur Lust und Freude sein? Durch unsre Liebe. Ach! wir wissen, daß sie so kalt, so matt ist; und wahrlich, wir müssen traurig bekennen, daß es so ist, und dennoch ist sie unserm Heiland so süß. Höret, wie Er selbst diese Liebe im Hohenliede preist: ,,Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, liebe Braut; deine Liebe ist lieblicher denn Wein!" Sieh', liebende Seele, wie Er sich über dich freut. Wenn du mit deinem Haupt an seiner Brust liegst, so empfängst du nicht nur, sondern du gibst Ihm auch Wonne. Wenn du mit Blicken der Liebe sein glorreiches Angesicht betrachtest, dann empfängst du nicht nur Trost, sondern gewährst süßes Entzücken. Auch unser Lob und Preis verursacht Ihm Freude und Lust; nicht der Gesang der Lippen nur, sondern der Wohlklang tiefgefühlter Herzensdankbarkeit. Auch unsre Gaben sind Ihm unvergleichlich angenehm; wie gern hat Er's, wenn wir unsre Zeit, unsre Kraft, unser Vermögen auf seinen Altar legen, nicht als ob unsre Gabe hohen Wert hätte, sondern wegen der Gemütsstimmung, aus welcher solche Gabe entspringt. Ihm sind die bescheidenen Gaben seiner Heiligen angenehmer, als Tausende von goldenen und silbernen Kostbarkeiten. Heiligkeit des Sinnes gilt Ihm als Weihrauch und Myrrhen. Vergib deinem Feinde, so erfreust du Christum, deinen Herrn; gib den Armen, so bereitest du Ihm Wonne; hilf Seelen für sein Reich gewinnen, so gibst Du Ihm die Frucht seiner Seelenarbeit zu schmecken; bezeuge sein Evangelium, so bist du Ihm eine süße Salbe; gehe unter die Unwissenden und rühme das Kreuz, so bereitest du Ihm Ehre und Preis. Und gerade auch jetzt vermagst du das köstliche Salbenglas zu zerbrechen und die Narde auf sein Haupt auszuschütten, wie vor alters jenes Weib, dessen man eingedenk ist bis auf diesen Tag überall, wo dies Evangelium gepredigt wird. Willst du denn zurückbleiben? Willst du nicht deinen teuren Herrn und Heiland salben mit köstlichem Freudenöl, mit Myrrhen und Aloe und Kezia vom Lobe deines Herzens? Ja, ihr elfenbeinernen Paläste, ihr sollt erschallen vom Lobgesang der Heiligen.

 

 

,,Eine Hilfe."
Ps. 46, 1.

Bundesgüter und Bundesgnaden sollen wir nicht nur anschauen, sondern sie uns auch aneignen. Dazu ist ja gerade der Herr Jesus uns geschenkt, daß wir Ihn in unsren Bedürfnissen brauchen sollen. Liebe gläubige Seele, du brauchst Christum nicht, wie du solltest. Wenn du in Nöten bist, warum erzählst du Ihm da nicht alles, was dich drückt? Hat Er nicht ein mitleidiges Herz, und kann Er dich denn nicht trösten und erquicken? Nein, da gehst du zu allen deinen Freunden, nur zu deinem besten Freunde nicht, und schüttest dein Herz überall aus, nur nicht in den Busen deines Heilandes? Drücken dich die Sünden des heutigen Tags? Hier ist ein Brunnen, gefüllt mit Blut: Brauche ihn, Lieber, brauche ihn. Lastet ein Schuldgefühl auf dir? Die vergebende Gnade Jesu bewährt sich immer aufs neue wieder. Willst du rein werden, so komm einmal zu Ihm. Klagst du über deine Untüchtigkeit? Er ist deine Stärke, warum stützest du dich nicht auf Ihn? Fühlst du dich nackt und bloß? Komme hierher, liebe Seele, ziehe an den Rock der Gerechtigkeit Christi. Bleibe nicht staunend davor stehen, sondern trage ihn. Ziehe deine eigne Gerechtigkeit aus und deine Ängste mit: kleide dich mit der feinen Seide, denn sie ist für dich zum Tragen bestimmt. Fühlst du dich krank? Dann läute die Abendglocke des Gebets, und rufe den lieben Arzt herbei! Er gibt dir die Stärkung, die du bedarfst zu deiner Genesung. Du bist arm; aber in Ihm hast du einen reichen und mächtigen Verwandten. Wie, willst du nicht zu Ihm gehen und Ihn bitten, daß Er dir seinen Überfluß schenke, weil Er dir doch die Verheißung gegeben hat, daß du sollst sein Miterbe sein und teilhaben an allem, was Er ist, und was Er hat? Nichts mißfällt deinem Herrn Christus mehr, als wenn die Seinen nur ein Schaustück aus Ihm machen und Ihn nicht brauchen wollen. Je größere Lasten wir seinen Schultern aufladen, umso köstlicher wird Er uns. ,,Mein alles, was ich liebe, Mein alles, was ich übe, Sei mein Herr Jesus Christ; Weil ich in Ihm besitze, Was einer Seele nütze, Was einem Menschen köstlich ist!"

 

 

,,Er erwählet uns unser Erbteil."
Ps. 47, 4.

Gläubiger Bruder, wenn dir ein bescheidenes Los zugefallen ist, so gib dich nur zufrieden mit deinem irdischen Erbteil, denn das darfst du sicher glauben, daß es das geeignetste für dich ist. Die unfehlbare Weisheit hat dir dein Los zugeteilt und dich mit Vorbedacht in solche Verhältnisse gestellt, die zu deinem Besten dienen müssen. Ein Schiff mit schwerer Fracht soll flußaufwärts geschafft werden; an einer bestimmten Stelle befindet sich eine Sandbank; sollte da nun jemand noch fragen wollen, warum der Kapitän der tiefsten Stelle des Flußbettes folgt und dieser zuliebe einen Umweg einschlägt? Er würde zur Antwort erhalten: ,,Weil das Schiff gar nicht an den Ort seiner Bestimmung gelangen könnte, wenn man nicht das tiefste Fahrwasser einhielte." Und so würdet vielleicht auch ihr auf der Sandbank auffahren und Schiffbruch erleiden, wenn euch euer göttlicher Schiffshauptmann nicht durch die Tiefen der Trübsal führte, wo die Wogen der Heimsuchung in kurzen Fristen aufeinander folgen. Manche Pflanzen sterben ab, wenn sie zu viel dem Sonnenschein ausgesetzt sind. Vielleicht bist du auch an einer Stelle gepflanzt, wo dich die Sonne des Glücks wenig bescheint; aber ein liebender Hausvater hat dich dahin versetzt, weil du nur in dieser Lage vollkommene Früchte zu bringen vermagst. Bedenke es wohl, daß, wenn irgend eine andre Lage dir heilsamer gewesen wäre, so hätte dich die göttliche Liebe gewiß dorthin gepflanzt. Du bist von Gott in die zweckmäßigsten Umstände versetzt, und wenn du dir dein Los selber wählen dürftest, so würdest du bald ausrufen: ,,Herr, erwähle mir mein Erbteil, denn mein Eigenwille verursacht mir viele Schmerzen." Sei zufrieden mit dem, was dir zugefallen ist, weil der Herr alle Dinge zu deinem Besten erkoren hat. Nimm dein tägliches Kreuz auf dich, es ist die beste Last, die deine Schultern zu tragen imstande sind, und beweist sich kräftig, dich tüchtig zu machen in allem guten Wort und Werk zu Gottes Ehre. Stille, du geschäftiger Eigenwille, ruhig, du stolze Ungeduld! Es ist nicht deine Sache, dein Erbteil zu erwählen, sondern des Herrn der Liebe. ,,Er nimmt und gibt, weil Er uns liebt; Laßt uns in Demut schweigen, Und vor dem Herrn uns beugen!"

 

 

,,Gott sei mir gnädig."
Ps. 51, 1.

Als ein teurer Gottesmann, ein Licht der Gemeinde auf Erden, von einer gefährlichen Krankheit befallen wurde, fragte man ihn: ,,Wenn diese Krankheit sollte zum Tode sein, welche Schriftstelle soll zum Text der Leichenrede gewählt werden?" Er antwortete: ,,Ach, ich fühle, daß ich ein armes, sündhaftes Geschöpf bin, das nicht wert ist, daß man irgend etwas von ihm sage; wenn aber eine Leichenrede notwendig ist, so sei es über die Worte: Gott, sei mir gnädig nach Deiner Güte, und tilge meine Sünden nach Deiner großen Barmherzigkeit." Derselbe Geist der Demut leitete ihn bei der Anordnung der Inschrift, die auf seinen Grabstein sollte gesetzt werden. Dieselbe sollte weiter nichts enthalten als seinen Namen, seinen Geburts- und seinen Sterbetag, und die Worte: ,,Hier ruht ein armer, elender, hilfloser Erdenwurm, der sich den Liebesarmen der göttlichen Barmherzigkeit anvertraut." Der erfahrenste und geliebteste Heilige kann seinem Gott nicht anders begegnen, als wenn er sich auf die freie Gnade stützt. Die Edelsten des menschlichen Geschlechts sind sich vor andern bewußt, daß sie im besten Falle Menschen sind. Leere Boote ragen weit über die Oberfläche des Wassers empor; aber Schiffe, die mit himmlischen Gütern beladen sind, gehen tief im Wasser: bloße Wortchristen machen viel Rühmens, aber wahrhafte Kinder Gottes schreien um Gnade über ihre Unwürdigkeit. Wir haben's nötig, daß der Herr uns gnädig sei, gnädig sei unsern Werken, unsern Gebeten, unsern Zeugnissen, unsern Almosen und aller unsrer Heiligkeit. Das Blut ward nicht nur auf die Pfosten und Schwellen der Wohnungen Israels gesprengt, sondern auch aufs Heiligtum, auf den Gnadenstuhl und auf den Altar; weil sich die Sünde auch in unsre heiligsten Angelegenheiten eindrängt, ist das Blut Jesu unentbehrlich, um sie von aller Befleckung zu reinigen. Wenn die Gnade schon unsre Gottesdienste versöhnen muß, wie muß es erst um unsre Sünden stehen? Wie lieblich ist doch der Gedanke, daß die ewige Barmherzigkeit uns will Gnade erweisen, unsre Verirrungen heilen, und unsre zerschlagenen Gebeine erquicken!

 

,,Kommt, ihr armen, blöden Sünder, Die ihr matt und müde seid, Kommt zum großen Überwinder! Da ist Heil und Ruh' bereit!"

 

 

,,Gib mir einen neuen, gewissen Geist."
Ps. 51, 10.

Ein Abtrünniger, in dem noch ein einziger Lebensfunke übrig ist, seufzt und sehnt sich nach der Wiedererneuerung. Zu dieser Erneuerung ist die gleiche Wirkung und Kraft der Gnade erforderlich, wie zu unsrer Bekehrung. Wir mußten unsre Sünden von Herzen bereuen; und müssen es auch hier wieder. Wir hatten Glauben nötig, damit wir vor allem konnten zu Christo kommen: und nur eben diese Gnade kann uns auch jetzt wieder zu Ihm zurückführen. Wir mußten eine Zusicherung des Höchsten empfangen, ein Wort aus dem Munde des Allliebenden, damit damals unsre Furcht ein Ende gewönne; wir erfahren bald auch, wenn wir unter dem Druck der gegenwärtigen Sünde stehen, daß wir eine solche Zusicherung jetzt wieder bedürfen. Niemand kann erneuert werden ohne eine ebenso wahre und wirkliche Bezeugung der Macht des Heiligen Geistes, wie er sie zum ersten mal empfunden hat, weil das Werk ebenso groß ist, und weil Fleisch und Blut jetzt ebenso sehr im Wege stehen als je. Laß deine persönliche Schwäche, o Christ, dich dazu veranlassen, daß du mit allem Ernst zu deinem Gott um Hilfe schreist. Bedenke, wie David nicht seine Arme ineinanderschlug oder seinen Mund schloß, als er sich ohnmächtig fühlte, sondern daß er zum Gnadenthron eilte mit der Bitte: ,,Gib mir einen neuen, gewissen Geist." Laß dich nicht von der Einbildung einschläfern, du könntest nichts tun, denn du seist verlassen; sondern laß dir's einen Stachel in deiner Seite sein, der dich mit furchtbarem Ernst zu dem starken Helfer Israels hintreibe. Ach, daß du Gnade empfingest, mit Gott zu ringen, wie wenn du um dein Leben flehen müßtest: ,,Herr, gib mir einen neuen, gewissen Geist." Wer ernstlich und aufrichtig zu Gott darum bittet, wird seinen Ernst damit beweisen, daß er die Gnadenmittel gebraucht, die Gott verordnet hat. Bete viel; suche eifrig Nahrung in Gottes Wort; töte die Lüste und Begierden ab, die den Herrn von dir weggetrieben haben; wache sorgfältig über alle Keime künftiger Sünden. Der Herr geht seine eignen Wege; bleibe am Wege sitzen, so bist du bereit, wenn Er vorübergeht. Bleibe in all den seligen Geboten, die deine ersterbenden Gnadenkräfte erfrischen und ernähren können; und dieweil du weißt, daß alle Kraft von Ihm ausströmen muß, so höre nicht auf zu rufen: ,,Gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht von Deinem Angesicht, und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir."

 

 

,,Errette mich von den Blutschulden, Gott, der Du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme."
Ps. 51, 14.

In diesem gewaltigen Bekenntnis tut es wohl, daß wir sehen, wie David seine Sünde unumwunden nennt. Er bezeichnet sie nicht als einen unüberlegten Totschlag, noch spricht er davon als von einer Übereilung, durch welche einem braven Manne ein unglücklicher Zufall begegnet wäre, sondern er nennt sie bei ihrem wahren Namen: Blutschulden. Er hat freilich den Mann der Bathseba nicht selber erschlagen; dennoch war der Plan, daß Uria sterben sollte, in Davids Herzen gereift, und vor dem Herrn war er sein Mörder. Hier lerne im Bekenntnis deines Unrechts aufrichtig sein vor Gott. Gib argen Sünden keine beschönigende Namen; du magst sie ja nennen wie du willst, ihr Geruch ist darum nicht lieblicher. Als das, wofür Gott sie ansieht, suche sie in deinem Herzen zu fühlen, und anerkenne mit aufrichtiger Gesinnung ihre ganze Abscheulichkeit. Siehe, wie David augenscheinlich niedergebeugt war von der Häßlichkeit seiner Sünde. Worte aussprechen, ist leicht, aber ihren ganzen Inhalt empfinden, ist schwer. Der einundfünfzigste Psalm ist das getreue Lichtbild eines zerknirschten Geistes. Trachten wir nach gleicher Herzenszermalmung! Denn wie trefflich auch unsre Worte lauten, wenn unser Herz nicht durchdrungen ist von der Verdammungswürdigkeit der Sünde, so können wir auf keine Vergebung hoffen. Unser Schriftwort enthält ein ernstliches Gebet: es ist an Gott den Heiland gerichtet. Die Vergebung ist sein Vorrecht; das ist sein wahrer Name und sein rechtes Amt, daß Er errettet, die sein Angesicht suchen. Noch bezeichnender nennt Ihn unsre Stelle: Gott, mein Heiland. Ja, gelobt sei sein Name; wenn ich nur durch das Blut Jesu zu Ihm komme, so kann ich mich freuen Gottes meines Heilandes. Der Psalmist schließt mit einem herrlichen Gelübde: Wenn ihn Gott erretten will, so will er singen, nein, noch mehr, er will ,,rühmen". Wer kann anders, wenn ihm solche Gnade widerfährt! Aber achte wohl auf den Gegenstand des Rühmens: Deine Gerechtigkeit. Wir rühmen das vollbrachte Werk eines köstlichen Heilandes; und wer am meisten rettende Liebe erfahren hat, rühmt am lautesten.

 

 

,,Gottes Güte."
Ps. 52, 8.

Sinne ein wenig nach über diese Güte des Herrn; denn sie ist Güte der Erbarmung. Mit zarter, liebevoller Handauflegung heilt Er die zerschlagenen Herzen, und verbindet die Wunden der Zerstoßenen. Er ist ebenso barmherzig in der Erweisung seiner Güte, wie in ihrer Größe. Ja, es ist große Güte. Nichts ist klein, was göttlich ist. Seine Güte ist wie Er, sie ist unendlich. Du kannst sie nicht ermessen. Seine Güte ist so groß, daß Er großen Sündern große Sünden vergibt, nach langer, langer Zeit, und schenkt großen Frieden und große Freude, und erhebt uns zu großer Wonne in dem großen Himmel des großen Gottes. Es ist unverdiente Güte, wie alle Güte es in Wahrheit nicht anders sein kann, denn verdiente Gnade wäre nur ein unrichtiger Name für Gerechtigkeit. Auf seiten des Sünders war kein Recht vorhanden auf die gütige Teilnahme des Höchsten; wäre der Empörer augenblicklich verdammt worden zum ewigen Feuer der Hölle, so hätte er die Verdammnis reichlich verdient gehabt; und wenn er dennoch vom Zorn errettet wird, so hat die allbarmherzige Liebe allein es bewirkt, denn im Sünder selber lag kein Grund dazu. Es ist reiche Güte. Manches ist groß, und vermag doch wenig auszurichten, aber diese Güte ist unsern betrübten Seelen ein herzlicher Trost; eine Salbung aus goldenem Horn auf unsre blutenden Wunden; eine himmlische Heilung für unsre zerbrochenen Gebeine; ein königlicher Wagen für unsre müden Füße; ein liebender Busen für unser zitterndes Herz. Es ist vielfältige Güte. Wie Bunyan einmal sagt: ,,Alle Blumen in Gottes Garten sind gefüllt." Es ist keine vereinzelte Güte. Ihr denkt vielleicht, ihr habt nur eine einzige Gnade empfangen, aber ihr müßt erfahren, daß es eine ganze Wolke der Güte ist. Es ist überschwengliche Güte. Millionen haben sie genossen; aber unerschöpft, bleibt sie allezeit gleich frisch, gleich frei, und gleich voll. Es ist bleibende Güte. Sie kann dir nie entschwinden. Wenn du die Güte Gottes zur Freundin hast, so wird sie mit dir sein in jeder Versuchung und dich bewahren vor allem Abfall, sie wird mit dir sein in Trübsal, daß du nicht untersinkst; sie wird mit dir sein im Leben, ein Licht vor deinem Angesicht; und mit dir im Sterben als deiner Seele Sonne, wenn aller Erdentrost entschwindet. ,,Ich will aber von Deiner Macht singen, und des Morgens rühmen Deine Güte!"

 

 

,,Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen."
Ps. 55, 22.

Wenn Sorgen, auch wo sie sich auf erlaubte Gegenstände beziehen, uns über Gebühr gefangen nehmen, so sind sie vom Übel und eine Sünde. Die Mahnung, ängstliche Sorgen zu vermeiden, wird von unserm Herrn und Heiland immer und immer wieder eingeschärft; sie wird von den Aposteln wiederholt, und sie kann nicht außer acht gelassen werden, ohne daß dies eine Übertretung mit sich bringt; denn der tiefinnerste Grund ängstlicher Sorgen liegt darin, daß wir meinen, wir seien weiser als Gott. Wir maßen uns an, an das zu denken, was Er nach unsrer törichten Einbildung vergessen könnte; wir mühen uns ab, unsre drückende Last auf den eignen Rücken zu nehmen, gleich als ob Er nicht imstande wäre, oder nicht den Willen hätte, es für uns zu tun. Dieser Ungehorsam gegen seinen klaren Willen, diese Mißachtung seiner bestimmten Vorschrift, dieser Unglaube gegen sein Wort, diese Anmaßung, daß wir uns in seine Angelegenheiten eindrängen wollen, ist ganz und gar sündlich. Ja, noch mehr als das, ängstliches Sorgen verführt oft zu sündlichen Handlungen. Wer sein Anliegen nicht ruhig in Gottes Hände übergeben kann, sondern seine Last selbst schleppen will, wird gar leicht versucht, sich zur Erreichung seines Zweckes ungerechter Mittel zu bedienen. Diese Sünde führt dazu, daß wir Gottes Rat und Weisheit verlassen und bei menschlicher Weisheit Hilfe suchen. Das heißt zu ,,löcherichten Brunnen" gehen, statt zum ,,lebendigen Wasser;" eine Sünde, die vor alters schon dem Volk Israel zur Last fiel. Sorgen erwecken in uns Zweifel an Gottes Güte und Freundlichkeit, und dadurch erkaltet unsre Liebe zu Ihm; wir fühlen Mißtrauen und betrüben damit den Geist Gottes, so daß unser Gebet verhindert, unser Wandel, der andern voranleuchten sollte, befleckt, und unser Streben zur Selbstsucht wird. So führt uns Mangel an Vertrauen auf Gott weit von Ihm ab; aber durch den einfältigen Glauben an seine Verheißung werfen wir jede Last, die uns zufällt, auf Ihn, und ,,sorgen nichts", weil Er sich's angelegen sein läßt, für uns zu sorgen; das hält uns in seiner Nähe und stärkt uns gegen manche Versuchung. ,,Du erhältst stets Frieden nach gewisser Zusage; denn man verläßt sich auf dich. Darum verlasset euch auf den Herrn ewiglich; denn Gott, der Herr, ist ein Fels ewiglich."

 

 

,,Dann werden sich meine Feinde müssen zurückkehren, wenn ich rufe, so werde ich inne, daß Du mein Gott bist."
Ps. 56, 9.

Es ist unmöglich für menschliche Worte, den vollen Sinn des köstlichen Wortes auszudrücken: ,,Du bist mein Gott." Er war ,,unser" Gott vor Erschaffung der Welten; Er war ,,unser" Gott, sonst hätte Er nicht seinen ewiggeliebten Sohn ,,für uns" dahingegeben; Er war ,,unser" Gott, da Er seinen eingebornen Sohn um unsertwillen strafte und das ganze schwere Gewicht seines Zornes Ihm auferlegte; Er war ,,unser" Gott, ob Er gleich gegen Ihn sich wie ein Feind hielt; Er war ,,unser" Gott, da wir im Sündenelend verloren waren; Er liebte uns trotz unsers Verderbens; Er war ,,unser" Gott, da wir uns gegen ihn auflehnten und Ihm mit frecher Hand den Gehorsam versagten; Er war ,,unser" Gott, sonst hätte Er uns nicht herumgebracht, in Demut sein Angesicht zu suchen. Er ist in vielen Kämpfen ,,unser" Gott gewesen; wir mußten ganzen Heeren von Gefahren standhalten, wir sind von äußern und innern Versuchungen angefochten worden, wie hätten wir da unversehrt bleiben können, wäre Er nicht bis zu dieser Stunde ,,unser" Gott gewesen? Er ist ,,unser" mit der ganzen Unendlichkeit seines Wesens, mit der ganzen Allmacht seiner Liebe, mit der ganzen Untrüglichkeit seiner Weisheit. Geschmückt mit seinen göttlichen Eigenschaften ist Er ,,unser", ewig und unwandelbar ,,unser"; ,,unser", wenn jenes blaue Himmelszelt zusammengerollt wird wie ein veraltetes Kleid, ,,unser" durch alle Ewigkeit. Und weil Er ,,unser" Gott ist, so muß die Stimme unsers Gebets uns allezeit seine Hilfe gewiß bringen. ,,Dann werden sich meine Feinde müssen zurückkehren, wenn ich rufe." Dies ist keine ungewisse Hoffnung, sondern eine wohl begründete Versicherung. ,,So werde ich inne, daß Du mein Gott bist." Ich will meine Bitte zu Dir richten und will auf Erhörung harren vor Dir, denn ich weiß, daß sie mir kommt, und daß meine Feinde müssen umkommen, denn ,,Du bist mein Gott." O gläubige Seele, wie selig bist du doch, daß dir der König aller Könige zur Seite steht! Wie sicher bist du unter einem solchen Beschützer! Wie wohl ist deine Sache gewahrt, wenn ein solcher Fürsprecher sich ihrer annimmt! Wenn Gott für dich ist, wer mag wider dich sein?

 

 

,,Wenn mein Herz in Angst ist, so wollest Du mich führen auf einen hohen Felsen."
Ps. 61, 2.

Die meisten unter uns wissen, was das heißt, wenn das Herz in Angst ist; leer, wie wenn ein Mensch eine Schale ausspült und sie umstürzt; untergetaucht und auf die Seite gelegt, wie ein Fahrzeug, das der Sturm als Spielball vor sich hintreibt. Das Gewahrwerden inneren Verderbens bewirkt solche Angst, wenn der Herr zuläßt, daß die große Tiefe unsres Sündenelends aufgeführt wird und Schlamm und Unrat auswirft. Ungemach und Herzeleid erwecken sie, wenn eine Woge um die andre über uns hereinbricht, und wir sind wie eine zerbrochene Muschel, die von der Brandung hin und her gestoßen wird. Gottlob! daß wir in solchen Zeiten nicht ohne einen allgenugsamen Trost dastehen; unser Gott ist der Hafen für sturmgepeitschte Schiffe, die Zuflucht verirrter Pilger. Höher als wir ist Er, seine Gnade höher als unsre Sünden, seine Liebe höher als unsre Gedanken. Es ist zum Erbarmen, wenn man sieht, wie Menschen ihr Vertrauen auf etwas setzen, das noch weit unter ihnen steht; unsre Hoffnung aber stehet auf einem erhabenen und herrlichen Herrn. Er ist ein Fels, denn Er verändert sich nicht; Er ist ein hoher und erhabener Fels, denn die Fluten, die über uns hereinstürmen, toben tief unter seinen Füßen; Er wird von ihnen nicht beunruhigt, sondern herrscht über sie nach seinem Willen. Wenn wir uns unter den Schutz dieses hochragenden Felsens begeben, können wir jedem Sturme trotzen. Hinter der schirmenden Mauer dieses himmelhohen Vorgebirges ist alles ruhig und stille. Ach, die Verwirrung und Ratlosigkeit, in welche das schwer geprüfte Gemüt oft gestürzt wird, ist so groß, daß wir uns in diesen göttlichen Bergungsort flüchten müssen. Aus solcher Stimmung ging das Gebet in unsrer Schriftstelle hervor.

O Herr, unser Gott, lehre uns durch Deinen Heiligen Geist den Weg des Glaubens, führe uns ein zu Deiner Ruhe. Der Wind treibt uns hinaus aufs offene Meer, das Steuer folgt unsrer schwachen Hand nicht. Du, Du allein kannst uns über die Sandbank und zwischen die gefährlichen Klippen hindurch steuern und uns in den sichern Hafen bringen. Dich haben wir nötig, um zu Dir kommen zu können. Tue auch jetzt mit uns nach Deinem Wohlgefallen.

 

 

,,Er ist meine Hoffnung."
Ps. 62, 5.

Das ist des Gläubigen Vorrecht, daß er eine solche Sprache führen darf. Wenn er danach trachtet, von der Welt etwas zu erlangen, so ist's wahrlich eine armselige ,,Hoffnung." Wenn er aber zu Gott aufblickt und von Ihm die Befriedigung seiner Bedürfnisse erwartet, einen Segen, sei's im Leiblichen, sei's im Geistlichen, so ist seine ,,Hoffnung" nicht eitel und umsonst. Er darf jederzeit einen Wechsel auf die Bank des Glaubens ausstellen und sich seine Forderung zahlen lassen aus den Schätzen der Güte und Freundlichkeit Gottes. Das weiß ich, daß ich weit lieber meinen Gott zu meinem Bankier hätte, als alle Geldfürsten dieser Welt. Mein Herr läßt's nie fehlen an der Erfüllung seiner Zusagen; und wenn wir seine Verheißungen vor seinen Thron bringen, so anerkennt Er sie jederzeit; Er sendet sie nicht ohne Erhörung zurück. Darum will ich getrost an seiner Tür warten, denn Er tut sie jedesmal auf mit der Hand seiner freigebigen Gnade. Auch in dieser Stunde will ich's wieder von neuem bei Ihm versuchen. Aber wir haben ,,Hoffnungen," die über dieses Leben hinausreichen. Wir werden bald sterben; und dann ist ,,Er unsre Hoffnung." Hoffen wir denn nicht, wenn wir auf dem Siechbette liegen, daß Er seine Engel sende, die uns in seinen Schoß tragen werden? Wir glauben, daß, wenn der Puls ermattet und das Herz schwer pocht, ein himmlischer Bote bei uns stehen und mit liebevollem Blick auf uns herabschauen und sprechen wird: ,,Schwester-Seele, komm mit mir!" Wenn wir der Himmelspforte nahen, hoffen wir, die selige Einladung zu vernehmen: ,,Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt." Wir erwarten goldne Harfen und unverwelkliche Kronen der Herrlichkeit; wir hoffen, in Bälde bei der Schar der Verklärten zu sein vor dem Throne; wir schauen in die Zukunft und sehnen uns nach der Zeit, wo wir unserm Herrn der Herrlichkeit gleich sein werden, denn ,,wir werden Ihn sehen, wie Er ist." Wenn dies deine ,,Hoffnung" ist, meine Seele, o, so lebe deinem Gott, lebe mit dem Wunsch und Willen, Den zu verherrlichen, von dem dir alle Erhörung kommt, der dich gnädig erwählt, versöhnt und berufen hat, und auf dessen Gnade du alle ,,Hoffnung" der zukünftigen Herrlichkeit bauest. ,,O Christ, erhebe Herz und Sinn! Hinauf! Schwing' dich zum Himmel hin!"

 

 

,,Hoffet auf Ihn allezeit."
Ps. 62, 8.

Sowohl im Zeitlichen wie im Geistlichen ist der Glaube die rechte Lebensregel; wir müssen unser Vertrauen auf Gott setzen, in all unsern irdischen Angelegenheiten nicht minder, als in dem, was unsre himmlische Berufung betrifft. Nur wenn wir lernen auf Gott hoffen für die Gewährung unsrer irdischen Bedürfnisse, stehen wir auch erhaben über dieser Welt. Wir dürfen nicht müßig sein; das würde vielmehr beweisen, daß wir nicht auf Gott hoffen, welcher bisher wirket, sondern auf den Teufel, welcher ist ein Vater des Müßigganges. Wir dürfen nicht unklug und übereilt handeln; das hieße dem Zufall vertrauen und nicht dem lebendigen Gott, welcher ein Gott der Weisheit und der Ordnung ist. Wenn wir weislich und aufrichtig handeln wollen, so müssen wir uns einfältig und vollständig auf den Herrn verlassen allezeit. Lasset euch ein Leben voller Gottvertrauen in allen euern zeitlichen Angelegenheiten empfohlen sein. Wenn ihr auf Gott vertraut, so habt ihr nie Ursache zur Traurigkeit, wie wenn ihr auf unrechten Wegen gesucht hättet, reich zu werden. Dienet Gott aufrichtig und von ganzem Herzen, und wenn euch auch alles fehlschlägt, so belastet ihr euer Gewissen doch nicht mit Sünden. Wenn ihr auf Gott baut, so macht ihr euch keines Widerspruchs im Wandel schuldig. Wer sich auf List und Schlauheit verläßt, steuert heute hierhin und morgen dorthin, wie ein Fahrzeug, das von unsteten Winden umgetrieben wird; wer aber auf den Herrn vertraut, ist wie ein Dampfschiff, das allen Winden zum Trotz die Wellen durchschneidet, und eine glänzende, silberne, geradlinige Furche zum ersehnten himmlischen Hafen in die Wogen eingräbt. Sei du ein Mensch, in dessen Brust Kräfte des Lebens walten; schmiege dich nimmer den veränderlichen Mienen und Sitten der weltlichen Weisheit an. Wandle mit festen Tritten auf dem Pfad der Aufrichtigkeit, und zeige, daß du unüberwindlich stark bist in der Kraft, welche das Vertrauen auf Gott allein zu geben vermag. So wirst du bewahrt bleiben vor ängstlichen Sorgen, es wird dich keine betrübende Nachricht in Unruhe versetzen, dein Herz wird fest bleiben, denn es vertraut auf den Herrn. Wie herrlich ist's doch, den Strom der Vorsehung entlang zu fahren: Es gibt keinen seligern Weg des Lebens, als wenn man sich dem Vertrauen auf einen treuen Bundesgott hingibt.

 

 

,,Du krönest das Jahr mit Deinem Gut."
Ps. 65, 11.

Gott segnet uns reichlich jede Stunde und Tag für Tag durch den ganzen Kreislauf des Jahres; wenn wir schlafen, wie wenn wir wachen, waltet seine Gnade über uns. Die Sonne überläßt uns die gesetzte Zeit der Finsternis, aber unser Gott hört nie auf, mit Strahlen der Liebe über seine Kinder zu scheinen. Wie ein Strom fließt seine Freundlichkeit und Güte ohne Unterbrechung fort, mit einer unerschöpflichen Fülle, wie Er selbst. Gleichwie der Luftkreis die Erde beständig umgibt und das Leben des Menschen bereitwillig erhält, so umgibt Gottes Güte alle seine Geschöpfe; in ihr leben sie als in ihrem Element, in ihr bewegen sie sich und haben sie das Wesen. Dennoch verhält es sich mit den Gnadenerweisungen wie mit der Sonne, die uns in den Sommertagen mit wärmeren und glänzenderen Strahlen erfreut als zu andren Zeiten, und wie mit den Strömen, die nach dem Regen schwellender hinabfließen, und wie mit der Luft, die manchmal von frischeren Hauchen und balsamischeren Düften durchwogt wird als sonst. Die göttliche Gnade hat ihre goldenen Stunden, ihre Tage des Überströmens, wenn der Herr seine Barmherzigkeit an den Menschenkindern verherrlicht. Unter den Segnungen der sichtbaren Welt sind die fröhlichen Tage der Ernte eine besondere Zeit überschwenglicher Güte. Es ist die Herrlichkeit des Herbstes, daß in ihm die reifen Gaben der Vorsehung uns in überströmender Fülle geschenkt werden; es ist die Zeit der Verwirklichung, während vor der Zeit der Reife alles erst Hoffnung und Erwartung war. Groß ist die Freude der Ernte. Glücklich fühlen sich die Schnitter, die ihre Arme mit den reichen Gaben der Freigebigkeit des Himmels füllen. Der Psalmist erzählt uns, daß die Ernte des Jahres Krönungsfest ist. Wahrlich, die krönende Gnade und Güte fordert uns auch zu krönendem Lob und Dank auf! Und dem wollen wir nachkommen in innigsten Gefühlen der Dankbarkeit. Ach, daß doch unsre Herzen recht warm würden! daß unser Geist sich erinnerte, und es erwöge und bedächte, wie gnädig und gütig unser Herr ist! Darum wollen wir Ihn preisen mit unserm Munde und seinen Namen loben und erhöhen, denn aus seiner Güte quillt aller dieser Reichtum des Segens. Wir wollen Gott damit verherrlichen, daß wir Ihm unsre Gaben weihen.

 

 

,,Deine Fußstapfen triefen von Fett."
Ps. 65, 11.

Der ,,Fußstapfen des Herrn," die ,,vom Fett triefen," sind viele, aber eine ganz besondere Fußspur ist die des Gebets. Kein gläubiger Christ, der oft in seinem Kämmerlein verweilt, wird nötig haben auszurufen: ,,Wie bin ich aber so mager? Wie bin ich aber so mager? Wehe mir!" Seelen, die Hunger leiden müssen, sind die, die sich vom Gnadenstuhl ferne halten; sie werden wie die verbrannten Fluren zur Zeit der Dürre. Anhaltendes Ringen mit Gott im Gebet stärkt den Gläubigen, ja, es macht ihn glücklich. Der nächste Ort an der Himmelspforte ist der Thron der himmlischen Gnade. Bist du viel in der Stille, so erlangst du viel innere Gewißheit; bist du selten mit deinem Jesu allein, so steht dein Christentum auf schwachen Füßen; es wird von mancherlei Zweifel und Furcht befleckt, und strahlt nicht in des Herrn Freude. Weil aber die seelenerquickenden Fußstapfen des Gebets auch den schwächsten Heiligen zum Vorwärtsgehen einladen; weil keine hohen Befähigungen erforderlich sind; weil dir als einem geförderten Christen nicht befohlen wird zu kommen, sondern weil dir die Einladung offen steht, sobald du überhaupt dich von Herzen zu Jesu bekennest: so siehe zu, lieber Christ, daß du recht oft auf dem Pfade der stillen Sammlung und des einsamen Gebets erfunden werdest. Wirf dich oft auf deine Kniee nieder, denn damit hat Elia Regen herabgebracht auf die ausgedürrten Gefilde Israels. Noch ein andrer Pfad des Herrn trieft von Fett für die, die darauf wandeln, es ist der verborgene Wandel der Gemeinschaft mit dem Herrn. O, welche Wonne gewährt doch der Umgang mit Jesu! Die Erde besitzt keine Worte, welche die heilige Ruhe einer Seele zu schildern vermöchten, die an der Brust Jesu liegt. Wenige Christen wissen, was das ist; sie leben in den Niederungen und ersteigen selten die Höhen des Nebo; sie wohnen im äußern Vorhof und kommen nicht ins Heiligtum, noch eignen sie sich das köstliche Vorrecht des priesterlichen Amtes an. Sie schauen von weitem dem Opfer zu, aber sie setzen sich nicht mit den Priestern zum Mahl des Heiligen und erfreuen sich nicht am Fett der Brandopfer. Aber du, liebe Seele, setze dich unter den Schatten deines Jesus; komm herauf zu dieser Palme und fasse ihre Zweige; dein Freund sei dir, wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so wirst du satt werden vom Mark und Fett. O Herr Jesu, suche uns heim mit Deinem Heil!

 

 

,,Lobsinget zu Ehren seinem Namen, rühmet Ihn herrlich."
Ps. 66, 2.

Es bleibt nicht unserm eignen Gutdünken überlassen, ob wir Gott loben wollen oder nicht. Auf seinen Preis und Ruhm hat Gott das allergrößte Recht, und jeder Christ ist als ein Gefäß seiner Gnade dazu verpflichtet, Gott täglich zu loben und zu erheben. Es ist freilich wahr, daß uns kein bestimmtes Gebot zum täglichen Preise Gottes gegeben ist; wir besitzen kein Gesetz, das uns gewisse Stunden zum Lobsingen und Danken vorschreibt; aber das Gesetz, das ins Herz geschrieben ist, lehrt uns, daß wir Gott lobpreisen sollen; und der ungeschriebene Befehl dringt so gewaltig in uns, wie wenn er auf den steinernen Tafeln eingegraben, oder von den Höhen des donnernden Sinai herab eingeschärft worden wäre. Ja, es ist des Christen Pflicht, Gott zu loben. Es ist nicht eine Unterhaltung zum Zeitvertreib, sondern es ist eine unumgängliche Lebensaufgabe. Ihr, die ihr stets voll Trauer seid, meinet nicht, ihr wäret deshalb entschuldigt, bildet euch auch nicht ein, ihr dürftet euch eurer Pflicht gegen euren Gott entschlagen und Ihm eure Loblieder vorenthalten. Ihr seid verpflichtet durch die Bande seiner Liebe, seinen Namen zu erheben, so lange ein Odem in euch wohnt, und sein Lob sollte allezeit in eurem Munde sein, denn dazu hat Er euch gesegnet, daß ihr Ihn wieder segnet; ,,dies Volk habe ich mir zugerichtet, es soll meinen Ruhm erzählen;" und wenn ihr Gott nicht preist, so bringet ihr die Frucht nicht, welche Er als der göttliche Weingärtner mit Recht von euch erwartet. So lasset denn eure Harfen nicht hängen an den Weiden zu Babel, sondern holet sie herab, und stimmet sie und suchet ihr mit dankbarem Herzen die lieblichsten Töne zu entlocken, und lasset euer lautes Loblied herrlich erschallen. Erhebet euch, und singet seinen Ruhm. Mit jedem neudämmernden Morgen erhebet eure Melodien des Danks und jedem Sonnenuntergang folge eure Dankeshymne nach. Umgürtet die Erde, mit eurem Lob; umhüllt sie mit einem Lustkreis lieblicher Weisen, so wird Gott vom Himmel euren Gesang hören und euer Lobgetöne mit Wohlgefallen annehmen. ,,Ermuntert euch und singt mit Schall Gott, unserm höchsten Gut, Der seine Wunder überall Und große Dinge tut."

 

 

,,Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft."
Ps. 66, 20.

Wenn wir aufrichtig auf die Beschaffenheit unsrer Gebete zurückblicken, so müssen wir von Staunen darüber ergriffen werden, daß Gott sie überhaupt je erhört hat. Vielleicht gibt's etliche unter uns, welche meinen, ihre Gebete seien wohl der Erhörung wert - das hat auch der Pharisäer gemeint; aber der wahre Christ, dessen Blick heller erleuchtet ist, weint und trauert über seine Gebete, und wenn er das Vergangene wieder nachholen könnte, so möchte er gern seine Gebete mit mehr Ernst und Eifer würzen. Bedenke, lieber Christ, wie kalt deine Gebete gewesen sind. In deinem Kämmerlein hättest du mit Gott ringen sollen, wie einst Jakob; aber stattdessen war dein Flehen kraftlos und saftlos, ferne von jenem demütigen, vertrauensvollen, inbrünstigen Glauben, welcher ausruft: ,,Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn." Ja, es ist wunderlich und merkwürdig; Gott hat diese deine kalten Gebete gehört, und nicht nur gehört, sondern auch erhört. Bedenke dann, wie selten deine Gebete gewesen sind, wie nachlässig du in diesem Stücke warst; ja, wenn du in Trübsal und Traurigkeit warst, dann kamst du oft vor den Gnadenthron; wenn dir aber die Erlösung aus deinen Nöten zuteil ward, wo kam denn dein anhaltendes Flehen hin? Und trotzdem du aufgehört hast, so eifrig zu beten wie sonst, hat dennoch Gott nicht aufgehört, dich mit Segen zu überschütten. Wenn du weggeblieben bist vom Gnadenstuhl, so hat Gott ihn nicht verlassen, sondern der helle Glanz seiner Gnadengegenwart ist allezeit sichtbar geblieben zwischen den Flügeln der Cherubim. O, wie wunderbar! daß der Herr solche Rücksicht nehmen mochte auf diese unregelmäßig erscheinenden Kämpfe unsrer Zudringlichkeit, welche mit unsern Bedürfnissen kamen und gingen. Was ist doch das für ein Gott, daß Er so die Gebete derer erhört, die zu Ihm kommen, wenn sie dringende Wünsche haben, und Ihn wieder vernachlässigen, wenn ihnen eine Gnade zuteil geworden ist; die zu Ihm nahen, wenn sie genötigt sind zu kommen, und die es fast vergessen, sich an Ihn zu wenden, wenn die Segen stark gehen und die Sorgen verwehen. O, daß doch seine Gnade und Güte, womit Er so armselige Gebete erhört, unsre Herzen rühren möchte, und wir hinfort erfunden würden als solche, die da ,,stets beten in allem Anliegen, mit Bitten und Flehen im Geist."

 

 

,,Gott, unser Gott."
Ps. 67, 6.

Es ist auffallend, wie wenig Gebrauch wir von den geistlichen Segnungen machen, die Gott uns verleiht; aber es ist noch auffallender, wie wenig wir Gott selber uns zu nutze machen. Ob Er gleich ,,unser Gott" ist, so wenden wir uns doch wenig an Ihn, und bitten wenig von Ihm. Wie selten begehren wir Rat aus dem Munde des Herrn! Wie oft gehen wir an unsre Berufsarbeit, ohne seinen Beistand zu suchen! Wie hartnäckig suchen wir in unsern Trübsalen unsre Last selber zu tragen, statt daß wir all unser Anliegen auf den Herrn werfen, damit Er uns versorge! Das geschieht nicht, weil wir nicht dürften; denn der Herr spricht gleichsam zu uns: ,,Ich bin dein eigen, liebe Seele, komme und brauche mich, wie du willst; du darfst mit Freudigkeit herzutreten und von meinem Reichtum nehmen; und je öfter du kommst, desto willkommener bist du." Es ist unser eigner Fehler, wenn wir mit den Schätzen Gottes nicht frei schalten und walten. Weil du denn einen solchen Freund hast, und Er dich einladet, so brauche Ihn täglich. Du darfst nimmermehr Mangel leiden, dieweil du einen Gott hast, zu dem du kommen darfst; du darfst dich weder scheuen noch fürchten, so lange du einen Gott hast, der dir hilft; gehe zu deinem Schatz, und hole, so viel du bedarfst, das ist alles, was du nur wünschen magst. Lerne die göttliche Kunst, aus deinem Gott alles zu machen. Er kann dich mit allem versorgen, oder noch besser, Er kann dir alles ersetzen. So laß dich denn nötigen, deinen Gott zu brauchen. Brauche Ihn im Gebet. Gehe oft zu Ihm, denn Er ist dein Gott. Ach, willst du ein so großes Vorrecht unbenützt lassen? Fliehe zu Ihm, klage Ihm all dein Anliegen. ,,Ach, öffne mir die Gnadentür! In Jesu Namen steh' ich hier." Brauche Ihn fort und fort jederzeit durch den Glauben. Wenn eine dunkle Schickung dich umdüstert, dann brauche Gott als deine ,,Sonne"; wenn ein mächtiger Feind dich anfällt, dann suche in Jehovah einen ,,Schild", denn Er ist Sonne und Schild seines Volkes. Wenn du in den Irrgängen des Lebens deinen Pfad verloren hast, dann brauche Ihn als ,,deinen Führer", denn Er will dich leiten. Was du auch bist, und wo du auch bist, so bedenke, daß Gott gerade das ist, was du bedarfst, und daß Er dort ist, wo du Ihn brauchst, und daß Er alles vollbringen kann, was du nötig hast.

 

 

,,Gott, Du labst die Elenden mit Deinen Gütern."
Ps. 68, 10.

Alle Gaben Gottes sind Güter, die zum voraus für die kommenden Bedürfnisse bereit liegen. Er sieht alles, was wir nötig haben; und aus der Fülle, die Er in Christo Jesu niedergelegt hat, sorgt Er nach seiner Güte und Treue für die Armen. Du darfst Ihm alle deine Anliegen anvertrauen, denn Er hat mit sicherem Blick alles zum voraus erkannt, was dir begegnen oder fehlen kann. Er kann jederzeit von unsern Verhältnissen sagen: ,,Ich wußte, daß es so und so mit dir kommen würde." Ein Mensch geht eine Tagereise weit in die Wüste, und wenn er so weit gekommen ist, und sein Zelt aufgeschlagen hat, entdeckt er, daß ihm viele Bequemlichkeiten und manches Unentbehrliche fehlt, das er nicht mit auf die Reise genommen hat. ,,Ach," spricht er, ,,daran habe ich nicht gedacht; wenn ich die Reise noch einmal zu machen hätte, würde ich das alles mitnehmen, was zu meinem Wohlbefinden so notwendig ist." Gott aber hat mit allwissendem Auge alle Bedürfnisse seiner armen verirrten Kinder zuvor erkannt, und wie sich der Mangel zeigt, ist auch schon genügend dafür gesorgt. Seine Güter hat Er für die geistlich Armen zubereitet, Er erzeigt ihnen Güte um Güte. ,,Laß dir an meiner Gnade genügen." ,,Dein Alter sei wie deine Jugend." Lieber Freund, hast du heute abend Schweres auf dem Herzen? Gott wußte zum voraus, daß es kommen würde; der Trost, den unser Herz bedarf, ist in der lieblichen Versicherung unsrer Schriftstelle reichlich vorhanden. Du bist arm und bedürftig, aber Er hat deiner gedacht und hat genau den Segen für dich bereit, des du bedarfst. Berufe dich auf die Verheißung, glaube daran, und empfange ihre Erfüllung. Fühlst du, daß du noch nie so strafbar gesündigt hast, wie jetzt? Siehe, der bluterfüllte Born ist noch immer offen, in aller Kraft, die je Ihm eigen war, Sünden abzuwaschen. Du wirst nie in eine solche Lage kommen, wo dir Christus nicht mehr helfen könnte. Nie wird dir in deinen geistlichen Angelegenheiten ein Schmerz oder ein Unfall begegnen, den der Herr Jesus nicht mächtig genug wäre zu beseitigen; denn in Jesu ist dein ganzes Leben zum voraus vorgesehen, und für alles gesorgt, was dich betrifft. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn Herrn, der vom Tode errettet.

 

 

,,Dein Reich wollest Du, Gott, in uns stärken, denn es ist Dein Werk."
Ps. 68, 28.

Es ist sowohl unsre Weisheit als unser Bedürfnis, Gott beständig darum zu bitten, daß Er sein Werk in uns wolle stärken. Viele Christen haben sich gerade deshalb Vorwürfe zu machen, daß sie um ihrer Vernachlässigung dieser Bitte willen alle jene geistlichen Anfechtungen und Trübsale, die aus dem Unglauben entspringen, selbst verschuldet haben. Freilich sucht der Erzfeind den schönen Garten des Herzens zu überschwemmen und in einen Schauplatz der Verwüstung zu verwandeln; aber es ist ebenso wahr, daß manche Christen die Schleusen selber offen stehen lassen, und der verderblichen Überschwemmung den Weg bereiten durch Nachlässigkeit und Mangel an Gebet zu ihrem gnadenreichen Helfer. Wir vergessen öfter, daß der Urheber unsres Glaubens diesen auch bewahren und erhalten muß. Die Lampe, die im Tempel brannte, durfte nie verlöschen, sondern mußte täglich mit frischem Öl versehen werden; und gleicherweise kann unser Glaube nur leben, wenn er mit dem Öl der Gnade genährt wird; und das können wir nur von Gott empfangen. Wir zeigen uns als törichte Jungfrauen, wenn wir nicht für den notwendigen Unterhalt unsrer Lampen sorgen. Der die Welt erschaffen hat, erhält sie auch, sonst würde sie mit furchtbarem Krachen zergehen. Der uns zu Christen gemacht hat, muß uns durch seinen Heiligen Geist in unsrem Christenwandel erhalten, sonst bricht unser Verderben schnell und schrecklich herein. Dann wollen wir Tag um Tag und einen Abend um den andern zum Herrn gehen, und Gnade und Stärkung bei Ihm suchen, die wir bedürfen. Wir haben einen guten Grund zu unsrem Gebet, denn es ist sein eignes Gnadenwerk, das wir Ihn bitten in uns zu stärken: ,,Dein Reich in uns, denn es ist Dein Werk." meinst du, Er werde es anstehen lassen, dasselbe zu schützen und zu erhalten? Nur laß deinen Glauben sich an seine Macht anklammern, so werden alle Mächte der Finsternis, die der höllische Fürst anführt, nicht imstande sein, auch nur eine Wolke oder einen Schatten über deinen Frieden und deine Freude zu führen. Warum wollt ihr zagen, wo ihr stark sein könnt? warum unterliegen, wo ihr könnt siegen? Ach, laßt Ihn doch euren zagenden Glauben beleben und stärken!

 

 

,,Alle Lande müssen seiner Ehre voll werden. Amen, Amen."
Ps. 72, 19.

Das ist eine große Bitte. Wer für eine ganze Stadt bittet, muß die Seile seines Glaubens schon weit spannen, und doch gibt es Zeiten, wo auch die Fürbitte für einen einzigen Menschen fast über unser Vermögen geht. Aber wie weit reicht des Psalmisten Fürbitte am Ende seines Lebens! Wie umfassend, wie erhaben ist sie! ,,Alle Lande müssen seiner Ehre voll werden!" Da ist auch das ungebildetste, roheste Volk nicht ausgeschlossen. Das Gebet erstreckt seine Arme über den Menschenfresser wie über den Weisesten, über alle Himmelsstriche und über alle Geschlechter der Menschenkinder: der ganze Erdkreis wird davon umspannt, und kein Sohn Adams bleibt dabei vergessen. Wir müssen uns aufmachen und für unsern Meister arbeiten, sonst können wir nicht aufrichtig solch ein Gebet darbringen. Die Bitte kommt nicht aus einem aufrichtigen Herzen, wenn wir nicht angelegentlich danach trachten, mit Gottes Hilfe an der Ausbreitung des Reiches unsers Herrn mitzuwirken. Sind nicht viele, die beides versäumen, Gebet und Arbeit? Siehe, der Herr des Lebens ist ans Kreuz genagelt, eine Dornenkrone verwundet seine Stirn, aus Haupt und Händen und Füßen fließen blutige Ströme nieder. Wie! kannst du dies Wunder über alle Wunder betrachten, den Tod des Sohnes Gottes mit ansehen, ohne in deiner Brust von einer gewaltigen Macht der Anbetung ergriffen zu werden, die keine Zunge auszusprechen vermag? Und wenn du fühlst, wie das Blut auch dein Gewissen besprengt, und wenn du weißt, daß Er deine Sünden ausgetilgt hat, so bist du kein Mensch, wenn du nicht sogleich dich von deinen Knieen erhebst und ausrufst: ,,Alle Lande müssen seiner Ehre voll werden. Amen, Amen." Kannst du dich in liebender Huldigung vor dem Gekreuzigten neigen und nicht zugleich auch wünschen, daß dein König auch Herr sei über alle Reiche der Erde? Wehe dir, wenn du zu sagen wagst, du liebest deinen Herrn, und begehrst nicht einmal Ihn als den alleinigen Gebieter der sichtbaren wie der unsichtbaren Welt zu erblicken. Deine Frömmigkeit hat keinen Wert, wenn sie nicht den Wunsch in dir erweckt, daß dieselbe Gnade, die dir zuteil geworden ist, auch der ganzen Welt zu gute kommen möge. Herr, es ist Erntezeit, sammle Deinen Weizen!

 

 

,,Ich muß ein Narr sein, und nichts wissen, und muß wie ein Tier sein vor Dir."
Ps. 73, 22.

Bedenke, daß dies das Bekenntnis eines Mannes nach dem Herzen Gottes ist; und wenn er uns hier sein inneres Leben schildert, so spricht er: ,,Ich muß ein Narr sein, und nichts wissen." Das Wort: ,,ein Narr" bedeutet etwas mehr, als was der gewöhnliche Gebrauch des Ausdrucks in sich faßt. Assaph schreibt in einem frühern Vers desselben Psalms: ,,Es verdroß mich auf die Ruhmrätigen, da ich sahe, daß es den Gottlosen so wohl ging," woraus hervorgeht, daß die eitle Torheit, auf welche Assaph an beiden Stellen anspielt, etwas Sündliches war. Er bekennt demütig, daß er ,,ein Narr" sei, und fügt ein Wörtlein bei, das die Sache noch verstärkt: ,,Ich muß ein Narr sein." Wie sehr närrisch, konnte er nicht sagen; es war eine sündliche Torheit, eine Narrheit, die in der Schwäche keine Entschuldigung finden konnte, sondern verdammlich war um ihrer Hartnäckigkeit und absichtlichen Stumpfheit willen; denn es hatte ihn verdrossen, auf das zeitliche Glück der Gottlosen zu sehen, und er hatte vergessen, welch ein schreckliches Ende ihrer harret. Und sind wir besser denn Assaph, daß wir uns weise nennen dürften? Bekennen wir etwa, daß wir der Vollkommenheit nachtrachteten, oder daß wir so gezüchtigt wurden, bis die Rute all unsren Eigenwillen ausgetrieben hatte? O, das wäre törichter Stolz! Wenn Assaph ein Narr war, wieviel närrischer müßten wir uns selber achten, wenn wir nur sehen könnten, wie's mit uns steht! Schaue rückwärts, Christ; denke daran, wie du an Gott zweifeltest, während Er so treu an dir war; denke an deinen törichten Schrei: ,,Nicht also, mein Vater," als Er dich betrübte, um dich umso reichlicher segnen zu können; gedenke der vielen Zeiten, wo du seine Schickungen mit trüben Blicken betrachtetest, wo du seine wunderbaren Führungen verkanntest, und in den Schmerzensruf ausbrachst: ,,Alles ist gegen mich," da doch alles zu deinem Besten dienen mußte! Bedenke, wie oft du die Sünde erwählt hast um ihrer vergänglichen Lust willen, da doch diese Lust dir zu einer bittern Wurzel geworden ist! Wahrlich, wenn wir unser Herz kennten, so müßten wir uns einer sündlichen Narrheit und Torheit schuldig bekennen; und wir müßten im Bewußtsein dieser Narrheit zu dem seligen Schluß kommen, wie Assaph, daß Gott allein weise ist, und ausrufen: ,,Du leitest mich nach Deinem Rat."

 

 

,,Dennoch bleibe ich stets an Dir."
Ps. 73, 23.

Dennoch. - Wie wenn es trotz aller Torheit und Unwissenheit, die Assaph gerade zuvor seinem Gott bekannt hatte, nicht um ein Stäublein weniger wahr und gewiß wäre, daß er errettet und selig und angenehm gemacht sei in dem Geliebten, und daß das selige Vorrecht, in der beständigen Gnadengegenwart Gottes verweilen zu dürfen, ihm unzweifelhaft zu eigen geschenkt sei. Obgleich seines verderbten Zustandes, wie der Tücke und Bosheit seiner alten Natur sich vollkommen bewußt, singt er gleichwohl in siegesfreudigem Ausbrechen seiner Glaubenszuversicht: ,,Dennoch bleibe ich stets an Dir." Liebe Seele, mußt du in Assaphs Bekenntnis und Geständnis mit einstimmen, so trachte danach, daß du auch mit ihm ausrufen kannst: ,,Dennoch, dieweil ich Christo angehöre, bleibe ich stets an Gott!" Damit ist gemeint: ich bleibe Ihm stets im Sinne; Er denkt allezeit an mich, um mein Bestes zu fördern. Stets vor seinen Augen; des Herrn Auge schläft noch schlummert nicht, sondern wacht immerdar über mir, daß es mir wohl ergehe. Stets in seiner Hand, so daß mich niemand Ihm aus seiner Hand zu reißen vermag. Stets an seinem Herzen; Er trägt mich auf seiner Brust zum Gedächtnis, gleichwie der Hohepriester die Namen der zwölf Geschlechter Israels auf seinem Brustschildlein trug, ihrer jederzeit eingedenk zu sein. Du gedenkest meiner stets, o Gott. Dein lieberfülltes Herz schlägt mir beständig entgegen. Du wirkest allezeit nach Deiner weisen Vorsehung, was mir zum Besten dienen muß. Du hast mich wie ein Siegel auf Dein Herz gesetzt und wie ein Siegel auf Deinen Arm; Deine Liebe ist stark wie der Tod, daß auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ersäufen. Erstaunliche Gnade! Du siehest mich in Christo, und obgleich ich in meinen eignen Augen häßlich bin, so hast Du doch Wohlgefallen an mir, weil ich gekleidet bin in Christi Gerechtigkeit und abgewaschen in seinem Blut und angenehm gemacht vor Dir in dem Geliebten. So stehe ich stets in Deiner Gunst, ,,ich bleibe stets an Dir." Hier ist Trost und Erquickung für die geängstete Seele; wenn dich der Sturm inwendig erschüttert, so schaue auf die Ruhe, die dich umgibt. ,,Dennoch," o, sprich's in deinem Herzen aus und eigne dir den Frieden an, den dies Wort dir in allen Lagen des Lebens, in Traurigkeit und Zweifeln gewährt: ,,Dennoch bleibe ich stets an Dir."

 

 

,,Du leitest mich nach Deinem Rat, und nimmst mich endlich mit Ehren an."
Ps. 73, 24.

Der Psalmist fühlte, wie sehr er der göttlichen Leitung bedürftig sei. Er hatte unlängst die Torheit seines Herzens erkannt, und damit er durch dieselbe nicht beständig aufs neue möchte irre geleitet werden, faßte er den Entschluß, daß ihn von nun an Gottes Rat sollte leiten und regieren. Die Erkenntnis unsres Mangels an Einsicht ist ein großer Schritt vorwärts zum Weisewerden, wenn sie uns dazu veranlaßt, daß wir uns ganz auf die Weisheit des Herrn verlassen. Denn wir wissen bestimmt, daß auch wo wir's nicht einzusehen imstande sind, es dennoch allezeit das Beste und Sicherste für uns ist, auf den allsehenden Gott zu vertrauen. ,,Du leitest mich." Das ist ein köstlicher Ausdruck des unbedingtesten Vertrauens. David war dessen gewiß, daß der Herr sein herablassend liebevolles Werk nicht aufgeben würde. Das ist ein Wort für dich, du gläubige Seele; verlasse du dich darauf. Sei versichert, daß dein Gott will dein Ratgeber und Freund sein; Er will dich leiten; Er will alle deine Wege bereiten. In seinem geschriebenen Wort ist dir diese Zusicherung zum Teil schon in Erfüllung gegangen, denn die Heilige Schrift ist sein Rat für dich. Selig sind wir, wenn wir Gottes Wort stets lassen unsre Richtschnur und Leitung sein! Was wäre der Seemann ohne seinen Kompaß? Und was wäre der Christ ohne seine Bibel? Sie ist die untrügliche Karte, die Seekarte, auf welcher jede Untiefe verzeichnet steht, wo alle Fahrstraßen von den Sandbänken des Verderbens bis zum himmlischen Hafen des Heils angegeben und eingetragen sind von einem, der vertraut ist mit dem ganzen Seeweg. Hochgelobt seist Du, o Gott, daß wir Dir vertrauen dürfen, und daß Du uns jetzt leitest und leiten willst bis ans Ende! Nach dieser Führung durch das Leben betrachtet der Psalmist mit voraussehendem Blick die endliche göttliche Annahme: ,,und nimmst mich endlich mit Ehren an." Welch ein Gedanke, liebe gläubige Seele! Gott selber will dich mit Ehren annehmen - ja, dich! Du irrst ab, und streifst auf Abwegen hin und her und strauchelst, und dennoch will Er dich endlich wohlbehalten einbringen zur Herrlichkeit! Siehe, das ist dein Erbteil; erquicke dich heute daran, und sollten dich auch Schwierigkeiten rings umgeben, so gehe in der Kraft dieses Wortes geradeswegs hin zum Thron der Herrlichkeit.

 

 

,,Und die Nacht ist Dein."
Ps. 74, 16.

Ja, Herr, Du entsagst Deiner Herrschaft nicht, wenn die Sonne untergeht, noch verlässest Du die Welt in diesen langen Winternächten, um sie dem Bösen zur Beute zu überlassen. Deine Augen wachen über uns wie die Sterne, und Deine Arme umschlingen uns wie der Sternengürtel des Tierkreises den Himmel. Der Tau des jungen Morgens und alle Einflüsse des Mondes sind in Deiner Hand, und die Schrecknisse und Unheimlichkeiten der Nacht stehen gleichfalls bei Dir. Das ist mir köstlich, solches zu wissen, wenn ich die Mitternacht durchwache oder von Bangigkeiten hin- und hergeworfen werde auf meinem Lager. Der Mond reift ebenso köstliche Früchte wie die Sonne: möge mich der Herr nach seiner Gnade beider lassen teilhaftig werden. Die Nacht der Trübsal steht ganz unter der Obhut und Regierung des Herrn der Liebe, wie die hellen Sommertage mit ihrer Segensfülle. Jesus ist im Sturme. Seine Liebe hüllt sich in die Nacht wie in einen Mantel, aber dem Glaubensauge ist das dunkle Kleid kaum eine Verhüllung. Von der ersten Nachtwache bis zum Tagesanbruch behütet der Hüter Israels seine Heiligen und waltet und wacht ob den Schatten und Nebeln der Mitternacht über das Heil seiner Kinder. Wir glauben an keine geheimnisvollen höhern Mächte, die, sei es im Guten, sei es im Bösen, mit unserm Gott um die Herrschaft streiten, sondern wir vernehmen die Stimme Jehovahs, die da spricht: ,,Der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis: Ich bin der Herr, der solches alles tut." Düstere Zeiten geistlicher Gleichgültigkeit und öffentlichen Sittenverfalls stehen gleichfalls unter dem Auge göttlicher Vorsehung. Wenn die Altäre der Wahrheit entweiht werden, und man die Wege Gottes verläßt, trauern die Knechte des Herrn tief bekümmert; aber sie dürfen nicht verzweifeln, denn die dunkelsten Zeiten beherrscht der Herr, und wenn Er's befiehlt, nehmen sie ein Ende. Was uns eine Niederlage scheint, ist in seinen Augen stets ein Sieg. ,,Vater, Dein Name werd' von uns gepriesen; Dein Reich zukomme, Dein Will' werd' bewiesen; Frist unser Leben, Woll'st die Sünd' vergeben; Erlös' uns! Amen."

 

 

,,Sommer und Winter machst Du."
Ps. 74, 17.

Meine Seele, beginne den Christmonat mit deinem Gott. Die kalten Schneeflocken und die schneidenden Winde bringen es dir in Erinnerung, daß Er seinen Bund hält Tag und Nacht, und sie gewähren dir die Versicherung, daß Er auch den herrlichen Bund wird halten, den Er mit dir gemacht hat in Jesu Christo, deinem Heiland. Er, der treu an seinem Worte hält mitten unter allem Wechsel der Zeiten und Tage dieser armen, sündenbefleckten Welt, wird sich nicht untreu erfinden lassen in seinem Walten, um seines teuer geliebten Sohnes willen. ,,Du, Gott der Huld in Ewigkeit, Der Du verwandelst Jahr und Zeit, Füll' uns mit Licht und Gnade!" Winter in der Seele ist in keinem Falle eine angenehme Jahreszeit, und wenn er gerade jetzt bei dir eingekehrt ist, so muß er dir recht empfindlich sein: aber doch ist ein Trost dabei, nämlich, der Herr ist's, der den Winter herbeiruft. Er sendet die schneidenden Stürme der Leiden, um die Knospen unsrer Ungeduld zurückzuhalten; ,,Er streuet Reif, wie Asche" über die einst so grünen Fluren unsrer Freude; ,,Er wirft seine Schlossen, wie Bissen," daß die Wellen der Wonne im Strom unsres Lebens festfrieren. Das tut Er alles; Er ist der große Winter-König und herrschet in dem Reich der Kälte, und darum darfst du nicht murren. Verluste, Trübsale, Schwermut, Krankheit, Mangel und tausend andre Übel werden vom Herrn gesandt, und kommen um weiser Absichten willen über uns. Fröste töten schädliche Insekten, und wehren der Ausbreitung verheerender Seuchen; sie brechen die Schollen auf und lockern den Boden. Ach, daß doch jeder Trübsals-Winter auch solche gesegnete Folgen für uns hätte. O, wie schätzen wir doch jetzt die Wohltat des Feuers erst recht! Wie wohltuend ist sein gesprächiges Prasseln, seine lebenerweckende Glut! Wir wollen unsern Herrn auch also schätzen, der die beständige Quelle des Trostes und der Wärme in unsern Herzen ist zu jeder Zeit der Not. Wir wollen zu Ihm gehen und bei Ihm Freude und Friede für uns suchen im Glauben. Wir wollen uns in die warmen Kleider seiner Verheißungen hüllen und an die Arbeit gehen, die diese kalte Zeit uns auferlegt, denn es stünde schlimm mit uns, wollten wir uns des Pflügens weigern, wie der Faule, der die Kälte scheut; er wird müssen betteln gehen im Sommer, und darben.

 

 

,,Daselbst zerbricht Er die Pfeile des Bogens, Schild, Schwert und Streit."
Ps. 76, 3.

Unsers Erlösers Siegesruf: ,,Es ist vollbracht!" war der Todesstreich aller Feinde seines Volkes, das Zerbrechen der ,,Pfeile des Bogens, Schild, Schwert und Streit." Siehe, der Held von Golgatha braucht kein Kreuz als Amboß und seine Schmerzen als Hammer, womit Er die Bündel der vergifteten ,,Pfeile des Bogens," die Menge unsrer Sünden, nacheinander zu Staub zermalmt; Er zertritt jede Anschuldigung und vernichtet jede Anklage. Was führt der gewaltige Zerbrecher für mächtige Streiche mit seinem Hammer, der weit schwerer wiegt, als die sagenhafte Waffe des altdeutschen Donnergottes Tor! Wie zersplittern die teuflischen Pfeile, wie zerbrechen die höllischen Schilde gleich eines Töpfers Gefäße! Siehe, aus der Scheide von höllischer Arbeit zieht Er das furchtbare Schwert satanischer Macht! Er zerbricht es auf seinem Knie, wie ein Mensch die dürren Reiser eines Reisigbündels zerbricht, und wirft es in das Feuer. Liebe Seele, keine Sünde eines Gläubigen kann nunmehr noch ein Pfeil sein, der ihn tödlich verwunden darf, keine Verdammnis kann noch ein Schwert sein, das ihn töten darf, denn die Strafe unsrer Sünden hat Christus getragen; Er hat eine völlige Versöhnung zustande gebracht für alle unsre Missetaten, als unser hochgelobter Bürge und Stellvertreter. Wer will anklagen? Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Jesus hat die Zeughäuser der Hölle leer gemacht, Er hat alle feurigen Pfeile ausgelöscht, Er hat allen Zorneswaffen die Spitze abgebrochen; der Boden ist besäet mit den Splittern und Bruchstücken der Waffen des höllischen Heeres; sie werden uns nur noch gezeigt, um uns an die früheren Gefahren und an unsre große Erlösung zu erinnern. Die Sünde hat kein Recht mehr über uns; Jesus hat ihrer Herrschaft ein Ende gemacht und sie auf ewig vernichtet. Du arger Feind, dein Zerstören hat nun ein Ende. Rühmet alle wunderbaren Taten des Herrn, ihr, die ihr seinen Namen nennt; schweigt nicht, weder wenn die Sonne aufgeht, noch wenn sie untergeht. ,,Gelobt und haltet dem Herrn, eurem Gott, alle, die ihr um Ihn her seid." Lobe den Herrn, meine Seele.

 

 

,,Die durch das Jammertal gehen, machen daselbst Brunnen. Und die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt."
Ps. 84, 6.

Hier wird uns gezeigt, daß der Trost, der dem einen zuteil ward, sich auch gar oft einem andern wirksam erweist; gerade wie Brunnen auch von den Reisenden benutzt werden, die hernach vorüberziehen. Wir lesen etwa ein Buch, das uns reichen Trost gewährt und dem Stabe Jonathans gleicht, der vom Honig troff. Ach! da denken wir unser Bruder sei schon vor uns in derselben Lage gewesen wie wir, und er habe diesen Brunnen ebensowohl für uns gegraben, wie für sich selber. Manche herrliche ,,Abendklänge," ,,Reisepsalter," ,,Kreuz- und Trostlieder," ,,Siech- und Siegesbette," ,,Trost im Leiden," sind solche Brunnen gewesen, die irgend ein Pilger für sich selbst gegraben hat, und die sich für andre als ebenso erquickend bewährt haben. Das bemerken wir besonders in den Psalmen, wie z.B.: ,,Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?" Reisende haben sich oft mit Entzücken gefreut über die Spuren der Fußtritte eines Menschen auf einem öden Strande, und wir sehen so gern die Pfadspuren der Pilger, wenn wir durch dies Tränental wandern. Die Pilger graben den Brunnen; aber sonderbar, er füllt sich von oben, statt von unten. Wir brauchen die Mittel, aber der Segen stammt von oben, und nicht von den Mitteln. Wir graben einen Brunnen, aber der Himmel füllt ihn mit seinem Segen. Das Pferd ist bereit auf den Kampftag, aber der Sieg kommt vom Herrn. Die Mittel stehen im Zusammenhang mit dem Zweck, aber sie bringen denselben nicht zur Vollendung. Siehe, so füllt der Regen die Teiche, und die Brunnen erfüllen dadurch ihre Bestimmung, daß sie Behältnisse für das Wasser sind; die Arbeit ist nicht umsonst, aber sie macht die göttliche Hilfe nicht überflüssig. ,,Die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt." Die Gnade kann dem Regen verglichen werden um ihrer Reinheit, um ihrer erfrischenden und belebenden Wirkung willen, weil sie von oben stammt, und weil sie nach göttlichem Wohlgefallen geschenkt oder entzogen wird. Regenströme mögen euch, liebe Seelen, erquicken, und mögen eure Brunnen sich mit frischem Wasser füllen! Ach, was sind doch Heilsmittel und Heilsvorschriften ohne den Beifall des Himmels! sie sind Wolken ohne Regen und Brunnen ohne Wasser. O, Du Gott der Liebe, öffne die Fenster des Himmels und gieße über uns aus Deinen Segen!

 

 

,,Sie erhalten einen Sieg nach dem andern."
Ps. 84, 7.

Sie erhalten einen Sieg nach dem andern. Diese Stelle wird verschieden übersetzt, aber alle diese Übersetzungen geben übereinstimmend den Sinn eines Fortschrittes. Unsre gebräuchliche Bibelübersetzung gibt uns für die heutige Betrachtung Stoff genug zum Nachdenken. ,,Sie erhalten einen Sieg nach dem andern." Das heißt, sie werden immer männlicher, immer mächtiger, immer mutiger. Im Kampfe, auf dem Marsche folgt gewöhnlich nach Sieg und Kraft Ermattung und Ermüdung; wir erheben uns munter und frisch am Morgen, aber der Tag wird heiß, die Sonne brennt, wir wischen den Schweiß von der Stirn und sehnen uns nach erquickender Rast, und dann geht's fort zu neuer Anstrengung. Aber der christliche Streiter, der stets neue Gnadenstärkung empfängt, ist nach jahrelanger Mühe und unausgesetztem Kampfe so frisch und kräftig, wie im Anfang. Er ist vielleicht nicht mehr so feurig und flink, nicht mehr so hastig und hitzig in seinem Eifer, wie ehemals, aber dafür ist er gewiegter in allem, was wirkliche Kraft heißt, und schreitet, wenn auch bedächtiger, doch umso sicherer voran. Manche silberlockige, erfahrene Kriegsleute haben sich so tapfer und treu um das Panier der Wahrheit geschart, haben es so siegreich in den Kampf getragen, wie in ihren jugendlichen Tagen; aber leider muß zugegeben werden, daß dies nicht immer der Fall ist; denn in vielen erkaltet die Liebe, und die Ungerechtigkeit nimmt überhand; aber daran ist ihre eigne Sünde Schuld und nicht die Verheißung, die noch immer feststeht in guten Treuen: ,,Die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen. Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln, wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden." Furchtsame Seelen sinken nieder und kümmern sich um die Zukunft. ,,Ach!" rufen sie, ,,wir erhalten eine Trübsal nach der andern." Freilich, du Kleingläubiger, aber eben damit erhältst du auch einen Sieg nach dem andern. Du findest nie ein Bündel Trübsal, in welches nicht auch genügende Gnade mit eingebunden wäre. Gott schenkt uns mit der Bürde, die Er erwachsenen Schultern auferlegt, auch die Stärke der reifen Manneskraft. Denn Er ist der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand stärket, und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir!

 

 

,,Der Herr gibt Gnade und Ehre."
Ps. 84, 11.

Gütig und gnädig ist der Herr in allem seinem Wesen, Geben ist seine Lust. Seine Geschenke sind über alle Begriffe köstlich und werden uns so frei gewährt, wie das Licht der Sonne. Er gibt Gnade seinen Auserwählten, weil Er's also will, seinen Erlöseten um seines Bundes willen, den Berufenen um seiner Verheißung willen, den Gläubigen, weil sie darum bitten, den Sündern, weil sie ihrer bedürfen. Er gibt seine Gnade reichlich, rechtzeitig, beständig, bereitwillig, nach seiner unumschränkten Macht; Er erhöhet den Wert seiner Geschenke ums doppelte durch die Art, wie Er sie darreicht. Er gewährt jegliche Gnadenerweisung den Seinen frei und umsonst: Trost, Bewahrung, Heiligung, Leitung, Unterweisung, Hilfe; dies alles gießt Er großmütig und ununterbrochen aus in unsre Seelen, und mag auch kommen, was da wolle, so fährt er allezeit fort, also zu tun. Krankheit mag uns beschleichen, aber der Herr schenkt uns Gnade; Armut kann uns überfallen, aber gewißlich wird uns Gnade zuteil; der Tod muß über uns kommen, aber in der dunkelsten Stunde zündet die Gnade ihren Leuchter an. Lieber Freund, wie köstlich ist's, wenn die Jahre vorüberziehen, und das Laub fällt, daß wir eine so unverwelkliche Verheißung besitzen, wie die: ,,Der Herr gibt Gnade." ,,Er ist es wert, daß man Ihn ehrt; Die Liebe, die mit Gnade krönt, Hat ewig uns mit Gott versöhnt." Das Wörtchen und in unsrer Stelle ist ein diamantener Nagel, der die Gegenwart mit der Zukunft unauslöslich zusammennietet: Gnade und Ehre sind stets beisammen. Gott hat sie verbunden, und niemand kann sie trennen. Der Herr versagt einer Seele, der Er freies Leben in seiner Gnade geschenkt hat, die Herrlichkeit niemals; die Herrlichkeit ist nur Gnade im Feierkleid, Gnade in vollster Blüte, Gnade in reifster und vollendetster Frucht. Wie bald wir solcher Ehre teilhaftig werden, weiß niemand. Vielleicht erblicken wir die heilige Stadt noch vor Ende dieses Monats; aber sei die Frist auch länger oder kürzer, so werden wir dennoch in einer Kürze verherrlicht. Ehre, himmlische Herrlichkeit, ewige Ehre, Ehre Jesu, Ehre des Vaters: das will der Herr seinen Auserwählten allen schenken. O, seltene Verheißung eines treuen Gottes!

 

 

,,Ich habe erhöhet einen Auserwählten aus dem Volk."
Ps. 89, 19.

Warum mußte Christus ein Auserwählter aus dem Volke sein? Rede, mein Herz; denn Herzens-Gedanken sind die besten Gedanken. Geschah's nicht darum, damit Er unser Bruder sein könnte durch selige Bande des Blutes? O, welch eine Verwandtschaft ist das zwischen Christo und den Gläubigen! Wer glaubt, kann sagen: ,,Ich habe einen Bruder im Himmel; ich bin wohl arm, aber mein Bruder ist reich und ist ein König; wird Er zugeben, daß ich Mangel leide, während Er auf dem Throne sitzt? O nein! Er hat mich lieb; Er ist mein Bruder." Gläubige Seele, trage diesen köstlichen Gedanken wie einen Halsschmuck von Brillanten um den Nacken deines Gedächtnisses; stecke ihn wie einen goldenen Ring an den Finger deiner Erinnerung, und brauche ihn als das königliche Siegel, mit dem du die Bittschreiben zusiegelst, damit die Erhörung sicher sei. Er ist ,,ein Bruder, in der Not erfunden," nimm Ihn als solchen. ,,Wer Jesum bei sich hat, kann sicher stehen, Und wird im Leidensmeer nicht untergehen. Wen dieser Bruder schützt, den trifft kein Schaden, Er wandelt überall auf ebnen Pfaden." Christus mußte auch ein Auserwählter aus dem Volke sein, damit Er unsre Schwachheit kennen lerne und Mitleid mit uns haben könne. ,,Er ist versucht allenthalben gleich wie wir, doch ohne Sünde." All unsre Nöte fühlt Er mit uns. Versuchung, Schmerz, Widerwärtigkeit, Schwachheit, Ermattung, Armut, das alles kennt Er, denn Er hat es alles empfunden. Das bedenke, lieber Christ, und laß dir's zum Troste dienen. Wie rauh und mühsam auch dein Pfad sei, so ist er geheiligt durch die Fußstapfen deines Heilandes; und ob du gleich wandelst im Tal der Todesschatten und an den Fluten des stolzen Jordan, so findest du auch da wieder die Spur seiner Tritte. Überall, wohin wir gehen, ist Er uns voran gegangen; jede Last, die wir tragen müssen, ist einst unserm Immanuel auferlegt gewesen. ,,Sein Pfad war noch rauher, und schwerer sein Joch; Hat Er so gelitten, was wehr' ich mich noch?" Fasse Mut, eines Königs Füße haben den Weg mit Blut gezeichnet, und den Dornenpfad in ewige Zeiten geheiligt.

 

 

,,Er errettet mich vom Strick des Jägers."
Ps. 91, 3.

Gott errettet die Seinen in einem doppelten Sinn vom Strick des Jägers. Vom Strick und aus demselben. Er errettet sie vom Strick, Er läßt sie nicht hineingeraten; und wiederum: wenn sie darin gefangen sind, erlöst Er sie daraus. Dem einen ist die erste Verheißung köstlicher; für die andern ist die zweite von größerem Wert. ,,Er errettet mich vom Strick des Jägers." Wie das? Trübsal ist oft das Mittel, wodurch uns Gott errettet. Gott weiß, daß unser Abfall uns schnell ins Verderben stürzt, und darum schickt Er gnädig seine Zuchtrute. Wir fragen: ,,Herr, warum tust Du das?" und wissen nicht, daß unsre Trübsal dazu dienen mußte, uns vor größerem Übel zu bewahren. Viele sind so vom Verderben erlöst worden durch Kummer und Kreuz; das verscheuchte die Vögel vom Netz. Ein andermal bewahrt Gott die Seinen vor dem Strick des Jägers, indem Er ihnen geistliche Stärkung gewährt, so daß sie, wenn sie zum Bösen versucht werden, sagen können: ,,Wie sollte ich ein solch großes Übel tun, und wider Gott sündigen?" Aber wie ist's doch etwas so Seliges, daß, wenn der Gläubige in einer bösen Stunde ins Netz fällt, Gott ihn dennoch daraus erlösen will! O Abtrünniger, erschrick, aber verzage nicht. Bist du gleich irre gegangen, so höre dennoch, was dein Erlöser spricht: ,,Kehret wieder, ihr abtrünnigen Kinder, denn ich bin barmherzig." Aber du sprichst, du könnest nicht umkehren, denn du seiest gefangen im Netz. Dann höre diese Verheißung: ,,Er errettet dich aus dem Strick des Jägers." Du wirst dennoch errettet werden aus allem Übel, in das du geraten bist, und ob du gleich nicht aufhören sollst, Buße zu tun über deine Abwege, so will doch, Der dich geliebet hat, dich nicht verlassen noch versäumen. Er nimmt dich mit Ehren an und gibt dir Freude und Wonne, daß auch die Gebeine, die Er zerbrochen hat, sich freuen müssen. Kein Vogel des Paradieses wird umkommen im Strick des Jägers. ,,Jesu, hilf siegen, Du Fürste des Lebens! Sieh' wie ich schweb' in Gefahren und Not! Schwach ist mein Wollen, mein Ringen vergebens, Furchtbar die Macht, die mich täglich bedroht. Stehst Du mir, Jesu, nicht schützend zur Seite, Wie kann ich kämpfen und siegen im Streite?

 

 

,,Daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht."
Ps. 91, 5.

Was ist das für ein Grauen? Vielleicht der Feuerruf, oder das Geräusch von Dieben, oder eingebildete Erscheinungen, oder der Schrecken plötzlicher Krankheit oder schnellen Todes? Wir leben in einer Welt voller Angst und Tod, und wir dürfen uns daher in den Nachtwachen so gut auf schlimme Überraschungen gefaßt machen, als unter dem Glanz der glühenden Sonne. Aber das alles sollte uns nicht anfechten, denn trotz allem drohenden Grauen haben wir die Verheißung, daß nichts zu fürchten braucht, wer an den Herrn glaubt. Und warum sollte er auch? Oder, fassen wir es persönlicher, warum sollten wir's? Gott, unser Vater, ist bei uns, und bleibt bei uns durch alle einsamen Stunden; Er ist ein allmächtiger Hüter, ein schlummerloser Wächter, ein treuer Freund. Nichts kann uns begegnen ohne seine Zulassung, denn selbst die Hölle muß seine Herrschaft anerkennen. Finsternis ist nicht finster bei Ihm. Er hat verheißen, daß Er um sein Volk will eine feurige Mauer sein, und wer kann durch eine solche Schutzwehr brechen? Weltkinder mögen sich wohl fürchten, denn über ihnen waltet ein eifriger Gott, in ihnen schläft ein unruhiges Gewissen, und unter ihnen droht eine gähnende Hölle; wir aber, die wir in Jesu ruhen, werden von alledem errettet durch seine reiche Gnade. Wenn wir einer törichten Furcht die Zügel schießen lassen, so schänden wir unser Bekenntnis und sind schuld, daß andre an der Wahrheit des gottseligen Lebens zweifeln. Wir sollten uns fürchten zu erschrecken, damit wir nicht den Heiligen Geist durch törichten Unglauben erzürnen. Darum hinweg mit allen törichten Ahnungen und grundlosen Befürchtungen; Gott hat noch nicht vergessen, uns gnädig zu sein, noch uns von seinen lieblichen Gnadenverheißungen ausgeschlossen. Es mag wohl Nacht werden in unsrer Seele, aber wir brauchen uns nicht grauen zu lassen, denn der Gott der Liebe ist unwandelbar. Kinder des Lichts können wohl in Dunkelheit eingetaucht werden, aber sie sind deshalb nicht verworfen, nein, sie können vielmehr ihre Erwählung bekräftigen durch ihre Zuversicht auf ihren himmlischen Vater; die Heuchler aber haben keinen Frieden. ,,Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln."

 

 

,,Der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht."
Ps. 91, 9.

Die Israeliten waren in der Wüste einem beständigen Wechsel ausgesetzt. Wenn die Feuersäule stillstand, wurden die Zelte aufgeschlagen; aber des andern Tages, noch ehe die Sonne aufgegangen war, ertönte die Posaune, die Bundeslade wurde vorangetragen, und die feurige Wolkensäule zeigte den Weg durch die Engpässe des Gebirges über Abhänge hin oder die dürren Sandflächen der Wüste entlang. Kaum hatten sie Muße, ein wenig zu rasten, so hörten sie schon wieder den Ruf: ,,Macht euch auf! hier ist eures Bleibens nicht; ihr müßt weiter ziehen, hinauf nach Kanaan!" Sie blieben nie lange an einem Ort. Weder Brunnen noch Palmenbäume hielten sie zurück. Dennoch hatten sie eine bleibende Heimat in ihrem Gott; seine Wolkensäule war ihr Obdach, und ihre nächtliche Flamme das Herdfeuer. Sie mußten weiter ziehen von Ort zu Ort, unter beständigem Wechsel, ohne Rast und Ruhe, und hatten nie Zeit, sich gemächlich einzurichten, daß sie hätten sagen können: ,,Nun sind wir geborgen; an diesem Orte wollen wir bleiben." ,,Wir fahren wohl dahin, wie ein Strom," spricht Mose, ,,aber Du, Herr Gott, bist unsre Zuflucht für und für." Der Christ weiß von keinem Wechsel bei Gott. Er kann heute reich sein und morgen arm; er kann heute krank sein und morgen gesund; er kann heute voller Freude und Wonne sein und morgen voller Furcht und Trauer; aber es gibt keinen Wechsel und keine Veränderung in seinem Verhältnis zu Gott. Hat mich der Herr gestern geliebt, so liebt Er mich heute wieder. Meine unwandelbare Ruhestätte ist mein hochgelobter Herr. Ob Hoffnungen zerrinnen, ob Erwartungen getäuscht werden, ob Freuden verwelken, und fressender Meltau mir alle Blüten zerstöre: so habe ich dennoch nichts verloren von alledem, was ich in Gott besitze. Er ist ,,mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen möge." Ich bin ein Pilger auf dieser Erde, aber in meinem Gott bin ich geborgen, und bei Ihm wohne ich sicher. In dieser Welt bin ich ein irrender Wanderer, aber in Gott habe ich eine gewisse Zuflucht. ,,Der Herr ist meine Zuversicht, Mein bester Trost im Leben! Dem fehlt es nie an Heil und Licht, Der sich an Ihn ergeben."

 

 

,,Herr, Du lässest mich fröhlich singen von Deinen Werken."
Ps. 92, 4.

Glaubst du, daß dir deine Sünden vergeben sind, und daß Christus eine völlige Versöhnung für dieselben dargebracht hat? Was für ein fröhlicher Christ mußt du also sein! Wie mußt du dich erhoben fühlen über alle Traurigkeit und Trübsal dieser Welt! Was kann dir alles andre schaden, was noch kommen mag, da dir nun deine Sünden vergeben sind? Luther hat gesagt: ,,Schlag' zu, denn mir sind meine Sünden vergeben; wenn Du mir nur vergeben hast, so schlag' nur zu, so heftig Du willst;" und in ganz gleichem Sinne kannst du sagen: Sende Krankheit, Armut, Verlust, Kreuz, Verfolgung, oder was Du nur immer willst. Du hast mir vergeben, und meine Seele ist fröhlich. Lieber Christ, dieweil du nun errettet und selig geworden bist, so sei dankbar und voller Liebe. Klammre dich an das Kreuz, an dem deine Sünden sind gekreuzigt worden; diene Dem, der dir gedienet hat. ,,Ich ermahne euch, lieben Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst." Gib nicht zu, daß dein Eifer sich verflüchtige und verzehre in einer bloß vorübergehenden Wallung des Dankens und Lobpreisens; sondern beweise deine Liebe mit herzlichen, tiefempfundenen Zeichen deiner Hingabe an Ihn, liebe die Brüder Dessen, der dich geliebet hat. Ist irgend wo ein Mephi-Boseth, der lahm oder ein Krüppel ist, so stehe ihm bei um Jonathans willen. Ist irgend ein armer, schwergeprüfter, gläubiger Bruder, so weine mit ihm und trage sein Kreuz um Des willen, der über dich geweint und deine Sünden getragen hat. Weil dir um Christi willen solche freie Vergebung zuteil geworden ist, so gehe hin und verkündige andern die frohe Botschaft von der vergebenden Gnade. Gib dich nicht zufrieden mit dieser unaussprechlichen Gnade für dich allein, sondern verkündige weit umher das Wort vom Kreuz. Heilige Freude und selige Freiheit machen dich zu einem guten Prediger, und die ganze Welt kann dir ein Ort zur Verkündigung der göttlichen Gnade sein. Ein fröhliches, heiliges Wesen ist die eindringlichste Predigt, aber das muß dir der Herr schenken. Bitte heute darum, ehe du in das geschäftige Weltleben hinausgehst. Wenn wir uns freuen über des Herrn Werk in uns, so können wir nicht zu fröhlich sein.

 

 

,,Du bist ewig."
Ps. 93, 2.

Christus ist ewig. Von Ihm können wir mit David singen: ,,Dein Stuhl bleibet immer und ewig." Freue dich, gläubige Seele, in Christo Jesu, denn Er ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit. Der Herr Jesus war allezeit. Das in Bethlehem geborne Kindlein war eins mit dem ewigen Wort, das da von Anfang war, und durch welches alle Dinge gemacht sind. Der Name, unter welchem Christus sich dem Apostel Johannes auf Patmos offenbarte, war: ,,Der da ist, und der da war, und der da kommt." Wäre Er nicht Gott von Ewigkeit, so könnten wir Ihn nicht mit solcher Ehrfurcht lieben; wir könnten nicht fühlen, daß Er irgend teil habe an der ewigen Liebe, die der Quell aller Bundesgüter ist; weil Er aber von Ewigkeit her bei dem Vater war, so führen wir den Strom der göttlichen Liebe auf Ihn zurück, der gleichen Wesens ist mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Und gleichwie unser Herr allezeit war, so ist Er ewiglich. Jesus ist nicht tot; ,,Er lebt immerdar und bittet für uns." Nimm in allen Nöten und Drangsalen deine Zuflucht zu Ihm, denn Er harrt allezeit und segnet dich gern. Aber der Herr Jesus wird auch ewig sein. Sollte dir Gott das Leben fristen, daß deine Tage voll würden und siebzig Jahre erreichten, so würdest du dennoch erfahren, daß der Born seiner reinigenden Gnade nie versiegt, daß sein teures Blut nicht unwirksam geworden ist; du müßtest finden, daß der Priester, der den Heilsbrunnen mit seinem eignen Blut gefüllt hat, noch lebt, und dich von aller Untugend reinigt. Und wenn dir der letzte schwere Kampf bevorsteht, so wirst du sehen, daß die Hand deines siegreichen Herzogs noch nicht schwach geworden ist; der lebendige Heiland wird den sterbenden Heiligen erquicken. Wenn du zum Himmel eingehst, so wirst du Ihn erblicken, wie Er noch in ganzer Jugendkraft dasteht; und durch Zeit und Ewigkeit wird der Herr Jesus die unverwelkliche Freude, das Leben und die Ehre seines Volkes bleiben. Lebendige Ströme fließen dir aus diesem heiligen Born entgegen. Jesus war, und ist, und bleibet immerdar. Er ist ewig in allen seinen Tugenden, in aller seiner Würde, in aller seiner Macht, und ist bereit zu segnen, zu trösten, zu bewahren und zu krönen seine Auserwählten.

 

 

,,Der Herr ist König, des freue sich das Erdreich."
Ps. 97, 1.

Ursachen zur Beunruhigung sind keine vorhanden, so lange dieser köstliche Ausspruch wahr bleibt. Auf Erden stillt die Macht des Herrn die Bosheit der Gottlosen ebenso schnell wie die Wut des Meeres; seine Liebe erquicket die Seele des Elenden ebenso gern, wie sein Regen die dürren Lande. Majestätisch leuchten die Flammenblitze nieder mitten durch die schrecklichen Gewitterwolken, und die Herrlichkeit des Herrn verkündet sich in ihrer Größe durch den Fall mächtiger Reiche und durch den Sturz erhabener Throne. In all unsern Kämpfen und Trübsalen erkennen wir die Hand des göttlichen Königs. ,,Allwaltend schauest Du vom Thron Auf Deine Menschen nieder; Schaust liebend Du, der Liebe Sohn, Auf die erlösten Brüder." In der Hölle anerkennen die gefallenen Geister mit düsterm Mute seine unzweifelhafte Oberherrschaft. Wenn sie umhergehn dürfen, so ist's ihnen nur gestattet mit schweren Fesseln an den Füßen; dem Behemoth ist ein Gebiß angelegt und ein Hamen durchbohrt die Kinnladen des Leviathan. Des Todes Geschosse sind verschlossen unter des Herrn Riegel, und göttliche Gewalt ist der Wächter über des Grabes Gefängnisse. Die schreckliche Rache des Richters aller Welt macht, daß die Feinde heulen und mit den Zähnen klappen, gleichwie Hunde, die des Jägers Peitsche fürchten. ,,In Deine starke Hand hat Gott Das Zepter übergeben; Du herrschest über Höll' und Tod Und über Grab und Leben." Im Himmel zweifelt niemand an der Machtvollkommenheit des Königs der Ewigkeit, sondern alle fallen nieder auf ihr Angesicht, und bringen Ihm ihre Huldigung dar. Engel sind seine Hofleute, die Auserwählten seine Günstlinge, und sie sehnen und freuen sich alle, Ihm zu dienen Tag und Nacht. Möchten wir bald eingehen in die Stadt des großen Königs! ,,Hoch, über Erd' und Welt und Zeit Thronst Du zu Gottes Rechten, Ihm gleich an Macht und Herrlichkeit, Zum Heile der Gerechten."

 

 

,,Die ihr den Herrn liebt, hasset das Arge."
Ps. 97, 10.

Du hast allen Grund, das ,,Arge zu hassen", wenn du nur daran denkst, wieviel Schmerz es dir schon verursacht hat. Ach, was hat doch die Sünde für eine Welt voll Unheil über dich gebracht! Die Sünde hat dich so sehr verblendet, daß du kein Auge hattest für die Schönheit und Liebenswürdigkeit deines Heilandes; sie hat dich so taub gemacht, daß du kein Ohr hattest für die zärtlichen, liebevollen Einladungen des Erlösers. Die Sünde hat deinen Fuß auf den Weg des Todes gekehrt, und in den Born deines Lebens tödliches Gift geschüttet; sie hat dein Herz befleckt und angesteckt und es zu einem ,,trotzigen und verzagten Ding" gemacht. O, was warst du für ein elendes Geschöpf, als das Arge es mit dir aufs äußerste gebracht hatte, bevor die göttliche Gnade sich drein legte! Du warst ein Kind des Zorns gleich den übrigen, und ,,deine Füße liefen zum Bösen" mit dem großen Haufen. So stand's mit uns allen; doch der Apostel Paulus erinnert uns: ,,Aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesu, und durch den Geist unsers Gottes." Wir haben wahrlich gute Ursache, das Arge zu hassen, wenn wir zurückblicken und sein verderbliches Wirken betrachten. Solch Unheil hat das Arge in uns angerichtet, daß es um unsre Seelen geschehen wäre, wenn nicht die allmächtige Liebe ins Mittel getreten wäre, um uns zu versöhnen. Selbst jetzt noch ist es ein rüstiger Feind, der nimmer ruht und allezeit wachsam ist, ob er uns schädigen und ins Verderben stürzen könne. Darum ,,hasset das Arge," o, ihr Christenleute, sonst trachtet ihr nach Trübsal. Wollt ihr euren Pfad mit Dornen bestreuen und euer Sterbekissen mit Disteln füllen, dann laßt nach, das ,,Arge zu hassen;" wollt ihr aber ein glückliches Leben führen, und eines ruhigen, seligen Todes sterben, dann wandelt in allen Wegen der Heiligkeit und hasset das Arge bis ans Ende. Wenn ihr euren Heiland wahrhaft lieb habt und Ihn ehren wollt, dann ,,hasset das Arge." Wir kennen gegen die Liebe zum Bösen in einem Christenherzen kein kräftigeres Heilmittel als den häufigen Umgang mit dem Herrn Jesus. Haltet euch recht viel in seiner Nähe auf, so wird's euch unmöglich sein, mit der Sünde auf gutem Fuße zu stehen. ,,Wer will das Arge hassen, Muß Jesum liebend fassen."

 

 

,,Dienet dem Herrn mit Freuden."
Ps. 100, 2.

Freude am Gottesdienst ist ein Zeichen der Begnadigung. Wer Gott dient mit traurigem Antlitz, weil Er etwas tut, was ihm nicht gefällt, dient Gott ganz und gar nicht; er huldigt dem Herrn zum Scheine, aber es fehlt das innere Leben. Unser Gott begehrt keine Sklaven zum Dienst an seinem Throne; Er ist der Herr des Reichs der Liebe und will, daß seine Diener sich in die Livree der Freude kleiden. Die Engel dienen ihrem Herrn mit Lobpreisen, nicht mit Seufzen und Stöhnen; ein Murren oder Grämen wäre ein Laut der Empörung unter ihrer Heerschar. Aller Gehorsam, der nicht freiwillig ist, ist Ungehorsam, denn der Herr siehet das Herz an, und wenn Er siehet, daß wir Ihm aus Zwang dienen, und nicht aus freier Liebe zu Ihm, dann verwirft er das Opfer unsres Gehorsams. Ein Gottesdienst, der mit Freuden geschieht, ist Herzensdienst und wahrhaftiger Gottesdienst. Nehmet dem Christen die Freudigkeit des freien Entschlusses, so raubt ihr ihm das Zeugnis, daß sein Gottesdienst aufrichtig und ernst sei. Wenn ein Mensch in den Kampf muß getrieben werden, dann ist er kein Vaterlandsfreund; wer aber in den Kampf stürmt mit flammendem Auge und freudigem Antlitz, mit dem Schlachtgesang im Munde: ,,Süß ist der Tod fürs Vaterland," der zeigt, daß er sein Vaterland von Herzen lieb hat. Freudigkeit gibt Kraft und Mut; in der Freude des Herrn sind wir stark. Sie hilft alle Schwierigkeiten überwinden, alle Hindernisse besiegen. Sie ist für unsre Pflichterfüllung das, was das Öl für die Räder eines Eisenbahnzuges. Ohne Öl wird die Achse bald heiß, und es ereignet sich ein Unfall; und wenn keine heilige Freude vorhanden ist, die unsre Räder salbt, dann wird unser Geist in seinem Laufe bald gehemmt. Ein Mensch, der in seinem Gottesdienst fröhlich ist, zeigt, daß der Gehorsam sein Element ist; er darf jauchzen und singen vor seinem Herrn. Lieber Christ, wir wollen die Frage ins Auge fassen: Dienest du dem Herrn mit Freuden? Wir wollen der Welt und den Leuten, die unsre Gottesfurcht für Sklavendienst halten, zeigen, daß sie unsre Freude und Wonne ist. Unsre Freudigkeit müsse laut verkündigen, daß wir einem guten Herrn dienen.

 

 

,,Danket Ihm, lobet seinen Namen."
Ps. 100, 4.

Unser Herr möchte gern, daß alle die Seinen reich würden an hohen und seligen Gedanken über seine heilige Person. Der Herr Jesus ist nicht zufrieden, wenn seine Brüder geringe Gedanken von Ihm hegen; es ist seine höchste Freude, wenn seine Brautgemeinde mit Wonne über seine Lieblichkeit erfüllt ist. Wir sollen Ihn nicht bloß als etwas Unentbehrliches betrachten, wie Brot und Wasser, sondern als ein vorzüglich wertvolles Geschenk, als eine Gabe, die uns mit seltenem und wonnevollem Entzücken erfüllen soll. Dazu hat Er sich uns geoffenbaret als die ,,köstliche Perle" voll unvergleichlicher Schönheit, als ein ,,Büschel Myrrhen" voll erfrischenden Dufts, als die ,,Blume zu Saron" voll Wohlgeruchs, als die ,,Rose im Tal" voll Lieblichkeit. Um uns zu hohen Gedanken über Christum aufzuschwingen, wollen wir uns der Ehre erinnern, welcher Christus im Himmel teilhaftig ist, wo die Dinge nach ihrem wahren Wert geschätzt werden. Denket daran, wie hoch Gott seinen Eingebornen schätzt, seine unaussprechliche Gabe, die Er uns schenkt. Erwägt, was die Engel von Ihm denken, wenn sie in ihrer höchsten Verklärung ihr Antlitz vor Ihm verhüllen. Bedenket, was die Bluterkauften von Ihm denken, wenn sie Tag und Nacht seinen Ruhm verkündigen. Hohe Gedanken von Christo machen uns tüchtig, mit unsrer Liebe beständig an Ihm zu hangen. Je mehr wir Christum erhöht sehen, und je demütiger wir uns vor seinem Stuhle beugen, umso besser sind wir imstande, Ihm zu begegnen, wie Er's um uns verdient. Unser Herr Jesus wünscht, daß wir groß von Ihm denken und uns gern unter seine Herrschaft beugen. Erhabene Gedanken über Ihn vermehren unsre Liebe. Liebe und Achtung gehen Hand in Hand. Darum, gläubiger Christ, denke recht viel an die herrlichen Vorzüge deines Meisters. Betrachte Ihn in seiner vorigen Herrlichkeit, bevor Er dein Fleisch und Blut an sich nahm! Denke an die mächtige Liebe, die Ihn von seinem Throne hernieder trieb, damit Er am Kreuze für dich stürbe! Bewundere Ihn, wie Er alle List und Gewalt der Hölle überwindet! Schaue Ihn an, den Auferstandenen, den Gekrönten, den Verklärten! Beuge deine Kniee vor Ihm, dem Wunderbar, Rat, Kraft, Held, denn nur so wird deine Liebe zu Ihm das, was sie sein soll.

 

 

,,Von Gnade und Recht will ich singen."
Ps. 101, 1.

Der Glaube triumphiert in der Trübsal. Wenn die Vernunft und der Wille ins innere Gefängnis geworfen und ihre Füße in den Stock gelegt werden, dann macht der Glaube die Kerkermauern widerhallen mit seinen lieblichen Liedern und ruft aus: ,,Von Gnade und Recht will ich singen und Dir, Herr, lobsagen." Der Glaube wirft die schwarze Maske vom Antlitz der Heimsuchung und entdeckt einen Engel darunter. Der Glaube blickt empor zu den Wolken und sieht, daß sie von Gnade schwellen und ihren Segensstrom über ihn auszugießen bereit sind. Sogar in den Gerichtsprüfungen Gottes gegen uns ist Ursache zum Preis und Dank. Denn zum ersten ist die Trübsal nicht so schwer, als sie hätte sein können; dann ist sie nicht so strenge, wie wir sie verdient hätten; auch ist sie nicht so erdrückend, wie die Last, welche andre zu tragen haben. Der Glaube sieht, daß seine schwersten Leiden keine Strafgerichte sind; es ist kein Tropfen von Gottes Zorn in diesem Kelche; er ist ganz von der Liebe verordnet. Der Glaube entdeckt das Leuchten der Liebe, gleich dem Glänzen eines Edelsteins auf dem Brustschildlein des züchtigenden Gottes. Der Glaube spricht von einer Prüfung: ,,Das ist ein tröstliches Zeichen; denn nur einem Kinde wird die Rute zuteil." Und dann singt er von den lieblichen Früchten seines Leidens, weil sie ihm zum Besten dienen müssen. Ja, der Glaube spricht sogar: ,,Diese meine Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit." So reitet der Glaube auf dem schwarzen Pferde weiter auf seiner Straße, von Sieg zu Sieg, tritt die fleischliche Vernunft und den irdischen Sinn unter die Füße und singt Siegeslieder inmitten des härtesten Kampfes. ,,Kronen sollen tragen, Die des Kreuzes Plagen In Geduld besiegt. Fröhlich auszuhalten Und Gott lassen walten, Das macht recht vergnügt. Drum nimm dir, o Seele, für, Stets zu beten und zu wachen; Gott wird's doch wohl machen!"

 

 

,,Du wollest Dich aufmachen und über Zion erbarmen; denn es ist Zeit, daß Du ihr gnädig seiest, und die Stunde ist gekommen. Denn Deine Knechte wollten gern, daß sie gebauet würde, und gern sehen, daß ihre Steine und Kalk zugerichtet würden."
Ps. 102, 13. 14.

Wenn ein selbstsüchtiger Mensch ins Unglück kommt, so ist er außerordentlich schwer zu trösten, weil die Quelle seines Trostes ganz nur an ihm liegt; und wenn er dann traurig ist, so sind alle seine Trostquellen versiegt. Aber ein weitherziger Mensch voll christlicher Bruderliebe hat außer den Trostquellen, die in seinem Innern fließen, noch andre, die ihn Erquickung bringen. Vor allem kann er zu seinem Gott gehen und bei Ihm überschwengliche Hilfe finden; und dann findet er auch Trostgründe in allem, was sich auf Gottes weite Welt, auf sein Vaterland und vor allem auf die Gemeinde Christi bezieht. David war in dem vorliegenden Psalm ungemein bekümmert; er schrieb: ,,Ich bin gleichwie eine Rohrdommel in der Wüste; ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache." Das einzige Mittel, wie er sich zu trösten vermochte, bestand in dem Gedanken, daß Gott sich aufmachen und über Zion erbarmen würde. War er traurig, so sollte doch Zion glücklich sein; wie tief auch er versunken war, so sollte doch Zion sich erheben. Christenmensch, lerne dich trösten mit dem gnädigen Verhalten Gottes gegen seine Gemeinde. Was deinem Meister so teuer ist, sollte es dir nicht auch über alles andre teuer sein? Und ob dein Weg noch so dunkel ist, kannst du dein Herz nicht erfreuen mit den Siegen seines Kreuzes und der Ausbreitung seiner Wahrheit? Unsre persönlichen Heimsuchungen sind vergessen, sobald wir darauf schauen, was Gott nicht nur schon für Zion getan hat und noch tut, sondern auch für seine Gemeinde Herrliches tun will. Versuche dies Heilmittel, liebe gläubige Seele, wenn du je traurigen Herzens und niedergeschlagenen Geistes bist; vergiß dich und deine kleinen Anliegen, und suche die Wohlfahrt und das Glück Zions. Wenn du deine Kniee im Gebet beugst vor Gott, so beschränke dein Gebet nicht auf den engen Kreis deines Lebens, wie schwer auch deine Führungen seien, sondern flehe für das Wohlergehen der Gemeinde Christi. ,,Wünschet Jerusalem Glück", so wird eure Seele Erquickung empfangen.

 

 

,,Vergiß nicht, was Er dir Gutes getan hat."
Ps. 103, 2.

Es ist eine liebliche und löbliche Beschäftigung, auf die Hand des Herrn zu achten, wie sie sich in der Lebensführung der Heiligen voriger Zeiten offenbart, und seine Barmherzigkeit wahrzunehmen, die sich kundgibt, wenn Er sie aus Trübsal erlöst, seine Gnade, wenn Er ihnen ihre Sünde vergibt, seine Treue, wenn Er ihnen seinen Bund hält. Aber wäre es nicht noch seliger und segensreicher für uns, wenn wir auf die Hand Gottes in unserm eignen Leben acht hätten? Sollten wir in unsrer Schicksalsführung wenigstens ebenso deutlich das göttliche Walten erkennen, ebenso klar und strahlend seine Barmherzigkeit und seine Gnade, ebenso überzeugend seine Wahrhaftigkeit und Treue, wie im Leben irgend eines Heiligen, der uns vorausgegangen ist? Wir tun ein Unrecht an unserm Herrn, wenn wir meinen, Er habe alle seine mächtigen Taten vollbracht und sich als der starke Gott erzeigt für die Menschen der Vorzeit, aber Er wirke keine Wunder mehr und rege seinen gewaltigen Arm nicht mehr für die Heiligen, die jetzt auf Erden leben. Werfen wir einen Blick auf unsre Vergangenheit. Gewiß können wir in derselben manches glückliche Ereignis gewahren, das uns aufmuntert und zur Ehre unsers Gottes zeugt. Seid ihr noch nie aus Nöten erlöst worden? Seid ihr noch nie durch Trübsalsströme geschritten, und dabei getragen worden von der Gnadengegenwart Gottes? Seid ihr noch nie unversehrt durchs Feuer der Verfolgung gegangen? Habt ihr nie Offenbarungen empfangen? Sind euch keine vorzüglichen Gnadenerweisungen zuteil geworden? Hat der Gott, der Salomo gab, was sein Herz begehrte, nie auf euer Seufzen geachtet und euer Verlangen erhört? Hat der Gott der überschwenglichen Güte, von welchem David sang: ,,Der deinen Mund fröhlich macht," dich nie mit dem Mark und Fett seiner Güte gesättigt? Hat Er dich noch nie geweidet auf grüner Aue? Hat Er dich noch nie geführt zum frischen Wasser? Gewißlich ist uns der Herr so gnädig und gütig gewesen, als den Heiligen der Vorzeit. Darum laßt uns seine Gnadentaten zum Preisgesange verweben. Wir wollen das lautere Gold der Dankbarkeit und die Edelsteine der Loblieder nehmen und sie zu einer neuen Krone zusammenflechten für unsers Jesu Haupt. Unsre Seelen sollen so lieblich erschallen wie Davids Harfen, wenn wir des Herrn Lob verkünden, des Gnade ewiglich währet.

 

 

,,Der dir alle deine Sünden vergibt, und heilet alle deine Gebrechen."
Ps. 103, 3.

So demütigend es auch ist, so ist es nicht weniger gewiß, daß wir alle mehr oder weniger von der Krankheit der Sünde heimgesucht sind und darunter leiden. Welch einen Trost gewährt es uns da, daß wir wissen, wir haben einen großen Arzt, der uns heilen kann und gern heilt! Seiner wollen wir heute abend gedenken. Seine Heilungen sind sehr rasch: ein Blick auf Ihn schenkt uns das Leben; seine Heilungen sind gründlich: Er greift die Krankheit in ihrem Sitze an; und darum sind seine Heilungen sicher und gewiß. Es mißlingt Ihm nie, und die Krankheit kehrt nie wieder. Es gibt keinen Rückfall, wo Christus heilt; kein Gedanke, daß etwa seine Kranken nur für eine Zeitlang hergestellt werden, Er macht neue Menschen aus ihnen; auch gibt Er ihnen ein neues Herz und einen neuen, gewissen Geist. Er ist wohl erfahren in allen Krankheiten. Ärzte befassen sich sonst hauptsächlich mit besonderen Erscheinungsformen gewisser Krankheiten. Obgleich sie fast mit allen unsern Leiden und Gebrechen einigermaßen bekannt sind, so gibt es doch gewöhnlich eine Krankheit, die sie gründlicher studiert haben, als alle übrigen; aber der Herr Jesus ist durchaus vertraut mit der ganzen menschlichen Natur. Er weiß ebensogut, wie Er mit dem einen Sünder daran ist, als wie mit dem andern. Er hat schon mit ungewöhnlich verwickelten, seltenen Gebrechen zu schaffen gehabt, aber Er hat auf den ersten Blick genau gewußt, wie der Patient mußte behandelt werden. Er steht als Arzt einzig in seiner Art da, und die Arznei, die Er gibt, ist die allein echte Lebensessenz, die in jeder Krankheit hilft. Worin auch unsre geistliche Krankheit bestehen mag, so sollten wir uns sogleich an diesen göttlichen Arzt wenden. Er verbindet die zerbrochenen Herzen. ,,Sein Blut macht uns rein von aller Sünde." Wir dürfen nur an die Tausende denken, welche durch die Macht und den Segen seiner Berührung von allen möglichen Krankheiten geheilt wurden, so können wir uns getrost seinen Händen überlassen. Wir vertrauen Ihm, und die Sünde erstirbt; wir lieben Ihn, so erblühen unsre Tugenden; wir harren auf Ihn, so wachsen wir in der Gnade; wir sehen Ihn, wie Er ist, so sind wir vollendet in Ewigkeit.

 

 

,,Die Zedern Libanons, die Er gepflanzt hat."
Ps. 104, 16.

Libanons Zedern sind ein Sinnbild für das Volk der Christen, denn sie verdanken ihr Leben und Gedeihen ganz dem Herrn, der sie gepflanzt hat. Dies gilt von einem jeden Gotteskind. Es ist nicht von Menschen, noch von sich selbst, sondern von Gott gepflanzt. Die geheimnisvolle Hand des Heiligen Geistes streut den lebendigen Samen in ein Herz, das Er selbst zur Saat zubereitet hat. Jeder wahrhaftige Himmelserbe erkennt den großen Weingärtner als den an, der ihn gepflanzet hat. Außerdem bedürfen die Zedern Libanons keines Menschen, der sie bewässere; sie stehen auf einem hohen Felsen, nie gefeuchtet von Menschenhand; und doch sorgt euer himmlischer Vater für sie. So verhält sich's mit dem Christen, der gelernt hat, seines Glaubens zu leben. Er ist unabhängig von Menschen, sogar von zeitlichen Dingen; er schaut auf den Herrn, seinen Gott, und auf Ihn allein; der erhält ihn beständig durch seine Gnade. Der himmlische Tau ist sein Teil, und Gott von Himmel sein Born. Wiederum werden die Zedern Libanons von keiner sterblichen Macht beschützt. Sie verdanken dem Menschen nicht im geringsten ihre Erhaltung, ihr fröhliches Gedeihen in Sturmessausen und Wetterbrausen. Sie sind Gottes Bäume, erhalten und bewahrt von Ihm, und ganz allein von Ihm. Ganz ebenso ist's mit dem Christen. Er ist keine Treibhaus-Pflanze, die vor aller Unbill der Witterung geschützt wäre; er steht Wind und Wetter ausgesetzt; er hat weder Schutz noch Schirm, ausgenommen allein das, daß die breiten Flügel des ewigen Gottes die Zedern bedecken, die Er gepflanzet hat. Den Zedern gleich, stehen die Gläubigen auch voller Saft und haben Lebenskraft genug, um allezeit zu grünen, selbst mitten im winterlichen Schnee und erstarrenden Frost. Endlich gereicht das fröhliche und kräftige Gedeihen der Zedern und ihr majestätischer Wuchs Gott allein zur Ehre. Der Herr, ja, der Herr allein, ist den Zedern alles geworden, und darum sagt David so schön in einem seiner Psalmen: ,,Lobet den Herrn, fruchtbare Bäume, und alle Zedern." Es ist nichts im Gläubigen, was den Menschen verherrlichen könnte; er wird gepflanzet, ernährt und beschützt von des Herrn eigner Hand. Von dem Herrn ist's, ,,daß die Bäume des Herrn voll Safts stehen, die Zedern Libanons, die Er gepflanzet hat." Darum lobe den Herrn, meine Seele, und gib Ihm allein die Ehre!

 

 

,,Die Bäume des Herrn stehen voll Safts."
Ps. 104, 16.

Ohne Saft kann der Baum weder grünen noch blühen. Lebenskraft ist etwas Unerläßliches, etwas Wesentliches für einen Christen. Es muß ein Leben in ihm vorhanden sein, eine belebende Kraft, die Gott der Heilige Geist uns einflößt, sonst können wir keine Bäume des Herrn sein. Der bloße Name, daß wir Christen seien, ist etwas Totes; wir müssen erfüllt werden mit dem Geiste des göttlichen Lebens. Dies Leben ist eine geheimnisvolle Kraft. Wir verstehen nichts davon, wie der Saft seinen Kreislauf in den Pflanzen vollführt, durch welche Kraft er aufsteigt und welche Gewalt ihn wieder abwärts treibt. So ist auch unser inneres Leben ein Geheimnis. Die Wiedergeburt wird durch den Heiligen Geist gewirkt, der in den Menschen eingeht und das neue Leben des Menschen wird; und dies göttliche Leben in einem Menschen ernährt sich dann von dem Fleisch und Blut Christi und wird von der göttlichen Nahrung erhalten, aber wer kann sagen und deuten, woher es kommt und wohin es gehet? Was ist der Saft für ein verborgenes Ding! Die Wurzeln ziehen mit ihren zarten Fasern suchend durch das Erdreich, aber wir können nicht sehen, wie sie die verschiedenen Luftarten und Feuchtigkeiten einsaugen, oder wie sie die erdigen Stoffe in Pflanzenelemente umwandeln; diese Arbeit geschieht im Dunkeln und Verborgenen. Unsre Wurzel ist Christus Jesus, und unser Leben ist verborgen in Ihm; das ist das Geheimnis des Herrn. Die Grundlage des christlichen Lebens ist ein ebenso großes Geheimnis, wie das Leben selbst. Wie ist der Saft in der Zeder so unablässig tätig! Im Christen erweist sich das göttliche Leben allezeit tätig und kräftig, nicht jederzeit reifen die Früchte, aber allezeit schreitet das innere Wachstum voran. Des Gläubigen Gnadentugenden: ist nicht eine jede derselben beständig in Bewegung? und sein Leben höret nimmer auf, in ihm zu walten zu wirken. Er arbeitet nicht immer für Gott, aber sein Herz lebt immer von Gott. Gleich wie der Saft sich in der Bildung der Früchte am Baum offenbart, so geschieht's auch mit den Äußerungen eines gesunden Christenlebens; die Gnade, die in ihm arbeitet, tut sich äußerlich kund in seinem Wandel und seinen Worten. Wenn man mit ihm spricht, so kann er nicht anders, er muß von Jesu reden. Wenn man auf sein Tun achtet, so sieht man, daß er auch mit Jesu gewesen ist.

 

 

,,Und führte sie einen richtigen Weg."
Ps. 107, 7.

Wechselvolle innere Erlebnisse leiten den ernsten Christen oft auf die Frage: ,,Warum geht's mir so?" Ich suchte Licht, aber siehe, Finsternis kam über mich; ich suchte Frieden, und fand Trübsal. Ich sprach in meinem Herzen: Mein Berg steht fest, ich werde nimmermehr daniederliegen; aber da Du, Herr, Dein Antlitz verbargst, erschrak ich. Erst gestern noch habe ich meine Erwählung klar erkennen können; aber heute ist mir alle Gewißheit genommen und meine Hoffnungen sind umwölkt. Gestern konnte ich Pisgas Höhen ersteigen und hinausblicken auf das herrliche Land der Verheißung; heute ist mein Geist aller frohen Zuversicht beraubt, zaghafte Furcht hat sich meiner bemächtigt; Freuden habe ich keine, wohl aber viele Traurigkeit. Gehört das denn auch zu Gottes Absichten mit mir? Kann dies der Weg sein, auf welchem mich Gott will zum Himmel führen? Ja, so ist's. Die Verdunkelung deines Glaubens, die Verdüsterung deines Gemüts, das Verschwinden deiner Hoffnung, das alles sind nur Mittel und Wege, wodurch Gott dich der Reife für das große Erbteil entgegenführt, das du nun bald empfangen wirst. Diese Prüfungen bezwecken die Bekräftigung und Bestätigung deines Glaubens, sie sind die Fluten, deren Wellenschlag dich höher auf den Felsen hinaufträgt, sie sind die Winde, die dein Schiff nur um so rascher dem himmlischen Hafen zutreiben. So heißt's denn bei dir, wie David spricht: ,,Er brachte sie zu Lande nach ihrem Wunsch." Durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, durch Reichtum und Armut, durch Freude und Traurigkeit, durch Verfolgung und Ehre; durch das alles wird das Leben deiner Seele erhalten und gefördert, und ein jegliches muß dir zum Segen dienen auf deinem Pfade. O, denke nicht, lieber gläubiger Bruder, daß deine Bekümmernisse den göttlichen Absichten mit dir fremd seien; sie gehören notwendig dazu. ,,Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes gehen." Darum lernt es, ,,eitel Freude achten, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt." ,,Je größer Kreuz, je schön're Krone, Die Gottes Hand uns beigelegt, Und die einmal vor seinem Throne Der Überwinder Scheitel trägt. Ach, dieses teure Kleinod macht, Daß man das größte Kreuz nicht acht't."

 

 

,,Die sollen dem Herrn danken um seine Güte und um seine Wunder, die Er an den Menschenkindern tut."
Ps. 107, 8.

Wenn wir weniger klagten und mehr lobten, so wären wir glücklicher, und Gott würde mehr verherrlicht. Wir wollen Ihn täglich preisen für seine gewöhnlichen Gnadengaben, - gewöhnliche nennen wir sie häufig, und doch sind sie so unschätzbar, daß wir ohne dieselben elendiglich umkommen müßten. Wir wollen Gott danken für die Augen, mit denen wir das Licht der Sonne betrachten, für Gesundheit und Kraft zu unserm Handel und Wandel, für das Brot, das wir essen, für die Kleidung, die wir tragen. Wir wollen Ihn lobpreisen, daß wir nicht hinausgeworfen sind unter die, die keine Hoffnung haben, noch unter die Übeltäter gerechnet werden; lasset uns danken für Freunde, Familienbande und ruhiges Leben. Wir wollen Ihn hoch erheben über alles, was wir aus seiner gütigen Hand empfangen, denn wir haben es nicht verdient, sondern nur Schuld auf Schuld gehäuft. Aber, Geliebte, der süßeste und lauteste Klang in unserm Lobgesang sollte die versöhnende Liebe preisen: Gottes Erlösungstaten an seinen Auserwählten bleiben in alle Ewigkeit das Lieblingslied ihres Preisgesanges. Wenn wir wissen, wie köstlich die Versöhnung ist, so lasset uns unsre Dankeshymnen nicht zurückdrängen. Wir sind erlöst worden von der Macht unsers Verderbens und erhöhet aus der Tiefe der Sünde, in die wir von Natur eingetaucht waren. Wir sind zum Kreuz Christi geleitet worden, dort sind die Zentner purpurnen Goldes dargewogen worden für unsre Schuld; wir sind keine Leibeignen der Sünde mehr, sondern Kinder des lebendigen Gottes und sehen der Zeit entgegen, wo wir vor seinem Throne dargestellt werden ohne Flecken oder Runzel oder des etwas. Schon jetzt schwingen wir durch den Glauben den Palmzweig und kleiden uns in die weiße Seide, die unser ewiger Schmuck bleiben wird. Müssen wir da nicht dem Herrn, unserm Heiland, unaufhörlich unsern Dank darbringen? Kind Gottes, kannst du hier schweigen? Wachet auf, wachet auf, ihr Erben der Herrlichkeit, und führet euer Gefängnis gefangen, wenn ihr mit David ausruft: ,,Lobe den Herrn, meine Seele, und alles, was in mir ist, lobe seinen heiligen Namen!" Jeden Tag wollen wir mit neuen Liedern des Dankes weihen.

 

 

,,Ich aber bete."
Ps. 109, 4.

Lügenzungen waren geschäftig wider den guten Namen Davids, aber er verteidigt sich nicht darob; er brachte sein Anliegen vor einen höhern Gerichtshof und flehte vor dem großen König der Könige. Das Gebet ist die sicherste Art, wie wir die Worte unsrer Hasser und Feinde widerlegen können. Der Psalmist betete nicht in kaltherziger Weise, er betete mit ganzer Hingebung seines Wesens, er legte seine ganze Seele und sein volles Herz in sein Gebet und spannte alle Nerven und Sehnen seines Wesens an, wie einst der Erzvater Jakob, da er mit dem Engel rang. So und nur so soll jeder von uns hineilen zum Gnadenthron. Gleichwie der Schatten keine Macht hat, weil ihm Wesen und Wirklichkeit mangelt, so hat ein Gebet keine Kraft, wenn in demselben nicht des Menschen eigenstes Ich völlig gegenwärtig ist in ringendem Ernste und mächtigem Verlangen; es ist ganz und gar unwirksam, denn es mangelt ihm gerade das, was ihm allein Kraft zu geben vermag. ,,Ernstliches Gebet", sagt ein alter Gottesgelehrter, ,,ist wie eine Kanone, die vor den Toren des Himmels aufgepflanzt ist: es sprengt diese Tore." Die meisten unter uns leiden an dem allgemeinen Fehler, daß sie sich so leicht zerstreuen lassen. Unsre Gedanken irren unsicher hierhin und dorthin, und wir rücken fast gar nicht gegen das Ziel vor, das uns anliegt. Unser Gemüt ist wie Quecksilber, das nicht zusammenhalten will, sondern da- und dorthin auseinander fährt. Was ist doch das für ein großes Übel! Es bringt uns zu Schaden, und, was noch schlimmer ist, es beleidigt unsern Gott. Unermüdlichkeit und Ausdauer liegen in dem Sinn unsres Schriftwortes. David rief nicht bloß einmal zum Herrn, um darauf wieder in ein müdes Schweigen zu versinken; sein heiliges Anrufen hielt an, bis es Erhörung brachte. Beten muß bei uns keine Gelegenheitssache, es muß unser tägliches Geschäft, unsre Gewohnheit, unser Beruf sein. Gleichwie ein Künstler sich mit seinen Vorbildern, ein Dichter mit den Werken klassischer Schriftsteller abgibt, so müssen wir uns mit ganzer Seele dem Gebet widmen. Wir müssen ganz eingetaucht sein ins Gebet, als in unser Lebenselement, und beten ohne Aufhören. Herr, lehre uns beten, damit wir je mehr und mehr tüchtig werden zum Gebet.

 

 

,,Er verheißet, daß sein Bund ewiglich bleiben soll."
Ps. 111, 9.

Des Herrn Volk freut sich über den Bund selber. Er ist für sie eine unversiegliche Quelle des Trostes, so oft sie der Heilige Geist ,,in seinen Weinkeller führt und die Liebe sein Panier über ihnen ist." Sie sind entzückt, wenn sie das hohe Alter dieses Bundes betrachten und bedenken, daß, ehe die Sterne in den Kreisen ihrer Bahnen einherzogen, alle Angelegenheiten der Heiligen schon geordnet und gesichert waren in Christo. Es ist für sie ganz besonders lieblich, wenn sie der Gewißheit des Bundes eingedenk sind, und sich vor Augen halten ,,die gewissen Gnaden Davids." Sie freuen sich, ihn preisen und besingen zu können, als einen Bund, der unterzeichnet, besiegelt, bestätigt und in allen Stücken wohl erwogen ist. Oft hüpft ihnen das Herz vor Freude, wenn sie die Unwandelbarkeit des Bundes ins Auge fassen, eines Bundes, den weder Zeit noch Ewigkeit, weder Leben noch Tod je zerreißen kann, eines Bundes, der so alt als die Ewigkeit und so unzerstörbar ist als der Fels der Zeiten. Sie freuen sich auch innig über die Fülle dieses Bundes, und erquicken sich daran, denn sie sehen, daß in demselben alles für sie vorbedacht ist. Gott ist ihr Erbteil, Christus ist ihr Freund, der Heilige Geist ihr Tröster, die Erde ihre Herberge, der Himmel ihre Heimat. Sie sehen in dem Bund ein Erbe, daß einer jeden Seele aufbewahrt und zugesichert bleibt, die in der uralten, ewigen Schenkungsurkunde mit inbegriffen ist. O, wie strahlten ihre Augen, als sie den Bund im Worte Gottes als eine Schatzverschreibung erkannten! und o, wie wurden ihre Seelen von Entzücken erfüllt, als sie im Testament und letzten Willen ihres göttlichen Verwandten erfahren, daß jene Verschreibung auf sie selber laute! Ganz besonders aber ist's für die Kinder Gottes eine Freude, wenn sie auf den Gnadenreichtum dieses Bundes merken. Sie sehen, daß das Gesetz beiseite gestellt ward, weil es ein Bund der Werke war und auf dem Verdienst beruhte; den Neuen Bund aber erkennen sie als etwas Bleibendes, weil Gnade sein Grund, Gnade seine Vorbedingung, Gnade sein Schutz, Gnade seine Burg, Gnade seine Macht, Gnade sein Schlußstein ist. Der Bund ist ein Schatzhaus voll Reichtums, eine Kornkammer voll Vorräte, ein Brunnen voll lebendigen Wassers, ein Hort des Heils, ein Freibrief des Friedens und ein Himmel voller Wonne.

 

 

,,Wenn eine Plage kommen will, so fürchtet er sich nicht."
Ps. 112, 7.

Christ, du solltest über trübe Aussichten, über drohende Gefahren, über Trauerbotschaften nicht so in Furcht und Schrecken geraten; denn wenn du dich so ängsten lässest, was hast du vor andern Menschen voraus? Andre Leute haben nicht, wie du, einen Gott, zu dem sie fliehen können; sie haben seine Treue nie an sich erfahren, wie du, und es darf dich nicht wundern, wenn sie vor Kummer niedergebeugt sind und vor Schmerz sich krümmen; du aber bekennst, eines andern Geistes Kind zu sein, du bist wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung, und dein Herz lebt im Himmel und hat mit dem Irdischen nichts zu schaffen; siehe, wenn dich nun andre betrübt sehen wie ihresgleichen, was hat da jene Gnade, die du empfangen haben willst, noch für einen Wert? Wo bleibt die gepriesene Hoheit deiner neuen Natur? Weiter, wenn du mit Unruhe erfüllt wirst, wie andre, so wirst du ohne Zweifel in dieselben Sünden geraten, in welche die andern unter Prüfungen und Leiden gewöhnlich stürzen. Wenn die Gottlosen von bösen Tagen überfallen werden, so murren sie wider Gott; sie empören sich wider Ihn und meinem, Gott verfahre hart mit ihnen. Willst du den Herrn auch zur Rache reizen, wie sie? Dann aber nehmen unbekehrte Menschen gar oft zu unrechten Mitteln ihre Zuflucht, um den Heimsuchungen zu entfliehen; und ganz gewiß wirst du's ebenso machen, wenn dein Geist sich von der Not, die dich drückt, beherrschen läßt. Vertraue auf den Herrn, und harre in Geduld auf Ihn. Dein weisestes Auskunftsmittel ist, daß du's machst wie Moses am Schilfmeer: ,,Fürchte dich nicht, stehe fest, und siehe zu, was für ein Heil der Herr heute an dir tun wird." Denn wenn du der Furcht nachgibst, sobald du schlimme Nachrichten vernimmst, so bist du nicht imstande, dem Unglück mit jener ruhigen Ergebung zu begegnen, die zur Erfüllung der Pflicht stählt und in Widerwärtigkeiten uns aufrecht erhält. Wie kannst du Gott verherrlichen, wenn du von Furcht dahingerissen wirst? Heilige haben häufig Gott mit Liedern gelobt mitten aus Feuerflammen heraus; kann aber dein Zweifeln und Zagen, dein Jammern und Klagen, als ob du keine Hilfe finden könntest, den Höchsten verherrlichen? So fasse denn Mut, verlaß dich mit fester Zuversicht auf deinen Bundesgott: ,,Dein Herz sei getrost und fürchte sich nicht."

 

 

,,Daß Er ihn setze neben die Fürsten."
Ps. 113, 8.

Unsre geistlichen Vorrechte sind von ganz unvergleichlichem Werte; durch sie gehören wir den höchsten Kreisen der Gesellschaft an, ,,wir sitzen neben den Fürsten." ,,Unsre Gemeinschaft sei mit dem Vater, und mit dem Sohne, Jesu Christo." Redet von den vornehmsten Umgangskreisen; diesem kommt dennoch an hohem Adel keiner gleich! ,,Wir sind das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums." Wir sind ,,gekommen zu der Gemeinde der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind." Die Heiligen haben einen freien Zugang zum Gnadenthrone. Das Kind Gottes hat einen unverwehrten Zutritt zu den innersten himmlischen Heiligtümern. ,,Denn durch Ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geiste zum Vater." ,,Darum lasset uns hinzutreten," spricht der Apostel, ,,mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen." Bei Fürsten findet man überschwengliche Reichtümer, aber was sind alle Schätze weltlicher Fürsten im Vergleich mit den Gütern der Gläubigen? Denn ,,alles ist euer; ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes." ,,Welcher auch seines eignen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat Ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte Er uns mit Ihm nicht alles schenken?" Fürsten haben besondere Macht und Gewalt. Ein Fürst des Himmelreichs besitzt großen Einfluß; Er schwingt den Herrscherstab in seiner Rechten; Er sitzt auf dem Throne des Herrn Jesu, denn ,,Er hat uns unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und wir werden Könige sein auf Erden." Wir herrschen über die vereinigten Königreiche der Zeit und der Ewigkeit. Fürsten genießen auch ganz besondere Ehre. Wir können mit unnennbarer Befriedigung auf alle erdgeborne Würde hinunterschauen, von der erhabenen Stelle aus, auf welche die Gnade uns erhoben hat. Denn was ist alle menschliche Größe im Vergleich mit dem, was uns das Wort des Apostels vorhält: ,,Gott hat uns samt Ihm auferwecket, und samt Ihm in das himmlische Wesen versetzt, in Christo Jesu?" Die Gemeinschaft mit Christo ist ein kostbareres Juwel, als je eines in einem kaiserlichen Diadem glänzte. Die Vereinigung mit dem Herrn ist eine Krone der Schönheit, welche allen Glanz königlicher Pracht bei weitem überstrahlt.

 

 

,,Es ist gut, auf den Herrn vertrauen, und sich nicht verlassen auf Menschen."
Ps. 118, 8.

Ohne Zweifel bist du schon manchmal in die Versuchung geraten, dich auf das Sichtbare zu verlassen, statt dein Vertrauen und deine Zuversicht ganz allein auf den unsichtbaren Gott zu setzen. Christen suchen oft bei Menschen Hilfe und Rat, und verunzieren die edle Einfalt ihres Vertrauens auf ihren Gott. Wenn unsre heutige Schriftstelle einem Kinde Gottes unter die Augen kommen sollte, das sich über das Zeitliche ängstigt, dann möchten wir gern ein kurzes Wort mit ihm darüber reden. Du glaubst an den Herrn Jesum und setzest wegen deiner Seligkeit dein ganzes Vertrauen auf Ihn allein; nun, was ängstigst du dich denn noch? ,,Wegen meiner schweren Sorgen." Steht denn nicht geschrieben: ,,Wirf dein Anliegen auf den Herrn?" ,,Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden." Kannst du Gott nicht dein Zeitliches anvertrauen? ,,Ach, ich wüschte, es wäre mir möglich." Wenn du aber um deine zeitlichen Anliegen keine Zuversicht zu Gott gewinnen kannst, wie magst du Ihm dein geistliches Heil anvertrauen? Kannst du auf Ihn bauen, wenn sich's um deine Seelenrettung handelt, wie kannst du Ihm nicht auch das Geringere zutrauen? Genügt dir der allmächtige Gott nicht für deine Bedürfnisse, oder ist sein Allvermögen zu gering für all deine Wünsche? Verlangst du noch ein andres Auge außer dem, das alle Geheimnisse sieht und durchforscht? Ist sein Herz hart? Ist sein Arm müde? Wenn das ist, ja, dann suche dir einen andern Gott; wenn Er aber unendlich, allmächtig, wahrhaft, treu, allweise und allgütig ist, was spähst du denn so lange umher und suchst eine andre Zuflucht? Warum durchwühlst und durchsuchst du die Erde nach einem andern Grund, wenn dieser Grund fest genug ist, um die ganze Wucht zu tragen, die du darauf türmen kannst? Lieber Christ, vermische deinen Wein nicht mit Wasser, löte das Gold deines Glaubens nicht mit den Schlacken des Menschenvertrauens zusammen. Harre auf Gott, und laß Ihn deine Hoffnung sein. Beneide Jonas nicht um seinen Kürbis, sondern traue auf seinen Gott. Laß die Toren ihr Haus auf den Sand irdischen Vertrauens gründen, du aber baue eine sichere Wohnung auf den Fels der Zeiten.

 

 

,,Im Namen des Herrn will ich sie zerhauen."
Ps. 118, 12.

Unser Herr Jesus hat durch seinen Tod nicht bloß auf einen Teil unsers Wesens, sondern auf unsern ganzen Menschen ein Recht erworben. Er hatte bei seinem heiligen Leiden die Heiligung unsers ganzen Wesens nach Geist, Seele und Leib im Auge, damit er in diesem dreifachen Reiche allein und unumschränkt Herr und Gebieter sei. Es ist die Bestimmung der neuen Natur, welche Gott seinen Wiedergebornen geschenkt hat, die Hoheits-Rechte des Herrn Jesu Christi zu befestigen. Meine Seele, wenn du ein wahres Kind Gottes bist, so mußt du alles andre in dir, was noch nicht geheiligt ist, überwinden; du mußt alle deine Lüste und Leidenschaften dem silbernen Stabe der Gnadenherrschaft Jesu untertan machen und darfst dich nicht zufrieden geben, bis daß Er, der kraft seines für dich gegebenen Lösegeldes dein König ist, auch dein König wird durch die Krone deiner Tugenden und in dir herrscht als dein Fürst. Wenn wir dann sehen, daß die Sünde in keinerlei Weise ein Recht an uns hat, so begeben wir uns in einen guten und gerechten Kampf, wenn wir sie im Namen Gottes auszutreiben suchen. O, du mein Leib, du bist ein Glied Christi; soll ich's dulden, daß du dem Fürsten der Finsternis untertan bleibst? O, meine Seele, Christus hat für deine Sünden gelitten, und dich versöhnt mit seinem allerteuersten Blut, soll ich es ertragen, daß dein Gedächtnis eine Rüstkammer des Bösen bleibe, oder deine Leidenschaften Feuerbrände der Verdammnis? Soll ich meine Vernunft dahingeben in Verkehrtheit des Irrtums, oder meinen Willen in die Ketten der Ungerechtigkeit? Nein, meine Seele, du bist Christi, und die Sünde hat keinen Anspruch noch Recht an dich. Darum bleibt mutig, teure Christen! Lasset euch nicht schrecken, als ob eure geistlichen Feinde nimmermehr könnten ausgerottet werden. Ihr seid imstande, sie zu überwinden, - nicht in eigner Kraft, - denn der schwächste unter ihnen wäre euch noch viel zu mächtig, aber ihr könnt und sollt sie überwinden durch des Lammes Blut. Fragt nicht: ,,Wie soll ich sie austreiben, denn sie sind größer und gewaltiger, als ich?" sondern gehet zu dem Starken und bittet Ihn um Kraft, harret demütig auf Gott, so wird der mächtige Gott Jakobs euch gewißlich zu Hilfe kommen, und ihr werdet Siegeslieder erschallen lassen durch seine Gnade.

 

 

,,Ich behalte Dein Wort in meinem Herzen."
Ps. 119, 11.

Es gibt Zeiten, wo die Einsamkeit uns zuträglicher ist als Gesellschaft, und Schweigen weiser ist als Reden. Wir wären bessere Christen, wenn wir öfter allein wären und auf den Herrn harrten, und durch die Betrachtung seines Wortes geistliche Kräfte zur Arbeit in seinem Dienste sammelten. Wir sollten schon deshalb über die göttlichen Dinge nachdenken, weil wir nur auf diese Weise wahrhafte Nahrung aus ihnen schöpfen können. Die Wahrheit gleicht der Weintraube: wenn wir Wein aus ihr bereiten wollen, so müssen wir sie zerstoßen; wir müssen sie keltern und wiederholt pressen. Des Kelterers Füße müssen kräftig auf die Beeren treten, sonst fließt der Most nicht heraus; sie müssen die Trauben tüchtig zerstampfen, sonst geht viel des köstlichen Getränks verloren. So müssen wir mit forschender Betrachtung die Trauben der Wahrheit treten, wenn wir den Wein des Trostes daraus empfangen wollen. Unser Leib lebt nicht allein davon, daß er Speise in den Mund nimmt, sondern erst durch die Verdauung werden Muskeln und Sehnen, Nerven und Knochen recht gestärkt und gekräftigt. Durch die Verdauung erst wird die äußerliche Nahrung zu einem Erhaltungsmittel des innerlichen Lebens. Unsre Seelen werden nicht bloß dadurch genährt, daß sie eine Zeitlang dies, dann das hören, was auf die göttliche Wahrheit Bezug hat; sondern das Hören und das Lesen, das Aufmerken und das Lernen verlangt eine innere Verarbeitung, damit sich dadurch ihre gesegnete Wirksamkeit in völligem Maße vollziehe; und diese innerliche Verarbeitung der Wahrheit beruht zum größten Teil darauf, daß dieselbe im Herzen bewegt wird. Woher kommt's, daß manche Christen trotz vieler Predigten, die sie hören, so langsame Fortschritte in einem göttlichen Leben machen? Weil sie das Gebet in ihrem Kämmerlein vernachlässigen, und nicht mit Ernst und Eifer sich der Betrachtung des Wortes Gottes hingeben. Sie lieben den Weizen, aber sie reinigen ihn nicht; sie möchten gern das Korn haben, aber sie mögen nicht aufs Feld gehen, um das Korn zu schneiden; die Frucht hängt am Baume, aber sie wollen sie nicht pflücken; das Wasser fließt zu ihren Füßen, aber sie wollen sich nicht bücken, es zu trinken. Von solcher Torheit mache uns frei, o Herr, und unser heutiger Entschluß sei: ,,Ich behalte Dein Wort in meinem Herzen."

 

 

,,Wende meine Augen ab, daß sie nicht sehen nach unnützer Lehre, sondern erquicke mich auf Deinem Wege."
Ps. 119, 37.

Es gibt der Eitelkeiten gar vielerlei. Die Narrenkappe und das Glöcklein der Toren, die Luft dieser Welt, der Jubel und der Taumelbecher des Leichtsinns; von alledem weiß die Welt wohl, daß es eitel ist; Sie alle tragen an ihrer Stirn ihren Namen und Titel geschrieben. Weit schädlicher sind aber noch andre eitle Dinge: die Sorgen dieser Welt und der Betrug des Reichtums. Ein Mensch kann in seiner Geschäftsstube gerade ebenso der Eitelkeit und Torheit nachjagen, wie im Theater. Wenn er sein Leben lang darauf hin arbeitet, Schätze zu sammeln, so bringt er seine Tage mit eitelm Tun und Trachten zu. Sobald wir nicht Christo nachfolgen und unsern Gott zum großen Hauptziel unsres Lebens machen, so unterscheiden wir uns kaum nach dem äußern Anschein von den leichtsinnigesten Menschen. ,,Erquicke mich auf Deinem Wege." Der Psalmist bekennt, daß er matt, müde, stumpf und zum Sterben elend ist. Vielleicht fühlst du ewas ganz Ähnliches, liebe Seele. Wir sind so träge, daß die besten Aufmunterungen uns nicht beleben, wenn sie nicht vom Herrn selber kommen. Wie, kann mich die Hölle nicht aufrütteln? Soll ich der Sünden gedenken, die ins Verderben stürzen, und mich nicht aufraffen? Kann mich der Gedanke an den Himmel nicht erquicken? Kann ich beim Hinblick auf den Lohn, der dem Gerechten verheißen ist, noch kalt bleiben? Erschüttert mich der Tod nicht? Kann ich ans Sterben denken und an den Richterstuhl meines Gottes und immer noch träge bleiben in meines Meisters Dienst? Wird mich nicht die Liebe Christi überwinden? Kann ich seiner teuren Wunden gedenken, kann ich unter seinem Kreuze knieen, und nicht aufgestachelt werden zum Ernst und zum Eifer? Es scheint so! Keine bloße Betrachtung vermag uns zur Tatkraft anzuregen, sondern Gott selbst muß es tun, und darum der Ausruf: ,,Erquicke Du mich!" Der Psalmist haucht seine ganze Seele aus in sein inbrünstiges Flehen; Leib und Seele vereinigen sich, bei ihm zum Gebet. ,,Wende meine Augen ab," ruft der Leib; ,,erquicke Du mich," ruft die Seele. Das ist ein rechtes Gebet für alle Tage. O Herr, erhöre dieses Gebet heute abend auch an mir!

 

 

,,Gedenke Deinem Knechte an Dein Wort, auf welches Du mich lässest hoffen."
Ps. 119, 49.

Was für ein besonderes Anliegen du auch haben magst, so findest du stets leicht irgend eine darauf bezügliche Verheißung im Worte Gottes. Bist du matt und schwach, weil dein Pfad rauh und ermüdend ist? Dann hast du hier eine Verheißung: ,,Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden." Wenn du eine solche Verheißung antriffst, so bringe sie zum großen Verheißer und bitte Ihn, daß Er sein Wort an dir erfüllen wolle. Suchest du Christum und schmachtest du nach innigerem Umgang mit Ihm? Da leuchtet dir wie ein Stern die Verheißung entgegen: ,,Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden." Bringe diese Verheißung immer wieder vor den Thron; wende dich nirgends anders hin, bringe auch nichts andres vor, sondern tritt fort und fort zu Gott und berufe dich darauf: ,,Herr, Du hast's versprochen; tue, wie Du gesagt hast." Bist du traurig und niedergeschlagen über deine Sünden, und gehest du mühselig einher unter der Last deiner Missetaten? Dann höre die Worte: ,,Ich, ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht." Du kannst dich auf kein eignes Verdienst berufen, um Anspruch auf Vergebung zu erheben, sondern du mußt dich an seine geschriebenen Verheißungen halten, so wird Er sie erfüllen. Befürchtest du, du möchtest nicht bis ans Ende beharren, und möchtest am Ende verworfen werden, obgleich du geglaubt hast, ein Kind Gottes zu sein? Ist dem also, so bringe dies Gnadenwort vor den Thron und lasse es für dich reden: ,,Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer." Hast du das liebliche Gefühl der Gegenwart deines Heilandes verloren, und suchst du Ihn mit bekümmertem Herzen, so denke an die Verheißung: ,,Bekehret euch nun zu mir, so will ich mich zu euch kehren;" ,,Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln." Laß deinen Glauben am Tische des Wortes Gottes Festmahlzeit halten, und was du auch immer fürchten oder begehren magst, so wende dich mit deines Vaters Handschrift an die Bank des Glaubens, und sprich: ,,Gedenke Deinem Knechte an Dein Wort, auf welches Du mich lässest hoffen."

 

 

,,Ich bin entbrannt über die Gottlosen, die Dein Gesetz verlassen."
Ps. 119, 53.

Meine Seele, fühlst auch du diesen heiligen Schauder über die Sünden andrer? Denn sonst fehlt es dir an innerer Heiligung. Über Davids Wangen rannen Ströme von Tränen ob der überhandnehmenden Gottlosigkeit; Jeremia wünschte, daß seine Augen Tränenquellen wären, daß er Tag und Nacht beweinen möchte die Missetaten seines Volkes, und Lot trauerte über den Wandel der Leute zu Sodom. Jene, die im Gesichte Hesekiels an ihren Stirnen mit einem Zeichen gezeichnet wurden, waren die, die da seufzten und jammerten über alle Greuel zu Jerusalem. Es kann begnadigte Seelen nur betrüben, wenn sie sehen, wieviel Mühe sich die Menschen geben, um in die Hölle zu kommen. Sie kennen den Schaden der Sünde aus Erfahrung und erschrecken, wenn sie andre gleich Motten in die Flamme fliegen sehen. Die Sünde jagt den Gerechten Entsetzen ein, weil sie das heilige Gesetz verletzt, das zu halten jedes Menschen höchste Pflicht und höchster Vorteil ist; sie stürzt die Pfeiler des Gesamtwohls. Die Sünde andrer flößt einem Gläubigen Entsetzen ein, weil sie ihn an die Bosheit des eignen Herzens erinnert; wenn er einen Übertreter erblickt, ruft er aus: ,,Heute fiel dieser, werde ich vielleicht morgen fallen?" Die Sünde ist einem Gläubigen etwas Furchtbares, weil sie den Heiland kreuzigte; er erblickt in jedem Unrecht die Kreuzesnägel und den Speer. Wie kann eine errettete Seele die entsetzliche heilandsmörderische Sünde ohne Schauder gewahr werden? Sage, meine Seele, stimmst du in allem hiermit überein? Es ist etwas Furchtbares, Gott ins Angesicht zu schmähen. Der liebe Gott verdient eine bessere Behandlung, der große Gott verlangt sie, der gerechte Gott begehrt sie, sonst bezahlt Er dem Sünder die Schmach auf den Kopf. Eine erweckte Seele zittert über die Frechheit der Sünde und entsetzt sich ob ihrer Strafe. Wie ist doch die Empörung etwas so Unnatürliches! Welche furchtbare Verdammnis wartet auf die Gottlosen! Meine Seele, lache nie über Sündentorheiten, sonst fängst du an, Wohlgefallen an ihnen zu finden. Sie ist dein Feind und deines Herrn Feind, betrachte sie mit Abscheu, denn nur so kannst du beweisen, daß du der Heiligung nachjagest, ohne welche wird niemand den Herrn sehen.

 

 

,,Wehe mir, daß ich ein Fremdling bin unter Mesech; ich muß wohnen unter den Hütten Kedars."
Ps. 120, 5.

Als Christ mußt du inmitten einer gottlosen Welt leben und wohnen, und es nützt dir wenig, wenn du rufst: ,,Wehe mir." Der Herr Jesus hat nicht gebeten, daß du möchtest von der Welt genommen werden, und was Er nicht für dich gebeten hat, brauchst du auch nicht zu wünschen. Weit besser, du gehst der schweren Prüfung entgegen in der Kraft des Herrn, und verherrlichst Ihn durch deinen Kampf. Der Feind ist allezeit auf der Lauer, um in deinem Wandel Fehler und Gebrechen zu entdecken; sei darum recht heilig. Bedenke, daß aller Augen auf dich gerichtet sind, und daß mehr von dir verlangt wird als von andern Menschen. Bestrebe dich, keinen Anlaß zum Tadel zu geben. Laß deine Aufrichtigkeit in Wort und Wandel den einzigen Vorwurf sein, den man dir machen kann. Wie Daniel nötige deine Widersacher, von dir zu sagen: ,,Wir werden keine Sache an diesem Daniel finden, ohne über seinen Gottesdienst." Trachte ferner nicht nur standhaft zu bleiben, sondern auch im Segen zu wirken. Vielleicht denkst du: ,,Wenn ich in einer günstigen Lage wäre, so könnte ich der Sache des Herrn dienen, aber da, wo ich jetzt bin, kann ich das Gute, das ich wirken möchte, nicht vollbringen;" aber je schlimmer die Leute sind, unter denen du wohnst und lebst, umso nötiger sind ihnen deine Ermahnungen; sind sie verschroben, so ist's um so notwendiger, daß du sie gerade streckst; sind sie verkehrt, so mußt du umso mehr ihr stolzes Herz der Wahrheit zuzuwenden suchen. Wo ist der Arzt an seiner rechten Stelle, wenn nicht da, wo's viele Kranke gibt? Wo anders erringt der Krieger Ehre, als im heißesten Feuer des Kampfes? Und wenn du des Kampfes mit der Sünde müde bist, die dir von allen Seiten entgegentritt, so bedenke, daß alle Heiligen diese Prüfung haben bestehen müssen. Sie fuhren nicht auf weich gepolsterten Ruhebetten gen Himmel, und du darfst nicht erwarten, daß du deine Reise bequemer machst als sie. Sie gaben ihr Leben dem Tode preis auf den Höhen des Schlachtfeldes, und auch du wirst die Krone nicht empfangen, wenn du nicht ebenfalls als ein guter Streiter Jesu Christi schwere Kämpfe bestanden hast. Darum ,,wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark." ,,Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, dazu du auch berufen bist, und bekannt hast ein gutes Bekenntnis."

 

 

,,Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich."
Ps. 126, 3.

Manche Christen geben sich der krankhaften Neigung hin, alles nur von der Schattenseite anzusehen, und mehr auf das Gewicht zu legen, was ihnen Trauriges und Widerwärtiges widerfahren ist, als auf das, was Gott an ihnen getan, wir Er sie gesegnet und fröhlich gemacht hat. Fragt ihr sie nach dem Eindruck, den sie vom Christenleben haben, so schildern sie euch ihre beständigen Kämpfe, ihre schweren Heimsuchungen, ihre traurigen Schicksale, die Sündhaftigkeit ihres Herzens, und kaum berühren sie in leisen Andeutungen die Gnade und Hilfe, die ihnen Gott gewährt hat. Aber ein Christ, dessen Seele sich in einem gesunden Zustande befindet, geht fröhlich einher und spricht: ,,Ich will reden, aber nicht von mir, sondern von der Ehre meines Gottes. Er zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamme, und stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten kann; und hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott. Der Herr hat Großes an mir getan, des bin ich fröhlich." Solch ein Ausdruck der innern Erfahrung ist das beste, was ein Kind Gottes irgend zum Vorschein bringen kann. Es ist wahr, daß wir müssen durch Trübsal hindurch gehen, aber es ist ebenso wahr, daß wir daraus erlöst werden. Es ist wahr, daß wir unsre Fehler und Gebrechen haben, und wir erkennen es mit Schmerzen, aber es ist ebenso wahr, daß wir einen allvermögenden Heiland haben, der dieses innere Verderben überwindet und uns von seiner Herrschaft befreit. Wenn wir zurückschauen, so wär's unrecht, zu leugnen, daß wir im Sumpf der Verzweiflung lagen und durch das Tal der Demütigung krochen, aber es wäre ebenso erbärmlich, zu vergessen, daß wir wohlbehalten und unverletzt hindurch kamen; wir sind nicht darin zurückgeblieben, dank unsrem allmächtigen Helfer und Hirten, der uns ,,ausgeführt und erquickt" hat. Je tiefer unsre Trübsal, umso lauter unser Dank gegen Gott, der uns hindurchgebracht und bis heute bewahrt hat. Unsre Leiden können den Wohllaut unsres Lobliedes nicht trüben, sie sind nur die tiefere Begleitung unsres Preispsalms: Unser Mund wird voll Lachens, und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan; der ,,Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich."

 

 

,,Sie singen auf den Wegen des Herrn."
Ps. 138, 5.

Die Christen fangen an zu singen auf den Wegen des Herrn, wenn sie ihre Last am Fuße des Kreuzes los geworden sind. Selbst das Loblied der Engel erschallt nicht so lieblich, wie der erste Preisgesang des Entzückens, der aus der innersten Tiefe der Seele eines Kindes Gottes hervorquillt, wenn es Frieden gefunden hat. Ihr wißt, was Bunyan in seiner Pilgerreise davon schreibt: Er sagt, als der arme Pilger am Kreuze sich seiner Last entledigt habe, sei er vor Freuden hoch aufgesprungen und singend weiter gezogen: ,,Heil Dir, o Kreuz und Tod! Heil Dem, der hat erduldet Des Todes bittre Not Für mich, der ich's verschuldet!" Du gläubige Seele, erinnerst du dich der Stunde, da deine Fesseln fielen? Gedenkst du noch der Stätte, wo der Herr Jesus dir begegnete und zu dir sprach: ,,Ich habe dich je und je geliebt; ich vertilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünde wie den Nebel, und soll deiner Sünde nicht wieder gedacht werden ewiglich." O, was ist das doch für eine selige Zeit, wenn der Herr Jesus die Sündenschuld wegnimmt. Als mir der Herr zuerst die Sünden vergab, war ich so voller Freude, daß ich sprang und tanzte. Als ich aus dem Hause heimkehrte, wo mir meine Freiheit war zur Gewißheit geworden, da meinte ich, ich müßte den Steinen auf der Straße die Geschichte meiner Erlösung verkündigen. So voller Freude war meine Seele, daß ich hätte mögen jeder Schneeflocke, die vom Himmel fiel, von der wunderbaren Liebe Jesu erzählen, der die Sünden eines seiner ärgsten Widersacher ausgetilgt hatte. Aber nicht nur im Anfang des christlichen Lebens haben die Gläubigen allen Grund zu Lobgesängen; so lange sie auf Erden pilgern, finden sie Ursache, zu singen auf den Wegen des Herrn; und alles, was sie von seiner beständigen Liebestreue erfahren, nötigt sie zu dem Bekenntnis: ,,Ich will den Herrn loben allezeit, sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein." Siehe zu, lieber Bruder, daß du heute den Herrn erhebest. ,,So lange wir Auf Erden wallen, Soll für und für Sein Lob erschallen!"

 

 

,,Der Herr wird es ein Ende machen, um meinetwillen."
Ps. 138, 8.

Ganz offenbar ist das Vertrauen, das der Psalmist mit diesen Worten ausspricht, ein göttliches Vertrauen. Er sagt nicht: ,,Ich stehe in solcher Gnade, daß ich es werde ein Ende machen können; mein Glaube ist so unerschütterlich, daß er nicht wankt; meine Liebe ist so warm, daß sie nie erkaltet; mein Entschluß ist so fest, daß ich durch nichts davon abzubringen bin;" so spricht er nicht, sondern all seine Zuversicht und sein Vertrauen ist allein der Herr. Wenn wir auf irgend etwas unser Vertrauen setzen, was nicht auf den Fels der Zeiten gegründet ist, so ist unsre Zuversicht und Zuflucht von geringerm Halt als ein Traum, sie stürzt über uns zusammen und begräbt uns unter ihren Trümmern, zu unserm tiefsten Schmerz, zu unsrer größten Bestürzung. Der Psalmist war weise, er baute seine Zuversicht auf nichts Geringeres als auf das Werk des Herrn. Der Herr allein ist's, der das gute Werk in uns angefangen hat; Er ist's, der's auch hinausführt; und wenn Er es nicht vollendet, so wird's stets unvollendet bleiben. Wenn an dem himmlischen Kleid unsrer Gerechtigkeit auch nur ein einziger Stich ist, den wir selbst hineingeflickt haben, dann sind wir verloren; unsre Zuversicht aber steht darauf, daß der Herr das, was Er angefangen hat, auch vollendet. Er hat alles getan, Er muß alles tun, und Er wird alles tun. Unsre Zuversicht darf nicht auf das abstellen, was wir getan haben, noch auf das, wozu wir fest entschlossen sind, sondern ganz und gar nur auf das, was der Herr tun will. Der Unglaube flüstert uns zu: ,,Du wirst's nimmermehr hinausführen, du bist nicht standhaft genug. Siehe deines Herzens Tücke an, du kannst die Sünde nicht überwinden; denke an die sündlichen Vergnügungen und Versuchungen der Welt, die dich locken, sie werden dich gewiß betören und irre leiten." Ach ja, wir müßten wahrlich ins Verderben stürzen und umkommen, wenn wir auf unsre eigne Kraft angewiesen wären. Wenn wir ohne himmlischen Beistand unser gebrechliches Fahrzeug müßten über ein so wildes Meer steuern, so müßten wir die Fahrt verzweifelnd aufgeben; aber Gott sei Dank, Er wird es ein Ende machen um unsertwillen und uns landen am ersehnten Ziel. Wir vertrauen nie zu viel, wenn wir auf Ihn allein unser Vertrauen setzen; wir sind nimmermehr betrogen, wenn wir eine solche Zuversicht haben.

 

 

,,Wie köstlich sind vor mir, Gott, Deine Gedanken."
Ps. 139, 17.

Gottes Allwissenheit gewährt dem Gemüte des Gottlosen keinen Trost, aber dem Kinde Gottes spendet sie Ströme von süßer Zuversicht. Gott denkt allezeit an uns, Er wendet sein Gemüt nie von uns ab, Er hat uns beständig unter seinen Augen; und das ist es gerade, was wir brauchen, denn es wäre schrecklich, wenn wir auch nur einen Augenblick von der Obhut unsers himmlischen Vaters ausgeschlossen wären. Seine Gedanken sind immer zärtlich, liebevoll, weise, umsichtig, fernblickend, und sie gewähren uns unsägliche Segnungen: darum ist es eine auserwählte Freude, darüber nachdenken zu dürfen. Der Herr hat stets seine Gedanken auf sein Volk gerichtet gehabt: daher ihre Erwählung und der Gnadenbund, durch welchen ihre Erlösung besiegelt wird; Er wird ihrer auch stets eingedenk bleiben: daher ihr Beharren bis ans Ende, dadurch sie wohlbewahrt zu ihrer letzten Ruhe eingehen dürfen. In all unsern Verirrungen ist der wachsame Blick des ewigen Hüters unabwendbar auf uns gerichtet, wir können uns nie aus des guten Hirten Aufsicht verlieren. In unsern Ängsten beobachtet Er uns unausgesetzt, Ihm entgeht auch kein einziger Seufzer; in all unserm Streit achtet Er auf unser Ermatten und verzeichnet in seinem Buch jeden Kampf seiner Getreuen. Diese Gedanken des Herrn begleiten uns auf allen unsern Wegen und durchdringen unser innerstes Wesen. Kein Nerv und kein Muskel, keine Fiber und keine Ader unsers kunstreich gebauten Leibes ist sich selbst überlassen, über alle kleinsten Teile unsrer kleinen Welt wacht der Gedanke unsers großen Gottes. Liebe Seele, ist dieser Gedanke dir teuer? dann halte ihn fest. Laß dich nimmer verführen von den weltklugen Toren, die einen unpersönlichen Gott verkündigen und von einer ewigen, sich selbst bestimmenden toten Materie reden. Der Herr lebt und ist unser eingedenk; das ist eine Wahrheit, die viel zu köstlich für uns ist, als daß wir sie uns so leichten Kaufs rauben ließen. Wer eines Vornehmen Aufmerksamkeit auf sich zieht, schätzt sich glücklich und hält sein Glück für gesichert; aber was ist doch das gegen die Obhut des Königs der Könige! Wenn der Herr an uns denkt, so ist es ganz gut, und wir freuen uns des ohn' Ende.

 

 

,,Herr, Du bist mein Teil!"
Ps. 142, 5.

Siehe dein Erbteil an, gläubige Seele, und vergleiche dein Eigentum mit dem Besitz deiner Nebenmenschen. Ihrer etliche haben ihr Teil in ihren Äckern; sie sind reich und ihre Ernten gewähren ihnen eine goldene Zulage. Aber was sind ihre Vorräte gegen deinen Gott, der auch der Gott der Ernten ist? Was sind doch überfüllte Kornkammern gegen Den, der der rechte Hausvater ist und dich mit Himmelsbrot nährt? Etliche haben ihr Teil in der Stadt; ihr Reichtum ist mächtig und fließt ihnen in ununterbrochenen Strömen zu, bis sie selber zu goldenen Schatzkammern werden; aber was ist Gold gegen deinen Gott? Vom Gold kannst du nicht leben, es vermag dein geistliches Leben nicht zu fristen. Lege jenes Gold auf ein böses Gewissen, vermag es seine bangen Zuckungen zu beruhigen? Lege jenes Gold auf ein verzweifelndes Herz, und siehe, ob es auch nur einen einzigen Seufzer zu stillen, oder einen leisen Kummer zu erleichtern imstande ist? Du aber besitzest Gott, und in Ihm hast du mehr, als alles, was je mit Gold und Schätzen kann erkauft werden. Etliche haben ihr Teil in dem, wonach die meisten Menschen streben: Beifall und Ruhm; aber frage dich, ist dir dein Gott nicht noch mehr wert als das? Was nützte dir es, wenn Tausende von Posaunen zu deinem Lob ertönen würden; würde dich dies stärken auf dem Durchgang durch den Jordanstrom, oder dich trösten im Angesicht des Gerichts? Nein, schon im Leben gibt es Schmerzen, die kein Reichtum mildern kann; und dann kommt ein tiefes Bedürfnis für die Stunde des Todes, das keine Schätze befriedigen können. Wenn aber Gott dein Teil ist, so besitzest du mehr, als dies alles zusammen. In Ihm wird jedes Bedürfnis gestillt, im Leben wie im Tode. Hast du Gott zu deinem Teil, so bist du wahrhaft reich; denn Er sorget für dich, tröstet dein Herz, stillt deinen Kummer, leitet deine Tritte, geht mit dir durch das dunkle Tal und nimmt dich endlich zu sich heim, damit du dich in Ihm, als deinem Teil, ewiglich freuen kannst. ,,Ich habe genug," sprach Esau; das ist das beste, was ein weltlich gesinnter Mensch sagen kann; aber Jakob antwortete: ,,Ich habe alles genug," und das ist ein Laut, der irdischen Gemütern zu hoch und unerreichbar ist.

 

 

,,Das Volk, das Ihm nahe ist."
Ps. 148, 14.

Die Ordnung des Alten Bundes richtete heilige Schranken der Unnahbarkeit auf. Sogar wenn Gott seinem Knecht Moses erschien, sprach Er: ,,Tritt nicht herzu; ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen." Und als Er sich auf dem Berge Sinai seinem auserwählten und geheiligten Volke offenbarte, bestand eines seiner ersten Gebote darin: ,,Mache ein Gehege um den Berg, und heilige ihn." Sowohl in der gottesdienstlichen Ordnung der Stiftshütte, als in derjenigen des Tempels war stets der Gedanke der heiligen Absonderung vorherrschend. Die Menge des Volkes durfte nicht einmal den äußeren Vorhof betreten. In den inneren Vorhof durften sich nur die Priester begeben; während das Allerheiligste, der innerste Raum, einmal im Jahr vom Hohenpriester allein durfte betreten werden. Es war, wie wenn der Herr in jenen früheren Zeiten dem Menschen hätte zum Bewußtsein bringen wollen, wie sehr Er die Sünde verabscheue, und daß Er um ihretwillen die Menschen wie Aussätzige betrachten müsse, die vom Lager ausgestoßen seien; und auch wenn Er sich ihnen nahte, ließ Er sie den weiten Abstand fühlen zwischen einem heiligen Gott und einem unreinen Sünder. Als aber das Evangelium kam, wurden wir auf einen ganz andren Standpunkt gestellt. Das Wort ,,Gehe" ward mit dem freundlichen ,,Komm" vertauscht; die Entfernung mußte der Nähe Raum machen, und wir, die wir weiland ferne gewesen, sind nun nahe geworden durch das Blut Christi. Die menschgewordene Gottheit hat keine feurige Mauer mehr um sich her. ,,Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken," das ist die fröhliche Botschaft Gottes, da Er im Fleisch erschienen ist. Er läßt den Aussätzigen seine Krankheit nun nicht mehr entgelten durch Verbannung aus seiner Nähe, sondern gibt sie ihm nur dadurch zu fühlen, daß Er selbst die Strafe seiner Verunreinigung auf sich nimmt. Welch ein Gefühl der Sicherheit und der Bevorzugung wird uns doch durch die Nähe Gottes in Christo Jesu geschenkt! Kennt ihr's aus Erfahrung? Und wenn ihr's kennt, lebt ihr in seiner Kraft? Wunderbar ist diese Nähe, und doch soll noch eine innigere Annäherung erfolgen, wenn es einmal heißt: ,,Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen, und Er wird bei ihnen wohnen."

 

 

,,Israel freue sich Des, der ihn gemacht hat."
Ps. 149, 2.

Sei fröhlichen Herzens, lieber Christ, aber habe acht, daß deine Freude ihre Quelle in dem Herrn habe. Du hast sehr viel Ursache zur Freude in deinem Gott, denn du kannst mit David singen: ,,Gott, der meine Freude und Wonne ist!" Sei fröhlich, daß der Herr herrschet, daß Jehovah König ist! Freuet euch, daß Er auf dem Stuhl sitzet und regieret alle Dinge! Jede Eigenschaft Gottes sollte ein neuer Strahl im Farbenbogen unsrer Freude sein. Das sollte uns fröhlich machen, daß Er weise ist, dieweil wir unsre Torheit kennen. Das Er mächtig ist, sollte uns, die wir ob unsrer Schwachheit mit Furcht und Angst erfüllt sind, zur Freude stimmen. Daß Er ewiglich bleibet, sollte allezeit unsres Lobliedes Inhalt sein, weil wir wissen, daß wir hinwelken wie das Gras und wie des Grases Blume. Daß Er unwandelbar ist, sollte uns einen unaufhörlichen Preisgesang in den Mund geben; denn wir verändern uns stündlich. Daß Er voller Gnade ist, daß Er von Gnade überströmt, und daß Er uns diese Gnade in seinem Bund und Testament geschenkt hat; daß sie für uns da ist zu unsrer Reinigung, zu unsrer Bewahrung, zu unsrer Heiligung, zu unsrer Vollendung und zu unsrer Verherrlichung, das alles sollte uns zur Freude in Ihm auffordern. Solche Freude in Gott gleicht einem tiefen Strom; wir haben kaum erst seine Gestade berührt, wir wissen etwas Weniges von seinen klaren, lieblichen, himmlischen Fluten; aber droben fließt er majestätischer, tiefer, und seine Strömung ist gewaltiger und hinreißender. Der Christ fühlt, daß er sich nicht bloß freut über das, was Gott ist, sondern auch über alles, was Gott in den vergangenen Zeiten getan hat. Die Psalmen beweisen uns, daß in den vorigen Zeiten das Volk Gottes viel und oft eingedenk war der Taten Gottes, und für jede einzelne der herrlichen Offenbarungen seiner Macht einen Lobgesang besaß. So soll denn auch noch heute das Volk des Herrn erheben die Taten des Herrn, seines Gottes! Sie sollen erzählen die gewaltigen Siege seines herrlichen Arms und sollen rühmen: ,,Lasset uns dem Herrn singen, denn Er hat eine herrliche Tat getan!" Gleichwie einen Tag um den andern ihnen neue Gnadenströme zufließen, so sollte auch ihre Freude über ihres Herrn Liebestaten in der Vorsehung und Gnadenführung sich erzeigen in anhaltendem Danken und Lobpreisen. Seid fröhlich, ihr Kinder Zions, und freuet euch in dem Herrn, eurem Gott.

 

 

,,Der Herr hat Wohlgefallen an seinem Volk."
Ps. 149, 4.

Wie allumfassend ist doch die Liebe Jesu! Es ist in dem, was sein Volk angeht, nichts, was Er nicht berücksichtigt, und nichts, was sich auf ihr Wohlergehen bezieht, ist Ihm gleichgültig. Gläubiger Bruder, Er sieht in dir nicht nur ein unsterbliches Wesen, sondern Er denkt auch daran, daß du sterblich bist. Leugne es nicht, und zweifle nicht daran, daß auch ,,die Haare auf eurem Haupte alle gezählt" sind. ,,Von dem Herrn wird des gerechten Mannes Gang gefördert, und Er hat Lust an seinem Wege." Es wäre traurig für uns, wenn dieser Mantel der Liebe nicht alle unsre Bedürfnisse bedeckte, denn welcher Schaden könnte uns nicht erwachsen in dem Teil unsrer Arbeit, der nicht unter des Herrn Obhut stünde! Gläubige Seele, verlaß dich darauf, daß das Herz Jesu sich auch deiner kleinen Anliegen annimmt. Der Odem seiner zärtlichen Liebe ist so sehr von Mitleid erfüllt, daß du in allen Dingen deine Zuflucht zu Ihm nehmen darfst; denn wer euch ängstiget, der ängstiget Ihn auch, und wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmet, so erbarmet Er sich über euch. Die unbedeutendsten Angelegenheiten aller seiner Heiligen ruhen in dem weiten Schoß des Sohnes Gottes. O, was hat Er doch für ein Herz, das nicht nur die Personen seines Volkes umfaßt, sondern auch die verschiedenen und zahllosen Anliegen jedes einzelnen unter ihnen berücksichtigt! Meinest du, lieber Christ, du könntest die Liebe Christi ermessen? Denke daran, was seine Liebe dir erworben hat: Rechtfertigung, Kindschaft, Heiligung, ewiges Leben. Der Reichtum seiner Güte ist unerforschlich; du wirst nie imstande sein, sie zu nennen oder auch nur zu überblicken. Ach, welch eine Breite und Weite der Liebe Christi! Wird eine so große Liebe unsre Herzen auch nur halb besitzen? Wird ihr mit einer kalten Liebe vergolten werden? Soll Jesu wunderbare Leutseligkeit und zarte Sorgfalt nur einer schwachen Erwiderung und einer trägen Anerkennung begegnen? O, meine Seele, stimme deine Harfe zu freudigen Liedern des Danks! Gehe ein zu deiner Ruhe mit Freuden, denn du bist kein verlassener Fremdling, sondern ein liebes Kind, das dein Herr überwacht, versorgt, behütet und beschützt. ,,Die Heiligen sollen fröhlich sein und preisen und rühmen auf ihren Lagern."


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