Wie kam es eigentlich, daß Charles Spurgeon jeden Sonntag vor mehreren Tausend Zuhörern predigte?

Wie die Uhr, sobald sie aufgezogen ist, auch zu gehen und die Zeit zu zeigen anfängt, so begann auch Spurgeon, sobald er durch Gottes Gnade zum Leben des Glaubens erweckt war, nach der Regel des Glaubens zu wandeln und für das Reich Gottes zu wirken, obwohl er fast noch ein Knabe war.

Er wurde Lehrer in einer Sonntagsschule in Newmarket, und wirkte da bald auf die Kinder seiner Klasse so anregend und fesselnd ein, daß er aufgefordert wurde, alle Samstag Abend in der Sakristei der gesamten Sonntagsschule einen Vortrag zu halten.
Später, im Lauf des Jahres 1851, übernahm er eine Lehrerstelle in einer Privatschule in Cambridge, und da bot sich ihm eine noch reichlichere Gelegenheit zur Arbeit im Reiche Gottes dar.

In der Umgegend von Cambridge lagen 23 Dissentergemeinden, welche keinen eigenen Geistlichen hatten, sondern von einem Verein von Laienpredigern bedient wurden, welche Sonntags und oft auch an Wochentagen Abends in die betreffenden Dörfer gingen, und dort teils in Scheunen, teils in großen Wohnstuben, teils auch auf dem freien Feld das Evangelium predigten.

An diesen Verein von Laienpredigern schloß sich sofort der kaum 17jährige Jüngling auch an, und fand bald einen solchen Beifall, daß er in kurzer Zeit von allen Seiten her begehrt wurde, und jeden Abend in ein anderes Dorf gehen mußte, wo die Leute scharenweise seinen Predigten zuströmten.

Diese Wirksamkeit hatte er noch nicht ein ganzes Jahr ausgeübt, so wurde er, der noch nicht 18jährige Jüngling, der noch keinerlei theologische Studien durchgemacht hatte, bereits zum Geistlichen in einer dieser Gemeinden, in Waterbeach, gewählt.

Er nahm diese Wahl an, behielt aber, weil das Gehalt, das die Gemeinde geben konnte, zu gering war, seine Stelle in der Schule zu Cambridge bei. Dennoch war der Erfolg seiner Arbeit in Waterbeach unglaublich. Jeden Sonntag wurden neue Personen durch seine Predigten aus ihrem Sündenschlaf aufgeweckt und in der kurzen Zeit von 18 Monaten verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder der Gemeinde, während der Zudrang zu seinen Predigten so groß wurde, daß die Kapelle zu klein war, um alle zu fassen.
Sein Vater, der aus all dem sich überzeugte, daß er von Gott selbst zum Prediger berufen und auserlesen sein, und der Ansicht war, daß ein Prediger auch eine theologische Bildung haben müsse, bot ihm nun an, ihn auf einem Baptisten-College (einer Baptisten-Universität) förmlich Theologie studieren zu lassen; allein er selbst hatte eine angeborene Abneigung gegen alle menschliche Schulbildung und zog es vor, in der Schule des heiligen Geistes, die bisher seine einzige Schule gewesen war, zu bleiben und sein Werk in Waterbeach dem Studium der Theologie nicht zum Opfer zu bringen.

Sein Vater und seine Mutter freilich und mit ihnen wohl auch viele andere sahen hierin nicht nur einen Mißgriff, sondern auch eine sträfliche Vernachlässigung eines guten Rats; allein Gott bekannte sich zu ihm und förderte das Werk seiner Hände, so daß das Aufsehen, das er erregte, bald bis nach London sich verbreitete, und dort eine der ältesten Baptisten-Gemeinden in New-Park-Street auf den Gedanken kam, ihn vorerst nur auf Probe zu ihrem Geistlichen zu berufen.

Er kam und hielt im Herbst 1853 seine Probepredigten. Diese übten aber eine solche Wirkung auf die Zuhörer aus, daß in wenigen Wochen die Kapelle, welche 1000 Menschen faßte, bisher aber gewöhnlich nur 200 Kirchgänger hatte, voll zu werden anfing, und alle Stimmen, welche vorher wegen seiner Jugend und wegen seines Mangels an theologischer Bildung gegen ihn waren, verstummten und einstimmig für ihn sich entschieden.
Noch war er kein Jahr in London, so war die Kapelle, obwohl man sie bedeutend vergrößerte, bereits wieder zu klein. Nun beschlossen die Kirchenvorstände, ihre Kapelle nach Exeter-Hall, dem größten Versammlungslokal in London, zu verpflanzen; und siehe! in kurzer Zeit war auch dieses ungeheuer geräumige Lokal jeden Sonntag Morgen und Abend gedrängt voll, so daß wohl mancher der gelehrtesten Prediger der Hochkirche mit scheelen Augen auf den ungebildeten jungen Baptisten hinblickte, dem es so schnell gelungen war, dieses Lokal zu füllen.
Aber siehe! bald war auch Exeter-Hall zu klein, und die Frage, wo jetzt hin, um allen Zuhörern Platz zu schaffen? setzte die Kirchenvorstände in neue Verlegenheit. Da fand sich nach langem Suchen endlich im Süden der Stadt ein noch größeres Lokal, die große Musikhalle im Royal Lorrey Goodley, die 10-12'000 faßte, und bisher nur bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten, bei den gefeiertsten Konzerten, sich zu füllen pflegte. Ob Spurgeon auch diese Halle füllen werden, fragte man sich zweifelnd, beschloß aber doch, einmal es zu versuchen.
Dies sollte am 19. Oktober 1856 geschehen. Es wurde öffentlich bekannt gemacht, und siehe! die Halle füllte sich in der Tat.

Allein mitten unter der Predigt erscholl plötzlich, ohne Zweifel aus dem Mund eines Böswilligen, der Ruf: Feuer, Feuer! und obwohl von Feuer nirgends etwas zu sehen war, bemächtigte sich doch plötzlich ein panischer Schrecken der ganzen Versammlung. Alles kam in Aufruhr, jeder eilte der Türe zu, eine Galerie stürzte ein und tötete und verwundete viele, während andere in Folge des Gedränges nicht weniger litten.

Ihn selbst ergriff und erschütterte die Sache auch so, daß er krank wurde. Das war seine erste Predigt in der Musikhalle, und jedermann fürchtete, das Publikum werde hierdurch für lange Zeit abgeschreckt sein;
allein als er nach drei Wochen seine zweite Predigt in derselben Halle hielt, siehe!   so  wurde  sie  noch  voller,  als  das  erste   Mal,  und seitdem predigt er da jeden Sonntag Morgen vor 10-12'000 Zuhörern, während er Abends in seiner alten Kapelle vor seinen eigentlichen Gemeindemitgliedern predigt.

Daß er hierbei dem Neid und Spott und der Verleumdung von vielen Seiten her nicht entgehen konnte, begreift jeder wohl, der das menschliche Herz, besonders das natürliche, noch unbekehrte Herz mit seiner angeborenen Feindschaft wider Gott und seinen Gesalbten kennt. Diesem Schicksal konnte er um so weniger entgehen, da er seine Wirksamkeit nicht auf London beschränkt, sondern daneben auch noch große Predigtreisen durch ganz England und Schottland unternimmt. Von allen Seiten her wird er mit Bitten um Gastpredigten angegangen, so daß er jeden Tag ein bis zwei Mal predigen muß, und jetzt schon vor vielen Hunderttausenden von Seelen das Evangelium gepredigt und mehr Seelen dem Heiland zugeführt hat, als andere studierte Prediger ihr ganzes Leben lang nicht aufzuweisen haben.
Was seinen Predigten solchen Eingang verschafft, ist schwer zu sagen. Es ist Geist und Leben darin, wovon sich jedermann durch seine Predigten und Andachten selbst überzeugen kann.

Was sagte C.Spurgeon später über diese Zeit?

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