P.Wurster

«Und da Jesus vorüberging, sah er Levi am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.»
Markus 2, 14

Warum gefällt uns dieser Levi? Weil er durchgebrochen ist durch den Bann der Vorurteile seines Standes und mit männlichem Entschluß seinen Platz bei Jesus eingenommen hat. Er war der erste Zöllner, der so etwas tat. So ist er frei geworden von den Menschen. Er hat vielleicht eine gute, jedenfalls eine sichere Stellung aufgegeben, um sein Leben an Jesus zu binden. Was er bei diesem gefunden hat, ersetzte ihm alles weit.
Diese Erfahrung werden wir auch machen, sobald wir entschlossene Jesusjünger sind. Das zu werden ist in unserer Zeit und unserer Umgebung nicht leicht; sonst gäbe es nicht so viele Halbchristen, die es zu keiner kraftvollen Entschiedenheit bringen, weil sie durch alle möglichen Rücksichten auf Menschen, Sitten, Standesvorurteile gelähmt sind. Christen aus einem Guß müssen wir sein, keine zusammengeflickten Leute! Es gibt für uns auch Entscheidungsstunden wie die, in der Levi seine Zollbank verlassen hat. Ein Zaudern, ein Zurückbleiben in solchen Augenblicken kann verhängnisvoll werden für unsere ganze innere Entwicklung, ein gläubiges Durchbrechen entscheidend für unser ganzes Leben. Frei von den Menschen und gebunden sein an Gott, das ist unsere Aufgabe.

Ach, erheb' die matten Kräfte, Daß sie sich doch reißen los Und, durch alle Weltgeschäfte Durchgebrochen, stehen bloß. Weg mit Menschenfurcht und Zagen! Weich, Vernunftbedenklichkeit! Fort mit Angst vor Schmach und Plagen! Weg des Fleisches Zärtlichkeit! Laß, die teuer sind erworben, Nicht der Menschen Knechte sein! Denn, so wahr du bist gestorben, Mußt du uns auch machen rein, Nein und frei und ganz vollkommen Und verklärt ins beste Bild! - Der hat Gnad' um Gnad' genommen, Welchen deine Füll' erfüllt! Amen.


«Und siehe, ein kananäisches Weib schrie ihm nach und sprach: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich mein! meine Tochter wird vom Teufel übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort.»
Matth. 15, 22 u. 23.

Das kananäische Weib war in großer Not. Mutterliebe und Todesangst hat aus ihr geschrien. Menschen, deren Hilfe sie gesucht, Mittel, die sie angewendet, ihre eigene Arbeit und Pflege, alles war umsonst; nun schreit sie dem Heiland nach: erbarme du dich meiner! Warum antwortet er nicht? Weiß er nicht, wie einer Mutter zumute ist, welche für das Leben ihres Kindes zittert? Er weiß es wohl; er gibt nur ihrem Glauben zu tun. Gott hat uns auch schon die Antwort versagt, wenn wir in großer Angst zu ihm gerufen haben. Er hat nicht gleich geholfen, hat uns nicht einmal ein Zeichen gegeben, daß er uns so oder so helfen wolle. Jetzt kommt es darauf an, ob etwas Echtes in unserem Glauben ist. Haben wir Gott aufgesucht, nur damit er uns geschwind unseren Willen tun soll, dann ärgert uns sein Schweigen und Wartenlassen, und wir hören bald auf mit unserer Zuversicht. Wenn wir aber Gott selber gesucht haben, dann treibt uns sein Schweigen immer näher an sein Herz; wir lassen ihn nicht, er segne uns denn, und es ist uns dann recht, wann er hilft, und wie er uns erhört.

Herr Gott, himmlischer Vater! Du hast uns schon oft warten lassen, wenn wir etwas von dir begehrt haben. Wir haben gemeint, es habe Eile und müsse so werden, wie wir denken; aber du hast es besser gewußt und besser gemacht, als wir meinten. Wir legen dir auch heute alles vor die Augen, was unser Beruf, unser Haus, unsere Angehörigen, unser ganzes Leben an diesem Tag für Sorgen bringt. Wir bitten dich: erbarme dich unser und hilf uns. Aber wir wollen es dir überlassen, ob du uns heraushelfen willst auf dem Wege, den wir meinen, und zu der Zeit, wie wir denken. Dein guter, gnädiger Wille geschehe an uns. Amen.


«Darum bete ich, daß eure Liebe je mehr und mehr reich werde in allerlei Erkenntnis und Erfahrung, daß ihr prüfen möget, was das Beste sei, und daß ihr seid lauter und unanstößig.»
Phil. 1, 9 u. 10.

Das ist freilich eine große Gnade, um die man wohl bitten darf, daß die Liebe mit den Jahren immer reicher werde. Mit der Naturliebe ist es nicht so. Der Rosenstock bringt wohl jetzt im Sommer eine herrliche Blüte um die andere hervor, aber wenn das Jahr fortschreitet, erschöpft sich seine Kraft. Gerade so geht es mit der Naturliebe; allerlei Erfahrungen des Lebens pflegen ihr Frische und Kraft zu nehmen. Was der ewig reiche Gott schenkt, ist etwas anderes: da wird die Liebe mehr, je besser man die Menschen kennen lernt; da schließt sich das Herz nicht zu, sondern immer besser auf, wenn schmerzliche Erfahrungen kommen; man wird besonnener, aber nicht kälter, weiser und reifer, aber nicht härter. Es bildet sich allmählich der zarte, feine Takt der Liebe, der die herrliche Kunst versteht, herauszufinden, was der andere braucht, wie er anzufassen ist, wie man ihm wahrhaft Gutes tun kann; und das wird in den Jahren, in denen andere mürrischer, bequemer und mißtrauischer zu werden pflegen, immer besser. Hier ist die wahre Herzensbildung, das Höchste, was der Mensch erreichen kann.


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Stand 27.07.98
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